Ausschnitt:

Individualität und Weltlauf beziehen sich nun so aufeinander, dass wir im Weltlauf nichts nur einfach Geschehendes erkennen, sondern ihn als „Wirklichkeit des Allgemeinen“ (HW 3: 290) begreifen und auf die Individualität gerade nicht verzichten, sondern sie als die „Verwirklichung des Ansichseienden“ (ebd.) begreifen


Schauen wir uns dazu das Verhältnis zwischen Tugend und Weltlauf näher an.

Wir können nicht einfach das hineindenken was wir vermuten oder in irgendeinem Wörterbuch finden zur Kategorie „Tugend“. Der Inhalt dieser Kategorie kann sich nur in den konkreten inhaltlichen Ausführungen von Hegel ergeben. Hier meint er, wie er etwas später explizit sagt, nicht die antike Tugend, sie er höher schätzt, sondern „eine wesenlose Tugend, eine Tugend, mit der Vorstellung und der Worte, die jenes Inhalts entbehren“ (ebd.: 290), das in der antiken Tugend noch enthalten war. Die Vorstellung von Tugendhaftigkeit, die Hegel an dieser Stelle entwickelt und auch kritisiert, geht von der notwendigen Aufhebung der Individualität aus. Es geht um die „wahre Zucht“, welche die „Aufopferung der ganzen ganzen Persönlichkeit als die Bewährung“ ist (HW 3: 283). Sie verschwindet damit auch aus dem Weltlaufe und gerät dadurch aber in einen Selbstwiderspruch: Sie verschwindet aus dem Weltlauf, dem sie ja ihre Tugendhaftigkeit entgegen setzen wollte (ebd.: 284). Auch wenn sie sich nicht aufopferte, entstünde ein Widerspruch: „Denn insofern sie Individualität ist, ist sie das Tun des Kampfes, den sie mit dem Weltlaufe eingeht; ihr Zweck und wahres Wesen aber ist die Besiegung der Wirklichkeit des Weltlaufs; die dadurch bewirkte Existenz des Guten ist hiermit das Aufhören ihres Tuns oder des Bewußtseins der Individualität.“ (ebd.: 285)

Im Verhältnis von Weltlauf und Tugend gewinnt laut Hegel der Weltlauf, denn dieser ist wirklich und seiend und nicht nur eine „wesenlose Abstraktion“ (ebd.: 189). Der Weltlauf „siegt aber nicht über etwas Reales, sondern über das Erschaffen von Unterschieden, welche keine sind, über diese pomphaften Reden vom Besten der Menschheit und der Unterdrückung derselben, von der Aufopferung fürs Gute und dem Mißbrauche der Gaben; – solcherlei ideale Wesen und Zwecke sinken als leere Worte zusammen, welche das Herz erheben und die Vernunft leer lassen, erbauen, aber nichts aufbauen….“ (ebd.: 189). Es macht also laut Hegel keinen Sinn, eine „Vorstellung von einem an sich Gutem, das noch keine Wirklichkeit hätte“ (ebd.: 290) zu pflegen. Eine solche Vorstellung würde letztlich der Wirklichkeit notwendigerweise immer vorauseilen und letztlich nie wirklich werden können.

Ich kann hier erinnern an meine Überlegungen zur „Zukunft und Sollen bei Hegel“ (Schlemm 2009): Die Situation, in der etwas anderes sein soll, als ist, kennt und akzeptiert Hegel beispielsweise aus der Sicht unserer physischen Lebendigkeit und der „Forderung, was zunächst nur subjektiv und innerlich da ist, durchzuführen durch die Objektivität und dann erst in diesem vollständigen Dasein sich befriedigt zu finden.“ (HW 13: 133). Dabei will Hegel als Philosoph aber nicht stehen bleiben. Philosophisches Begreifen bliebe unvollständig, wenn weiterhin eine Trennung zwischen indvividuell-subjektiv Gewolltem, Sein-Sollenden und dem realen Sein bestünde. Er sucht die übergreifende Einheit, in der das (individuell) Gewollte und das (allgemein) Seiende jeweils enthalten sind, aber in einem übergreifenden Zusammenhang begriffen werden.

„… wer wäre nicht so klug, um in seiner Umgebung vieles zu sehen, was in der Tat nicht so ist, wie es sein soll? Aber diese Klugheit hat unrecht, sich einzubilden, mit solchen Gegenständen und deren Sollen sich innerhalb der Interessen der philosophischen Wissenschaft zu befinden. Diese hat es nur mit der Idee zu tun, welche nicht so ohnmächtig ist, um nur zu sollen und nicht wirklich zu sein…“ (HW 8: 49)

„Nur zu sollen“ kennzeichnet ein Sollen, das unmittelbar aus dem Subjektiven fließt, unvermittelt mit dem Objektiven. Ein Sollen, bei dem das Besondere gegenüber dem Allgemeinen verabsolutiert wird. Hegel sucht nach jener Denkform, in welcher er bedenken kann, in welcher Weise auch das Sollen mit der Wirklichkeit verbunden ist, inwieweit es aus ihr erwächst, wie es auf sie einwirken kann. Diese Verbundenheit zu denken muss logischerweise die vorherige strikte Getrenntheit und Entgegengerichtetheit aufheben in einer höheren Einheit, die beides bewahrt, aber mit sich vermittelt. Dies wird letztlich die „Idee“ als „prozessierende Einheit von Subjekt und Objekt“ (HW 8: 370) sein. Im Bereich der Erkenntnis zeigt sich diese Einheit darin, dass das Erkenntnissubjekt im Wissen „jenes Verhältnis der Unfreiheit“ (HW 13: 135) aufheben kann, welches es hat, solange ihm eine fremde Welt gegenübersteht, wenn er sie sich noch nicht „in der Vorstellung und im Denken zu eigen“ (ebd.: 136) gemacht hat. Im Bereich der gesellschaftlichen Praxis wird schließlich eine überindividuelle Infrastruktur vorausgesetzt, die Hegel „Institution“ und letztlich „Staat“ nennt. Auch hier gilt, dass wir bei diesem Wort nicht unterstellen dürfen, was wir uns dabei vorstellen oder was allgemein als „Staat“ gilt, sondern welche inhaltliche Bedeutung Hegel tatsächlich entwickelt. Es geht hier darum,dass die einzelne Vernunft in dieser gesellschaftlichen Infrastruktur ihr eigenes Wesen findet, und – wenn sie entsprechend dieser Infrastruktur handelt, „nicht mit dem ihr Fremden, sondern nur mit ihrem Eigenen zusammen“ (HW 13: 136) geht. Aus dieser Idee heraus kann sich auch geschichtlich wirkmächtiges Sollen begründen. „Das Vernünftige soll gelten“ (PR 1821/22: 234).
Aber zurück zur „Phänomenologie“. Individualität und Weltlauf beziehen sich nun so aufeinander, dass wir im Weltlauf nichts nur einfach Geschehendes erkennen, sondern ihn als „Wirklichkeit des Allgemeinen“ (HW 3: 290) begreifen und auf die Individualität gerade nicht verzichten, sondern sie als die „Verwirklichung des Ansichseienden“ (ebd.) begreifen:

„Die Bewegung der Individualität ist die Realität des Allgemeinen“ (HW 3: 291)

Oft weiß das Individuum gar nicht, inwiefern sie das ist:

„Die Individualität des Weltlaufs mag wohl nur für sich oder eigennützig zu handeln meinen; sie ist besser als sie meint, ihr Tun ist zugleich ansichseiendes, allgemeines Tun. Wenn sie eigennützig handelt, so weiß sie nur nicht, was sie tut; und wenn sie versichert, alle Menschen handeln eigennützig, so behauptet sie nur, alle Menschen haben kein Bewußtsein darüber, was das Tun ist.“ (ebd.)

In Wirklichkeit jedoch, trägt das individuelle Leben zugleich ein allgemeines Leben in sich und verwirklicht es (vgl. Römpp 2008: 108).

Wir sind nun bei der „Individualität, welche an und für sich selbst reell ist“ (HW 3: 292) angelangt. In ihm durchdringen sich Individualität und Allgemeines.

„Das Bewußtsein hat hiermit allen Gegensatz und alle Bedingung seines Tuns abgeworfen; es geht frisch von sich aus, und nicht auf ein Anderes, sondern auf sich selbst.“ (HW 3: 293)

Wir können nun wiederum das Durchlaufen eines Zyklusses konstatieren: Zuerst stehen die Lust bzw. das „Gesetz des Herzens“ gegen eine „unbegriffene Macht der Allgemeinheit“, gegen die gewalttätige Ordnung der Welt“ und den Weltlauf als „wesenloses Spiel“. Die Rolle des Individuellen und Subjektiven ist stark gegenüber dem Objektiven, dem Allgemeinen. Das Gegenteil, der tugendhafte Verzicht auf Individualität, wobei der Weltlauf als wesenlose Abstraktion übrig bleibt, ist ebenso wenig ausreichend. Solange Individualität und Allgemeinheit erst getrennt voneinander vorgestellt und dann als aufeinander einwirkend, aber immer schön eins auf das andere, und nicht immer beide untrennbar konkret vermittelt und durcheinander bestimmt, so bleiben sie abstrakt, die Individualität wie auch die Allgemeinheit. Wirklich sind sie nur in ihrer Einheit: „Die Bewegung der Individualität ist die Realität des Allgemeinen“ (HW 3: 291).

Damit ist der Bildungsweg des selbstbewußten Geistes (vgl. HW 3: 31) noch nicht abgeschlossen. Wir haben ungefähr die Hälfte des Wegs beendet – die andere steht noch vor uns. Meine Darlegungen will ich aber hier (erst einmal ?) abbrechen. Vielleicht hilft ja dieser Einstieg, die Methode von Hegel näher verstanden zu haben, und nun selbst weiter zu studieren. Viel Freude dabei!


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