„Es kam uns vor, als wären wir einer Zeit geistiger Dürre entkommen…“
(Zur Wirkung der Philosophie von Helmut Seidel in der DDR)

 

 

Ich war in der Universitätsbibliothek, um für meine aktuelle philosophische Arbeit bestimmte Zitierungen in Leibniz, Schlegel, Schelling usw. nachzuschlagen. Da fiel mein Blick auf den Titel einer Schrift, die ich mir dann herausnahm: „Zum philosophischen Praxis-Begriff. Die „zweite Praxis-Diskussion in der DDR“ (Caysa, Seidel, Wittich 2002).

Dass ich mich in den 80er Jahren weit weg von den Quellen einer lebendigen marxistischen Philosophie befand, war mir damals schon klar. Ich suchte etwas, von dem ich nicht wusste, was es war…

In Jena, wo ich mich damals befand, war es nicht – soviel hatte ich schon herausbekommen. Letztlich erfuhr ich erst nach 1990, welche alternativen Ansätze es auch in der DDR gegeben hatte; ich erlebte immer wieder, dass Leute, die mal in Leipzig Philosophie studiert hatten, einen weitaus größeren Horizont mitbrachten als andere und musste ziemlich entsetzt feststellen, dass in den 50er Jahren parteipolitische Linien durchgesetzt worden waren, die z.B. das Lesen der Originalschriften von Hegel nicht mehr vorsahen und deshalb zu der geistigen Dürre führten, die die DDR-Philosophie in ihren weitesten Teilen beherrschte. Obwohl seither viel Zeit vergangen ist, und ich natürlich vieles nachholen konnte, berührt es mich immer wieder, mehr aus den 40 Jahren DDR-Philosophie zu erfahren.

Die Broschüre der RLS Sachsen zeichnet sich nun dadurch aus, dass sie mit persönlichen Berichten, verbunden mit inhaltlichen Bezügen, beginnt und in sachlichen Themenartikeln Ansätze vorstellt, die ihre Wurzeln im fruchtbaren Boden um Helmut Seidel herum gefunden hatten und die nach 1990 leider auch nicht mehr besonders wirksam werden konnten. Ich hatte darüber schon mal im „Philosophenstübchen“ geschrieben.

Hier jedenfalls finde ich interessante Ergänzungen, beispielsweise über den „Wärmestrom“, der von der Hegelschen Philosophie in den 50er Jahren ausging, „der die vereisten Strukturen des Diamat zum Schmelzen brachte“ (Seidel). Seidel erwähnt, dass es ohne Hegel die „zweite Praxisdiskussion“ kaum gegeben hätte und nennt einen Spruch, der wohl nicht nur damals galt:

„Sage mir, wie du zur Hegelschen Philosophie stehst, und ich sage dir, wie dein Verhältnis zum Marxismus ist.“

Eine Neuauflage dieses Dilemmas erleben wir wohl derzeit bei dem gewollten Ausschluss der Dialektik aus der aktuellen SDS-Kapitalstudien-Kampagne. Wer Physik studiert, lernt erst mal Differentialgleichungen zu lösen, aber in der komplexen Gesellschaftstheorie braucht man angeblich „nur lesen“ und sich nicht um das geistige Denkzeug (sprich: die Dialektik) zu bemühen. Man kann sich natürlich mit Physik auch auf einem populärverständlichen Hobbyniveau beschäftigen – aber produktiv mitarbeiten an den Neuentwicklungen der Wissenschaft wird man damit nicht grad. Es ist aus meiner Sicht eine Entmündigung, Leuten nur die Ergebnisse vorzusetzen und die Denkwerkzeuge (die für Marx selbstverständliche Grundlage waren) madig zu machen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: die dogmatisierte Dialektiklehre des „Marxismus-Leninismus“ oder die Pauschalabwehr heute. Die dogmatisierte Version war irgendwie eher herausfordernd zum Protest – heute haben die jungen Leute gar keine Ahnung mehr, was ihnen entgeht. Aber glücklicherweise steht es ihnen jederzeit offen, ihre Bildung in diese Richtung weiter zu entfalten und nicht alle Seminare sollen ja so schlimm sein, wie das eine von mir in Jena erlebte. Heute jedenfalls hindert nicht Politherrschaft und Parteidisziplinierung, sondern höchstens eigene Bequemlichkeit am weiteren Lernen.

Im Fokus dieser „Praxis-Diskussionen“ steht natürlich der Praxis-Begriff. Er wirkte antidogmatisch, weil er die lediglich abstrakt aufgestellte Basis des damaligen „Marxismus-Leninismus“, die „Grundfrage der Philosophie“, in Frage stellte. Dazu möchte ich Seidel aus seinem Text von 1966 zitieren:

„Der Hauptakzent in den bisherigen Darstellungen liegt auf der Erklärung dessen, was ist, nicht aber auf einer theoretischen Begründung der praktischen Veränderung, nicht auf der Anleitung zum Handeln. Der Philosophie, der es auf die Veränderung der Welt ankommt, kann es nicht genügen, die durchgängige Gesetzmäßigkeit der Welt, deren Erkenntnis historisch bedingt, relativ ist, aufzuzeigen; sie hat den Sinn des menschlichen Handelns zu begründen.“ (Seidel 1966: 1179)

Im Übrigen wird hier natürlich immer die Gesetzesfixiertheit des offiziellen, dogmatischen „Marxismus-Leninismus“ kritisiert und ihr die verändernde Praxis entgegen gestellt. Bei Ernst Bloch finde ich da ausgewogenere Darstellungen. Obwohl seine Philosophie gerade die Offenheit im Horizont des Möglichen betont, weiß er, dass auf verlässliche Gesetzmäßigkeiten nicht zu verzichten ist, gerade wenn unser Verändern gewünschte Zwecke erfüllen und nicht in Beliebig- und Willkürlichkeit zerfließen soll. Bloch spricht von der „Veränderbarkeit der Welt im Rahmen ihrer Gesetze, ihrer unter neuen Bedingungen sich aber auch gesetzmäßig variierenden Gesetze.“ (Bloch PH: 286) Und: „Die Freiheit ist selber ein Moment des dialektisch-materialistischen Gesetzes, das dialektisch-materialistische Gesetz ist selber ein Garant der konkreten Freiheit und ihrer beschleunigten Aktion.“ (Bloch PA: 546) Und:

„Freiheit in Aktion ist kein Amoklauf, sondern tätiger Einklang mit den herangereiften und heranreifenden gesetzmäßigen Bedingungen. Objektive Gesetzmäßigkeit ist keine Schranke, sondern für den Willen, der zu einer besseren Zukunft empor will, zuweilen doch eine mehr als hilfreiche Staffel.“ (Bloch PA: 566)

Aus dieser Sicht ist der von Herbert Hörz, der in den Erlebnisberichten nicht gut wegkommt, entwickelte „Statistische Gesetzesbegriff“ wohl auch ein Versuch, der Offenheit zu entsprechen. Aus meiner Sicht ist eine angemessene inhaltliche Verbindung beider Aspekte bei dem historisch gerechtfertigten ständigen positiven Rückbezug auf die Praxis-Debatte noch längst nicht erarbeitet.

Einige wichtige inhaltliche Aspekte der „Seidelsche[n] Anthropologie in praktischer Absicht“ (Caysa 2002: 66) möchte ich nur stichpunktartig festhalten

  • konkrete Identität des theoretischen und praktischen Verhältnisses des Menschen zur Wirklichkeit (kein Auseinanderfallen von Ontologie und Gnoseologie, Sozial- und Naturphilosophie, Erkenntnis- und Gesellschaftstheorie)
  • Erkenntnistheorie als Theorie des gesellschaftlichen Seins
  • Marxsche Philosophie ist systematisches Denken ihrer eigenen Geschichte

Besonders interessant fand ich in der RLS-Broschüre die Herausarbeitung der Entwicklung von Marx zwischen 1844 und 1845, also zwischen den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ und der „Deutschen Ideologie“ durch Georg Quaas. Noch 1844 ist der Ausgangspunkt für Marx die Entfremdung „des Menschen“ von der Natur. Aus dieser leitet sich die „Selbstentfremdung des Arbeiters“, und auch die „Entfremdung zwischen den Menschen“ und als Unterform derselben die Entfremdung zwischen Arbeiter und Kapitalist ab. Marx kann nicht erklären warum dem Arbeiter die Gegenstände der Arbeit „fremd“ werden. Im Jahr 1945 ist sein Ausgangspunkt ein anderer; Quaas fasst zusammen:

„Ausgangspunkt der Marxschen Geschichtsbetrachtung ist das aktive, durch Werkzeuge und Sprache vermittelte Verhältnis der menschlichen Individuen zueinander und zur jeweils gegebenen Natur, das der Befriedigung ihrer Bedürfnisse durch die Veränderung (Aneignung) der Natur dient und dabei gleichzeitig neue Bedürfnisse erzeugt – sich also entwickelt – und letztlich (in einer bislang nicht spezifizierten Weise) die anderen Verhältnisse der menschlichen Individuen zueinander und zur Natur bestimmt.“ (Quaas 2002a: 83)

Quaas gibt zu bedenken, dass beim Bezug auf „Arbeit“ zu beachten ist, dass das Marxsche „Kapital“ ein ökonomisches Werk und kein philosophisches ist, so dass Helmut Seidels Bestimmung von „Arbeit“ entsprechend einer Definition aus dem „Kapital“ schon „quellenkritisch ein Fehlgriff“ ist. Inhaltlich besteht das „Mehr“ der Position von 1845 (also der „Deutschen Ideologie“ gegenüber den „Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten) in folgenden Aspekten:

  • Auch bei der Betrachtung des Mensch-Natur-Verhältnisses kann nicht abstrahiert werden von den zwischenmenschlichen Beziehungen, den gesellschaftlichen Verhältnissen. Der Übergang von einem entfremdeten Mensch-Natur-Verhältnis zum entfremdeten Mensch-Mensch-Verhältnis wie in den „Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten“ ist nicht mehr möglich.
  • Außerdem sind die Vermittlungen über Werkzeuge und Sprache nicht außer Acht zu lassen.
  • „Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, […] sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigne Aktion erzeugten.“ (DI: 20) Es geht nicht um ein abstraktes Gattungswesen, sondern „wie sie wirklich sind, d.h. wie sie wirken, materiell produzieren“ (ebd.: 25).
  • Als solche wirklichen, auf bestimmte Weise miteinander produktiv tätigen Individuen sind sie Subjekte; als Subjekt wird nicht mehr abstrakt „der Mensch“ oder der isolierte Einzelne betrachtet.

In einem weiteren Text thematisiert Quaas das Verhältnis von System und Praxis, von Determiniertheit und Gestaltbarkeit. Seine Schlussfolgerung lautet:

„Der Entfremdungsbegriff weist in die falsche Richtung: es kann nicht um die Beseitigung determinierender Verhältnisse gehen, sondern nur um deren Transformation zu einer selbstbestimmten Humanität.“ (Quaas 2002b: 99)

Damit schließt sich der Kreis zum oben genannten Thema der Gesetzmäßigkeit. Der Schlüsse zum Verständnis dieser Zusammenhänge ist die Bedingungsänderung: Bedingungen bestimmen die Strukturen und sie sind zweckmäßig, bzw. gezielt veränderbar. Dabei müssen wir verschiedene Reichweiten unterscheiden: Bedingungen innerhalb systemischer Strukturen – wie Gesellschaftsformationen – und die Bedingungen dieser systemischen Strukturen selbst. Aber das ist schon wieder ein neues Thema…


Literatur

  • Bloch, Ernst (PA): Philosophische Aufsätze zur objektiven Phantasie. Werkausgabe Band 10. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 1985.
    Bloch, Ernst (PH): Das Prinzip Hoffnung. Werkausgabe Band 5. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 1985.
  • Marx, Karl; Engels, Friedrich (DI): Die Deutsche Ideologie, in Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, Band 3, Berlin: Dietz-Verlag 1990.
  • Caysa, Seidel, Wittich (Hrsg. 2002): Zum philosophischen Praxis-Begriff. Die „zweite Praxis-Diskussion in der DDR“. Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen 2002.
  • Quaas, Georg (2002a): Der Ausgangspunkt Marxschen Philosophierens – eine Textanalyse, in: Caysa, Seidel, Wittich (Hrsg. 2002): Zum philosophischen Praxis-Begriff… a.a.O. S. 69-93.
  • Quaas, Georg (2002b): Sieben überwindbare Denkblockaden. Zur Entwicklung des Praxiskonzepts, in: Caysa, Seidel, Wittich (Hrsg. 2002): Zum philosophischen Praxis-Begriff… a.a.O. S. 95-103.
  • Seidel, Helmut (1966): Vom praktischen und theoretischen Verhältnis der Menschen zur Wirklichkeit, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie Heft 10/1966.
  • Seidel, Helmut (1967): Praxis und marxistische Philosophie, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie Heft 12/1967.
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