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Ernst Bloch, der bekannt wurde für seine utopisierende Beziehung auch zur Natur, für die Erwartung einer sich gegenseitig bereichernden Allianz zwischen Menschheit und Natur, hatte diese Position nicht von Anfang an. In seiner Frühzeit betrachtete er die „bloß physische Natur“ als „Schutthaufen von betrogenem, gestorbenen, verdorbenem, verirrtem und umgekommenen Leben“ (GU II 337), als „ungeheurliche kopflose Kulisse“, als „harte[s], verschlackte[s], gottlose[s] Schalenwerk“ (ebd.: 338) und meinte: „Die Welt ist ein Turm, in dem ein Gefangener sitzt, und der Turm läßt sich nicht mithumanisieren.“ (ebd.: 336)

Hegels Naturverständnis
Genau diese Ansicht kritisiert er später bei Hegel, der die „Natur […] nur als verlassenen Schauplatz der geschehenen Geschichte“ betrachtet habe (SO 102).

Um Hegel gerecht zu werden, muss natürlich festgehalten werden, dass dieser zwar in der Natur „nur de[n] Leichnam des Verstandes“ erblickte (HW 9: 25). Dabei ließ er es aber nicht bewenden, sondern die Natur war für ihn auch „eine der Weisen der Idee […], sich zu manifestieren“ (ebd.) und als Aufgabe der „denkenden Naturbetrachtung“ betrachtete er es, herauszuarbeiten, „wie die Natur an ihr selbst dieser Prozeß ist, zum Geiste zu werden, ihr Anderssein aufzuheben“ (ebd.), denn „die Steine schreien und heben sich zum Geiste auf“ (ebd.). Die bei Hegel so oft kritisierte Herabsetzung der Natur erklärt sich aus seiner Kritik an der Naturvergöttlichung, wie sie ihm in der Romantik begegnete – und die gleichzeitig von ihm zurückgewiesene Herabsetzung des menschlich-Gesellschaftlichen, das in Hegels Begriff „Geist“ steckt. Nach Hegel befindet sich die bloße Natur auf dem Weg zum Höheren, hat es aber als solches noch nicht erreicht: „Die Natur ist an sich, in der Idee göttlich, aber wie sie ist, entspricht ihr Sein ihrem Begriffe nicht; sie ist vielmehr der unaufgelöste Widerspruch.“ (Enz. HW 9: 27-28) Der höhere Geist kann durch die Naturphilosophie sein Wesen in der Natur erkennen – aber ohne diese Erkenntnis, einfach unmittelbar, ist die Natur noch nicht Geist, sondern die schreienden Steine bedürfen ihrer Aufhebung zum Geist.

Ernst Bloch jedenfalls findet spätestens seit 1936/37 auch in der „anorganische[n] Vorstufe“ eine unabgeschlossene „Latenz“, die „mit der menschlichen wie erst mit der eigenen Freiheit“ vermittelt ist (MP 315).

„Du frägst nach Menschen, Natur? Du klagst, wie ein Saitenspiel, worauf des Zufalls Bruder, der Wind, nur spielt, weil der Künstler, der es ordnete, gestorben ist? Sie werden kommen, deine Menschen, Natur! Ein verjüngtes Volk wird auch dich wieder verjüngen, und du wirst werden wie seine Braut, und der alte Bund der Geister wird sich erneuen mit dir.

Es wird nur eine Schönheit sein, und Menschheit und Natur wird sich vereinen in eine allumfassende Gottheit!“
(Hölderlin Hyperion: 216)

Welche Natur braucht die Menschheit?

Es sind primär die menschlichen Belange, deren Durchdenken Bloch zu dieser veränderten Natursicht bewegt, denn „[w]egen der Beziehung der Menschen zur Natur dürfte deren riesiges Um-uns auch in der Geschichtsphilosophie, Ethik, Ästhetik und so fort noch Bedeutendes zu melden haben“ (PA 498). Es wäre eine Zweiweltentheorie, auf der einen Seite die Gesellschaft als verbesserungsfähig anzusehen, die Natur jedoch als entfremdet-verdinglichte Mechanik zu betrachten. „Und jede Dialektik risse zwischen menschlichen und Naturvorgängen ab, sie wäre einzig auf die Lokalgrösse: Menschengeschichte beschränkt, auf einen blossen Spuk von Homunkulus-Materie in der historischen Glasretorte.“ (LM 447) Das Naturbild von Bloch erschließt sich daraus, dass er von einer Korrespondenz des „von uns Gemachten“ und des „naturhaft von uns Ungemachten, aber Einbezogenen und Einbeziehbaren“ (ebd.) ausgeht. Deshalb kritisiert er seine früheren Ansichten implizit:

„Dieses ad acta Gelegtsein der Natursphäre ist nicht wahr, das keimende Subjekt der Natur hat nicht Stereotype und Leichenstarre um sich. Seine Formen sind prozeßhaft, dialektisch-qualifizierend, morphologisch-experimentell, kurz von Umtrieben der Utopie bewegt.“ (EM 225-226)

Bloch überlegt, welche Unterschiede zwischen Veränderungen in der Gesellschaft und Veränderungen in der Natur denkbar wären. Er findet dafür das Argument, dass Menschen „physisch keine neuen Bedingungen schaffen, sondern nur vorhandene umstellen“ können (PA: 558). Die bisherige Technik kann die Naturgesetze lediglich ausnutzen und Gesetzeswirkungen kombinieren. Die Natur ist „nicht wie die menschliche Gesellschaft von Grund auf verfügbar und so umbaubar“ (ebd.: 559) Schaut man sich die Gesetzmäßigkeiten in der Natur an, so sind sie unveränderlich: das Ohmsche Gesetz gilt immer und überall, wo die Bedingungen dafür gegeben sind, das Newtonsche Planetenbewegungsgesetz auch. Und obwohl immer wieder Sterne verschwinden und entstehen, folgt ihr Entwicklungsweg denselben Naturgesetzen. Wenn Naturgesetze unveränderlich sind, so kann nicht wirklich Neues und real Mögliches erwartet werden, „[v]iel spricht also auf den ersten Blick dafür, daß hier unserem Leben ein durchaus Anderes gegenübersteht.“ (ebd.: 558) Selbstverständlich anerkennt Bloch beispielsweise einen Unterschied zwischen Menschen und Tieren. Die Umweltveränderung durch Arbeit, die den Menschen eigen ist, macht sie zum „Subjekt der Weltveränderung“ (PH 1238 f.): „Die Tiere sind mit sämtlichen Handlungen und Empfindungen in ihr fixes Gattungswesen und dessen Umwelt eingebaut: der Mensch kann sich darüber hinausheben.“ (PH 1238) Trotzdem rechtfertigt dies keinen Dualismus zwischen Natur und menschlicher Welt: „Der erste Blick, der Menschen und Dinge auch gesetzhaft trennt, kann nicht der letzte bleiben“ (ebd.: 562). Ernst Bloch betont die „übergreifende Einheit dialektischer Gesetzmäßigkeit“ (ebd.: 564). Die einzige Besonderheit, die Bloch fürs Naturreich sieht, ist, dass es noch keine kosmogonische Entsprechung zum „Übergang aus der Vorgeschichte in die Geschichte“, zum „Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit in das der Freiheit“ gibt (ebd.: 561). Ein Sprung in das, was mythologisch genannt wird ein „neuer Himmel, neue Erde“ wäre „rein naturgesetzlicher Unsinn […] apokalyptische Phantasie“ (ebd.: 562), wobei das für Bloch kein Denkverbot begründet. Seine Naturvorstellung widersetzt sich nun jeder Statik; Bloch bezieht sich auch auf den Wortgebrauch von „physis“, was „Pflanzung“ und „Aufgehen“ bedeutet (ebd.: 565) und sieht in der Natur einen „riesige[n] Inbegriff von Vor-Mensch (Mensch-Basis) und von Mensch-Hintergrund; eine Summe halb steckengebliebender, halb erzutopischer Inhalte, von daher Dialektik auch hier.“ (Bloch SO 216)

Das Anti-Entropische an Blochs Kosmologie

Woher begründet sich diese utopische Dialektik in der Natur? „Der Mensch ist nicht anders in die Welt gelangt als die Dinge um ihn herum, das gleiche dunkle Daß prozessiert hier wie dort.“ (PH 1581) Im Menschen zeigt sich dieses „Daß“ als Intention, in der äußeren Natur gibt es nach Bloch ebenfalls ein Drängen, „worin eine objektive Tendenz […] nicht zuletzt außermenschlich-physischer Art angelegt sein kann“ (EM 144-145). Dieses naturhaft Drängende und Spannungsgebende sieht Bloch im historischen Begriff der natura naturans erfasst und obwohl er natürlich sieht, dass die Natur keine Produktionsvorgänge zeigt, die denen in der Geschichte gleichen, benennt er das hypothetische Natur-Agens (PA 558) Natur-Subjekt (EM 251; PH 785 f.). Dass die Natur subjekthaft agiert und nicht bloß auf Einwirkungen reagiert, schließt Bloch nicht primär aus Naturbeobachtungen – welche durch ihre Methodik für derartige Prozesse eher systematisch blind sind. Er verweist auch nicht auf feststellbare Widersprüche in der Natur oder ihre Entwicklung, die auf ihre Dialektik hinweisen – sondern es ist für das menschliche Handeln in Wechselwirkungen mit dem natürlichen Umfeld wichtig, dass „die Natur nicht bloß Objekt sein kann, sondern selbst die Keime eines werdend Subjektiven enthalten muß“ (EM 227). Um der menschlichen Freiheit der Selbst- und Weltgestaltung willen kann die kosmologische Welt dieser Tendenz nicht disparat entgegenstehen, sondern diese ist „schwanger“ durch Prozesse und Gestaltbildungen, die auf menschliche Entbindungsarbeit wartet (vgl. TE 299). Zu erwarten dass die äußere, kosmische Welt entsprechend dem Entropiegesetz langsam dahinstirbt, würde dem menschlichen Sein und Wirken jeden Sinn nehmen.

„Hätte die Welt nur Mechanismus und seine „Entropie“ im Grund, so wäre die Geschichte, wie wenn Fische in einem Bottich sich beißen oder auch ein Liebesspiel aufführen, und draußen tritt aus der Tür bereits die Köchin mit dem dazu disparaten, jedoch alles beendenden Messer.“ (TE 144)

Ernst Bloch geht deshalb davon aus, dass es neben der neuen marxistischen Anthropologie auch eine „neue marxistische Kosmologie“ (TE 145) geben muss. Dies soll kein Mystizismus werden, aber eine neue Art Weltvertrauen begründen, mit dem sich auch im Kosmischen neue Latenzen entbergen (vgl. PA 565).

Es ist also die Natur, das Drängende, Spannungshafte in ihr selbst, das von uns Menschen an der Front des Weltprozesses erwartet, diese neuen Latenzen zu gestalten. Natur erwartet keine „Erhaltung“ oder „Konservierung“; sie ist selbst „kein Vorbei“ (EM 95, 227; PH 807; LM: 264 f.; PA 565) Nichts in der Natur „ist einfach gegeben, alles darin ist uns aufgegeben“ (EM 172).

Menschliche Praxis mittels Technik in gesellschaftlichen Verhältnissen

Natürlich ist es uns nicht zum beliebigen Zwecke gegeben, zur Vernutzung, zum Verbrauch, zur Zerstörung. Es gibt zwar keinen ursprünglichen perfekten Naturzustand, der zu bewahren oder zu dem zurückzukehren wäre, aber das, was uns „aufgegeben“ ist, ist die Gestaltung der Welt zur Heimat, von der wir noch nicht wissen, wie genau sie aussehen wird. „Heimat“ bedeutet bei Ernst Bloch immer das Gegenteil von Fremdheit. Man findet sie nicht in der Vergangenheit, sondern die Aufhebung von Entfremdung führt alle Beteiligten in neue Verhältnisse, die erst auf diesem Weg entstehen. Wie genau das aussieht, können wir vorher nicht wissen – ob es Ökodorfplaneten sind oder raketenhaft durchs Weltall sausende Habitate. Eine Heimat sind sie dann, wenn sich „weder der Mensch zur Welt noch aber auch die Welt zum Menschen verhalten als zu einem Fremden“ (PH: 241).

Dies schließt natürlich Verhältnisse aus, in denen Menschen die Natur lediglich ausbeuten oder auch nur überlisten. Die derzeitigen Beziehungen zwischen Menschen und Natur kennzeichnet Bloch häufig mit dem Begriff der Überlistung (PH 783; 787). Damit meint er eine Beziehung, bei der sich die Technik in die Naturgesetze hineinhängt, aber „lediglich ausnutzend, Gesetzeswirkungen kombinierend ein, ohne daß der subjektive Faktor (Vermehrung) der Produktivkräfte (Maschinerie, Herstellung des Gebrauchszweckbildes) anders als sozusagen listig-passiv sein könnte“ (PA 559). Dass sich Menschen auf diese beschränkte Weise auf die Natur beziehen, sieht Bloch in ihren ebenfalls entfremdeten, noch nicht befreiten gesellschaftlichen Verhältnissen begründet. Wenn er sagt:

„Natur ist kein Vorbei, sondern der noch gar nicht geräumte Bauplatz, das noch gar nicht adäquat vorhandene Bauzeug für das noch gar nicht adäquat vorhandene menschliche Haus“ (PH 807),

so bezeichnet das „noch gar nicht adäquat vorhandene menschliche Haus“ diesen unzureichenden gesellschaftlichen Zustand. Ein anderes Naturverhältnis, eins der Befreundung und der Allianz, erfordert ein „gesellschaftlich mit sich selbst vermittelte[s] Subjekt“ (PH 787) – und nur ein solches kann sich „mit dem Problem des Natursubjekts wachsend“ vermitteln (ebd.).

In den neuen wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts sieht Bloch neue Chancen. Es sind „die Tage des bloßen Ausbeuters, des Überlisters, des bloßen Wahrnehmers von Chancen […] auch technisch gezählt“ (Bloch PH 783). Bloch spricht von einer „nicht-euklidischen Technik“ (PH: 775.), worunter er damals leider auch die Atomenergie zählte (ebd.). Woran misst sich, ob eine Technik eine Allianz- statt einer Überlistungstechnik ist? Sie muss „in einer objektiven Produktionstendenz der Welt gegründet sein“, „die Wurzel der Dinge mitwirkend“ verwenden (ebd.: 805). Dies kann sie, indem sie „das Herstellende auch in der Natur“ verspürt, aufspürt und begreift (ebd. 783). Es geht also nicht ur um eine geschickte Handhabung von Gesetzen oder eine beschleunigende Einflussnahme, sondern auch in der natürlichen Welt gibt es reale Möglichkeiten, das heißt nur partial Bedingtes, und ein Eingreifen kann Bedingungen so verändern, beseitigen oder herstellen, dass es „neue Verwirklichungen und Wirklichkeiten entbindend“ bewirkt (PA 547). Zwar kann es nicht die Gesetze ändern wie das Ohmsche Gesetz oder das Newtonsche Planetenbewegungsgesetz. Aber es kann durch das Einbringen neuer Kräfte wie Antriebsdüsen für Raumflugkörper andere als elliptische Planetenbahnen hervorbringen und das Raumfahrzeug zum Mond oder zum Jupiter steuern.

„Der subjektive Faktor kann nicht blind gegen objektiv vorliegende Gesetzmäßigkeiten handeln, aber er ist dazu fähig, die Bedingungen zu einer neu eintretenden Gesetzmäßigkeit herzustellen, um dann dieser nicht mehr hemmenden sondern human befördernden Gesetzmäßigkeit gemäß zu handeln und weiterzutreiben.“ (PA 547)

Ob diese Raumfahrt betrieben wird als imperialer Raubzug oder als ein Ausflug in neue, unbekannte Welten, in denen man neue Freunde sucht, liegt nicht am Newtonschen Gesetz und nicht an der Antriebsdüse – sondern ist vom „Verhältnis des Menschen zum Menschen“ bedingt. Erst in einer von Entfremdung befreiten klassenlosen Gesellschaft, so Bloch, ist eine „befreundete, konkrete Allianztechnik, die sich in Einklang zu bringen versucht mit dem hypothetischen Natursubjekt“ (EM 251) möglich.

„Die vergesellschaftete Menschheit im Bund mit einer ihr vermittelten Natur ist der Umbau der Welt zur Heimat.“ (Bloch PH 334)