Weiter zu Schellings Zeittheorie in und nach den „Weltaltern“

Aus dem, was Schelling zuerst für Gott ableitet, nämlich dass er durch eine Entscheidung das Geistige zum Wirklichen werden lässt, schließt Schelling auf die Menschen. Für Menschen, die eine Entscheidung getroffen haben, die nicht einfach vom Lauf der Zeiten mit sich gerissen werden, gilt:

„Nur der Mensch, der die Kraft hat sich von sich selbst (dem Untergeordneten seines Wesens) loszureißen, ist fähig sich eine Vergangenheit zu erschaffen; eben dieser genießt auch allein einer wahren Gegenwart, wie er einer eigentlichen Zukunft entgegensieht; und schon aus diesen sittlichen Betrachtungen würde erhellen, daß keine Gegenwart möglich ist, als die auf einer entschiedenen Vergangenheit ruht, und keine Vergangenheit, als die einer Gegenwart als Ueberwundenes zu Grunde liegt.“ (SW VIII: 259)

Wüstehube erkläutert:

„[E]benso wie ontologisch Zeit dadurch entsteht, daß der blind-notwendige rotatorische Prozess sich „aufschließt“ zu einer Folge herrschender Potenzen, ebenso entsteht für das Individuum […] in jedem Augenblick von Entscheidung die „ganze Zeit“.“ (Wüstehube 1989: 45 f.)

Diese Zeittheorie lässt alle Zeitdimensionen jeweils aus der augenblicklichen Entscheidung erwachsen, in jedem Augenblick von Entscheidung entsteht die „ganze Zeit“. Dies gilt letztlich für alles in der Welt, so dass es Zeit nur aus der Aktivität der Dinge selbst gibt:

„Eigentlich hat jedes Ding (nicht nur das Universum) die Zeit in sich selbst. Es gibt keine äußere, allgemeine Zeit; alle Zeit ist subjektiv, d.h. eine innere, die jedes Ding in sich selbst hat, nicht außer sich. Weil aber jedes einzelne Ding andere Dinge vor und außer sich hat, so kann alsdann seine Zeit mit der Zeit anderer Dinge verglichen werden, da es doch nur eine eigne subjektive Zeit hat. Dadurch entsteht dann das Abstractum Zeit – nämlich erst durch Vergleichung, Messung. An sich aber gibt es keine Zeit.“ (SW VII: 431)

In der späteren Philosophie („Philosophie der Offenbarung“, ab 1841) verschiebt sich der Akzent stärker hin zur göttlichen Schöpfung (ebd.: 48).

„Mit der Schöpfung erst fängt die Unterscheidung der Aeonen an, der vorzeitlichen Ewigkeit (durch die Schöpfung als Vergangenheit gesezt), der Zeit der Schöpfung (Gegenwart) und der Zeit, in welcher Alles durch die Schöpfung gesezt werden soll (zukünftige Ewigkeit).“ (Schelling Paulus: 274)

Was Schelling und Bloch vereint ist also vorwiegend Schellings Zeitkonzept aus der mittleren Zeit (ab 1810, „Weltalter“) und dies enthält die Aspekte:

  • Keine abstrakte Zeit außer den Dingen,
  • Entstehung der Zeitlichkeit aus einer Aktivität des Dings im Augenblick. (Willenshaftes Moment betont),
  • Primat der Zukunft als „organisierendes Prinzip“ (Wüstehube).

Axel Wüstehube formuliert den Gehalt und die Bedeutung dieser Zeitkonzeption, die ihr Zentrum in anthropologischen Bereich hat:

„In einem bestimmten Sein, einer bestimmten Situation, blitzhaft sowohl die Tenenz auf die Zukunft, als auch die Verwiesenheit auf ein „Zu-Grunde-Liegendes“ zu erkennen, das ist die Aufgabe des utopischen Bewußtseins.“ (Wüstehube 1989: 64)

Advertisements