Das Interesse war nicht so berauschend hoch an diesem schönen Spätfrühlingswochenende. Was brauchen wir Utopien, wenn die Geschäfte in der schön ausgeschmückten Stadt Erfurt gut laufen, das Wetter und die Stimmung zum Flanieren einladen und die wenigen störenden Elemente, wie Trinker und Punks seit vielen Monaten erfolgreich aus dem Stadtbild verdrängt sind?

Und doch, wir nutzten die Freiräume auch an Orten, die schon gegen Ende der DDR zum Nachdenken über Alternativen einluden, um über das Gegebene hinaus zu träumen, zu denken und in Projekten zu praktizieren. Am Wochenende fanden die Hauptveranstaltungen der Konferenz „Utopia Now 2010“ in Erfurt statt.

Ich versuche, Hintergrundinfos zu Themen und Referent_innen zu verlinken, es können gerne Ergänzungen mitgeteilt werden.

Der erste Abend leitete mit einem Vortrag von Christoph Spehr die Debatten ein. Ich werden jetzt nicht die jeweiligen Referate und Diskussionen „abschreiben“, zumal die jeweiligen Referent_innen in der Zeitschrift „hEFt“ noch zu Wort kommen werden, aber einige Schwerpunkte möchte ich doch vorstellen. Das kann schon deshalb nur eine Auswahl sein, weil ich nicht an allen oft parallel stattfindenden Veranstaltungen teilnehmen konnte. Deshalb sind Ergänzungen von anderen Teilnehmenden in den Kommentaren besonders gern erwünscht!

Ich beginne mit einer Darstellung von Christoph Spehr, in der er eine „Matrix der Sozialismen“ vorstellte.

Die Suche nach Alternativen zur gegenwärtigen Situation speist sich ja nicht aus einem ausgedachten Wolkenkuckucksheim, sondern sucht Auswege aus jetzt vorherrschenden Dominanzstrukturen, die menschliche Entfaltung behindern. Dabei machen sich die vielen alternativen Bewegungen auch noch allzuoft gegenseitig mies oder bekämpfen gar sich gegenseitig. Woran liegt das? Und wie können wir ein wenig Klarheit in diese Gegensätzlichkeit bekommen?

Christoph Spehr zeigte zuerst auf, in welchen Dimensionen gegenwärtig Herrschaftsstrukturen vorkommen. Er fand dabei vier wesentliche Hauptdimensionen der Herrschaft:

  • Unterdrückung – beruht auf fehlender Freiheit,
  • Ausbeutung – beruht auf fehlender Gleichheit,
  • Ausschluß – beruht auf fehlendem Zugang für jeweils einige Personen(gruppen),
  • Entfremdung – beruht auf fehlende Kontrolle über das eigene Leben.

Aus diesen unterschiedlichen Dimensionen ergeben sich Spannungen und Gegensätze, wenn verschiedene herrschaftskritische Bewegungen unterschiedliche Dimensionen bevorzugt wahrnehmen und bekämpfen und andere ignorieren:
(Bilder jeweils nach den Folien von C. Spehr)

Herrschaftskritische Bewegungen, die trotzdem auf eine zentralisierte Macht setzen und die (ökonomische) Reproduktion als zentrale Herrschaftsform sehen, werden eher auf Regulation und Planung als Alternative setzen. Wer dagegen die Individualität und Selbstverwaltung bevorzugt, gründet und unterstützt Projekte der Freien Kooperation.

Grundlegende Differenzen gibt es beispielsweise zwischen kommunistischen und anarchistischen Orientierungen:

Es lassen sich auch zwei weitere gegensätzliche Strömungen erkennen: Einerseits die sozialdemokratische Orientierung Regulierung und Planung sowie Gegenmacht und institutionalisierte Demokratisierung – andererseits die Radikale Linke, die auf Öffentlichkeit (oder Gemeineigentum – dies wäre zu ergänzen) und die Freie Kooperation setzt.

Außerdem stellte Christoph die Modelle des Marktsozialismus und des Skandinavischen Sozialismus in diesen Kontext:

Damit sind die eher größeren politischen Strömungen erfasst. Christoph berichtete dann noch von theoretischen Modellen, wie dem „Alternativen aus dem Rechner“ und ordnete diese zu. Als ein Modell, das nicht mehr richtig in die Matrix passt, nannte er die „GPL-Gesellschaft“. Dies ist ein Konzept, das versucht, die Erfahrungen der Freien-Software-Produktion auf alle Bereiche der gesellschaftlichen Produktion zu übertragen. Politisch gehört es meines Erachtens in die oben genannte Rubrik: „Radikale Linke“, besetzt also den „unteren“ Bereich der Matrix. Es schließt jegliche zentralisierte Macht aus, hat als zentrale Frage die Umorganisation der Reproduktion, setzt auf Selbstverwaltung und die tragende Rolle der Individualität.

In der Diskussion wurde ergänzt, dass dieses Konzept mittlerweile weiter entwickelt wurde. Die häufigste Bezeichnung für die gegenwärtigen Debatten dazu ist „Gemeingutbasierte Peer-produktion“.

Auf unserer Konferenz, welch ein Zufall ;-), war die Vorstellung einer Variante dieses Konzepts für den folgenden Samstag vorgesehen.

Mir fällt gerade auf, dass dafür in der Matrix von Christoph die Bezeichnung „Öffentliches Eigentum und öffentliche Dienstleistungen“ auf jeden Fall zu ergänzen wäre durch die „Gemeingut“-(Commons)-Orientierung. (Stefan Meretz unterscheidet bsp. in der Präsentation zu „Commons und Eigentum“ auf Folie 17 als mögliche Rechtsformen für Güter: Privateigentum, Kollektiveigentum und freies Gut sowie als mögliche soziale Formen: Ware, Subsistenz und Commons.)

Damit möchte ich die zeitliche Reihenfolge der Konferenz (erst einmal) verlassen und gleich auf dieses Thema eingehen:

Am Samstag fand im Rahmen der Vormittagspanels eine Veranstaltung mit Christian Siefkes zum Thema „Peer-Ökonomie“ statt. Hier konnte ich selbst nicht teilnehmen, aber Christian hat die wichtigsten Punkte seiner Präsentation online zur Verfügung gestellt,

In der Diskussion und auch in der am Abend erfolgenden Auswertung gab ein Teilnehmer zu Bedenken, dass dieses Konzept aus seiner Sicht noch zu sehr den bürgerlichen Vergesellschaftungsformen verhaftet ist. Vielleicht mag jemand diese Frage noch mal aufgreifen?

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