Dies ist der Teil II der Zusammenfassung zu Dialektik-Konzepten nach Hegel und Marx, dessen erster Teil Hegel und Marx gewidmet war.

(Quelle: Gagel, Hilligen, Buch 1984:256)

 


Friedrich Engels

Über die Beziehung von Engels zu Marx und die Frage, ob er dessen Theorien zu stark vereinfacht oder gar verfälscht hat, wird viel diskutiert. Zu den „Kapital“-Bänden, die Engels nach dem Tod von Marx herausgegeben hat, sagte Gerald Hubmann, Betreuer des „Marx-Engels-Jahrbuchs“:

„Er hat ihn sicher nicht verfälscht. Ob er ihn immer richtig verstanden hat, wird man nie entscheiden können. Weil dies voraussetzt, dass man weiß, wie Marx verstanden werden wollte.“ (ND 5./6. Juni 2010, S. 3).

Besonders kritisch wird oft Engels explizite Anwendung des Dialektikkonzepts auf die Natur (Engels MEW 20) gesehen. Lothar Kuhlmann verweist in seinem Beitrag darauf, dass sich auf jeden Fall aus den gesellschaftlichen Erfahrungen mit der Natur kritisch extrapolieren lässt, wie und nach welchen Gesetzmäßigkeiten sich die Natur entwickelt.

Engels erfasste vor allem folgende wichtige Aspekte der Dialektik (nach Kuhlmann 1978: 66 f.)

  • (Selbst-)Bewegung, Prozess
  • Zusammenhang, Einheit, Totalität: Alles ist nicht nur in ständiger Bewegung, sondern alles steht auch untereinander in einem Zusammenhang.
  • Wechselwirkung: Die beiden behandelten Aspekte lassen die Welt als einen bewegten (Gesamt-)Zusammenhang oder eine prozessierende Totalität erkennen.
  • Widerspruch, Einheit Entgegengesetzter.

Bewegung und wechselseitige Einwirkung werden zur Quelle der dialektischen Widersprüche und der Zusammenhang von Veränderungen ist durch Entwicklung gekennzeichnet. Dabei lassen sich nach Engels drei besonders allgemeine Gesetze unterscheiden (MEW 20: 348):

  • das Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität und umgekehrt;
  • das Gesetz von der Durchdringung der Gegensätze;
  • das Gesetz von der Negation der Negation.

Nach den Erfahrungen aus der DDR-Philosophie würde ich persönlich einschätzen, dass diese recht gut verständliche Art der Zusammenfassung, wenn sie als einzige und alleinige Quelle über Vorstellungen über die Dialektik genommen wird, doch stark zu Vereinfachungen beiträgt.

Karl Kautsky

Karl Kautsky, als Politiker und Theoretiker der II. Internationale, wird ein „monolithischer Objektivismus, der letztlich nur ein alles beherrschendes Bewegungsgesetz kennt“ (Dannemann, Erdbrügge 19787: 139) zugeschrieben. Er soll die Marxsche Theorie im Sinne einer von der Biologie abgeleiteten Evolutionstheorie gedeutet haben und die gesellschaftliche Entwicklung als „Anpassung“ verstanden haben, nicht als Prozess revolutionärer Umbrüche (ebd.: 138). Er soll angenommen haben, dass die die marxsche (Gesellschafts-)Theorie mit verschiedenen Philosophien kombinierbar sei.

Genau genommen werden viele vorschnelle Urteile über die Dialektik weder bei Marx, noch bei Engels, Lenin oder anderen aufzufinden sein, sondern nur bei dieser Kautsky-Interpretation. Ich selbst habe seine Schriften nicht gründlich gelesen (nur einiges im Internet), deshalb kann ich das nicht genau nachweisen (vgl. auch Steinberg 1973).

Wladimir Iljitsch Lenin

Lenins Philosophische Hefte (LW 38) gehörten zu meinen ersten Quellen über die Originalgedanken von Hegel. Er fasste 16 Elemente der Dialektik zusammen (LW 38: 212 ff., Auflistung). Dabei verwahrte er sich jedoch explizit gegen den Anspruch (den Plechanow verwirklichen wollte), alles logisch abzuleiten; und es ging ihm auch nicht um eine objektivistische Erfassung einer gegebenen Situation, sondern darum, sie im Hinblick auf die Möglichkeiten verändernden Handelns analysieren (Arndt 1978: 90). Für ihn war die Dialektik eine Methode der Analyse konkreter Situationen des Klassenkampfes, die sich unmittelbar praktisch herstellen und theoretisch nicht vorab theoretisch durchkonstruiert werden können (ebd.).

Dabei ging er davon aus, dass es einen allgemeinen Gang der Entwicklung gibt und in jeder Gesellschaftsordnung ein Grundwiderspruch wirkt. Dadurch sind die geschichtlich wirkenden Faktoren bestimmt, aber sie wirken auch relativ selbständig. Für Lenin gab es aber nicht nur den jeweiligen Grundwiderspruch, sondern in jeder Entwicklungsetappe innerhalb einer Gesellschaftsordnung kann sich ein anderer Hauptwiderspruch heranbilden (vgl. LW 21: 211). Als Triebkräfte der Entwicklung betonte er die Produktivkräfte und den Klassenkampf.

Die dialektische Methode bei Lenin (nach Arndt 1978: 102) geht davon aus, die Beziehungen und Widersprüche des Einzelnen zu erkennen, wobei sich das Einzelne auf der Grundlage seines inneren Widerspruches entwickelt und dabei Beziehungen zu allen anderen Dingen eingeht. Diese Beziehungen bilden den strukturellen Zusammenhang des Ganzen und determinieren ihrerseits das Einzelne, ohne es in seiner Besonderheit aufzuheben.

Mao Tsetung/Zedong

1978, als die Autorengruppe die hier referierten Arbeiten zusammen trug, war Mao Tsetung (alte Schreibweise) noch ein ernst genommener Klassiker linkstheoretischen Denkens. Ich nutze die Gelegenheit zu einem Verweis darauf auch in meinem Blog, um zu erinnern, worauf wie mittlerweile im allgemeinen verzichten (vgl. Mao Tsetung 1968).

Andreas Arndt und Giselher Schmidt erörtern, dass im traditionellen Denken Chinas kategoriales Denken und eine distinktive Logik nicht vorhanden sind (Arndt, Schmidt 1978: 110). Verschiedene Aspekte der Denktraditionen, wie das Verhältnis von Gegensatz, Einheit, Werden, die nichtlineare (zyklische) Entwicklung, die Verbindung von Empirie und Theorie und die Relativität des Wissens tragen durchaus dialektische Züge. Die aus der westlichen Dialektik bekannte qualitative Höherentwicklung und Komplexität der Totalität fehlen allerdings.

Mao, der selbst wohl nicht Hegel studierte, wendete sich jedoch gegen zyklisches Denken, indem er die verändernde Praxis betonte und er saht den Widerspruch immer als je besonderen und konkret zu analysierenden. Um die insgesamt ungleichmäßige historische Entwicklung angemessener erfassen zu können, unterschied er neben dem Grundwiderspruch, welcher das Wesen eines bestimmten komplexen Dinges kennzeichnet (wenn sich der Grundwiderspruch ändert, ändert sich auch der Charakter des Ganzen) einen Hauptwiderspruch, der in einer gegebenen besonderen Etappe dominiert sowie Nebenwidersprüche.

Die Kunst des Politischen erkannte er darin, jeweils das wichtigste zu beeinflussende Hauptkettenglied zu finden, was die konkrete Analyse eines komplexen Ganzen in seiner Entwicklung erfordert.

Georg Lukács

Georg Lukács verdient auch wesentlich mehr Vertiefung, als ich sie hier aufbringen kann. Sein frühes Buch, das er später selbst zurücknahm – „Geschichte und Klassenbewusstsein“ – habe ich schon vor vielen Jahren begeistert gelesen. Hier referiere ich die Zusammenfassung und Einschätzung nach dem Beitrag im genannten Buch (Dannemann, Erdbrügge 1978).

Im Laufe der Zeit zeigte es sich, dass den miteinander streitenden politischen Konzepten auch unterschiedliche theoretische Ansichten über die Gesellschaft, und auch philosophische Konzepte zugrunde liegen. So widerstreiten Ansichten, die von einem objektiven Gang der Geschichte, den die Subjekte fast abwarten können und in den sie nur manchmal gezielt eingreifen müssen (Kautsky) mit Ansichten, die der Rolle der Subjektivität das Primat zuschreiben (teilweise Luxemburg). Georg Lukács erkannte, in beiden Extremen keine Lösung zu finden ist, sondern eine Vermittlung von Objektivität und Subjektivität gedacht und praktiziert werden muss. Und es ist das dialektische Denken, welches die Unmittelbarkeit durchbricht und die Gegenstände aufgehoben in einer prozessualen Totalität zeigt.

Dialektik ist für ihn das Verfahren der Auflösung von Verdinglichung durch das Verfahren der Vermittlung (Dannemann, Erdbrügge 1978): 141), es geht darum, geschichtliche Dualismen in eine Prozesstotalität zu überführen (ebd.: 150) und die Gegensätze dynamisch zu relativieren (Lukács 1923/2000: 131) Indem eine Entdinglichung durch den Aufweis der Historizität erfolgt, wird mit der Dinglichkeitshülle auch die Ewigkeitshülle durchbrochen (ebd.: 28).

Damit wird jeder Gegenstand nicht nur als realhistorisch veränderlicher erkannt, sondern er verändert sich auch in der Erkenntnis. Dabei zitiert Lukács Marx:

„Ein Neger ist ein Neger. In bestimmten Verhältnissen wird er erst zum Sklaven. Eine Baumwollspinnmaschine ist eine Maschine zum Baumwollspinnen. Nur in bestimmten Verhältnissen wird sie zum Kapital.“ (MEW 23: 793, Fn 256)

Für Lukács besteht dialektisches Denken vor allem darin,

  • die vorgefundene Unmittelbarkeit in ihren immer schon gegebenen Vermittlungen erklären (Dannemann, Erdbrügge 1978: 146);
  • den „Unterschied zwischen ihrer [der Tatsachen] realen Existenz und ihrer inneren Kerngestalt“ herauszuarbeiten (Lukács 1923/2000: 20) und
  • jedes scheinbar Isolierte als Moment einer Totalität zeigen:

„Erst in diesem Zusammenhang, der die einzelnen Tatsachen des gesellschaftlichen Lebens als Momente der geschichtlichen Entwicklung in eine Totalität einfügt, wird eine Erkenntnis der Tatsachen, als Erkenntnis der Wirklichkeit möglich.“ (Lukács 1923/2000: 21)

Jeder Gegenstand kann durch seine Funktion in einer bestimmten Totalität erkannt werden (ebd.: 27); in jedem einzelnen Moment steckt die Möglichkeit, aus ihm heraus die ganze inhaltliche Fülle der Totalität zu entwickeln (ebd.: 187). Im „Kapital“ erkennt Lukács diese Methode wieder: Es geht 1. um die unmittelbare Erscheinung der Ware, dann wird 2. deren Formbestimmtheit untersucht und 3. die Wertform als Ausgangspunkt der Rekonstruktion der gesamten kapitalistischen Gesellschaft genommen.

Diese Erkenntnis ist natürlich kein Selbstzweck, sondern Dialektik soll zur Waffe des Proletariats im Befreiungskampf werden. Es geht darum, „die Totalität der Gesellschaft als konkrete, geschichtliche Totalität zu sehen; die verdinglichten Formen als Prozesse zwischen Menschen zu begreifen; den immanenten Sinn der Entwicklung, der in den Widersprüchen der abstrakten Daseinsform nur negativ zutage tritt, positiv ins Bewußtsein zu heben und in Praxis umzusetzen.“ (Lukács 1923/2000: 215; kursiv A.S.)

Es wird deutlich, dass Lukács damit das Fetischkapitel im Kapital (MEW 23: 58 ff.)
nicht lediglich als Exkurs, sondern als Fundament der marxschen Theorie versteht. Der Dualismus zwischen Subjektivität und Objektivität wird so zum zentralen Widerspruch des Kapitalismus, der als Erscheinungsformen den Widerspruch von Freiheit und Notwendigkeit, den Widerspruch zwischen Intention und Resultat, zwischen partiell-rationaler Planung und Irrationalität des Ganzen, zwischen Sein und Bewusstsein und zwischen Bedürfnissen und gesellschaftliche Funktion mit sich bringt.

Dabei ist klar, dass auch die kapitalistische Gesellschaft von Subjekten erzeugt wird, aber sie selbst werden durch die gesellschaftliche Objektivität dominiert und sie passen ihre Aktivitäten deren verdinglichten Formen an (Dannemann, Erdbrügge 1978: 151). Trotzdem gibt es die Möglichkeit des revolutionären Umschlags von Quantität in Qualität, denn scheinbar rein objektive Veränderungen bringen auch Veränderungen für die Subjekte mit sich, so dass sich die Beziehung der Subjekte zur Gesellschaft verändert (ebd.: 148). Dies geht so weit, bis eine sozialistische Revolution einen Dominanzwechsel in der Beziehung von Subjekt und Objekt mit sich bringen kann (ebd.: 150).

„Der Geschichtsprozeß kann daher nicht als Entfaltung einer ursprünglichen Subjektivität gedacht werden, er beihaltet vielmehr die Entwicklung von Subjekt-Objekt-Relationen, in denen die Objektivationen dominieren, zu einem Subjekt-Objekt-Verhältnis, in dem die Subjektivität zum ausschlaggebenden Faktor wird.“ (ebd.: 148)

Dieser Umschlag kommt aber nicht automatisch, sondern im Moment der endgültigen Wirtschaftskrise des Kapitalismus hängt das Schicksal der Revolution und mit ihr das der Menschheit) von der ideologischen Reife des Proletariats ab (Lukács 1923/2000: 82). Gegeben ist nur die Möglichkeit, die Lösung selbst kann nur Frucht der bewussten Tat sein (ebd.: 85).

Prädestiniert für diese Tat ist laut Lukács das Proletariat. Es kann sich nur selbst befreien, wenn es alle unmenschlichen Lebensbedingungen aufhebt. Wenn er sich selbst erkennt, erkennt er gleichzeitig die gesellschaftliche Totalität (ebd.: 34 f.). Lukács erinnert an die Marxschen Worte, dass das Proletariat „keine Ideale zu verwirklichen“, hat, sondern „nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoß der zusammenbrechenden Bourgeouisgesellschaft entwickelt haben“ (ebd.: 36, zitiert MEW 17, 343).

Nach einer erfolgreichen Revolution wird sich auch die Form der Dialektik in der Geschichte verändern. Lukács sieht im Kapitalismus eine besondere Form von Dialektik am Werk. Während in der Natur höchstens eine „bloß objektive Bewegungsdialektik“ vorliegt (Lukács 1923/2000: 226; an einer anderen Stelle spricht er sich deutlich gegen die „Dialektik der Natur“ bei Engels aus, ebd.: 17, Fn 1)), bildet nur der Kapitalismus eine Totalität der Verdinglichung. Mit dem Verschwinden des Kapitalismus wird diese Form der Dialektik unnötig und andere Formen werden wirk- und bedeutsam.

Advertisements