Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung von Fußball habe. Es gibt andere Sportarten, die mich interessieren. Deshalb fühle ich mich derzeit wie eine Fremde mitten in meiner Heimatstadt. Ich kann nichts mehr kaufen ohne Deutschlandfarben, und ein gemütlicher Kneipenbesuch ohne Fußball ist nicht drin. Ich hatte gedacht, die WM in Deutschland vor 4 Jahren war eine Ausnahmesituation, aber es wird kräftig dran gearbeitet, diese damalige Euphorie wiederholen zu wollen. Und es geht natürlich nicht nur um Sport und es ist auch nicht primär nur Nationalismus, der die Deutschlandfarben überall draufknallt – es ist reines Geschäft. „Deutsch“ geht eben, als Fahne, Mode-T-Shirt, Pralinenschachteln – Warenästhetik als Verkaufsargument halt.

Aber es funktioniert. Ich habe den Eindruck, die euphorische Stimmung in der Öffentlichkeit, bei der die Beteiligten sich vor vier Jahren erstmals massenhaft im Jubel begegneten, war für viele eine Art „Erweckungserlebnis“, das sie nun immer und immer wieder suchen. Blöd nur, aus anti-nationalistischer Sicht, dass diese Sucht sich weniger verbunden hat mit der sportlichen Leistung, sondern der nationalen Symbolik, die bis zum Erbrechen zelebriert wird. Wer Deutschland nicht abgöttisch liebt, kann es jetzt nur zu hassen beginnen. Neutralität und Toleranz ist kaum noch möglich.

Einen sehr klugen Text über die Ursachen der Deutschlandbesessenheit von Fußballfans gibts auf der Web-Site von „Emanzipation und Frieden“: Zu schade für eine Weltmeisterschaft“

„Generell bietet der Fußballsport für seine Zuschauer […] jene narzisstischen Gratifikationen oder auch Entlastungen, die durch die gesellschaftlichen Zumutungen und (stummen) Zwänge – verinnerlichte Arbeitsmoral, Mühsal durch den Arbeitstag, Lustverzicht, Austauschbarkeit und Überflüssigkeit – erst notwendig werden.“

Schön aber auch der Schlusssatz des Flugblattes:

Manchmal ist Fußball auch einfach nur Fußball. Viel Spaß mit und bei der WM!

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