Bei der Beschäftigung mit Nanotechnologien stieß ich schnell auf eine ihrer Wurzeln: den Technischen Futurismus. Was soll das sein?

 
Heute natürlich zuallererst ein Marketing-Hype. Unter dem Titel „Der neue Futurismus“ wird das Design eines neuen Automodells beschrieben:

(Quelle)


(verändert nach Bildquelle)
„So etwas wie das … Visionsmodell hat die Welt noch nicht gesehen: ein Automobil, dessen Karosserie nicht länger aus Blech besteht, sondern dessen Körper ein straff sitzendes Kleid aus High-Tech-Gewebe umspielt, als sei der Beruf des Karosserie-schneiders eine Erfindung der Zukunft und wahrlich der letzte Schrei.“ (Quelle)

Als künstlerische Richtung wurde der Futurismus des frühen 20. Jahrhunderts verbunden mit Kriegsverherrlichung und einer Umarmung des eigentlich Bedrohenden:

Sie waren Prediger einer brutalen Avantgarde: Vor 100 Jahren veröffentlichten die Futuristen ihr Manifest – sie liebten den Tod, das Tempo, Maschinen. Sie hassten Frauen und das Establishment. (Quelle)

Diese Art Futurismus, die ihre Kraft vor allem aus dem Zerstörerischen bezog, verlor ihren Schwung in den 50ern, als die zerstörerische Potenz der Dynamik und Faszination des Wirtschaftswunders unterlag. Wissenschaft und Technik wurden zu realen Produktivkräften und machten den technischen Utopismus zu einem Kennzeichen des 20. Jahrhunderts. In den 60er Jahren wurde erwartet, dass 1970 eine wissenschaftliche Entsalzung des Meerwassers möglich sei, dass es ab 1975 zuverlässige Wettervorhersagen gibt und dass ab 1985 eine völlig kontrollierte thermonukleare Energie zur Verfügung steht. Bei der Ausmalung „Eines Tages im Jahr 1991“ von 1970 stehen in Hamburg elf Türme mit je 200 Stockwerken, das Wetter wird kontrolliert und gereist wird mit einem „Tiefsee-Kugelboot“. Allerdings, der Gigantismus geriet auch bald an Grenzen: Im Jahr 1976 beschlossen die Regierungen in Paris und London, nicht mehr als 16 Überschallflugzeuge vom Typ „Concorde“ zu bauen. Die Absturzkatastrophe im Jahr 2000 beendete diese Überflüge endgültig.

In der utopischen Literatur, die ich aus meiner Jugend kenne, waren diese technischen Zukunftsträume auch allgegenwärtig, aber kaum als Selbstzweck, sondern eher als Basis für andere Fragestellungen: Wie leben Menschen unter solchen Bedingungen? Wovon träumen sie? Welche Konflikte gibt es noch, wenn unter anderem auch auf Grundlage der hohen Produktivität die Klassengesellschaften abgeschafft sein werden? (siehe einen netten Ausschnitt aus einem solchen Buch) Was geschieht, wenn sie mit Außerirdischen zusammen treffen? Die durchweg propagierte Vorstellung, dass menschliche Geschichte vor allem eine Geschichte der Veränderung der gesellschaftlichen Formen der Arbeit und des Zusammenlebens ist, wozu die Technik nur mittelbar beiträgt, verhinderte einen allzu ausufernden Technizismus. Ganz anders im größeren Teil der Welt. Auch hier wurzelt die Science Fiction in Sehnsüchten und Ängsten, Hoffnungen und Befürchtungen der Menschen – für diese stand die grundlegende Form ihres Zusammenlebens aber kaum in Frage; in den kosmischen Kolonien wurde fast regelmäßig normaler Kapitalismus eingeführt (oder noch ältere feudale Zustände) und das Neue fand im Technischen seinen Reiz und seine Faszination. Natürlich sind diese beiden Extreme Überzeichnungen, aber ich denke, dieser Unterschied ist deutlich vorhanden. Deshalb trügt mich auch mein Sprachgefühl nicht: Ich nenne das, was ich gern und mit Begeisterung gelesen habe, immer noch „Utopische Literatur“, während ich mich mit der seit 1990 auch für mich allgegenwärtigen Bezeichnung „Science Fiction“ und auch dem, was damit bezeichnet wird, nicht so recht anfreunden kann.

Science Fiction zeichnet sich dadurch aus, dass technologische Entwicklungen im Vordergrund stehen – und erst in zweiter Linie oder auch gar nicht das Modell einer idealen Gesellschaft (Utopie) bzw. einer Schreckensherrschaft (Dystopie) beschrieben wird.“ (Wikipedia)

Es kommt ja noch dazu, dass ich ab 1990 in eine Science Fiction-Welt einstieg, die gerade ihre Cyber-Punkt-Zeit durchlief. Natürlich war mir klar, dass diese Darstellungsform ganz viel mit dem real existierenden Kapitalismus zu tun hat, dessen glitzernden Fassaden ich nie viel abgewinnen konnte. Aber Lesen mochte ich das nicht gerne. Wie immer ändert sich der Trend dann wieder. Inzwischen ist die nihilistische Grundstimmung dieses Cyber-Punk zum Teil durch den sog. Post-Cyper-Punk abgelöst worden und hier sind ein Leben in einer allgegenwärtigen Datensphäre und kybernetische Verbesserungen des menschlichen Körpers wieder positive Zukunftsentwürfe. Während der Cyber-Punk einen entlarvenden Blick auf die ökonomischen Weltmächte warf, wird das Zukunftsträchtige nun erneut verstärkt in technischen Innovationen gesucht und nicht etwa in gesellschaftlichen Veränderungen.


(Der erste Science Fiction mit „Nanotechnologie“)
Trotzdem geht es eben nicht nur um Technik, sondern um unser aller zukünftiges Leben. Mit der Bezeichnung „Futurismus“ werden all jene Visionen bezeichnet, „die nicht nur eine sehr langfristige Perspektive – zumeist von mindestens ein bis zwei Jahrzehnten – haben, sondern zudem einschneidende und umfassende Veränderungen der sozialen Wirklichkeit oder der Grundlagen menschlicher Existenz voraussagen.“ (Coenen 2004)

 
Der Technofuturismus zielt auf eine Veränderung der menschlichen Daseinsweise bis hin zu seiner körperlichen und psychischen Verfassung primär mit technischen Mitteln. (Coenen 2007)

Bekannt geworden ist hier vor allem der „Transhumanismus“ oder gar der „Posthumanismus“ . (vgl. auch „Die Vervollkommnung de Menschen“)

Inzwischen verändern sich auch die Suchräume. Es geht, parallel zum Auslaufen der meisten amerikanischen Raumfahrtprogramme, nicht mehr primär um ferne Welten und die Eroberung des Weltraums; es geht, parallel zur Veralltäglichung der Informationsgesellschaft, auch nicht mehr nur um das Faszinosum der Virtualität im Cyberraum. Es geht nun ums Ganze: Lebendige Organismen wie beliebige Materialien können – zumindest vielleicht bald – mittels Nanotechnologie „Atom für Atom“ nach unseren Wünschen designt werden. Totale Kontrolle der Natur ist wieder in. Nano-, Bio-, Info- und Kognitionswissenschaften werden eins und ermöglichen wichtige Beiträge „ wie etwa zur Sicherung des Energiebedarfs, zum Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen durch Ressourceneinsparungen sowie zur umfassenden und vorbeugenden medizinischen Versorgung.“ (BMBF 2006)

Hoppla, sind mir hier die Quellen durcheinander geraten? Geht es hier um Science Fiction oder ernsthaft um das Bundesministerium für Bildung und Forschung? Nun, das neue Jahrtausend hat Erstaunliches bewirkt. Nach den Enttäuschungen, die für Technokratiefans mit Tschernobyl und Challenger verbunden sind, nach dem Nicht-wie-erwartet-Vorankommen von „Künstlicher Intelligenz“ und dem Ende der ambitionierten Raumfahrtprogramme nimmt eine neue technologische Welle Anlauf: Seit dem Jahr 2000, als die USA ihre „Nationale Nanotechnologie Initiative“ (NNI) gründete, erreichte die Nano-Science-Fiction die ernsthafte Wissenschaftspolitik.

„Nano“ wurde zum Hype stilisiert, plötzlich und unerwartet. Denn so viele Prognosen vor der Jahrtausendwende auch erstellt wurden, „Nano“ spielte da so gut wie keine Rolle. Danach aber war plötzlich alles „Nano“, was irgendwie mit etwas „sehr Kleinem“ zu tun hatte. Die meisten Chemiker, Molekularbiologen, Dünnschichtphysiker usw. hatten es damit schon immer zu tun – inzwischen nennen sie es „Nano“, wenn sie auf Fördermittel und Aufmerksamkeit aus sind. Auch börsentechnisch haben einige nach dem Platzen der Dotcom-Blase am Jahrtausendwechsel Morgenluft gewittert:

Aber auch dieser Hype war – zumindest erst einmal – nur von kurzer Dauer.

Aber angeblich geht es ja gar nicht ums Geld. Angeblich geht es ja, wieder einmal, um das Versprechen einer schönen neuen reichen und glücklichen Welt. Technik soll die Welt retten – angesichts der katastrophalen Aussicht angesichts Klimawandel, Ernährungskatastrophen in vielen Gebieten der Erde, Finanzcrashs usw. wird das Heil wieder einmal in einem technologischen Vorstoß gesehen. Darauf kommt man, wenn man außer der biologischen und der technologischen nicht die gesellschaftliche Entwicklung betrachtet. Fortschritt scheint dann nur darin zu bestehen, die biologische und die technologische Evolution zu beschleunigen und revolutionäre Durchbrüche werden vor allem von ihrer Vereinigung erwartet.

Dies wurde schon deutlich beim Boom von „Bionik“, der inzwischen abgeebbt ist und wird gerade neu erfunden in der erwarteten Konvergenz von Nano-, Bio-, Info- und Cogno-Welt („NBIC-Konvergenz“) und der „Synthetischen Biologie“. Es geht nicht mehr nur primär um das Lernen von der Natur für technische Entwicklungen (wie in der Bionik), sondern dem Lebendigen soll technisch auf die Sprünge geholfen werden. Der SPIEGEL fragte schon, ob der Mensch nun das Handwerk des Schöpfers übernehmen wolle.

Im Bereich der Nanotechnologie sind nicht alle Arbeiten dem Futurismus in diesem Sinne zuzuordnen. Die sog. „Mainstream-Nanotechnologie“ beschäftigt sich forschend, entwickeln und auch schon produzierend schon lange im Bereich chemisch- und biologisch molekularer Objekte, in der Physik im Bereich dünner Schichten usw. auf Nanometerniveau. Derzeit wird dabei besonders ausgiebig erkundet, welche neuen qualitativen Eigenschaften Materialien in diesem Bereich mit sich bringen und wie diese technisch zu beherrschen sind. Viel spektakulärer ist jener Bereich der Nanotechnik, der noch nicht so viel vorzuweisen hat, aber viel höhere Versprechen macht: die vor allem von Eric K. Drexler vertretene Entwicklungsrichtung der „molekularen Technologie“, von denen ausgehend „Maschinen der Schöpfung und der Zerstörung“ entstehen können und nach Drexler mit ziemlicher Sicherheit auch werden. Aufgrund der Annahme, dass die Nanotechnologie ähnlich umfassende soziale Auswirkungen haben werde wie fließend Wasser, Elektrizität, Antibiotika und die Mikroelektronik, wurden seit Mitte der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts in den USA Expertengruppen eingerichtet, die schließlich im Jahr 2000 zum Start der „National Nanotechnogoy Initiative“ (NNI) führte. Genaueres dazu berichtet der Endbericht Technikfolgenabschätzung zur „Nanotechnologie“ 2003, S. 311 ff..

Ich übernehme hier eine Zusammenstellung aus diesem Bericht (S. 327 f.) , welche Langfrist-Visionen (15 Jahre und länger) aus dem Umfeld der National Nanotechnology Initiative (NNI) erfasst:

Themenfeld Visionen
Ökologie Ökologisch unbedenkliche, effiziente Möglichkeiten der Erzeugung und Nutzung von Energie durch nanotechnologische Artefakte (z.B. solche, die natürliche Photosynthese imitieren können); Beseitigung kleinster Mengen von Umweltgiften und umfassende Reinigung der natürlichen Umwelt; saubere, Ressourcenschonende Produktion durch Konstruktion auf der Nanoskala.
Landwirtschaft/Nahrungsmittel Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie werden in großem Ausmaß Erträge steigern und Abfallmengen reduzieren. Dies wird durch Netzwerke billiger und leistungsfähigerer („smart“) Sensoren möglich, die ständig den Zustand und die Bedürfnisse von Pflanzen, Tieren und landwirtschaftlichen Produkten überwachen. Erhöhung des Lebensstandards in armen Ländern.
Informationstechnik Verbilligung und Leistungssteigerung im Bereich der Informationstechnik und dadurch Beschleunigung des Trends zum „Ubiquitous Computing“, wodurch langfristig z.B. Objekte in Serienfertigung über die Fähigkeit verfügen könnten, ihren Aufenthaltsort zu melden, und zur Konversation mit Maschinen („Künstliche Intelligenz“), bequem tragbare Sensoren und Computer zur Überwachung des eigenen Gesundheitszustands sowie zur Information über die Umgebung (z.B. Luftqualität, Freizeitangebote etc.); neue Möglichkeiten der „Telepräsenz“, also der technischen Realisierung der sinnlichen Wahrnehmung, an einem weit entfernten Platz „vor Ort“ zu sein (z.B. für Unterhaltungs oder wissenschaftliche Zwecke); schnelle Breitband-Interfaces zwischen menschlichem Gehirn und Maschinen, die u.a. in Fabriken, bei der Kontrolle von Fahrzeugen und für neue Arten der Interaktion (z.B. in Sport und Kunst) nützlich sein könnten.
Gesundheit Permanente Überwachung des menschlichen esundheitszustands; Nutzung von schwer löslichen Substanzen (und dadurch eine Vermehrung der Zahl chemischer Substanzen, die für die Medikamentenherstellung verwendet werden können); punktgenaue Medikation; Fortschritte bei minimal-invasiven medizinischen Behandlungen; Scannen des ganzen Körpers bis zur Zellebene; technischer Ersatz für Sinnesorgane; Entwicklung synthetischer innerer Organe; Abmilderung altersbedingten Leistungsabbaus; Verbesserung menschlicher Fähigkeiten durch Implantate (z.B. Radarsicht); Nachbau („reverse engineering“) des Gehirns und dadurch ein besseres Verständnis seiner Funktionen; technischer Ersatz für verloren gegangene Gehirnfunktionen.
innere Sicherheit Herstellung von nahezu unsichtbaren Artefakten, die zur Überwachung oder zu destruktiven Zwecken dienen können; Erhöhung der destruktiven Möglichkeiten kleiner Gruppen.
Weltraum Konstruktion außerirdischer Stützpunkte durch Roboter; Ausbeutung von Rohstoffen auf dem Mond und anderen Himmelskörpern; ständige unbemannte Präsenz außerhalb unseres Sonnensystems; leistungsfähigere Weltraumsysteme nicht nur durch bessere Materialien, sondern auch durch Imitation von Charakteristika biologischer Systeme (wie z.B. Fähigkeiten zur Selbstreparatur und zur autonomen Anpassung an neue Umgebungen).

Dabei gibt es fast keine Grenze mehr zwischen Hype und Hoffnung (P.J. Bond). Beides hilft Begeisterung und damit politische Unterstützung zu gewinnen.

Religiöse Vorbehalte habe ich bei diesen Zukunftsvisionen nun gerade nicht. Aber es ist schon bedenklich, dass den Leuten als Entwicklungsraum nur die Biologie einfällt und wenn in diesem Bereich für die Menschen wohl von sich aus nichts mehr zu erwarten ist, soll nachgeholfen werden. In einer sogenannten „postdarwinistischen“ Entwicklungsphase soll die künftige Entwicklung des Menschen selbst gesteuert werden – aber dies meint nicht etwa die Übernahme der Gestaltungsmacht des Ökonomischen und damit der Gesellschaft aus den Klauen des Kapitals, sondern die Unterwerfung der eigenen Entwicklung unter die technokratischen Träume vom nano-bio-info-cogno-Techno-„Enhancement“ der menschlichen physischen und kognitiven Fähigkeiten im militärischen wie dem ökonomischen Über-lebenskampf.

Dass diese Entmachtung der gesellschaftlichen und individuellen Selbstbestimmung als Erfüllung alter Menschheitsträume, sie dem Wunsch nach Unsterblichkeit verkauft wird, liegt in der Methode. Wenn wir schon nicht selbst bestimmen können, wie wir leben wollen, dann wenigstens ewig.


Mehr zum Konzept der Nanotechnologie nach Eric K. Drexler:

Advertisements