Natürlich haben sich molekulare und kristallographische Strukturen schon immer im Nanobereich befunden (Schummer 2003: 31, vgl. auch, S. 11). Forschungen in diesem Bereich lassen sich natürlich nun leicht als „Nano“ etikettieren. Auch bei chemischen Katalysevorgängen hat die (geringe) Größe schon immer eine Rolle gespielt. Chemiker ärgern sich häufig über den Nanohype: „Früher nannte man das Kolloidchemie, heute heißt das Nanotechnik.“ (Boeing 2006: 31). Die chemische Gasphasenabscheidung für ultradünne Beschichtungen und zur Herstellung von Nanopartikeln ist seit den 60er Jahren bekannt. Auch die sog. „drug delivery systems“, also Substanzen, die in den Körper als Träger von Arzneimitteln eingeführt werden, werden bereits seit den 70er Jahren untersucht (Quelle). Viele andere Nanopartikel und Kolloide, Flüssigkristalle, Polymere, Nanocomposites, nanostrukturierte Materialien und Nanofilme waren längst bekannt, bevor im Jahr 2000 der Nano-Boom begann. Es ist offensichtlich, dass angesichts des ausgelösten Booms viele Forscher ihre Untersuchungen einfach umbenennen, um in den Genuss der ausgeschriebenen Nano-Fördermittel zu kommen.

Interessant ist es auch, den Anstieg von Patenten mit einem Nano-Bezug in zweierlei Darstellungen zu vergleichen: Zuerst die Darstellung, bei der entsprechend sachlichen Klassifikationen die entsprechenden Patente herausgezogen wurden:

(Quelle)

Und nun jene, bei denen der Wortteil “Nano” im abstract des Patents aufgeführt wird:

(Quelle)

Wir sehen, dass die bewusste Verwendung von “nano” in den 90er Jahren erst langsam, dann ab 2000 inflationär zunimmt. Nebenbei fand ich in einem Papier einer Patentanwaltskanzlei endlich mal ehrlich ausgesprochen, wozu man Patente macht: Um „den Wettbewerbern Steine in den Weg zu legen“ (Quelle). Bisher wenig beachtet wird die Situation, dass eine Patentierung von Nanoteilchen den Zugriff auf grundlegende Bausteine von künftig sicher wichtigen Materialien monopolisiert.

Kommen wir noch einmal zurück auf Feynman. War sein Text wirklich der Ausgangspunkt der Entwicklung der Nanotechnologie? In diesem Text denkt Feynman in noch spekulativer, aber wissenschaftlicher Weise über die Möglichkeit der physikalischen Manipulation an einzelnen Atomen nach, welche z.B. die Erzeugung bestimmter chemischer Strukturen revolutionieren könnte. Wie wir an dem Bild der Zitierungen von Feynmans Artikel sehen, spielte er bis in die späten 80er Jahre hinein (Feynman starb 1988) so gut wie keine Rolle.

(Quelle)

Erst eine Zitierung in einem Buch von 1986 und der beginnende Boom von „Nano“, ließen die Zitierungen in den 90er anschwellen (Quelle). Auf Nachfragen hin wurde festgestellt, dass Feynmans Beitrag auch keinen Einfluss auf jene Menschen hatten, die die weiteren Meilensteine der Nanotechnologie erzeugten (Quelle). Er wird auch nicht in den entsprechenden Patenten zitiert. Der Mythos, diese Rede habe Wissenschaftler inspiriert, die Nanotechnologie zu erschaffen, scheint also kaum der Wirklichkeit zu entsprechen. Diese Technologien entstanden unabhängig davon und erst im Nachhinein wurde eine Beziehung ihrer Tätigkeit mit dieser Rede gesehen und benannt. Daran hatte vor allem Eric Drexler Anteil (ebd.).

Übrigens wurde ebenfalls bereits 1959 ein Buch namens „Molecular Science and Molecular Engineering“ von Arthur R. von Hippel veröffentlicht, und als Jenenserin konnte ich feststellen, dass A.R.v.Hippel in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts mehrere Jahre lang in Jena bei Max Wien gearbeitet hat.

Den Begriff „nanotechnology“ prägte im Jahr 1974 der japanische Wissenschaftler Norio Taniguchi. Auch diese Definition blieb lange folgenlos. Erst durch die Besetzung der Bezeichnung Nanotechnologie durch Eric Drexlers Buch „Maschinen der Schöpfung“ (siehe mein früherer Blogbericht), der auch auf Feynman verwies, wuchs das Interesse an diesem Thema. Wahrscheinlich war inzwischen die Zeit auch reif dafür. Dies in mehrfacher Hinsicht. Die eine ist diejenige der technischen Möglichkeiten.

Der entscheidende technologische Durchbruch in Richtung Nanotechnologie war die Erfindung des Rastertunnelmikroskops (RTM) durch Gerd Binnig und Heinrich Rohrer.

(Quelle)

Als Durchbruch wird diese Sonderform der Rastersondenmikroskopie deswegen bezeichnet, weil mit ihr „atomare Strukturen sichtbar gemacht“ werden können (BMBF 2002).

Demnächst weiter mit

  • P.S. “Wir sehen nicht die Atome…”
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