Dieser rein technische Blickwinkel ist aber zu eng, um das explosionsartige Umsichgreifen der Nano-Idee zu erklären. Joachim Schummer verweist auf die Bedeutsamkeit des geistig-kulturellen Kontextes, auf die Rolle von Visionen und von kulturellen Bedürfnissen und schildert die streitbare Wechselbeziehung zwischen „Zeitgeist“- Bedürfnissen, Science Fiction, Technik-Visionen (Raumfahrt, Künstliche Intelligenz, „Singularität“ , Extropier ,Transhumanisten (Schummer 2003: 65 ff.) und „normalem“ wissenschaftlichem Fortschritt am Beispiel der Nano-Ideenwelt. Auffällig ist auch die Verflechtung von Populärkultur, Politiklobbyismus und Wissenschaftspolitik. „Echte“ Wissenschaftler hielten sich sogar lange Zeit auf Distanz zum Nano-Gedanken, weil ihnen die Visionäre zu unseriös waren. Als es um einen verschärften Konkurrenzkampf um die Mittel ging, nahmen sie gern die Schützenhilfe inzwischen popularisierender Medien in Kauf. (Schummer 2003: 75)

Dabei war Feynmans Vision aus dem 1959, dass im Bereich des Sehr-Kleinen noch viele Möglichkeiten der technischen Manipulation durch schrittweise Miniaturisierung erobert werden können, nicht völlig neu. Im Roman „Waldo“ : des Autors Robert Heinlein werden ebenfalls bereits biologische Zellen durch eine schrittweise Selbstverkleinerung der Manipulatoren bearbeitet. Schummer nennt eine Vielzahl weiterer Beispiele aus der US-amerikanischen Science Fiction (Schummer 2003: Kapitel 5, S. 48 ff.). Da ich selbst mit Begeisterung utopische Romane und Geschichten gelesen habe, früher aber natürlich nur diejenigen aus den sozialistischen Ländern, frage ich mich übrigens, inwiefern sich hier absolut bedeutsame Unterschiede in den Zukunftsvisionen sowie den Menschen- und Technikbildern zwischen Autoren in sozialistischen und kapitalistischen Ländern zeigen bzw. wo es doch eventuell erstaunliche Parallelen gibt… Aber das nur nebenbei.

Natürlich lesen nicht alle Menschen Science Fiction, aber bestimmte Vorstellungen gelangen über vielfältige Vermittlungen, so auch über Filme, in die Köpfe der Menschen und entsprechen oft den Sehnsüchten ihrer Herzen. Schummer nimmt deshalb an, dass die Wurzeln der Nanotechnologie „im Bereich der menschlichen Fantasie, Sehnsüchte und Ängste“ (Schummer 2003: 49) liegen, die vorzugsweise in Science Fiction ausgedrückt werden. Das Thema „Nano“ ist dabei schon deswegen häufig angesprochen, weil der Umgang mit verschiedenen Größenverhältnissen faszinierende Vergleiche ermöglicht und dazu dienen kann, fesselnde Grenzüberschreitungen darzustellen. Die Nano-Science-Fiction-Literatur ist außerdem maßgeblich davon gekennzeichnet, dass sie neue, mächtige und unverletzbare Lebensformen beinhaltet sowie die Suche nach einer Fortführung der menschlichen Kultur in transformierter Gestalt angesichts der Untergangsstimmung und der erwarteten Katastrophen. Interessant fand ich besonders die Betonung der Rolle des Post-Cyper-Punks, bei der die nihilistischen Grundstimmung des Cyper-Punks durch neue technokratische Visionen („focus on a ubiquitous datasphere of computerized information and cybernetic augmentation of the human body“) abgelöst wird.

Wie konnte es nun aber dazu kommen, dass solche Science-Fiction-Visionen zu ernsthaften wissenschaftspolitischen Strategien wurden? Was machte aus der fiktionalen Denkmöglichkeit („Es könnte so sein“) erst eine Notwendigkeit („Es muss so sein“) und dann einen Imperativ („Es soll so sein“) (Schummer 2003: 66)?

Beim Nachdenken über die Bedeutung der Sammelbezeichnung „Nanotechnologie“ wird immer wieder betont, dass Nanotechnologie (oder auch Nanowissenschaft) nicht einfach eine klassifizierende Oberbezeichnung für genau bestimmbare Bestandteile ist. Sie entstand ja auch nicht als Zusammenfassung der Selbstbeschreibung von wissenschaftlicher oder technologischer Arbeit, sondern um etwas nach außen zu signalisieren, nämlich die Förderwürdigkeit.

„Das Wort „Nanotechnologie“ bezeichnet […] zunächst lediglich ein wissenschaftspolitisches Budget und eine dadurch initiierte soziale Bewegung in der Wissenschaft.“ (Schummer 2003: 46)

Natürlich beschäftigen sich viele Forscher und Entwickler mit Objekten im Nanometer-Bereich. Dass daraus ein Konzept namens „Nanotechnologie“ entstand, war aber nicht zwangsläufig. Neben den Wurzeln in der amerikanischen Nachkriegs-Science-Fiction und der besonderen amerikanischen Religiosität bedurfte es „unter anderem auch der besonderen Geisteshaltung des Kalten Krieges, der visionären Genialität und des emsigen Netzwerkknüpfens eines Eric Drexlers, der Challenger-Katastrophe von 1986 und dem vorläufigen Zusammenbruch des Weltraumprogramms, dem Platzen der Dotcom-Blase Anfang 2000 und Hunderter arbeitsloser Investment-Berater, der gesteigerten Millenniumserwartung, dem Finanzierungsdefizit der Naturwissenschaften im Vergleich zur Biomedizin, der Umorganisation der japanischen Wissenschaftspolitik […], dem gestiegenen Bewußtsein für stärkere wissenschaftspolitische Kontrolle und mehr Interdisziplinarität, dem Erfolg bei der politischen Etablierung der Materialwissenschaft, der Besetzung von einflußreichen Transhumanisten in der amerikanischen Wissenschaftspolitik, dem wachsenden Defizit öffentlicher Verständlichkeit von Wissenschaft bei gleichzeitig wachsendem Orientierungsbedarf, der unzureichenden demokratischen Legitimation und Beratung nationaler Wissenschaftspolitik und deren ausgeprägten Hangs zum Mitläufertum sowie insbesondere des nach Ende des Kalten Krieges enorm gewachsenen kulturellen Einflusses der USA.“ (ebd.: 130 f.)

Zur “Vorgeschichte” des Nanotechnologiebooms gehört es, dass 1992 in Japan ein sogenanntes „Atomtechnologie-Projekt“ (ebd.: 22) installiert worden war. „Atomtechnologie“ meint hier im wahrsten Sinne des Wortes die Erforschung und Entwicklung der Manipulation von Atomen und Molekülen. Dieses Projekt entstand als Reaktion auf die Forderungen der USA an Japan, eine eigene Grundlagenforschung zu entwickeln. Angesichts der Möglichkeiten für eine atommanipulierende Technologie, die man nach den Visionen von Eric Drexler, in den 90er Jahren so nach und nach zu erahnen glaubte, hatten sich im Jahr 2000 genügend Befürworter für ein nationales Projekt der USA gefunden, so dass die US-amerikanische „Nationale Nanotechnologie Initiative“ (NNI) (vgl. 1 , 2) gegründet wurde. Nachdem Ende des letzten Jahrhunderts alle Aufmerksamkeit sich in Richtung Biowissenschaften gewandt hatte und Physik außer auf dem Gebiet der mikroelektronischen Grundlagen in den Hintergrund gerückt war, hatten diese „harten“ Wissenschaften ein großes Interesse daran, selbst wieder ein neues zukunftsträchtiges Projekt zu starten.

„Im Vergleich zu den biomedizinischen Wissenschaften und der Militärtechnik bewegten sich die physikalischen Wissenschaften Ende der neunziger Jahre auf einem absteigenden Ast der Wissenschaftsförderung, von dem sie nur ein neues nationales Großpojekt retten konnte.“ (Schummer 2003: 21)

Die NNI der USA löste dann eine globale Welle von Nanotechnologie-Programmen aus. Während im 1998 verabschiedeten 5. Rahmenprogramm der Forschungsförderung der EU das Wort „Nanotechnologie“ in den Ausschreibungen noch nicht auftaucht, wird es im Juni 2002 im 6. Rahmenprogramm zu einem von 6 Schwerpunktthemen. Seitdem findet Nanotechnologie auch ihren Platz in den Förderprogrammen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Im Jahr 2006 wurde schließlich ein Nano-Initiative Aktionsplan 2010 beschlossen.

Die Auswirkung von solchen Förderprogrammen ist ziemlich deutlich zu sehen: Vergleicht man die Anzahl der Aufsätze (von amerikanischen Autoren) mit „nano“ im Titel mit dem Nano-Budget der amerikanischen National Science Foundation, so ergibt sich eine erstaunliche Parallelität (Schummer 2003: 30) und es zeigt sch: Science follows money.

Ob auch über all “nano” drin ist, was so heißt, ist zu bezweifeln.

„Enge Begriffe erzeugen kleine Budgets und kleine Märkte. Mit schrittweisen Begriffserweiterungen steigert man Budgets und Märkte durch Einbeziehung anderer Technologien, demonstriert Innovationsinitiative und Wachstum und deckt ungeheures Wirtschaftspotential auf. Je unklarer die Begriffe, desto mehr Spielraum gewinnt man für beliebige forschungspolitische und –ökonomische Strategien, da sich jeder Trend mit vermeintlich harten Fakten begründen läßt.“ ( Schummer 2003: 20)

„Da die Höhe des Budgets fast beliebig steuerbar war durch Variation des Begriffs Nanotechnologie, konnte jedes Land mitspielen und Wachstum ausweisen – selbst bei faktischer Kürzung des gesamten Forschungsetats.“ (ebd.:25 f.)

Selbstverständlich öffnet diese Entwicklung auch tatsächlichen Nano-Projekten die Türen. Und im Verlaufe der Arbeit daran normalisiert sich das Ganze auch. Während die teilweise begeisternden Visionen von Eric Drexler und der anderen Nano-Futuristen sehr hilfreich waren, um die Förderprojekte anzuschieben, drohten die mit ihnen verbundenen Gefahren aber auch, die Stimmung mieszumachen.

„Das revolutionäre Pathos der frühen Zeit der Nanotechnologie war stets in Gefahr, in eine ebenso radikale Ablehnung umzuschlagen.“ (Grunwald 2008b: 359)

Deshalb wich nach dem Jahr 2000 der visionäre Elan der frühen Jahre eher einem „Business as Usual“ (ebd.: 361). Das zeigt sich auch daran, dass die Drexlerschen Konzepte in den Förderprogrammen nur sehr marginal bedacht werden. Die Förderung der Nanotechnologie im „21st Century Nanotechnology Research and Development act“ von 2003 enthält keine Förderung für molekulare Produktionsverfahren (sie fordert nur eine Studie über ihre Machbarkeit) und gegenüber der Drexlerschen Richtung hat sich die NanoBusiness Alliance durchgesetzt, die eher für sofort verkaufbare Produktverbesserungen durch neue Materialien eintritt und das Office of Science and Technology Policy, das vor allem auch öffentliche Ängste gegen die Nanotechnologie durch die Drexlerschen Visionen verhindern will. (vgl. Regis 2004) Im Jahr 2006 erhält „Nanomanufacturing“ gerade mal 4,4% des Gesamtbudgets der Nanoförderung (Quelle). Dies ist Ausdruck der „Normalisierung“ der Nanotechnologie und ihrer „Defuturisierung“ (vgl. Grunwald 2008b: 26). Auch die Hinwendung zum „Konvergenz“-Konzept (siehe hinten) setzt sprachlich bewusst eine Trennung zwischen nicht beängstigenden Formen der Nanotechnologie gegenüber den Nanobots, Nanoreplikatoren und der „grey goo“ –Gefahr (Quelle).

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