Schummer (2003) betont immer wieder, dass es nicht einfach nur der Selbstlauf des technologischen Voranschreitens war, der uns auf die Bahn der Nanotechnologie gebracht hat. Ein wichtiger Faktor war, dass es in den USA gängig ist, der Technik eine geradezu heilsgeschichtliche Bedeutung zu verleihen (Schummer 2003: 74). Außerdem waren andere technische Visionen wie die Raumfahrt oder die Künstliche Intelligenz gerade in einer absteigenden oder stagnierenden Phase (Challenger-Katastrophe und Zusammenbruch des Weltraumprogramms) und auch deren Akteure begannen, ihre Anliegen in die Nano-Visionen hinein zu projizieren. Deshalb war das Eindringen der Nanothemen in die Populärkultur nicht so schwer und mit dem weiteren Vordringen der Dominanz von US-Ideologien wurde auch diese Idee ziemlich widerstandslos in den Rest der Welt exportiert. Genau genommen gibt es für eigentlich alle wichtigen gesellschaftlichen Gruppen interessante Anknüpfungspunkte:

Absolut nicht zu unterschätzen ist das Interesse des Militärs an den Nano-Themen. Soweit es um eine „Verbesserung der menschlichen Fähigkeiten“ in Richtung Neuro-Enhancement, in Richtung nanoverstärkter „Rüstungen“ und Sensoren geht, gehen die Interessen der Visionäre der Nanotechnik und des Militärs konform und ihre Vertreter (wie Ray Kurzweil) sitzen nicht zufällig z.B. im Army Science Advisory Board. Eine der ersten Studien zur Nanotechnologie wurde von der RAND-Corporation , einer Organisation, die „gegründet wurde, um die Streitkräfte der USA zu beraten“, erstellt.

Die militärische Verwendung von Nanotechniken (siehe dazu auch Shelley 2007: 45 ff.) bezieht sich vor allem auf (nach Djuren 2008, vgl. Altmann 2006):

  • Entwicklung neuer biologischer und chemischer Kampfstoffe,
  • Miniaturisierung zur Eskalation der Aufrüstung im Weltall,
  • metallfreie Waffen, die bei Kontrollen nicht auffallen,
  • autonom agierende robotische Systeme beinhalten die Gefahr der Eskalation und lassen „Freund und Feind“ nicht mehr unterscheiden,
  • Nanosensoren können leicht auch im zivilen Bereich für Überwachungsfunktionen genutzt werden…

Die Fortschritte, die mit Nanotechnologie im Militär erreichbar sind, werden als „Revolution in militärischen Angelegenheiten“ (kurz: RMA) bezeichnet. Das sind wesentliche Veränderungen in der Kriegführung, die durch eine innovative Anwendung einer neuen Technologie herbeigeführt wird. Frühere RMAs waren die Erfindung des Schießpulvers, die Entwicklung der Dampfmaschine, das U-Boot, der Ottomotor, das Flugzeug und die Atombombe (vgl. auch Shelley 2007 : 47). Nach Ray Kurzweil (2003: 45) wird bereits an „intelligentem Staub“ gearbeitet, winzigen Robotern zur Überwachung auf feindlichem Gebiet. Nanowaffen könnten jeweils genau maßgeschneidert werden, in kleinen Kriegen eingesetzt und auch „zur Kontrolle einer aufmüpfigen Bevölkerung eingesetzt werden“ (Shelley 2007: 54). Da Nanowaffen weniger deutlich sichtbar sind als Atombombenarsenale und Fabriken für chemische Kampfstoffe, liefern sie (bzw. ihr vermutetes oder behauptetes Vorhandensein) auch einen viel einfacheren Vorwand für Angriffskriege wie 2003 gegen Irak.

Eng an militärische Interessen gebunden ist auch das Konzept von der Verbesserung (Enhancement) des Menschen. Dahinter steckt ein normatives Menschenbild, das am Ideal des perfekt funktionierenden Soldaten im Krieg ausgerichtet ist (siehe z.B. das „Biorevolution“-Projekt).

„Mit dem Einzug der Technik in das moderne Kriegstheater ist der Mensch das schwächste Glied geworden, sowohl physiologisch als auch kognitiv. DARPA hat diesen wunden Punkt erkannt und neulich Forschungen begonnen, um die menschliche Leistungsfähigkeit zu verbessern, indem wir die Tödlichkeit und Wirksamkeit des Kriegers erhöhen durch fantastische physiologische und kognitive Fähigkeiten.“ (zitiert in Schummer 2003: S. 85)

Bei den Kampfstoffen sind Nano-Materialien übrigens noch nicht in bestehenden Verbotsabkommen erfasst. Auch andere Rüstungskontrollabkommen können mit Nanotechnik unterlaufen werden. Nano dient sogar dem „Greenwashing“ von Militärtechnik, so sollen uranummantelte Geschosse durch Ummantelungen als nanotechnologischen Materialien ersetzt werden. Das wird dann „Ökomunition“ genannt!

Typisch für den militärischen Bereich der Nanotechnik ist es auch, dass das sog. „Dual use“-Prinzip durchgesetzt wird. Das bedeutet, dass Entwicklungen im Militärbereich auch bedeutsam für die zivile Welt sein sollen. Dadurch wird auch die zivile Entwicklung durch den Militärbereich dominiert! Der nanoausgerüstete Soldat wird zum Vorbild für menschliche „Verbesserung“ überhaupt. Das beginnt mit farbenwechselnder, ultrafester aber leichter Kleidung und endet nicht bei Computern im Gehirn.

Nun zur Wirtschaft: Schummer meint, die in Richtung Nano treibenden Wirtschaftsfaktoren wären gerade nicht „das Kapital“, aber was steckt anderes hinter den von ihm genannten Erscheinungen wie der Suche von Investmentberatern nach neuen profitablen High-Tech-Anlagemöglichkeiten für Kapital nach dem Platzen der Dotcom-Blase (Schummer 2003: 79) als der Verwertungszwang des Kapitals?

Seitdem gibt es ,wie in diesem Bereich zu erwarten ist, bereits wieder „Wetten auf Wetten auf Nanotech“ (Schummer 2003: 72 f.). Inzwischen ist klar, dass sich auch hier übersteigerte Erwartungen nicht durchsetzen können und nach einigen Enttäuschungen wird jetzt (2010) erwartet dass auf einer realistischeren Grundlage reales Wachstum angeschoben werden kann.

Neben der Wirkung der Investmentberater, die sich auf Nano als möglichen neuen Horizont für die Kapitalverwertung stürzten, verschärft sich der Kampf der Wissenschaftswelt um die nötigen Fördermittel. Einerseits verteuern sich die nötigen Instrumente, andererseits werden die öffentlichen Forschungsgelder knapper (Schummer 2003: 143) – was liegt also näher, auf jeden nur möglichen Zug so schnell wie möglich aufzuspringen? Wer sich in der Arbeit von chemischen und physikalischen Instituten auskennt, braucht sich nicht zu wundern, dass Themen im Bereich sehr kleiner Objekte, die schon immer untersucht wurden (z.B. bei „dünnen Schichten“, in der Festkörperphysik, der Chemie oder Molekularbiologie) nun bei vielen plötzlich als „Nano“ etikettiert firmieren. Natürlich machen sie dabei auch neue Sachen, aber z.B. die Größenordnung ihrer Arbeit lag schon immer oder zumindest länger in diesem Bereich.

Auch die wirtschaftlichen Erwartungen in die Nanotechnik sind groß. Innerhalb eines Jahrzehnts soll der Markt sich vervierfachen.

(Quelle)

Erreicht wurden 2010 allerdings lediglich 150 Mrd. Dollar Marktvolumen (Quelle) und es gilt:

„Von den über zweihundert börsennotierten Nanotech-Firmen sind nur wenige profitabel. In Deutschland schreibt nur Nanostart nachhaltig schwarze Zahlen. Selbst das lange rentable Nanogate rutschte 2009 in die Verlustzone. Firmen wie ItN Nanovation entrannen 2008 nur knapp der Pleite.“ (ebd.)

Es gibt inzwischen die ersten Storys darüber, dass angebliche Nano-Produkte gar keine Nanoteilchen enthalten. Das erste Beispiel ist ein „Nano-Spray“, von dem im Jahr 2006 gemeldet wurde, dass Gesundheitsschäden aufgetreten seien. Aber dieses Spray enthielt gar keine synthetischen Nanoteilichen. Beim zweiten Beispiel geht es um eine Nahrungsergänzungspille, bei der Nanomineralien wirksamer sein sollen als andere Mineralienquellen. Gefunden wurden sie nicht.

Trotzdem verspricht man sich von Nano eine „Hebelwirkung“, 15% aller Güter sollen im Jahr 2015 „nanooptimiert“ sein.

Als treibende Kraft bei der Entwicklung der Nanowissenschaft und –technologie wird die Informations- und Kommunikationstechnikbranche gesehen (vgl. Shelley 2007: 37). Hier geht um das Überschreiten der Grenzen der Mikroelektronik hinein in den Bereich der Nanoelektronik, um die bisherigen Grenzender Miniaturisierung, die durch Quanteneffekte und Kostensteigerungen gegeben sind, zu überwinden.

Bei allen Versprechungen der Nützlichkeit von Nanotechnologie für Umweltfragen („saubere Technologie“) ist zu befürchten, dass angesichts der weiter vorherrschenden Profitinteressen bei der Ausgestaltung der neuen Nano-Produktionswelt eher darauf abgezielt wird, „die Computerisierung westlicher Konsumgesellschaften zu versüßen als darauf, einfache und billiger Kommunikationstechnik für Schulen in Entwicklungsländern bereitzustellen“ (Shelley 2003 : 133). Wie im Bereich der Arnzeimittelentwicklung gilt auch hier:

„Der Markt wird keine Produkte für die Armen ausspucken, weil sie trotz ihrer großen Zahl keinen gewinnträchtigen Markt bilden.“ (ebd.: 160)

Und sobald sich herausstellt, dass Produktionsverfahren mit Nanoteilchen doch gefährlich sind, werden sie in die Dritte Welt verlagert werden, so wie auch schon die Verlagerung der Halbleiterproduktion, die eine der gefährlichsten und umweltverschmutzendsten Branchen ist , nicht nur durch geringere Löhne, sondern auch durch die geringen Auflagen und Kontrollen an diesen Orten motiviert war (ebd.: 133).

Kommen wir zu den Medien. Die haben natürlich immer ein Interesse an spektakulären Geschichten und da ist die Nähe zu spekulativen Visionen natürlich sehr hilfreich. Außerdem eignet sich die Bildhaftigkeit der mit dem Rastertunnelmikroskop erzielbaren „Bildern von Atomen“ sehr gut für eindrucksvolle Schilderungen.

Auf dieser Basis kann es nicht mehr verwundern, dass vorher durchaus auch als „Spinner“ abgeschriebene Visionäre ernsthaft zur Politikberatung hinzugezogen worden sind. So beriet Eric Drexler 1992 den späteren Vize-Präsidenten Al Gore; einer seiner Anhänger erschien 1999 als Experte vorm Kongress und auch Ray Kurzweil konnte 2003 vor dem Kongress sprechen (Schummer 2003: 68). Auf diese Weise wurden transhumanistische Denkkonzepte mit ihrer Nanoorientiertheit politikfähig. Inwieweit war diese Entwicklung vorherbestimmt? Viele Einflüsse, die zusammen trafen, waren eher zufälliger Natur und sie kamen nicht aus einer angeblichen inneren Logik der Technologieentwicklung. Trotzdem werden immer wieder übergreifende Entwicklungslogiken konstruiert, die als „Trends“ eine gewisse Determiniertheit verdeutlichen sollen:

(Quelle)

„Nanowissenschaft und –technik führen die Forscher entlang der Pfade, die durch die Konvergenz vieler Disziplinen vorgeformt sind.“ (Quelle S. 2, kursiv A.S.)

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