Zwischendurch melde ich mich mal wieder mit einem ganz anderen Thema – diesmal von der Ferienuni zur „Kritischen Psychologie“.

Heute fanden am ersten Tag dieser Ferienuni einführende Vorträge, Workshops und eine Podiumsdiskussion statt und bei der zuletzt genannten Diskussion gab es ein Thema, das mich schon länger bewegt. Ich hatte in meiner Mitschrift zum historischen Teil dieser Podiumsdiskussion schon für mich notiert: „Bezieht sich nur auf Uni und Politik nur im Zusammenhang mit Studentenbewegung“. Das „nur“ drückte natürlich aus, dass mir etwas fehlt. Ich würde mir wünschen, dass die Bedeutung der Kritischen Psychologie für die nicht-nur-studentischen politischen emanzipativen Bewegungen beachtet würde und durch dieses Fehlen wird auch mein Hauptinteresse an der Kritischen Psychologie ausgegrenzt. Es wurde z.B. auch herumgefragt, „wer Kenntnis der Kritischen Psychologie hat… also wer Psychologie in diesem Sinne studiert“ – als könne man nicht auch als Physikerin oder Informatiker Kenntnisse über Kritische Psychologie haben.

Deshalb war ich natürlich recht froh, als Christina Kaindl in der genannten Podiumsdiskussion meinte, dass es auch aus inhaltlichen Gründen für die Kritische Psychologie wichtig sei, sich mit den politischen Bewegungen zu verbinden. Wichtig ist es zum Beispiel deshalb, nicht abgeschnitten zu sein von wesentlichen gesellschaftlichen Erfahrungsfeldern. Da sie für die Rosa-Luxemburg-Stiftung arbeitet, liegt das natürlich für sie nahe.

Morus Markard bemerkte etwas später, darauf Bezug nehmend, dass er das natürlich unterstützt. Er hatte vorher bereits über die „Überdeterminierung“ der Kritischen Psychologie durch die politischen Streiterein unter Linken in den 70er und 80er Jahren berichtet und ergänzte nun, dass er auch bei einer erneuten Verbindung von Kritischer Psychologie und politischer Bewegung darauf Wert legt, dass die wissenschaftliche Kritikfähigkeit nicht politisch untergebuttert wird.

Dies ist nun mehr als verständlich. Diese alten Gefechte müssen und sollen nicht noch mal ausgefochten werden. Und trotzdem erscheint mir das ziemlich abwegig: Verflixt noch mal: Gibt nicht gerade die Kritische Psychologie wesentliche Orientierungen für eine Politik vom Subjektstandpunkt aus? Kann es bei einer Orientierung an der Kritischen Psychologie überhaupt zu „Überdeterminierungen“ oder „Instrumentalisierungen“ kommen? Können diese – wo sie in der Politik auftreten – nicht gerade durch das Konzept der Kritischen Psychologie begründet kritisiert werden ?

Christina Kaindl sprach über die Notwendigkeit der Erfahrungen aus der politischen Bewegung für die Kritische Psychologie. Ich möchte vor allem die andere Richtung betonen: dass emanzipative Bewegungen sich nicht mit oft in der Tendenz richtig liegenden und gut gemeinten anderen Konzepten (wie „Gewaltfreier Kommunikation“) zufrieden geben sollten, sondern die theoretischen Untermauerungen und menschlich-politischen Haltungen (Subjektstandpunkt…) der Kritischen Psychologie brauchen. Dafür gibt es aus Richtung der Kritischen Psychologie bisher nur sehr wenige Handreichungen (Veröffentlichungen, Seminare etc.). Auch der heutige Ferienunitag war noch nicht ganz der, bei dem ich meine politischen Freund_innen unbedingt dabei gehabt haben möchte, um sie positiv einzustimmen auf diese Theorie (dazu war er zu fachpsychologisch, was den Interessen der real Anwesenden aber sicher genau entsprach, denn die Mehrheit in unserem Workshop waren Psycholog_innen bzw. Psychologie Studierende).

Die Befürchtung, eine Verbindung von Kritischer Psychologie und politischer Bewegung könnte wieder mit Instrumentalisierungen enden, rührt wahrscheinlich auch daher, dass unter „politischer Bewegung“, die man natürlich im linken Bereich sucht, vor allem wieder die Partei- und parteinahen Strukturen gesehen werden. Dies ist aber eine unnötige Beschränkung. Es gibt, insbesondere in den globalisierungskritischen Bewegungen seit Ende der 90er Jahre eine recht starke Tendenz der Beteiligten zur Orientierung an Autonomie und Selbstorganisierung, die sich Instrumentalisierungen und Hierarchisierungen widersetzen, aber häufig ungenügendes Hintergrundwissen darüber haben (was sie m.E. weitgehend aus der Kritischen Psychologie beziehen könnten). Dass gerade die parteilich organisierte linke Bewegung diesen Trend weitgehend verschläft bzw. im Machtgerangel beiseite drückt, ist ein Thema für sich.

Zu dem, was wir in der „Zukunftswerkstatt Jena“ schon zu politischen Orientierungen mit Hilfe der Kritischen Psychologie erarbeitet haben, siehe

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