(Danke an Thomas Glaser für die Verwendungserlaubnis)

Technikentwicklung ist von Menschen gemacht und menschliches Handeln ist nicht nur eine Folge kausaler Bestimmungen (Wirkung von Ursachen), sondern es folgt Gründen (es ist Folge von Begründungen). Ethik ist jene Denkdisziplin, welche sich ganz ausdrücklich mit Gründen für menschliches Handeln beschäftigt. (vgl. Wikipedia) Dieses Handeln findet in ganz unterschiedlichen Handlungsfeldern statt, eins davon ist die Technik, für die sich insbesondere die Technikethik interessiert. Und auch diese differenziert sich wieder in verschiedene Felder, so dass immer mehr sog. „Bindestrich-Ethiken“ entstehen – eine der neuesten ist die „Nano-Ethik“ .

Bei der Debatte über die Entwicklung des neuen Gebiets Nanotechnologie tauchen auch sehr oft ethische Fragestellungen auf. Ironischerweise ist die erste Frage dabei, ob es eigentlich einer Handlungsbegründung bedarf. Denn gerade die Nanotechnologie wird häufig so dargestellt, als folge sie einem determiniertem Automatismus. „The technology race will continue whether we wish or not” schreibt Eric Drexler, einer der Visionäre auf diesem Gebiet.

  Ich werde im Folgenden einige Schwerpunkte aus dem Buch „Auf dem Weg in eine nanotechnologische Zukunft. Philosophisch-ethische Fragen “ von Armin Grundwald (2008) vorstellen. Das können hier im Blog natürlich nur holzschnittartig vereinfachende Grundaussagen sein, wer sich genauer dafür interessiert, sollte das Buch unbedingt selbst lesen.

Das Thema „Ethik der Technikentwicklung“ findet sich in den realen Debatten häufig in Form der ESH- (Environment, Safety, Health) und ELSI- (ethical, legal and social implications) Themen wieder.

Oft wird im Englischen „Ethics“ auch als Bezeichnung für die Beschäftigung mit dem sozialen Kontext von Technologie (Grunwald 2008b: 102) verwendet. Häufig dient sie nur als Mittel für „raschen Fortschritt in der Nanotechnologie“ (NNI) und anstelle einer Ethik als kritische Instanz oder wenigstens Analysemittel entstehender Konflikte wird Ethik zum Mittel für eine „gesellschaftliche Wegebnung und Akzeptanzbeschaffung“ (Grunwald 2008: 102). Auch im der bundesdeutschen „Zukunftsinitiative für Nanotechnologie“ (BMBF 2004: 6) dient Ethik lediglich als innovationsbegleitende Maßnahme, „um der zum Teil kritischen Diskussion zu den Chancen und Risiken der Nanotechnologie in der Öffentlichkeit durch Versachlichung eine Richtung zu geben“, wobei die Richtung vorherbestimmt ist.

Armin Grunwald entwickelt dazu eine Alternative. Er wechselt in seinem Buch immer wieder zwischen den beiden Themen: Ethik und Aufgaben der ethischen Beurteilung von Technologieentwicklung und Thematisierung der sachlichen Hintergründe von Technik und speziell von Nanotechnologie. Beim Thema Ethik betont er, dass der Unterschied zwischen Moral und Ethik darin besteht, dass es in der Moral um faktisch anerkannte normative Anteile der Handlungs- und Entscheidungsgrundlage (Grunwald 2008: 52) geht, während Ethik die systematische und theoriegeleitete Reflexion über Moral(en) ist. Solange die moralischen Grundlagen des Handelns nicht mit Problemen behaftet sind, ist keine ethische Reflexion notwendig. Ethik hilft dagegen, Orientierungen im Fall normativer Unsicherheit zu erlangen (ebd.).

Wenn es um das menschliche Handlungsfeld Technik geht, so bezieht sich Ethik nicht unmittelbar auf die technischen Artefakte, sondern auf deren Einbindung in die jeweilige gesellschaftliche Praxis (ebd.: 111). Deshalb gilt:

„Nicht die „Nano“-Eigenschaft ist für Ethik entscheidend, sondern die Eigenschaften eines neuen Produkts in einem Anwendungskontext.“ (ebd.: 115)

Als Querschnittsfelder, in denen normative Unsicherheiten in Bezug zur Technik entstehen, nennt Grunwald (84 ff.):

  • Menschliche Autonomie versus Technisierung (85): Ambivalenz zwischen Erweiterung menschlicher Handlungsmöglichkeiten durch Technik und Unterordnung durch technische Gegebenheiten (Anpassung an Regelhaftigkeit…)
  • Verteilungsgerechtigkeit (85 f.): sind Nutzen und eventuelle Risiken gerecht verteilt?
  • Technik und Umwelt (86): Technik benutzt Ressourcen und verändert die Umwelt durch Emission und Abfälle; kann einerseits Umweltprobleme lösen und andererseits welche verursachen
  • Unsicherheit des Folgenwissens (87): Technik mit hoher Komplexität und mangelnder Prognostizierbarkeit stellen das Handeln unter Unsicherheit und Risiko
  • Verhältnis von Technik und Leben (88): schon die Biotechnologie macht durch „Biofakte“ Grenzen zwischen Lebendigem und Künstlichem unschärfer.

Dabei gibt es in der Ethik verschiedene Denktraditionen:

  • Utiliarismus (88): Messen der moralischen Richtigkeit an der Nützlichkeit der Handlungsfolgen; Abwägungen Nutzen/Risiken…
  • Verantwortungsethik (90): kategorischer Imperativ, so zu handeln, dass „die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf der Erde“ (Hans Jonas)
  • Klugheitsethik (bzw. Tugendethik) (91): Einordnung in den „Gesamtlebensvollzug“; gegenwärtiges technisches Handeln soll die Bedingungen der Möglichkeit der Zukunftsfähigkeit beachten und das Bedürfnis soll seine Identität entwickeln und als moralisch verantwortliche Person handeln können.
  • Diskursethik: Ausgestaltung diskursiver Verfahren mit Postulaten der Fairness und Symmetrie

In Abhängigkeit davon, wieviel und welches Wissen zur Verfügung steht, werden als Handlungsstrategien unterschieden das Risikomanagement (bei bekannten Wirkungen und quantifizierbaren Wahrscheinlichkeiten) oder die Vorsorgesituation (bei bekannten Wirkungen, aber unbekannten oder unsicheren Kausalbeziehungen, bzw. unbekannte, aber mit Gründen vermutete Wirkung). In den Regularien der Europäischen Union wird seit 1992 das Vorsorgeprinzip folgendermaßen eingebunden:

„Besteht nach eine Bewertung der verfügbaren wissenschaftlichen Informationen ein berechtigter Grund zu Besorgnis über das mögliche Auftreten nachteiliger Wirkungen, so können trotz bestehender wissenschaftlicher Unsicherheit vorläufige Maßnahmen des Risikomanagements auf der Grundlage einer umfassenden Kosten-Nutzen-Analyse – wobei der Schutz der Menschen und der Umwelt Vorrang haben muss – getroffen werden, die notwendig sind, um das angestrebte hohe Schutzniveau in der Gemeinschaft zu gewährleisten und die in einem angemessenen Verhältnis zu diesem hohen Schutzniveau stehen, bis neuere wissenschaftliche Daten eine umfassendere Risikobewertung gestatten und ohne zu warten, bis die Gefahr und Schwere dieser nachteiligen Wirkungen voll zu Tage treten.“ (zitiert S. 162)

Unsicherheiten der Nanotechnologie

Speziell für die Nanotechnologie unterscheidet Armin Grunwald verschiedene Handlungsfelder (Nanomaterialien, Nanolektronik, Nanobiotechnologie und Nanomedizin), für die die thematischen ethischen Querschnittsfragen jeweils getrennt diskutiert werden müssen. Dies lässt sich in einer Matrix erfassen:

  • Dabei gibt es im Handlungsfeld Nanomaterialien neue Umweltrisiken zu bedenken. Insgesamt sind die Risiken inhaltlich unbestimmt.
  • Im Bereich der Nanoelektronik gilt es für die ethische Fragestellung „Autonomie“ die mögliche Bedrohung der Privatheit und die Erweiterung der Überwachungs- und Kontrollmöglichkeiten zu untersuchen. In Bezug auf die Verteilungsgerechtigkeit sind mit der nanotechnologischen „Revolution“ auch Auswirkungen auf die digitale Spaltung geben.
  • Im Bereich der Nanobiotechnologie könnte die Autonomie von Selbstorganisationsprozessen gerade dazu führen, dass sie außer Kontrolle geraten. Die Umwelt wird eventuell durch „grey goo“ oder „green goo“ gefährdert. Insgesamt steigt das Unsicherheitspotential durch die technische Nutzung von selbstorganisierenden Prozessen, die auch entweichen und sich selbsttätig weiter entwickeln können.
  • Die Nanomedizin ermöglicht die Emanzipation des Menschen von seiner körperlichen Verfasstheit, dabei gibt es wiederum die für Technik typische Ambivalenz von möglichem Nutzen und möglichem Risiko in Fragen der Neuro-Invervention und des Human Enhancement. Es ist auch zu erwarten, dass der Zugang zu neuen Diagnosen und Therapien ungerecht verteilt sein wird.

Zu zwei Themenbereiche möchte ich noch etwas ergänzen:

Nachdem bereits in ca. 800 Produkten Nanoteilchen enthalten sind (eine kleine Auswahl gibt’s bei stern.de), warnt nun (Oktober 2009) das Umweltbundesamt vor dem Einsatz dieser Teilchen, weil noch zu wenig über ihre Wirkungsweise und Folgewirkungen bekannt ist. Grunwald macht darauf aufmerksam, dass eine eventuelle Kennzeichnungspflicht nicht ausreicht für einen verantwortlichen Umgang mit den Nanoteilchen, weil neben den Nutzern, die eventuell informiert zustimmen (das Produkt nutzen) auch andere nicht Informierte und nicht in die Entscheidung involvierte Menschen betroffen sein können (Grunwald 2008: 180). Im Vergleich zu den Katastrophenszenarien, die in Bezug auf die selbstreplizierenden Nanobots diskutiert werden („grey goo“), sind die eingesetzten Nanoteilchen aber vergleichsweise noch harmlos. Grunwald schätzt ein, dass wir uns hinsichtlich der Nanopartikel in einer Vorsorgesituation befinden (ebd.: 182), d.h. sie bringen „unklare Risiken“ mit sich, sind aber nicht lebend und haben kein Potential zur Selbstvermehrung. Das Vorsorgeprinzip beruht auf einem Fall-für-Fall- und Schritt-für-Schritt-Vorgehen. Es geht nicht um eine Grundsatzentscheidung: Machen oder nie machen, sondern es geht darum, ob ein bestimmter Stoff/eine bestimmte Handlung für eine bestimmte Anwendung, für einen bestimmten und begrenzten Zeitraum für bestimmte Überwachungs- und Managementaufgaben als sicher betrachtet werden kann. Das erfordert Überwachung, Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit.

Problematischer sieht es im Bereich der Nanobiotechnologie, bei welcher molekulare Vorgänge in biotischen Systemen wie Zellen und subzellulären Einheiten untersucht werden und der Synthetischen Biologie, die sich mit Konstruktion lebender oder lebensähnlicher Systeme, ausgehend von atomaren oder molekularen Bausteinen beschäftigt, aus (ebd.: 190 f.). Hier ist es das eigentlich gewünschte Potential zur Selbstorganisation, das umschlagen kann in eine unerwünschte Verselbständigung. Außerdem droht hier die Gefahr der Entwicklung neuartiger biologischer Waffen und des „Biohacking“.

Insgesamt ist das Feld der Nanotechnologie ein sehr schwieriges Feld der ethischen Beurteilung ihrer Entwicklungen, weil es inhaltlich so breit gefächert ist. Außerdem schwanken die Erwartungen über die zukünftige Entwicklung von revolutionärer Euphorie bis zum totalen Katastrophismus. Katastrophen wiederum werden von den einen erwartet, wenn die Nanotechnologie (vor allem ihre visionären Formen mit den Nanoassamblern) weiter entwickelt werden – andere wiederum warnen, dass die Katastrophe eintritt, wenn wir keine Nanotechnologie entwickeln. Außerdem steckt die Ethik in der Falle, was die Wissensvoraussetzungen betrifft:

„.. entweder beginnt Ethik frühzeitig und kann sich dann nur auf eine unzureichende Informationsbasis oder auf Spekulationen stützen, oder sie wartet, bis genügend Informationen zur Verfügung stehen – dann jedoch sind bereits in der Regel die Folgen eingetreten.“ ( ebd.: 350)

Was kann ethische Reflexion überhaupt beitragen bei der Orientierung in diesem unsicheren Feld von Handlungsnormierungen? Bei Grunwald lassen sich drei Aufgaben ableiten (ebd.: 319):

  1. Ethik kann reflektieren, welche Typen von Folgen aus den Konstruktionsprinzipien der Technik erschließbar sind.
  2. Ethik kann sich damit beschäftigen, welche Zwecke der Technikentwicklung überhaupt rechtfertigbar sind.
  3. Ethik kann sich mit den Mitteln auseinander setzen, die im Forschungs- und Entwicklungsprozess eingesetzt werden.

Man kann nicht konkret sagen, was herauskommen wird bei der möglichen Entwicklung einer Technologie, aber man kann Vertretbarkeit und Angemessenheit der Annahmen und Erwartungen, die in diese Forschungen einfließen, diskutieren. (ebd.: 329)

Zukunftsgestaltung

Armin Grunwald geht davon aus, dass Zukunft gestaltbar ist, d.h. nicht durch irgend eine interne Logik der Technikentwicklung vorherbestimmt. Deshalb ist eine gesellschaftliche Verständigung über angestrebte, gewünschte oder zu verhindernde Zukünfte notwendig (ebd.: 321). Hierfür stellt er zwei Methoden vor, von denen ich vor allem die erste ganz interessant finde:

Vision Assessment

Eine dieser Methoden ist „Vision Assessment“ (Google-Ergebnisse mit dieser Bezeichnung meinen etwas anderes). Hier geht das darum, Zukunftsaussagen hinsichtlich der Geltung ihrer Wissensbasis und der ethischen Hintergründe zu beurteilen. Das geschieht in Debatten zwischen Experten sowie zwischen Experten und Laien. Diese Debatte wird in drei Schritten durchgeführt: 1. Zukunftskritik, 2. Zukunftsbeurteilung und 3. Zukunftsprozessierung:

1. Zukunftskritik:

  • Aufdecken der kognitiven Gehalte der Visionen, epistemologische Beurteilung des Realitäts- und Realisierbarkeitsgrades
  • Untersuchung der Bedingungen der Realisierbarkeit und die dabei involvierten Zeiträume
  • Aufdeckung der in den Visionen enthaltenen Bestände an Wissen, Nichtwissen und Werten (= epistemologische Dekonstruktion)
  • Rekonstruktion des normativen Gehalts der Vision (Bilder zukünftiger Gesellschaft bzw. der Entwicklung der Menschen)

2. Zukunftsbeurteilung:

  • Einstufung der Wissens- und Nichtwissensanteile nach dem Realisierungs- und Realisierbarkeitsgrad, nach Plausibilität und Evidenz
  • Beurteilung der Rechtfertigungsstrukturen und Voraussetzungen relativ zu faktischen Wertstrukturen oder ethischen Prinzipien

3. Zukunftsprozessierung:

  • Welche Akteure sind beteiligt, wie sind Interessenlagen und Machtverhältnisse verteilt?
  • Wie lässt sich der bisherige Debattenverlauf rekonstruieren?
  • Welche alternativen Vorstellungen gibt es/ sind möglich?

Technology Foresight

Die zweite Methode ist Technology Foresight. Sie ist stärker ethisch orientiert und auf näher liegende und stärker kontextbezogene Zukünfte bezogen. Hier werden mittel- und langfristige zukünftige Technologie-Entwicklungen szenarienhaft eingebettet in allgemeingesellschaftliche Entwicklungen (ebd.: 337).

(Quelle)

Das Ziel besteht darin, für bestimmte Gestaltungsprobleme eine Zukunftsvision zu entwickeln, die als Leitbild für die weitere Entwicklung dieses Ausschnitts dienen kann und soll (ebd.).

Auf diese Weise begibt sich die Ethik aus den Studierstuben ins pralle reale Leben der gesellschaftlichen und technischen Entwicklung. Obwohl gerade die Bücher von Grunwald (siehe auch „Technik und Politikberatung“) nicht einfach zu lesen sind, sondern argumentativen und auch technischen Sachverstand herausfordern, werden wir nicht darum herum können, uns in diesen Prozess einzumischen, wenn die Zukunft nicht durch andere gestaltet werden soll. Der andere Ausweg, die Komplexität der Welt zu reduzieren, wäre zu langweilig…

Zum Weiterlesen

Advertisements