Wenn Kritische Psychologie nicht nur mit einer beliebigen Gesellschaftstheorie, sondern mit einer Theorie mit kapitalismuskritischem Anspruch verbunden ist, entsteht die Frage, in welcher Weise die Kritik zur Vorstellung einer alternativen Vergesellschaftung führt bzw. sie voraus setzt.

Das Utopiethema kam auf der Ferienuni „Kritische Psychologie“ mehrmals zur Sprache.

So sagte eine Diskutantin in einer Podiumsdiskussion, dass es in der politischen Arbeit darauf ankommt, Interessengegensätze zum Beispiel von Arbeitern in unterschiedenen Regionen, die gegeneinander ausgespielt werden, so zu vermitteln, dass man sich auf etwas Gemeinsames bezieht und das könne dann in einem größeren, weiter reichenderen Ziel bestehen. Außerdem wirkt ein größeres Ziel auch als Maßstab für kleinere Schritte auf dem Weg dahin. (Wenn man in die falsche Richtung geht, kommt man nie an…). In einem anderen Workshop wurde ähnlich argumentiert: Stefan Mz. meinte, das wir auch in den Projekten innerhalb der noch vorherrschenden Realität durchaus eine Vorstellung brauchen, in welcher Weise die Bedingungen grundsätzlich anders beschaffen sein müssen, um ein anderes Verhalten nicht zu determinieren, aber nahe zu legen und nicht derart zu behindern, wie es unter den gegenwärtigen strukturellen Verhältnissen geschieht.

Stefan nannte die unterschiedlichen Logiken, denen die jetzt vorherrschenden und die Emanzipation ermöglichenden Strukturen unterliegen: Exklusionslogik (eigene Interessen lassen sich strukturell nur gegen die Interessen der Anderen durchsetzen) und Inklusionslogik (je meine Interessen kann ich befriedigen im Miteinander mit den anderen, Stefan formulierte an einer Stelle: „Ich beziehe mich auf den anderen als die Voraussetzung meiner Entfaltung“).

Zu gesellschaftlichen Strukturen, die solch ein Handeln nahe legen, machte Stefan Mz. grundsätzliche Aussagen, die sich aus der Kritik der kapitalistischen Verhältnisse ergeben, wenn man nicht zurückfallen will in nur unmittelbare soziale Formen. Es geht um eine Assoziation, in welcher die freie Entwicklung eines jeden die Voraussetzung für die Entwicklung aller ist (was nicht als normativierender „Imperativ“ zu verstehen ist, weil der Inhalt der Aussage ja geradezu Normativierung unmöglich macht).

Mit welchen Kategorien wären solche Verhältnisse zu bezeichnen? Stefan nannte in Anlehnung an Marx folgende Bestimmungen:

  • Unmittelbar gesellschaftliche Produktion
  • Personal-konkrete Vermittlung

Das sind nun auch Kategorien, deren Verständnis sich nicht unmittelbar erschließt und deren Begründung und Erklärung ich hier nicht leisten will (vielleicht verlinkt jemand vorhandene Texte dazu?). Auf keinen Fall jedoch beinhalten sie in dieser Form ein „Auspinseln der Verhältnisse“. Sie sind auch nicht normativ in dem Sinne, dass man irgendwie fordern könnte: „Du musst aber unmittelbar gesellschaftlich produzieren“ oder „Du musst Dich personal-konkret vermitteln“. Sie beschreiben kategorial Verhältnisse, in denen ein sich gegenseitig instrumentalisierendes Verhältnis strukturell nicht nahegelegt ist, sondern ein intersubjektives. Dann bestünde auch nicht mehr das Problem, ein erwünschtes intersubjektives Verhalten gegen die strukturellen Bedingungen dann doch immer wieder beinah normativ fordern zu müssen.

Okay, ich hör an dieser Stelle dazu auch auf. Auf dem eben genannten Workshop jedenfalls kamen dann Positionen, die für mich verwunderlich waren: Es wurde ablehnend auf die Vorschläge von Stefan reagiert, weil „man Utopien nicht inhaltlich bestimmen könne, bevor sie da sind“, „weil es sonst normativ wirkt“. Für mich ist aber bereits jetzt die Situation da, dass ich mich nur dann motiviert gesellschaftskritisch verhalten kann, wenn ich eine Vorstellung über die andere Möglichkeit einer gesellschaftlichen Vermittlung habe. Der Bezug auf Motivation kommt hier nicht von ungefähr, sondern Motivation ist bei Klaus Holzkamp bestimmt als „emotionale Wertung zukünftiger Situationen am Maßstab der gegenwärtigen Situation“ (Grundlegung S. 263). Wie soll ich eine zukünftige Situation werten, wenn ich sie nicht antizipieren kann? Es gibt übrigens bei Ernst Bloch die interessante Unterscheidung zwischen „Prognose“ und „Antizipation“: Während eine Prognose auf Grundlage von geltenden Gesetzmäßigkeiten erstellt wird, bezieht sich die Antizipation auf das Durchbrechen der geltenden Gesetzmäßigkeiten.

Wenn Morus M. sagte, die Kritische Psychologie sei erst einmal nur die Theorie für kapitalistische Verhältnisse, so muss das meines Erachtens nach auch die über den Kapitalismus hinaustreibenden Antizipationen beinhalten, denn die kommen nicht von außen normativ auf ihn zu, sondern stecken in den Aussagen über den kritisierten Gegenstand bereits drin. Wenn ich von Ausbeutung spreche, ist die antizipierte Utopie Nicht-Ausbeutung, wenn ich von Unterdrückung spreche, dann ist es Nicht-Unterdrückung, wenn ich von sachlich-unpersönlicher (abstrakter) Vermittlung zwischen den Individuen spreche, dann ist es die persönliche (konkrete) Vermittlung (was nicht identisch ist mit dem Zurückfallen in nur unmittelbare Beziehungen).

Nun haben wir tatsächlich ein Problem: Weil sich unter diesen Kategorien tatsächlich kaum jemand etwas vorstellen kann, gibt es die verschiedensten Versuche, konkreter zu werden. Beispielhaft kann der Verweis auf die Produktionsweise der Freien Software genannt werden (wo globale arbeitsteilige Kooperationen gelingen, ohne dass sie über Kapital vermittelt sind). Menschen, die in konkreten Bereichen aktiv sind, brechen die Kategorien natürlich für sich auch herunter: Menschen in Umsonstläden oder bisher unvernetzten Kommunen und Alternativbetriebe haben dann die antiziperte utopische Vorstellung von dezentral verteilten, aber vernetzten hochtechnisierten Produktionswerkstätten, in denen bedürftige Menschen in gemeinsamer Abstimmung für sich und verallgemeinerte Andere benötigte Produkte herstellen. Das geht dann schon mal in Richtung eines „Ausmalens“ – im Workshop, von dem ich hier berichte, habe ich davon aber nichts gefunden.

Die damit verbundene Frage ist, ob jedes Messen eines Ziels an einem umfassenderen Anliegen, deren Grundgehalt benannt wird, automatisch eine Anwendung von Normativität ist. Ich denke, das wäre ein kurzschlüssiges Denken, das außer Acht lässt, wie konkrete Utopien (im Blochschen Sinne) vermittelt sind. Es gibt nicht nur die Alternative: normative Utopie – keine Utopie.

Zum Verhältnis von Kritik und Utopie muss natürlich festgehalten und wohl auch immer wieder betont werden, dass es berechtigt ist, als Utopie nicht normativ ein abstraktes Sollen dem Sein gegenüber zu stellen. Das Problem besteht dann darin, in der Kritik entweder ein nur negatives Verhältnis zu unterstellen (wobei dann unbestimmt bleibt, warum das Gegebene nicht als alternativlos unterstellt wird) oder eben, dass die Vorstellung, die Möglichkeit, die Antizipation einer anderen Möglichkeit in einer immanenten Kritik vorausgesetzt ist.

Jochen K. brachte häufig auch die interessante Bezeichnung „kleine Utopien in Echtzeit“ ein. Klar, die brauchen wir auf jeden Fall. Ich hoffe auf die „kleine Utopie in Echtzeit“, dass auch schon Auseinandersetzungen über die richtigen Ziele, Strategien und Wege in eine lebenswerte Zukunft nicht nur auf eine in der bürgerlichen Gesellschaft nahe gelegten Weise der gegenseitigen Beschuldigungskultur stattfindet, sondern wir uns hier entscheiden, so weitgehend wie möglich einander in unseren Intentionen und Inhalten ernst zu nehmen.

Stefan machte mich übrigens in einem kurzen Gespräch darauf aufmerksam, dass in Morus Markards „Einführung der Kritischen Psychologie“ etwas zum „utopischen Gehalt“ der Kritischen Psychologie ausgeführt ist. Da ich hier (beim Schreiben des Textes) auf einem Gang in der FU herum sitze, kann ich das grad nicht nachlesen…

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