Die folgenden Blogeinträge sind keine direkten Berichte von der Ferienuni „Kritische Psychologie“, sondern machen einige Probleme zum Thema, die mich sehr interessieren. Nachdem auf einem der Workshops ein Referent nach seinem Beitrag von einem Vertreter der Kritischen Psychologie ziemlich vorwurfsvoll gesagt wurde: „Was du hier machst, ist keine Psychologie“ möchte ich deutlich machen, dass ich das hier auch nicht mache. Ich beziehe mich auf die Unterscheidung der 4 Theorieebenen, die Klaus Holzkamp für die Einordnung seiner „Grundlegung der Psychologie“ verwendete, die ja auch nicht direkt „Psychologie“ ist, sondern eben deren kategoriale Grundlegung (dies erklärt die Unterscheidung der beiden Ebenen an der Spitze der Pyramide). Mich interessieren nun die Bezüge der Grundlegung der Kategorien zur gesellschaftstheoretischen und zur philosophischen Ebene, jeweils anhand von Problemen, die auf der Ferienuni aus meiner Sicht aufgeworfen wurden.

Diese unterteile ich in folgende Abschnitte:

1 Verhältnis Kritische Psychologie zur Gesellschaftstheorie und –kritik
1.1 Zum Verhältnis von Gesellschaftstheorie und Subjektwissenschaft
1.2 Hat die Kritische Psychologie einen Utopiebezug?

2. Philosophische Probleme der Kritischen Psychologie
2.1 Dialektik
2.1.1 Wann ist Dialektik die angemessene Methode?
2.1.2. Einheit von Identität und Unterschied

2.2 Herausforderungen im Zeitalter der Posteinheitlichkeit
2.2.1 . Antiessentialismus
2.2.2 Methodenpluralität
2.2.3 Subjektbestimmung: klassisch-dialektisch oder poststrukturell?

3. Verhältnis zu anderen Konzepten/Theorien?

Diese Texte gelten natürlich wie immer als Einladung für einen weiteren Austausch mit Interessierten. (gerne heute auch noch direkt vor Ort, das heutige Thema ist besonders sensibel, wo ein direktes Gespräch immer noch das Beste ist)

Ich möchte mich hier nicht lange auslassen über die mir auch nur aus Erzählungen bekannte Herkunft der Kritischen Psychologie aus der emanzipativen Bewegung, insbesondere der Studentenbewegung der Ende-60er/70-er Jahre. Was mich noch näher interessieren würde, ist die Darstellung dieser Frühzeit in Verbindung mit sog. „Kinderkrankheiten“, die Morus Markard am Dienstag in seinem Einführungsvortrag vorlegt. Darin sprach er von einer „politischen Überdeterminierung“ in der damaligen Zeit. Das wird auch bei meinem heutigen Thema eine Rolle spielen.

1.1 Zum Verhältnis von Gesellschaftstheorie – Subjektwissenschaft

Das zeigt schon, dass das konkrete Verhältnis von Kritischer Psychologie und Gesellschaftstheorie zu jeder Zeit und von den jeweils beteiligten immer wieder neu bestimmt wird. Bei den Veranstaltungen, an denen ich teilnahm, erlebte ich, dass auch heute der Umgang damit – zumindest in der konkreten Praktizierung, wenn vielleicht auch nicht in den gedruckten Texten – nicht einheitlich ist. In Workshop mit Stefan Mz. jedenfalls wurde mehrmals vehement kritisch eingeworfen, dass er die kritisch psychologischen Begriffe wie restriktive und verallgemeinerte Handlungsfähigkeit unzulässig „geschichtsphilosophisch auflade“. Er projiziere gesellschaftstheoretische Aussagen in die Kritische Psychologie hinein.

Die Einforderung einer Einheit von Subjektwissenschaft und Gesellschaftstheorie wurde wegen der Gefahr eines „Kurzschlusses“ zurück gewiesen und immer wieder auf den „unaufhebbaren Unterschied“ beider verwiesen. Das Angebot, Unterschied und Einheit nicht nur formal logisch zu denken, sondern dialektisch (siehe 2.1.2.), wurde zumindest hier im Gespräch nicht angenommen – womit gezeigt ist, dass die nächste Ebene, die Philosophie, einbezogen werden muss (genau genommen: „müsste“, weil es hier keinen Raum dafür gab und bisher nicht zu sehen ist, dass es überhaupt als Problem wahrgenommen wird („Das sagt mir nichts. Das interessiert mich nicht“ hörte ich mehrmals).

Zum Vorwurf, Stefan projiziere gesellschaftstheoretische Aussagen in die Kritische Psychologie hinein, kann man schon feststellen, dass das in der durch die Bedingungen aufgenötigten Kürze der Darstellung (die auch noch häufig durch kritische Zwischeneinwürfe gestört wurde) so geklungen haben mag. Soll das aber heißen, man könne Kritische Psychologie völlig ohne Bezugnahme auf gesellschaftstheoretische Aussagen machen? Wann ist etwas eine akzeptierte Bezugnahme und wann ein „Hineinprojizieren“? Inhaltlich gehe ich darauf bei der „Utopie-Frage“ (1.2) noch mal ein. Wahrscheinlich ist es einfacher, das Gesellschaftliche in andere Theorien auszulagern (Marxismus, Bordieu…) und dann schön fachbereichsgetrennt behandeln zu lassen, als die innere Bezugnahme spezifischer gesellschaftstheoretischer Annahmen mit den Kategorien der Kritischen Psychologie zu diskutieren.

Man muss tatsächlich unterscheiden, wann man über mögliche Veränderungen innerhalb des Marxismus diskutiert (was Stefan Mz. hauptsächlich gemacht hat) und dann als davon unterschiedene (nicht getrennte ;-)) Frage thematisieren, ob diese Veränderungen jeweils etwas für die Kategorien der Kritischen Psychologie bedeuten und wenn ja, was. Mit einer solchen Unterscheidung wird hoffentlich der Vorwurf von Morus M. entschärft, der in dem Vorgehen von Stefan nur eine Wiederholung der alten Kinderkrankheit der Kritischen Psychologie (womit er wohl die „politische Überdeterminierung“ meint) sah und sich deshalb dagegen wehrte, dies auch zur „Alterskrankheit“ werden zu lassen. Trotzdem würde das Aufbauen einer trennenden Mauer zwischen Subjektwissenschaft und Gesellschaftstheorie gerade der Grundintention der Kritischen Psychologie entgegen stehen. Morus M. betonte einst die Notwendigkeit der Überwindung der Trennung selbst:

„Handlungsfähigkeit ist eine Kategorie zur Vermittlung objektiv-ökonomischer Sachverhalte und subjektiver Lebensnotwendigkeiten, eine Kategorie, mit der die übliche psychologische und sozusagen gut-bürgerliche Trennung dieser beiden Aspekte menschlicher Existenz überwunden werden soll.“ (Morus Markard, auf dem 4. Kongreß Kritische Psychologie 1997, siehe in Argument-Sonderband AS 254, S. 162)

Es ginge nun darum zu schauen, wie eine Veränderung im Bereich der Gesellschaftstheorie (deren Sinnhaftigkeit, Erklärungsgehalt und Wahrheitsanspruch und man natürlich auch explizit gesellschaftstheoretisch diskutieren muss, was hier im Workshop vor allem von Christina K. auch getan wurde) sich auf die Kategorien selbst und ihren aktuellen Umgang damit auswirkt. Ob das von Vertreter_innen der Kritischen Psychologie als zukünftige Aufgabe angenommen wird, blieb mir unklar. Aus meiner Sicht liegt hier eine echte Differenz auf der Ebene der Gesellschaftstheorie (innerhalb des Marxismus) vor und ich weiß auch nicht, ob die beteiligten Personen an einer weiteren Klärung dieser Differenz interessiert sind. Ich selbst sehe da durchaus Möglichkeiten, jeweils nicht nur das andere abzuwehren, sondern zu schauen, welche Grundidee dahinter steckt (und ggf. reinterpretiert werden kann), und ob das nicht weiterführend ist (Dialektik!).

Dieser Debatte im Workshop ging bereits eine schriftliche Auseinandersetzung voraus (von Stefan, von Morus (?)), die ich noch nicht lesen konnte. Deshalb kann ich bei beiden Hauptbeteiligten erst einmal nur von dem ausgehen, was sie im Workshop gesagt haben. Von mehreren Anwesenden wurde wahrgenommen, dass die eine Seite recht unwillig war, die Ideen und Argumente der anderen überhaupt interessiert und nicht primär abwehrend zur Kenntnis zu nehmen. Als das von einer Teilnehmerin angesprochen wurde, wurde eine Verteidigungshaltung eingenommen, anstatt in einer Weise zu reagieren, bei der man den Anspruch der subjektorientierten Vorgehensweise mal praktisch erlebt hätte.

Mir fiel auch auf, dass in diesem Workshop zwei Menschen, die ihren Beitrag direkt auch als Weiterentwicklungsvorschlag im Bereich der Kritischen Psychologie verstehen, nur jeweils 6 Minuten sprechen sollten, und dann auch angesichts der natürlich auftretenden Verkürzungen ziemlich harsch mit Kritik überhäuft wurden, während auf der Ferienuni Vertreter_innen ganz anderer Konzepte in Hauptpodien lange Vorträge halten konnten, und die kritisch psychologische Interpretation/Kritík/Re-interpretation dieser Konzepte für Teilnehmer_innen so gut wie nicht sichtbar wurde.

Beispiel: Zur Vorstellung des Konzepts von Bordieu als jener, die die sonst angeblich übliche Trennung von Individuellem und Gesellschaftlichem aufhebe, wurde in der Diskussion kurz gegrummelt: „Ich hätte ja da auch noch Kritik anzumerken“ und eventuell fand eine kritisch psychologische Analyse in einem der Workshops statt. Ich hab ja nun wirklich nix gegen Bordieu, aber auf einer Ferienuni zur Kritischen Psychologie möchte ich hören, wie die Kritische Psychologie diese äußerliche Trennung (von Individuum und Gesellschaftlichkeit) aufhebt und gerade an dieser zentralen Stelle eines anderen Konzepts nicht bedarf.

Zum Thema, wie ein unaufhebbarer Unterschied und eine unaufhebbare Einheit zusammen gedacht werden können (siehe das o.g. Zitat von M. Markard), siehe auch auf der philosophischen Ebene weiter unter 2.1.2.

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