Von den ca. 800 Produkten, in denen die besonderen Eigenschaften von Teilchen im Größenbereich von Nanometern genutzt werden, enthalten ca. 300 Nanosilber. Deshalb möchte ich mich hier doch noch etwas ausführlicher mit den Versprechungen und den Risiken der Verwendung von Nanosilber beschäftigen.

Es ist schon lange bekannt, dass Silber in feinstverteilter Form gegen verschiedene (nicht alle) krankheitserregende Bakterien wirkt und deshalb ist es medizinisch interessant als Wundauflage, als Beschichtung und als Desinfektionsmittel. Genau genommen kommen hier nicht die Silberatome selbst, sondern positiv geladene Silberionen. Im 18. Jahrhundert wurde vor allem Silbernitrat zur Wundversorgung eingesetzt und auch bei Augenentzündungen wurde darauf gesetzt. Auch für Brandwunden und bei Hauttransplantationen werden Präparate mit Silbersulfadiazin eingesetzt.

Neben dem Einsatz in der Medizin, aber basierend auf der antibakteriellen Wirkung, kommt Silber vor allem in Nano- und Mikrometergröße auch im Kosmetikbereich zum Einsatz. Silber wird weiterhin in Wasserfilterungs- und Wasseraufbereitungsanlagen sowie als Algenbekämpfungsmittel in Schwimmbecken verwendet.

Aber nicht nur diese Wirkung von Silber ist in der Diskussion. Wenn es um die medizinische Wirkung von Silber geht, sind noch zwei weitere Formen von Silber zu unterscheiden. Das ist zum einen das umstrittene Kolloidale Silber, über das auch im Wikipedia-Beitrag zu Silber schon ausgiebig diskutiert wird, und zum Anderen das Nanosilber.


Unterschiedliche Silberteilchen (Quelle)

Kolloidales Silber

Kolloide sind Teilchen, die in einem anderen Medium fein verteilt sind und eine Größe von 1 nm bis 10 mm besitzen. Bei kolloidalem Silber sind es Teilchen von 1 bis 100 nm Größe, die jeweils 1000 bis 1 Milliarde Silberatome enthalten. Es wird schon lange angenommen, dass kolloidales Silber gegen Bakterien, Viren und auch Pilze wirkt, obwohl der genaue Wirkmechanismus bisher nicht nachgewiesen werden konnte. Die Befürworter dieser Methode sprechen deshalb von einer „systemischen Wirkweise“. Problematisch ist, dass gerade aufgrund des Unwissens über die Wirkungsweise auch begründet angenommen und berichtet wird, dass der Einsatz von kolloidalem Silber wenigstens auch unerwünschte Wirkungen mit sich bringt, insbesondere während einer Schwangerschaft. Deshalb sind Hoffnungen auf Versprechungen und wahrscheinliche Gefährdungen genau gegeneinander abzuwägen. Im Arnzei-Telegramm wird eingeschätzt:

„Dem unbelegten Nutzen stehen bei längerfristiger oraler Einnahme erhebliche Risiken entgegen.“

Bilder über Menschen, die nach einer längeren Einnahme von (wahrscheinlich vor allem überdosiertem) kolloidalem Silber an Argyrie erkrankten, sind bei Esowatch zu sehen (verbunden mit weiteren Informationen und Links zum Thema). Ich möchte hier nicht weiter auf dieses Thema eingehen, sondern mich dem Nanosilber zuwenden. Das traditionelle kolloidale Silber muss dabei auch von einer neuen Form unterschieden werden: Es gibt auch Lösungen auf Nanosilberbasis, die sich von den anderen Kolloiden dadurch unterscheiden, dass sie wasserklar sind und keine Trübung aufweisen.

Nanosilber

Die genannte Wirkung von Silberionen gegen Bakterien, Pilze und Algen erhöht sich, wenn die Silberpartikel möglichst klein sind, denn dann vergrößert sich die Oberfläche im Verhältnis zum Volumen stark und es können in wässriger Lösung mehr Ionen abgegeben werden. Bestimmte Bakterien interagieren vor allem mit Nanosilberpartikeln der Größe 1 bis 10 nm (Quelle). Ein weiterer Unterschied von Nanosilber zu normalem Silber liegt in der höheren Mobilität. Nanosilber kann Zellmembranen durchdringen und im gesamten Körper verteilt werden.

Als Wirkungsmechanismen werden verschiedene genannt: Silberionen lösten Veränderungen an der Zellmembran aus, wodurch wichtige zelluläre Funktionen gestört werden. Sie verändern die Funktionsweise von Proteinen, indem sie sich an schwefel- und phosphathaltige Moleküle binden.

Es sind verschiedene Wirkungsmechanismen bekannt und diese Vielfalt begründet auch die Wirksamkeit für sehr viele und unterschiedliche Mikroorganismen. Sogar von der Form der Silbernanopartikel ist die Wirksamkeit abhängig. Wahrscheinlich ist Nanosilber, im Unterschied zu größeren Silberteilchen, auch gegen Viren wirksam.

Anwendungsbeispiele von Nanosilber (Quelle)

Im Wesentlichen geht es bei dem Einsatz von Nanosilber immer um seine Wirksamkeit gegen Bakterien und andere Organismen. Die umstrittenen Kolloide werden vor allem als „Nahrungsergänzungsmittel“ verwendet (in der BRD dürfen sie nicht als solche angeboten werden), Silber-Nanopartikel werden für die Wasseraufbereitung, auch in Kosmetika, Textilien (mit dem Vorreiter der Sport-Textilien und vor allem von Socken), Haushaltgeräten und Küchenartikeln verwendet. Auch Farben und Lacke (z.B. für den Einsatz in Krankenhäusern und öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln) werden mit Nanosilber versetzt. Computertastaturen werden damit ebenso hergestellt wie Baby-Schnuller. Lebensmittelverpackungen, Frischhaltebeutel und Kunstdarm-Wursthüllen sollen Lebensmittel schützen. Weichspüler mit Nanosilber bringen das Zeug besonders nahe an empfindliche Haut, auch für Babywäsche und Unterwäsche wird sie eingesetzt. In einem Kondom soll das Nanosilber gleichzeitig zur Empfängnisverhütung, Keimabtötung und als Gleitmittel wirken. Ein besonderer Fall sind „Pflanzenstärkungsmittel“. Die dürfen nicht „Pflanzenschutzmittel“ genannt werden, weil sie dann ein Zulassungsverfahren durchlaufen müssten. Also werden sie bloß als „Stärkungsmittel“ beworben. (Quelle) Auf der Website der Herstellerfirma wird dann ganz nebenbei (?) bemerkt, dass Kunden aus ihrem „Pflanzenstärkungsmittel“ noch ganz anderen Nutzen gezogen hätten: wie das Verschwinden von Fußpilz, Nagelpilz, Schuppenflechte usw. usf. (Quelle).

Risiken und Nebenwirkungen

Silber wird gerade wegen seiner toxischen Wirkung eingesetzt. Diese hat selbstverständlich nicht nur die gewünschte Wirkung. Die keimtötende Wirkung kann auch für Zellen höherer Organismen schädlich wirken und so wie auch die gewünschten Effekte im Nanobereich größer sind, so sind auch größere Risiken als mit normalem Silber zu befürchten. Schon das normale Silber ist in den USA seit 1977 als „prioritärer Umweltschadstoff“ eingeordnet. Es gilt dort als Biozid, ebenso wie Rattengift und Insektizide. Für Silber allgemein (nicht nur Nanosilber) ist bekannt, dass Tiere bei starker Einnahme Auswirkungen auf Atemorgane und Gehirnaktivitäten zeigen. Menschen mit erhöhter Silberaufnahme lagern Silber in ihre Membranen in, was sich in der für die Erkrankung „Argyrie“ bläulichen Verfärbung zeigt. Bei Menschen die aus beruflichen Gründen lange löslichen Silbersalzen ausgesetzt waren, zeigten sich Veränderungen an den Blutzellen und degenerative Prozesse in Leber und Nieren. Nun sind die verschiedenen „Verabreichungs-„Formen von Silber (Silbersalze, Silberkolloide, Silberionen) nicht einfach miteinander zu vergleichen und zu identifizieren. Während für normales Silber Grenzwerte existieren, so sind dabei die Spezifika von Nanosilber nicht berücksichtigt. Auch gibt es kaum Untersuchungen zur Wirkungsweise von Nanosilber. Da der Alltagseinsatz in vielen Bereichen aber bereits angelaufen ist, läuft quasi ein Großexperiment. Es gibt mittlerweile vielfältige Hinweise darauf, dass Nanosilber schädigend auf viele Zelltypen im Körper wirken kann, auch auf das genetische Material (Quelle: BUND).

Im Gesundheitsbereich muss neben den erwünschten Wirkungen des Nanosilbers davon ausgegangen werden, dass z.B. auch die Wundheilung durch die Behinderung des Wachstums gesunder Zellen verzögert werden kann. Ein weiteres Problem ist die Resistenzenbildung. Obwohl die Bakterien gegen Silberionen weniger schnell resistent werden als gegen Antibiotika, ist zu beobachten, dass es auch schon silberresistente Bakterienvarianten gibt (Quelle). Die Illusion, dass die scheinbar perfekte antibakterielle Allzweckwaffe (Nano-)Silber uns eine keimfreie Umwelt bescheren könnte, kann empfindlich erschüttert werden durch die Tatsache, dass die silberresistenten Bakterien durch den übermäßigen Silbereinsatz Wachstumsvorteile erlangen können.

Inzwischen wird empfohlen, auf den Masseneinsatz von niedrig konzentriertem Silber zu verzichten und nur für definierte Zwecke Silberionen in hohen Konzentrationen einzusetzen. Wohl aus diesem Grund wurde im Jahr 2006 vom schwedischen Apothekenverband der Verkauf von silberbeschichtetem Verbandsmaterial eingestellt.

Die Umwelt kennt Silber in Abwässern von Bergbauminen und aus der Verwendung von Silber als Photochemikalien. Durch strengere Umweltgesetze und wegen des Rückgangs der analogen Photographie verringerte sich diese Belastung und es konnte festgestellt werden, dass „viele Lebewesen erst wieder in den Gewässern überleben konnten, also die Silberbelastung zurückging.“ (Quelle) Nur Quecksilber ist in Gewässern giftiger als Silber. Und Nanosilber ist giftiger als Silbersalze. Die Entwicklung von Jungforellen wird beeinträchtigt, Kleinkrebse und Algen werden geschädigt und Mikroorganismen sind besonders betroffen. In der Nahrungskette reichert sich das Silber an. Vor allem die Jungstadien von Tieren (Eier, Embryonen, Larven) reagieren sehr empfindlich auf Nanosilber.

Jede Nanosilbersocke enthält ca. 0,02 bis 30 mg Silber. Dieses Silber wird bei vielen von ihnen nach nur vier Wachsgängen ins Abwasser gespült. Auch eine zur Bakterienvernichtung mit Nanosilber beschichtete Waschmaschine gibt in 15 Jahren die 10 Gramm Silber nach und nach ab, ca. 2,75 mg bei jedem Waschgang. In Schweden wurde eine solche Waschmaschine zeitweise vom Markt genommen und in den USA müssen Waschmaschinen mit Silberabgabe seit 2007 erst durch die Environmental Protection Agency (EPA) zugelassen werden. Dies gilt auch für andere Produkte, bei denen ausdrücklich mit dem Hinweis auf die antibakterielle Wirkung geworben wird – was natürlich leicht zu umgehen ist und mehr und mehr dazu führt, dass in immer mehr Produkten Silbernano eingesetzt wird, als bekannt wird.

Es wird angenommen, dass inzwischen 15% des Silberanteils im Rhein durch aus Nanosilberanwendungen stammt. Ein großer Teil des Nanosilbers, das mit Chloriden und Sulfiden Komplexverbindungen eingeht, gelangt in den Klärschlamm, von wo aus es auf die Anbauflächen gelangen kann. Dort kann es die mikrobiologische Basis angreifen. Es wurde festgestellt, dass vor allem die sehr kleinen Nanoteilchen am gefährlichsten sind (sie sind ja auch für die erwünschten Effekte die wirkungsvollsten). Andererseits kann das Nanosilber die Arbeit der wichtigen Bakterien in den Kläranlagen verhindern. Aufgrund der Befürchtungen negativer Auswirkungen von Nanosilber in der Umwelt beschloss die US-Umweltbehörde schon 1993, dass Silber für die Algenbekämpfung in Schwimmbecken nur mit behördlicher Genehmigung freigesetzt werden darf. Derzeit ist die Belastung der Umwelt mit Nanosilber im Vergleich zur Silberbelastung aus der Fotographie noch gering. Aber das wird sich ändern – ohne dass wir wissen, was für Nebenwirkungen zu tragen sein werden.

Wie üblich werden schon mal Märkte entwickelt, erschlossen, vorher erzeugte „Bedürfnisse“ befriedigt und Profite damit gemacht, während die Risiken der Umwelt bzw. der Gesellschaft aufgebürdet werden. Der BUND fordert wegen all den genannten Risikoursachen zunächst mindestens einen „Vermarktungsstopp für verbrauchernahe Anwendungen“. Für uns ist es wichtig darauf zu achten,

  • vor allem vor Nanopartikeln, die eingeatmet oder durch die Haut aufgenommen werden könnten (also in Sprays, Kosmetika, Textilien) auf der Hut zu sein,
  • Nano im Bereich von Lebensmitteln zu meiden und
  • selbstverständlich die Umgebung von Kindern von Nanoteilchen absolut frei zu halten.

Die Frage ist ja auch, ob es wirklich notwendig ist, die Existenz und jedweden Kontakt mit im Haushalt oder auf dem Körper eventuell vorhandenen Bakterien derart panisch zu vermeiden, dass der Einsatz von Nanosilber als Lösung so attraktiv erscheint. Absolute Keimfreiheit und geruchlose Sauberkeit – das hat nicht mehr viel mit Medizin und Gesundheit zu tun, sondern mit Marketing (Über das „Das Wachsen der mentalen Geruchsintoleranz“ siehe beispielsweise einen netten Blogbeitrag). Ich vermute, dass hier der edle Eindruck von Silber mit einem perfekten Sauberkeitsideal eine warenästhetische Allianz eingeht, die letztlich nichts mehr mit der Abwehr von möglichen Gesundheitsgefahren durch Bakterien zu tun hat. In einer Welt, in der Menschen wegen Schweißgeruch sogar gekündigt werden können, ist das naheliegend.


Nachtrag 2016: Dieser Beitrag ist bereits über Jahre hinweg der am meisten aufgerufene Beitrag in meinem Blog. Anscheinend sorgen sich viele Menschen, wie Sie bzw. Du über Gefahren, die von Nanosilber ausgehen.

Wird da nicht etwas übersehen? Haben wir nicht ganz andere Probleme? In den nächsten Jahrzehnten werden mit ziemlicher Sicherheit ganz andere Probleme auf uns zukommen. Übersehen wir die nicht! Was ich meine? Steht unter dem Stichwort „Planetare Grenzen“


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