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Ausbremsen der Photovoltaik durch das Energiekonzept


Das Misstrauen gegen den „Atomkonsens“ der Antiatom-Bewegung war mehr als berechtigt. Dies zeigen die derzeitigen Bemühungen, eine Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke durchzudrücken. Eins der Haupt“argumente“ ist dabei, dass nur Kernkraft niedrige Energiepreise sichere.

Inzwischen wird gar nicht mehr gestritten, ob es eine Laufzeitverlängerung geben soll, sondern „nur“ noch über den Zeitraum (8 (Umweltminister Röttgen) oder 12-20 Jahre (Wirtschaftsminister Brüderle)). Heute will die Kanzlerin vermitteln.

Um selbst zu Wort zu kommen, bietet sich für uns die geplante Großdemonstration am 18.9. in Berlin an.

Hier aber will ich etwas tiefer in das Thema einsteigen und schildern, warum für die Durchsetzung einer auf Erneuerbaren Energien basierende Energieversorgung nicht nur die sog. „Grid Parity“ wichtig ist, sondern welche anderen ökonomischen Effekte dafür sorgen, dass bereits gar nicht so enorme Mengenanteile von Erneuerbaren Energien eine Hebelwirkung für eine Energiewende haben können und warum die Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke genau diese Hebelwirkung zu blockieren droht.

Grid-Parity als magische Marke?

Das Thema „Grid Parity“ habe ich schon einmal im Blog erwähnt. Wenn der Preis für Solarstrom im Laufe der Zeit sinkt (was aufgrund der technologischen Kostensenkung und Massenproduktionseffekten geschieht) und der konventionelle Strom teurer wird, schneiden sich die beiden Preiskurven und Solarstrom.

Grid parity: Preis von PV-Strom trifft Preis des konventionellen Stroms (Quelle: BSW-Solar)

Diese Situation wird dann häufig so dargestellt, als wäre das Erreichen der Grid Parity gleichbedeutend mit einer allgemeinen Wettbewerbsfähigkeit der Solarenergie, was nicht ganz stimmt. Über andere Probleme der Gridparität wird z.B. hier berichtet. Eine andere Argumentation dazu:

„Die „Grid Parity“ ist eine Luftnummer. Je mehr Solaranlagen es gibt, desto mehr sinkt der Strompreis. Das senkt den Erlös, und damit können dann die Erzeugungskosten nicht mehr gedeckt werden.“ (S. Bode, zit. In PHOTON August 2010, S. 28)

„Strom kostet weniger als nichts“

Etwas anderes ist viel interessanter: Es kam bereits zu Situationen, wo die Verwendung erneuerbarer Energien zu einer paradoxen Situation geführt hat. In einigen Stunden des Tages 27.12.2009 kostete der Strom weniger als nichts. Das sieht man an der Preiskurve der neu eingerichteten Leipziger Strombörse:

Bereits am 4. Oktober 2009 wurde in den frühen Morgenstunden kaum Strom benötigt, aber starker Wind erzeugte so viel Strom, dass der Großhandelspreis für Strom unter Null sank. Strom war nicht mehr knapp, sondern überreichlich vorhanden! Damit entstand die paradoxe Situation, dass die Kunden nix bezahlen mussten, sondern sogar noch Geld bekamen für die Abnahme von Strom. Pumpspeicherkaftwerke profitierten davon und es sollen auch riesige Ventilatoren zur Kraftwerkskühlung mit solchem Strom betrieben worden sein. (Beneking, PHOTON August 2010) Im Jahr 2009 gab es 71 Stunden lang negative Strompreise, wobei 50 Millionen Euro verschenkt wurden!

Der Merit-Order-Effekt

In den letzten beiden Jahren veränderte sich das Bild der Spotmarktpreise für Strom an der Leipziger Strombörse systematisch. Während es vorher selbstverständlich war, dass es in der Mittagszeit ein Hoch des Strompreises gab, flachte das Hoch in den Jahren 2009 und 2010 vor allem im Sommer deutlich ab (dies ist in den Abbildungen der PHOTON vom August 2010 deutlich zu sehen).
Bild aus PHOTON Aug. 2010, S. 22

Wie entstehen solche Kurven? Das Prinzip, das dahinter steckt, ist in der Wirtschaft bekannt als Merit-Order (Wertreihenfolge). Es strukturiert (u.a.) die Strompreisbildung im liberalisierten Strommarkt. Die Merit-Order-Preisbildung wird folgendermaßen erklärt (eine ausführliche Erläuterung gibt’s hier):

Die Kraftwerke erhalten, beginnend mit dem niedrigsten Preis, von der Börse einen Zuschlag, bis die prognostizierte Nachfrage gedeckt ist. Das letzte Gebot, das noch einen Zuschlag erhält, bestimmt den Strompreis, der dann für alle zustande gekommenen Lieferverträge bezahlt wird. Der Preis für Strom wird also durch das jeweils teuerste Kraftwerk bestimmt, das noch benötigt wird, um die Stromnachfrage zu decken.

Dadurch werden Kraftwerke, die teurer produzieren als andere, auf Dauer vom Markt gedrängt. Insgesamt wird 17% des europäischen Stroms an der Leipziger Strombörse European Energy Exchange AG (EEX) gehandelt und auch die außerbörslichen Stromgeschäfte orientieren sich mittlerweile an den dort ausgehandelten Preisen.

Seit September 2008 dürfen auch negative Preise angeboten werden, denn es ist für Anbieter unter bestimmten Bedingungen häufig günstiger, die Kunden für die Stromabnahme zu bezahlen, als die Produktion zu drosseln! Daraus erklärt sich der oben genannte paradoxe Effekt, dass Strom manchmal weniger als nix kostete. Diese zu Marktparadoxien führenden Bedingungen haben mit den erneuerbaren Energien zu tun:

Nun also zur Bedeutung dieses Mechanismus für den Strom aus erneuerbaren Energien:

Die Kosten, die hier die jeweiligen Preise bestimmen, sind nicht einfach Stromgestehungskosten, sondern sog. „Grenzkosten“, also die Kosten zur Erzeugung einer weiteren Einheit des Produkts (Strom). Und jetzt kommts:

Erzeuger für Strom aus erneuerbaren Energien haben keine variablen Kosten für Rohstoffe, aus denen sich diese Grenzkosten vor allem zusammen setzen. Deshalb verschiebt sich die Grenzkurve nach rechts, wenn sich (grenz-)kostengünstiger Strom aus erneuerbarer Energie ins Angebot drängt und dies bedeutet, dass die Einspeisung von solchem Strom die Strompreise senkt.


Bild aus PHOTON Aug. 2010, S. 26

Es wurde abgeschätzt, dass allein im Jahr 2008 alle erneuerbaren Energien zusammen den täglichen Preis am Spotmarkt um 0,6 bis 0,8 Cent je Kilowattstunde verbilligt haben. (Beneking: 23) Den größten Mengeneffekt dabei hatte die Windkraft, die Solarenergie hat aber den großen Vorteil, dass sie vorrangig in der Hauptverbrauchszeit gegen Mittag anfällt. Deshalb konnte gerade sie im Sommer die Stromkostenspitzen gegen Mittag abflachen. Auf diese Weise erhält die Solarenergie unabhängig von ihrem mengenmäßigen Anteil (nur im einstelligen Prozentbereich) eine besondere Hebelwirkung. (vgl. auch hier)

Um die verrückte Situation, dass man als Stromkunde noch Geld dazu bekommt, nicht ausufern zu lassen, wurden natürlich schon wieder Bremsen eingebaut (Stichwort: „Ausgleichsmechanismus-Ausführungsverordnung“ vom Februar 2010), aber das soll uns hier nicht weiter interessieren. (Wenn Marktwirtschaft irrsinnig wird, wird eben politisch nachreguliert.)

In Bezug auf die Stromquellen wird erwartet, dass in ca. drei Jahren im Sommer Kernkraftwerke abgeschaltet werden müssen (was ca. eine Woche dauert!), um den Solarstrom aufzunehmen. (Vorher trifft es natürlich die teureren Kohle- u.a. Kraftwerke, weil der Merit-Order-Effekt auch die Kernkraft bevorzugt).

Das weiß die Kernkraftwerkslobby natürlich besser als wir und deshalb werden sie alles daran setzen, solche Abschaltungen zu verhindern. Mit der jetzigen Laufzeitverlängerung setzen sie dafür die „Sachzwänge“. Die Sachlogik wird dann selbstverständlich so aussehen, dass sich ihre Kraftwerke nicht mehr rentieren, wenn sie wegen dem Strom aus erneuerbaren Energien nicht mehr ausreichend genutzt werden und das führt dann zu politischen Anstrengungen den Strom aus erneuerbaren Energien zu begrenzen. (siehe Studie „Atomkraft blockiert den Ausbau erneuerbarer Energien” von LichtBlick)

Ein tatsächliches Problem besteht noch darin, dass auch flexible Kraftwerke (Gas- und KWK-Kraftwerke), die zum Abfedern der unregelmäßigen erneuerbaren Energien nötig sind, unter solchen Bedingungen weniger Einnahmen versprechen. Hier müsste unterstützend eingegriffen werden, statt Kernkraftwerkslaufzeiten zu verlängern.

Außerdem muss das Problem einer Umgestaltung des Stromnetzes und der Speicherung gelöst werden, und jede Laufzeitverlängerung für Kernkraft verzögert diese strukturell unbedingt notwendige Neuausrichtung.

Schauen wir uns zum Abschluss, weil ja das Preisargument von der Atomlobby derzeit strapaziert wird, die Kostenperspektiven der erneuerbaren Energien im Vergleich zu den konventiellen an:

Da besteht dann wohl keine Frage mehr nach der Zukunftsfähigkeit dieser Alternativen.

Entweder- Oder, jetzt entscheidet es sich!

Problematisch ist nun vor allem, dass die angedrohten Laufzeitverlängerungen der KKWs diese Zukunft zu blockieren drohen. Außerdem, darauf deuten vor allem entsprechende Entwicklungen in Großbritannien hin, wird an politischen Interventionen im Sinne einer „Energieplanwirtschaft“ im Interesse der traditionellen Großkonzerne gearbeitet. Beim BMU heißt das (gegenüber PHOTON geäußert und dort auch zitiert):

„Die Einführung von weiteren Kapazitätselementen stellt eine interessante Option für die Ausgestaltung der Transformation des Energiesystems dar.“

Dies geschieht ausgerechnet jetzt, wo allen Unkenrufen zum Trotz die Erneuerbaren Energien sich auf einem liberalisierten Markt durchzusetzen versprechen. Ein bekanntes Spielchen im real existierenden Kapitalismus: Wenn der Markt nicht das realisiert, was gewünscht wird, setzt man ihn halt außer Kraft.

Es geht also beim Kampf gegen Kernenergie nicht bloß um ein oder zwei Kraftwerke mehr oder weniger, um einen Castortransport mehr oder weniger oder um die konkreten Gefahren, die innerhalb der verlängerten Laufzeiten auflaufen werden und den zusätzlichen Müll – es geht um grundsätzliche Weichenstellungen, um die jetzt zu ringen ist. Der Markt alleine wird es nicht richten und in die Politik müssen wir uns selbst einmischen, wenn wir nicht in Kürze vor vollendeten schlechten Tatsachen stehen wollen, gegen die dann aller politischer Aktionismus nicht mehr viel helfen kann.

Wie es weiter ging:

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