Dieser Text will eine Frage aus einem Gespräch mit C.S. aufgreifen, das wir letzte Woche geführt haben:

Wer beginnt, die Hegelschen Originaltexte zu lesen, hat es schwer. Und wer nicht mit der „Phänomenologie des Geistes“ beginnt, sondern mit der „Wissenschaft der Logik“ macht es sich noch schwerer, gelangt aber schneller zum Kern des Hegelschen Philosophierens. Worum geht es hier? Wer unter „Logik“ etwas versteht, was in seiner „Struktur unabhängig vom konkreten Inhalt“ sein soll (Wikipedia zu „Logik“), muss bei Hegel umlernen: In der Hegelschen Logik geht es immer um Inhalte, niemals nur um die formale Hülle. Trotzdem ist die Logik eine Art Metatheorie, also eine Theorie über das Denken von Dingen, Ereignissen oder Prozessen der Welt. Es geht um unser Denken über die Welt, nicht die Weltgegebenheiten selbst.

Hegel kennt zwar in seiner Untereilung der Logik neben der „Lehre vom Wesen“ und der „Lehre vom Begriff“ auch eine „Lehre vom Sein“, aber auch dieses „Sein“ beschreibt nicht einfach die sinnlich wahrnehmbaren Dinge da draußen in der Welt, sondern es steht für die Möglichkeit zu denken, dass etwas ist bzw. dass etwas bestimmt ist durch etwas anderes. Es geht um die Art und Weise des Denkens von solchen Beziehungen.

Hegel formuliert in der Vorrede zur zweiten Ausgabe der „Wissenschaft der Logik“ seine selbstgestellte Aufgabe: Es geht darum, „[d]as Reich des Gedankens philosophisch, d.i. in seiner eigenen immanenten Tätigkeit oder, was dasselbe ist, in seiner notwendigen Entwicklung darzustellen.“ (HW 5: 19).

Es geht also nicht um die Entwicklung von real existierenden Bäumen, Tiergattungen oder menschlicher Gesellschaften, sondern die „notwendige Entwicklung“ im „Reich des Gedankens“. Wodurch unterscheidet sich dieses „Reich der Gedanken“ von dem real Existierenden? Im real Existierenden ist vieles zufällig, aber Hegel möchte das begreifen, was unter der erscheinenden Oberfläche von zufälligen Wechselbeziehungen im tieferen Inneren – im Wesenskern – notwendigerweise miteinander zusammenhängt.

„In der Vorstellung haben wir eine Sache vor uns auch nach ihrem äußerlichen, unwesentlichen Dasein. Im Denken hingegen sondern wir von der Sache das Äußerliche, bloß Unwesentliche ab und heben die Sache nur in ihrem Wesen hervor. Das Denken dringt durch die äußerliche Erscheinung durch zur inneren Natur der Sache und macht sie zu seinem Gegenstand. Es läßt das Zufällige einer Sache weg. Es nimmt eine Sache nicht, wie sie als unmittelbare Erscheinung ist, sondern scheidet das Unwesentliche von dem Wesentlichen ab und abstrahiert also von demselben.“ (HW 4: 214).

Wenn unsere Erkenntnis zu diesem Wesentlichen vorgedrungen ist, dann hat sie nicht nur irgend eine Beschreibung der Wirklichkeit, sondern hat den „Begriff“ als ihr Hauptresultat und Ziel erreicht. Das Verhalten und die Art und Weise der möglichen Beziehungen von etwas, das es zu erkennen gilt (also vom Gegenstand, der nicht dinglich-stofflich sein muss, sondern der z.B. auch ein gesellschaftliches Verhältnis sein kann) wird von dessen „innerer Natur“ bestimmt – aus dieser erklärt sich, begründet sich sein Verhalten, seine Möglichkeiten, seine Beziehungen. Diese „innere Natur“, aus der sich alles begründet, ist der „Begriff“ des Gegenstands.

Nun spricht Hegel auch oft über die „Sache“. Damit meint er nicht eine empirische Tat-Sache. Sondern die „Sache selbst“ ist für ihn der Begriff der Dinge (HW 5: 25). Immer wenn Hegel von der „notwendigen Entwicklung“ der Sache spricht, so meint er damit keine historische Aufeinanderfolge, sondern er redet bzw. schreibt über den Fortgang des Denkens in immer tiefere Wesenszüge.

Mit anderen Worten, z.T. eindeutiger erläutert dieses Vorgehen auch Johann Erdmann, ein Schüler von Hegel. Er sieht in der Logik die Wissenschaft von den Kategorien (Erdmann 1864, § 6) und versteht unter Kategorien die „Denkbestimmungen, welche ebensowohl subjective Gedanken als auch zugleich objective Verhältnisse der Wirklichkeit sind“ (Erdmann § 6:3). Die Gedanken und Begriffe sind ja nicht nur etwas Ausgedachtes, Subjektives, sondern wenn sie wahre Erkenntnisse über die wirkliche Welt sein sollen, so müssen sich in ihnen auch die „objektiven Verhältnisse der Wirklichkeit“ zeigen. Sie sind keine Konstruktionen vor aller Erfahrung, sondern sie setzen voraus jenen „konkrete[n] Kategorienvorrat, wie er als Resultat jahrtausendelanger Realitätsverarbeitung durch das menschliche Denken entstanden ist“ (Wagenknecht 1997: 98).

„Die in der „Logik“ entwickelten kategorialen Verhältnisse sind gerade darum von Interesse, weil in ihnen Grundstrukturen allgemeinster realer Verhältnisse zum Ausdruck kommen.“ (ebd.: 101)

Trotzdem wäre es voreilig, diese Grundstrukturen (z.B. die Aufeinanderfolge von Seinslogik, Wesenslogik und Begriffslogik…) allzu kurzschlüssig wieder 1:1 auf real-empirische Gegebenheiten zu projizieren und diese einem allgemeinen Schema zu unterwerfen. Wenn in der Logik Hegels eine Kategorie durch die darauf folgende negiert wird, so heißt das nicht, dass das, was empirisch unter der ersten Kategorie vorgestellt werden kann, historisch durch etwas, was unter der nächsten Kategorie vorgestellt werden kann, ersetzt wird. Auch wenn in der Aufeinanderfolge der Kategorien eine wesenslogische Kategorie nach einer seinslogischen entsteht und diese abgelöst wird durch eine begriffslogische Kategorie heißt das nicht, dass historisch zuerst das Sein entsteht, dann das Wesen und zum Schluss der Begriff die ganze Geschichte krönt. Kurzschlüssige Analogieschlüsse liegen zwar nahe (dem Sein könnte die Natur entsprechen, die zuerst entstand; dem Wesen könnten die gesellschaftlichen Klassengesellschaften entsprechen und dem Begriff die zukünftige klassenlose, freie und vernünftige Gesellschaft), aber genau solche willkürlichen Konstruktionen verleideten vielen Menschen die dialektische Philosophie. So einfach geht das nicht mit dem Zusammenhang von logischen Zusammenhängen und historischen

Denn, um es noch einmal mit Hegels Worten selbst zu betonen:

„Die Philosophie überhaupt hat es noch mit konkreten Gegenständen, Gott, Natur, Geist, in ihren Gedanken zu tun, aber die Logik beschäftigt sich ganz nur mit diesen für sich in ihrer vollständigen Abstraktion.“ (HW 5: 23)

Trotzdem ist diese Abstraktion nicht inhaltsleer. Die Inhalte kommen aber nicht aus der sinnlichen Wahrnehmung, nicht aus der Vorstellung – sondern sie werden gedacht. Es geht darum, Inhalte zu denken, ohne sich konkrete Dinge dabei vorzustellen. Natürlich stammen all die Gedankenbestimmungen, die Kategorien, letztlich aus den Erfahrungen, die die Menschen innerhalb ihres Tuns in der Welt machen. Aber die Gedanken sind nicht nur jeweils ein unmittelbares Abbild des gerade Erlebten, sondern sie entfalten ein Eigenleben. Dieses Eigenleben kann bei ungeübten Menschen ein ziemliches Durcheinander und inneres Kauderwelsch entwickeln. Aber es gibt auch gedankliche Zusammenhänge, die ohne ständige direkte Rückkopplung an die Realität miteinander logisch verbunden sind und um deren Nachvollziehen und Begreifen es der Hegelschen „Logik“ geht.

Etwas, das „wird“, kann gedacht werden als Einheit von etwas, das gleichzeitig „ist“ und „nicht ist“. Was das Etwas ganz konkret ist, braucht nicht immer wieder mit gesagt zu werden. Das „Werden als Einheit von Sein und Nichts“ ist eine ein logischer Zusammenhang. Er sagt inhaltlich etwas über das „Werden“ (das es die Einheit von „Sein“ und „Nichts“ ist), aber nichts darüber, welcher Gegenstand es ist, der da wird.

Die „Logik“ ist selbst nur einer der drei Teile der „philosophischen Wissenschaften“ – hinzu kommen (entsprechend der „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ (HW 8-10) noch die „Naturphilosophie“ und die „Philosophie des Geistes“, bei denen es um die Gegenstände „Natur“ bzw. „Geist“ geht.

Die „Logik“ selbst besteht auch aus drei Teilen, der „Seinslogik“, der „Wesenslogik“ und der „Begriffslogik“. Wer die „Logik“ studieren will, hat einen Vorteil: Sie wird von Hegel zweimal ausführlich erläutert. Die „Logik“ ist der Gegenstand der beiden Bände von „Wissenschaft der Logik“ (HW 5 und HW 6) und noch einmal des ersten Bandes der „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ (HW 8). Die beiden kann man parallel lesen und manchmal versteht man eine Stelle in der einen Version besser als in der anderen. Allerdings hat Hegel auch einiges verändert und daran kann man sehen, dass für Hegel sein System auch kein starres Heiligtum war, sondern sich inhaltlich mit fortlaufender Erkenntnis verändern lässt.

Mit C.S. geht es demnächst innerhalb der „Seinslogik“ weiter, vielleicht schreiben wir dann was dazu…

Literatur:

  • Erdmann, Johann Eduard (1864): Grundriss der Logik und Metaphysik. Halle.
  • Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (WHW 4): Nürnberger und Heidelberger Schriften. Auf d. Grdl. der Werke von 1832-1845 neu ed. Ausg. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag. 1990.
  • Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (WHW 5): Wissenschaft der Logik I. a.a.O.
  • Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (HW 6): Wissenschaft der Logik II. a.a.O.
  • Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (HW 8): Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Erster Teil. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.1986.
  • Wagenknecht, Sahra (1997): Vom Kopf auf die Füße? Zur Hegelkritik des jungen Marx oder das Problem einer dialektisch-materialistischen Wissenschaftstheorie. Bonn: Pahl-Rugenstein.

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