„Materie ist die Substanz der objektiv-realen Utopie“ (Bloch)

Jörg schlug (im Zusammenhang mit der Überarbeitung der „Gegenbilder“) vor, als philosophische Ausgangsbasis so etwas wie einen „Anarchistischen Materialismus“ zu erarbeiten. Meine Überlegungen dazu sind folgende:

Wenn wir uns fragen, was „Materialismus“ heute bedeuten kann, so müssen wir uns natürlich fragen, wogegen er sich abgrenzt.

Ich denke, Materialismus grenzt sich ab von der Vorstellung, dass die Welt und die Prozesse in ihr von einem äußerlichen Standpunkt a bestimmt werden. Materialistisch vorzugehen bedeutet deshalb, die Welt aus sich selbst heraus zu erklären. Eine weitere nichtmaterialistische Vorstellung ist es, wenn allein subjektive Willensentscheidungen darüber entscheiden würden, was geschieht. Der Materialismus hingegen betont, dass alles Ideelle, dessen Existenz er natürlich auch anerkennt, an etwas Vorgängiges gebunden ist. Bewusstsein ist nicht freischwebend, sondern ihr Ursprung ist etwas, das nicht Bewusstsein ist und sie ist Entwicklungsprodukt von etwas, das nicht selbst schon Bewusstsein ist, eben von „Materie“. Materie wird nicht nur dargestellt in anfassbaren körperlichen Dingen, sondern auch die gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen die Menschen ihr Leben leben, sind ihrem Denken und Wollen vorgängig und deshalb materiell.

Materie wie auch Bewusstsein werden als real betrachtet, sie existieren wirklich. Aber nur die Materie ist unabhängig vom Bewusstsein, das Bewusstsein aber ist nicht unabhängig von der Materie.

Eine materialistische Weltsicht geht davon aus, dass es materielle Prozesse schon lange gegeben hat, bevor Wesen mit Bewusstsein entstanden sind. Auf alle anderen denkbaren „geistigen Entitäten“ wie Götter oder etwas Geistiges, das dem Universum über- und vorgelagert ist, wird hier verzichtet.

Sobald die Menschen entstanden sind, ist natürlich in besonderer Weise darüber zu diskutieren, wie sich Bewusstsein (Geist) und Materie (materielle Verhältnisse, Prozesse…) zueinander verhalten.

Hier kommt nun ins Spiel, wie wir über Menschen denken. Wodurch ist das Menschsein bestimmt? Bewusstsein und Denken gibt es – auf jeden Fall auf einem bestimmten Niveau – nur für Menschen. Sprache zeichnet das Menschsein auch aus. Das sind auch so etwas wie „geistige Entitäten“. Nun könnte man einerseits annehmen, diese geistigen Entitäten seien für sich einfach so entstanden als „freischwebendes“ Spezifikum der Menschen oder man könnte auch annehmen, dass die moderne Biologie nachgewiesen habe, dass all diese Fähigkeiten ihr Fundament „ganz materiell“ in den Genen haben. Beides sind häufige Annahmen. Beide Vorstellungen verabsolutieren jeweils Merkmale des Menschen (einseitig als Geistwesen oder einseitig als biologische Wesen) – ohne die wirklichen Menschen zu betrachten.

Wirklich, d.h. wie sie wirken, sind die Menschen arbeitende Menschen. Karl Marx und Friedrich Engels schrieben deshalb:

„Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen […] sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigne Aktion erzeugten.“ (MEW 3: 20)

Die Fähigkeiten, die wir als geistige bezeichnen, sind während der Arbeit entstanden, die wesentlich für die Menschwerdung war. Menschen haben leibliche Bedürfnisse und arbeiten an materiellen Gegenständen, um diese Bedürfnisse zu befriedigen. Sie produzieren ihre eigenen Lebensbedingungen selbst und das ist der Unterschied zu allen Tierarten. Sie produzieren die Dinge, die sie zum Leben brauchen, sie erzeugen dabei auch ihre eigenen gesellschaftlichen Beziehungen, sie entwickeln dabei Wissen, Ideen, Wünsche und Ziele. Und obwohl diese Ideen, Wünsche und Ziele oft über die materiell gegebenen Tatsachen hinaus schießen und auch das Erzeugen von neuen Tatsachen anleitet, so sind auch hier nicht die ideellen Faktoren das Primäre. Es muss berücksichtigt werden, dass auch diese Vorstellungen und sogar die utopischsten Ziele konkret etwas zu tun haben mit den wirklichen, den gerade gegebenen Lebensbedingungen.

„Die Menschen sind die Produzenten ihrer Vorstellungen, Ideen pp., aber die wirklichen, wirkenden Menschen, wie sie bedingt sind durch eine bestimmte Entwicklung ihrer Produktivkräfte und des denselben entsprechenden Verkehrs bis in seinen weitesten Formationen hinauf.“ (MEW 3: 26)

Es gibt in der geistigen Geschichte der Menschheit verschiedene Arten, sich Materie vorzustellen. Die ersten waren substantiell, d.h. man versuchte, dingliche Substanzen als Grundlage von allem was es in der Welt gibt, zu denken. Inzwischen ist bekannt, dass alles Gegenständliche, Dingliche eine Art „Kristallisation“ innerhalb von Prozessen darstellt. Das moderne, neuzeitliche Denken orientiert sich eher an Relationen und Beziehungen als an Dingen und Substanzen. Dabei können die Gegenstände auch ganz in der Relationalität „aufgelöst“ werden. Aber das ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Es wird noch etwas komplizierter: Höherentwickelte Konzepte wie die Dialektik versuchen, das was sie betrachten, als Verhältnis zu betrachten. Das Problem mit dem substantiellen Denken ist, dass es zu einem naiven, mechanischem Materialismus führt und das Problem mit dem relationalen Denken, dass es i.a. in idealistischer Weise gedacht wird.

Der philosophische „Verhältnis“-Begriff, den wir für einen sinnvollen neueren Materialismus brauchen, unterscheidet sich von dem üblichen, bei dem es um ein „Verhältnis von X zu Y“ geht (als andere Beschreibung für „Beziehung“). Wir müssen jetzt nichtlinear denken: Es geht um ein Verhältnis mit sich selbst, wobei diese Beziehung durch etwas anderes vermittelt ist. Es ist ein Verhältnis auf sich selbst durch etwas anderes hindurch. A ist A, weil es eine bestimmte Beziehung zu B hat. Dann ist A durch das Verhältnis von sich selbst zu B bestimmt.

Dabei wird dann der Gegenstand, um den es geht, so gedacht, dass er das, was er ist, gerade durch seine Beziehungen zu anderem ist. Ich bin die Blogschreiberin Annette, insofern ich durch den Blog Beziehungen zu den Leser_innen und Kommentator_innen ermögliche. Ich beziehe diese Beziehungen in allen meinen Lebensbereichen auf mich selbst und bin bzw. entwickle mich dadurch immer weiter.

Gesellschaftliche Verhältnisse sind nun jene Vermittlungsprozesse der Gesellschaft, durch die eine gegebene Gesellschaftsform sich selbst immer wieder selbst erzeugt. Alle Individuen werden in bestimmte Formen hineingeboren und können diese gesellschaftlichen Verhältnisse nicht als Individuen wegträumen oder verändern. Auf diese Weise sind diese gesellschaftlichen Verhältnisse ihren Gedanken und ihren Wünschen immer vorgängig, also materiell. Menschen können diese gesellschaftlichen Verhältnisse durchaus ändern, das ist in der Geschichte auch immer wieder geschehen. Aber das können sie nur, wenn ihre Gedanken zur materiellen Gewalt werden.

„Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“ (MEW 1: 385)

Wenn wir also unserem politischen Handeln eine materialistische Weltanschauung zugrunde legen, kann es nicht darum gehen, auf irgend welche dinglichen Gegenstände zu setzen, sondern die materiellen Verhältnisse umzugestalten.

Ein wichtiges Moment einer Weltanschauung, die auf Welt- und Gesellschaftsveränderung abzielt, besteht darin, die Materie als veränderungs- und entwicklungsfähig zu betrachten. Ernst Bloch erinnert immer wieder daran, dass das Wort „Materie“ von „mater“ herkommt, was „fruchtbarer Weltschoß“ bedeutet (Bloch MP: 17).

Die Welt ist keine statische Gegebenheit, sondern eine Fülle von wechselwirkenden Prozessen. In diesen Prozessen kann entsteht aus Möglichkeiten heraus jeweils Neues entstehen. Entwicklung, wenn sie nicht durch bewusstes Tun angetrieben wird, entsteht allein dadurch, dass sich bei der Existenz von allen Prozessen die Bedingungen verändern. Das Spätere basiert auf den früher entstandenen Bedingungen – jeder Prozess verändert seine eigenen Bedingungen (Aufnahme von Stoffen und Energie, Abgabe von Stoffen und Energie in umgewandelter Form) und muss sich deshalb selbst auch verändern (Aufbrauchen der eigenen Bedingungen, Entstehen von Bedingungen für Neues). (vgl. Schlemm 1996)

„Es kommt darauf an, das Subjektive nicht idealistisch in der Luft hängen zu lassen, aber auch das Materielle nicht mechanisch auf dem Boden liegen zu lassen, als einen Klotz.“ (Bloch EM: 21)

Gesellschaftliches Handeln verändert schließlich die Tatsachen, entweder innerhalb gegebener Möglichkeitsräume innerhalb eines gegebenen Rahmens oder bei der Infragestellung und Außerkraftsetzungen des gegebenen Rahmens selbst, so dass völlig neue Möglichkeiten entstehen können. Menschen erzeugen im Unterschied zu anderen Faktoren in der Natur ihre eigenen Lebensbedingungen – und auch die gesellschaftliche Form, die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie das tun. Menschen handeln nie nur entsprechend vorgegebenen Erfordernissen, sondern sie können bewusst wählen zwischen verschiedenen Handlungsoptionen – auch bezüglich der Rahmenbedingungen. Sie können nur im Horizont innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen (gesellschaftliche Verhältnisse) bleiben oder darüber hinaus streben (siehe besonders in der Kritischen Psychologie). Das „Darüber-hinaus-Streben“, das sich in „überschießenden“ Träumen, Wünschen, Vorstellungen und Gedanken äußert, ist nicht beliebig, sondern historisch eingebunden, verbunden mit den jeweiligen Bedingungen und Möglichkeiten.

Aktives Handeln gewinnt deshalb, wenn es diese Bedingungen und Möglichkeiten nicht ignoriert, sondern analysiert und in den Handlungsstrategien berücksichtigt.

„Ohne Materie ist kein Boden der (realen) Antizipation, ohne (reale) Antizipation kein Horizont der Materie erfassbar.“ (Bloch PH: 273-274)

Zu diesen materiellen Verhältnissen gehören ganz wesentlich die Verhältnisse, in denen die Menschen Lebensgüter, sich selbst und ihre gesellschaftlichen Verhältnisse produzieren – die Produktionsverhältnisse. Bei der materialistischen Betonung der Produktion für das menschliche Leben geht es nicht um „Produktion um der Produktion“ willen. Sondern es geht darum, dass die Art und Weise der Produktion (d.h. auch der Reproduktion) letztlich bestimmt, wie Menschen leben und auch, was und wie sie denken können.

„Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren.“ (MEW 3: 21)

Diese Aussagen gelten für Menschen ganz allgemein, gleichgültig, in welcher Zeit, in welcher Kultur, unter welchen konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen sie leben. Im Kapitalismus gibt es besondere Gründe, dass ein Modus von Produktion vorherrscht, bei dem es nicht nur um „Produktion um der Produktion willen“ geht, sondern um „Produktion um des Profits willen“ – auf Kosten von Natur und der menschlichen Entfaltungsmöglichkeiten überall auf der Welt. Bei aller Kritik dieses Produktivismus (im engeren Sinne) und auch des damit verbundenen konsumistischen „Materialismus“ sollte die Basis des menschlichen Lebens in der Herstellung der eigenen Lebensbedingungen (d.h. der Produktion im weiteren Sinne) nicht aus den Augen verloren werden. Denn hier haben wir die Hebel, an denen wir selbst hantieren müssen, wenn wir die Lebens- und Produktionsweise, d.h. die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern wollen.

Welche Beziehung gibt es nun von einer solchen Materialismusvorstellung zum Anarchismus? Anarchismus steht ein für Herrschaftsfreiheit. Letztlich ist das ein Begriff, der aus der politischen Theorie kommt, während „Materialismus“ allgemeiner philosophisch zu verstehen ist. Es kann aber berechtigt gefragt werden: Welche Art von Materialismus kann nicht herrschaftsförmig interpretiert werden? Ein herrschaftsförmiges materialistisches Denken würde etwa so funktionieren: „Die Materie und ihre Gesetze bestimmen, wo es lang geht und wir sagen Euch, wo ihr euch deshalb hinbewegen müsst!“ Das war Bestandteil des „Avantgarde“-Denkens: Die Avantgarde kennt die Gesetze der menschlichen Entwicklung und kann deshalb alle anderen anleiten, diese Gesetze zu verwirklichen. Ein nicht herrschaftsförmiges materialistisches Denken ist aber auch möglich:

Die Entwicklung der materiellen Verhältnisse, teilweise bedingt durch den Menschen äußerliche Faktoren (Natur), teilweise bedingt durch menschliches Handeln, eröffnet Möglichkeitsräume, deren Bedingungen viele weitere neue Entwicklungswege ermöglichen. Welchen Entwicklungsweg wir wählen, ist nicht vorher bestimmt und von anderen diktierbar.

Unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen gibt es neben den natürlichen Bedingungen weitere Festlegungen, die als Einschränkungen wirken. Das können persönliche Zwangs- und Gewaltverhältnisse sein. Das kann aber auch dadurch gegeben sein, dass die Individuen zwar persönlich frei sind, aber nur überleben können, wenn sie ihre Arbeitskraft verkaufen (oder zumindest so tun). Dann braucht es gar keine direkten Zwangsverhältnisse, dann wirken die anonymen gesellschaftlichen Verhältnisse (was und wie produziert wird, bestimmen die Kapitalgeber/Produktionsmittelbesitzer – Menschen ohne Kapital/Produktionsmittel müssen ihre Arbeitskraft verkaufen) beherrschend. Solche Ausbeutungs-, Unterdrückungs-, Entwürdigungs-, d.h. Herrschaftsverhältnisse gehören abgeschafft und sie können abgeschafft werden, weil auch die materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse veränderbar sind.

Dass Herrschaftsverhältnisse längst noch nicht abgeschafft sind, hat nicht nur damit zu tun, dass zu wenige Menschen das kapieren würden, oder es wollen – sondern auch damit, dass es uns sehr schwer fällt, uns gesellschaftliche Verhältnisse vorzustellen, in denen die (Re-)Produktion des Lebens ohne diese derzeit herrschenden Strukturen befriedigend funktioniert. Wir brauchen Gegenbilder und Gegenpraxen gegen das Herrschende, aber nicht nur als geistiges Luftschloss, sondern eingeprägt in beginnende neue gesellschaftliche Verhältnisse, also materielle Verhältnisse.


(Literatur zur Bedeutung des jeweiligen Materiebegriffs innerhalb der historischen Bewegungen: Bloch: Das Materialismusproblem, seine Geschichte und Substanz. Werkausgabe Band 7. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 1985)

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