Alle reden angesichts des neuen „Energiekonzepts der Regierung“ über die Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke – dabei gibt es noch mehr zu diskutieren, vor allem beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Die ersten Wellen sind schon hochgeschlagen.

Hans-Josef Fell, der Sprecher für Energie der Grünen im Bundestag spricht von einem „drastischen Einbruch des Ausbaus der Erneuerbaren Energien“. Was ist da dran?

Es ist erfreulich, dass wenigstens in einer Frage die Klimapolitik der Bundesrepublik erfolgreich war. Insbesondere durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) wurde ein beinah unglaublicher Aufschwung der Erneuerbaren Energien, dabei auch der Photovoltaik erreicht:


Abb. 1: Photovoltaikwachstum in der BRD (Quelle)

Die Träume der Photovoltaikindustrie, auch ihre Investitionsanstrengungen und selbstverständlich auch die Erwartungen der Kapitalgeber an der Börse gehen von einem weiteren dynamischen Wachstum der Photovoltaik und sogar von ihrer künftigen Dominanz aus:

Abb. 2: Optimistische PV-Prognose

Aber dieser Optimismus gerät ins Wanken. Die Situation in Österreich zeigt, wie eine „Blockade der Photovoltaik“ sich auswirkt:

Abb. 3: Reduzierter Zubau von PV-Anlagen in Österreich
(Quelle)

Die Blockade wurde ausgerechnet durch ein „Ökostromgesetz“ von 2003 ausgelöst, in dem beschlossen wurde, die Leistung aus PV in Österreich auf 15 MW zu begrenzen („Deckelung“).

Ganz so weit sind wir in der BRD noch nicht. Jedoch waren die Debatten vor einem Jahr über die zusätzliche Senkung der Einspeisevergütung für Solarstrom auch von den Befürchtungen geprägt, die Kosten für diese Einspeisevergütung würden für die Verbraucher_innen so hoch werden, dass Photovoltaik ihre Akzeptanz verliert und deshalb auch eine „Deckelung“ droht (vgl. meine Blogberichte dazu).

Die Einspeisevergütungen wurden gesenkt – auch mit der Begründung, dass die weitere Kostensenkung weiterhin den rentable Betrieb von PV-Anlagen ermöglichen wird.


Abb. 4.: Leistung der monatlich neu installierten PV-Anlagen
(Quelle)

Diese Turbulenzen haben den Zubau am Ende 2009 in die Höhe getrieben, im Jahr 2010 dagegen sieht man deutlich die Bremswirkung, vor allem für kleine Anlagen.

So weit ich weiß, wird für die BRD im Jahr 2010 trotzdem einen Zubau von mindestens 8 GW erwartet (Quelle). (Das Magazin PHOTON erwartet sogar einen Zubau von 18 GW! (Quelle: Anne Kreutzmann in PHOTON Oktober 2019, S. 3).)

(Nachtrag: erreicht wurden 2010 7,5 GW)

Eins der Probleme, auf die ein wachsender Ausbau entsprechend Abb. 2 treffen wird, ist der dringend notwendige Stromnetzneu- und umbau! Wenn hier gezögert wird, sind „technische Bremsen“ der Einspeisung von erneuerbarer Energie vorprogrammiert. Anstatt diese Netze schnellstens entsprechend auszubauen, verlangt der Chef der Deutschen-Energie-Agentur Kohler beispielsweise eine drastische Einschränkung des PV-Ausbaus (Quelle).

Im September meldete sich der Kartellamtspräsident Andreas Mundt zu Wort und forderte, die Erneuerbaren Energien „in Marktwirtschaft zu überführen“. Interessant ist es auch, mit welchen Worten die Zeitungen diese Forderung kommentieren. Das Kartellamt bzw. ihr Chef „rügt“ die Ökostromförderung (Handelsblatt), er ist für „stärkeren Wettbewerb bei der Förderung von Ökostrom“ (Focus Online) bzw. er will „Ökostrom-Wahn stoppen“ (Mmnews, dazu siehe auch hier).

Im Sommer und Herbst wurden nun einige interessante Prognosezahlen in die Debatte geworfen und erhitzen viele Gemüter. Ich werde im folgenden die entsprechenden Zahlen für Photovoltaik diskutieren. Die folgende Abbildung zeigt die entsprechendenden Zahlen auf einen Blick.


Abb.: 5: Vergleich verschiedener Prognosen für den Ausbau der installierten PV-Leistung
 

Im August 2010 veröffentlichte die Bundesregierung einen „Nationalen Aktionsplan für Erneuerbare Energien“ . Diesen hatte die EU angefordert. Die hier genannten Zubauzahlen bzw. die erreichte installierte Leistung vollziehen weiterhin ein starkes Wachstum. Für 2020 werden über 50 GW Photovoltaikleistung prognostiziert.

Das ist interessanterweise viel mehr, als es die Prognose „Stromversorgung 2020. Wege in eine moderne Energiewirtschaft“ des Bundesverbandes Erneuerbare Energie e.V. und der Agentur für Erneuerbare Energien vom Januar 2009 (auf S. 14) vorsieht – diese sieht für das Jahr 2020 nur eine installierte Leistung von 39,5 GW vor. Und der „Klimaschutz Plan B“ von Greenpeace und EUTech aus dem Jahr 2007 sah (S. 81) sogar nur eine Größe von 13,2 GW vor. Der Anstieg verläuft hier auch recht langsam, in etwa wurde erwartet, dass jährlich so viel wie jeweils im Jahr 2007 oder im Jahr 2008 zugebaut werden würde.

Diese beiden Prognosen sind längst übertroffen. Der von Greenpeace für 2020 erwartete Wert wurde schon im Jahr 2010 erreicht!!! Deshalb war es nur angemessen, dass die von der Bundesrepublik vorgelegten Prognosen einen steileren Anstieg in Rechnung stellten. Erst nach der Veröffentlichung des „Nationalen Aktionsplans“ vom 4. August wurde am 27. August die „Studie – Energieszenarien für ein Energiekonzept der Bundesregierung“ von (ewi, gws, prognos) fertig, die als Grundlage für das „Energiekonzept für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung“ der Bundesministerien für Wirtschaft und für Umwelt vom 28. September 2010 diente (zum Bezug auf die „Studie“ siehe im „Energiekonzept…“ S. 5f.). Letztlich sind also bei der Diskussion des „Energiekonzepts“ die Zahlen der „Studie“ zu diskutieren. Im Konzept stehen wenige Zahlen, aber es ist offensichtlich, dass von den erneuerbaren Energien vor allem die Offshore-Windanlagen besonders erwähnt werden und die Photovoltaik nur erwähnt wird, wenn ihre „Heranführung an den Markt“ (S. 7) gefordert wird. Die Zahlen aus der dazugehörigen Studien zeigen denn auch einen ernüchternden Trend:

Schon für das Jahr 2020 wird hier viel weniger installierte PV-Leistung erwartet als im „Nationalen Aktionsplan“ 8 Wochen vorher (Nationaler Aktionsplan: 51,7 GW, Studie fürs Energiekonzept: 33,3 GW). Der Zubau pro Jahr liegt dabei weit unter dem der letzten Jahre, auch dem des Jahres 2010, in dem wegen den stark verringerten Einspeisevergütungen ein Einbruch des Wachstums erwartet worden war. Da für die nächsten Jahre weiterhin sinkende Kosten für die PV-Anlagenbetreiber erwartet werden („Lernkurve“) sollte die Anschaffung einer derartigen Anlage auch weiterhin rentabel genug bleiben und es ist nicht erklärlich, warum das Wachstum sich derart verzögern sollte.

Aber es kommt noch schlimmer. Für den Zeitraum von 2020 bis 2050 knickt die Wachstumskurve dann endgültig ab. Dadurch wird die weitere Aufspreizung des Photovoltaikanteils, wie er in Abb.2 angenommen wurde, endgültig verhindert. Einer der sachlichen Gründe, die man dabei anerkennen muss, ist, dass Photovoltaik in unseren Breiten tatsächlich nicht die günstigste erneuerbare Energie darstellt. (Im Übrigen kranken alle diese Prognosen übrigens daran, dass sie grundlegende neue technologische Durchbrüche (wie nanobasierte Solarzellen der 3. Generation) nicht berücksichtigen.) Auch dies mag ein Grund dafür sein, dass sich in diesem Konzept der PV-Anteil nach 2010 in allen Szenarien nicht mehr wesentlich erhöht:


Abb.6.: Prognose der Energieträger für die Bruttostromerzeugung
(Quelle: Studie zum Energiekonzept, S. 125)

Das ist der Punkt, den Hans-Josef Fell überhaupt nicht versteht. Die „Studie zum Energiekonzept…“ macht dazu Ausführungen: Sie geht davon aus, dass das EEG nur bis 2020 greift und danach der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien rein „kostenorientiert“ erfolgt (S. 105). Fell geht nun angesichts dieser Reduzierung des Wachstumstempos, die man wirklich mit einem abrupten „Bremsen“ vergleichen kann, davon aus, dass der Finanztopf für die Erforschung der Erneuerbaren Energien „eine völlige Farce“ sei. Nun, das muss man nicht so sehen. Die Forschungsförderung dient ja nicht nur direkt der Steigerung des Anteils an erneuerbaren Energien in unserem Land, sondern primär der Wirtschaftsförderung für die Unternehmen. Wenn man davon ausgeht, dass der Hauptmarkt für PV-Anlagen nicht mehr in der Bundesrepublik liegt, sondern es aus marktwirtschaftlicher Sicht darauf ankommt, die bisher gewonnenen Markanteile der bundesdeutschen Firmen auf dem Weltmarkt zu halten und auszubauen, dann machen die Forschungsaufwendungen durchaus noch Sinn. Um wirtschaftlich weltweit vorn zu agieren, braucht man langfristig weder den heimischen Markt für PV-Anlagen noch die Herstellung der Solarzellen und –module im eigenen Land. Der Maschinenbau für die PV-Industrie agiert längst weltweit und wird immer weniger vom heimischen Markt abhängig sein. Insofern ist die Logik in der „Studie zum Energiekonzept“ schon nachvollziehbar. Die „Grid-Parity“ spielt hier nur insofern eine Rolle, als sie die letzte Ursache dafür ist, dass Solarstrom nicht mehr zusätzlich gefördert zu werden braucht – allerdings fragt sich, warum genau dann der Zubau so stark gebremst sein sollte.

Problematisch sind diese Prognosen eher für die Börsennotierung der PV-Unternehmen. Erstaunlicherweise konnten deren Kurse von dem schwindelerregenden Wachstum der letzten Jahre gar nicht so profitieren, wie vernünftigerweise zu erwarten gewesen wäre.

Abb.7.: Solaraktien liegen unter dem TecDAX-Trend
(Quelle: Studie zum Energiekonzept, S. 125)

Ich bin nun sicher die Letzte, die für weniger erneuerbare Energien eintritt. Aber man muss auch die Kirche im Dorf lassen. Ein Szenario wie auf Abb. 2 ist für die Bundesrepublik auch angesichts der Tatsache, dass Photovoltaik die umwelt- und klimaschädlichste von allen erneuerbaren Energien ist (siehe meine frühere Studie), sicher nicht wünschbar.

Aber ich sehe natürlich, dass sich andere nun die Hände reiben und sicher auch ihren Anteil Lobbyarbeit geleistet haben, damit eine solch starke Ausbremsung des PV-Ausbaus ins Energiekonzept kommt. Es fiel beispielsweise auf, dass wenigstens einer der Gutachter der Regierungsstudie offensichtlich den Stromkonzernen nahe steht (SPIEGEL).

Ein wichtiger Grund ist z.B., dass eigentlich schon bei den jetzt geplanten Ausbauplänen die Kernkraft als „Brücke“ überhaupt nicht mehr gebraucht und sogar hinderlich wird. Die Kernkraftwerkskapazitäten in der Bundesrepublik lagen 2009 bei ca. 20,5 GW. (Quelle)
Die installierte Photovoltaikleistung dagegen wuchs allein im Jahre 2009 von 5,979 GWp (2008) auf 9,785 GW (2009) (Quelle). Mit dem erneuten Zuwachs von 2010 (mindestens 4,9 GW s.o.) stehen wir bei fast 15 GW installierter Photovoltaik-Leistung. Kein Wunder, dass die Großkonzerne den Ökostromzuwachs als Gefahr empfinden!

Es gibt eine nette Internetseite, auf der man schauen kann, wieviel Solarstrom jetzt gerade in diesem Moment produziert wird (das sieht mittags natürlich am schönsten aus!). Auf der Webseite von SMA sehe ich, dass im Moment 6 GW erzeugt werden, also die Leistung von ca. 6 Kernkraftwerksblöcken! (Nachts, während ich den Text in den Blog einstelle, sieht das Bild natürlich ganz anders aus 😉 )

Das merken natürlich auch Andere. Der IPPNW-Energieexperte Henrik Paulitz schreibt:

„Die Atomkraftwerksbetreiber und die Bundesregierung sind erschrocken, wie massiv die Erneuerbaren Energien Jahr für Jahr zulegen. Bevor immer weitere Bevölkerungskreise realisieren, dass angesichts der Wachstumsraten eine vollständige Stromversorgung auf der Basis von Erneuerbaren Energien in spätestens 15 bis 20 Jahren machbar ist, soll jetzt offenbar die Notbremse gezogen werden“ (Quelle)

Resümierend kann festgestellt werden, dass die Regierungsstellen in den letzten Jahren durchaus lernfähig waren. Als die Greenpeace- und die BEE-Konzeption veröffentlicht wurden, hätte niemand gedacht, dass die Regierung in Kürze noch höhere Ziele setzen würde. Die PV-Industrie ist inzwischen wohl auch ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor. Aber ihre Bäume wachsen nicht in den Himmel. Sobald ihr Ausmaß alteingesessene Lobbies gefährdet, wie die zentralistischen Energieversorgungs- und Konzernstrukturen und die Kernenergielobby, wird deutlich auf die Bremse getreten, auch deutlicher, als es der sachlichen Situation (ungünstige Region für Photovoltaik) angemessen wäre.

Und eins ist klar: die Laufzeitverlängerung, wenn sie so beibehalten wird, schafft Tatsachen, die endgültig zum Stolperstein für die erneuerbaren Energien werden:

„… angesichts der im Schnitt 12 Jahre längeren Atomlaufzeiten wird aber auch über Mengenbegrenzungen diskutiert.“ (Quelle)

Entweder – Oder, ein Kompromiss ist hier nicht möglich. Einerseits wegen dem Lastmanagement (siehe eine interessante Studie vom BMU sowie eine Präsentation der Agentur für Erneuerbare Energien) und andererseits wegen der Entscheidung für eine dezentralere oder eine zentrale Stromnetzarchitektur (siehe z.B. Greenpeace und BMBF dazu).

Links zu wichtigen Dokumenten:

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