Ich hörte auf der Ferienuni „Kritische Psychologie“ einen sehr interessanten Workshopvortrag von Charlotte Jurk zum Thema „Zur Geschichte der Medikalisierung von Depression“. Sie hat sich als Soziologin mit der Frage beschäftigt, wieso es eigentlich die Medizin ist, die sich um so etwas wie Niedergeschlagenheit kümmert. In der „Depression“ sieht sie eine besonders deutliche Verkörperung von biologistischem Denken in der Psychiatrie. Das Buch „Der niedergeschlagene Mensch“ habe ich mir dann besorgt, um mehr dazu nachlesen zu können. Ich bin in meinen Erwartungen nicht enttäuscht worden. Im Buch ist auch mehr Platz, um nicht nur die „Depression“ als gesellschaftlich konstituiert darzustellen, sondern auf jene Gemüts- und Seelenzustände einzugehen, die mit Traurigkeit und Niedergeschlagenheit zu tun haben, die es ja bei aller gesellschaftlichen Konstruktion tatsächlich auch gibt.


In der Diskussion zum Workshop war auch die Gefahr benannt worden, dass beim Aufdecken der Machenschaften von Pharmakonzernen, Politik und pathologisierender Medizin übersehen werden könnte, dass viele Menschen einen wirklichen Leidensdruck verspüren. Meinen Bericht über das Buch ziehe ich mal von dieser Frage her auf. Dazu berichtet Charlotte Jurk von der Selbstbeschreibung von Patientinnen einer Psychotherapiepraxis, die als „depressiv“ diagnostiziert wurden. Sie sprechen von radikaler Vereinzelung, von Selbstzweifel, Selbstmitleid; sie problematisieren Freundschaften mehr als sie sie schätzen, sie leiden unter einem Vertrauensverlust in sich, in andere und die Welt insgesamt. C. Jurk fasst zusammen:

„Der Begriff der Depression hat hier einzig und allein die Funktion, jenen Frauen eine Krankheit zuzuteilen. Auf diese Weise bedeckt man die Kälte und Isolation moderner Lebenswelt mit einem Schleier, der die Frage obsolet macht, was den „Patientinnen“ die Lebenskräfte raubte.“ (182)

Zu den speziellen gesellschaftlichen Lebensbedingungen kommen wir später noch einmal. Aber unter allen gesellschaftlichen Bedingungen gab und gibt es eine „besondere Weise des Selbst- und Weltverhältnisses“, die als Melancholie bezeichnet wird (118). Charlotte Jurk zitiert Hartmut Böhme, der meint „dass es Weltzustände und existentielle Situationen gibt, in denen die Melancholie eine angemessene Haltung darstellen kann“ (183).

In der Workshopdiskussion hatte Charlotte Jurk auf eine Anfrage zum Unterschied zwischen „Depression“ und Melancholie geantwortet, dass in der Melancholie noch die Doppeldeutung als Leiden und Möglichkeit enthalten ist – während bei einer „Depression“ nur noch das Leiden gesehen wird, welches man „wegzubekommen“ versucht. Wer kennt nicht auch den Ausdruck der „süßen Wehmut“?

„Wer traurig ist, leidet an dem, was fehlt – deshalb kennt er das Gefühl der Sehnsucht. So konnte die Melancholie sogar ein fast süßer Triumph über das (schlechte) Bestehende sein, über das sich die sehnende Trauer erheben kann.“ (207)

Melancholie besteht in einer „riskanten Steigerung der Sensitivität“, diese kann „in Abgründe, aber auch zu tiefsten Erkenntnissen führen“ (183). „Die Depression unterschlägt, dass melancholische Seelenzustände Fragen aufwerfen, die für den Einzelnen und die Gesellschaft elementar sind.“ (ebd.)

Eine dieser Fragen stellt Ludwig Marcuse: „Wie kann man zusammenleben mit dem, was man weiß?“ (zit. S. 183) Es geht hier um das Wissen um die Grenzen der Vernunft, und um die Grenzen dessen, was erreichbar ist in diesem Leben. Daraus erwächst für jene, die es begreifen, eine große Traurigkeit. Aber diese Traurigkeit ist durchtränkt von Sehnsucht, Sehnsucht nach dem Anderen, dem anderen Menschen, dem Anderen in der Welt, dem anderen Selbst. Für manche endet die Sehnsucht an einer Endstation, C. Jurk beschreibt diesen Zustand, der wohl viele Melancholiker im 19. Jahrhundert prägte: „Die Arbeit zerschneidet das gefährliche Zwiegespräch des Gewissens mit seiner eigenen Leere, setzt Widerstände und Hindernisse, bei deren Berührung die Seele ihre eigene Unzulänglichkeit vergessen kann; sie fesselt sie an das Hier, während die Acedia ihr das Loblied auf ein eingebildetes Anderswo singt.“ (Jean Starobinski, zit. S. 186-187). Dies ist die eine Möglichkeit, die sich durchsetzen kann. Das erkennende Durchdringen wird zur Verhinderung des Tuns (195). Die Sehnsucht wird dann aufgefressen von der Schwermut und dem Trübsinn.

Aber es gibt eine andere Alternative, die auch Sören Kierkegaard diskutiert. Für ihn ist Schwermut ein Merkmal der „meistbegabten Naturen“ (zitiert S. 197). Beim möglichen Übergang vom sog. „ästhetischen“ Leben, das zu Trübsinn führt, zum „ethischen“ Leben besteht die Aufgabe darin, „sich selbst zu wählen“.

Das Ästhetische in einem Menschen ist das, wodurch er unmittelbar das ist, was er ist; das Ethische das, wodurch er das wird, was er wird. (Kierkegaard EO: 471)

Wer ästhetisch lebt, sieht nämlich überall nur Möglichkeiten, diese machen für ihn den Inhalt der zukünftigen Zeit aus, während derjenige Mensch, der ethisch lebt, überall Aufgaben sieht. (Kierkegaard EO: 546)

Die Ablehnung der Trägheit (acedia) als eine der 8 Todsünden im Christentum ist nicht nur dem Druck von Ausbeutung und Herrschaft zuzuschreiben, sondern beschreibt eine wichtige Erfahrung: Das reine Grübeln versackt im sumpfigen Gelände – das Tun jedoch verbindet einen mit der Welt. Die Christen sprechen von der Möglichkeit des Dialogs mit dem Göttlichen. Charlotte Jurk zitiert Jean Starobinski:

„Die Arbeit zerschneidet das gefährliche Zwiegespräch des Gewissens mit seiner eigenen Leere, setzt Widerstände und Hindernisse, bei deren Berührung die Seele ihre eigene Unzulänglichkeit vergessen kann; sie fesselt sie an das Hier, während die Acedia ihr das Loblied auf ein eingebildetes Anderswo singt.“ (Jean Starobinski, zit. in Jurk S. 186-187).

Jedenfalls für den Beginn, und für nicht allzu schwere Zustände von dem, was heute als „Depression“ diagnostiziert wird, sollten die eben angeführten Überlegungen es wert sein, weiter geführt zu werden. Die real existierende Medizinwelt sieht aber anderes vor. „Die traurige Verstimmung büßt ihre Sinnhaftigkeit ein und wird zur „Stoffwechselstörung“.“ (12) Wie das im Laufe der Zeit geschieht, beschreibt Charlotte Jurk in aller Ausführlichkeit, das möchte ich hier nicht wiederholen. Eine große Rolle spielt das Bestreben nach Ver-Naturwissenschaftlichung von seelischen und geistigen Zuständen; das Abspalten von allem, was nicht den Vorgaben von rationaler Verständigkeit entspricht, als nicht „normal“ und auch die Praxis von Aussperrung, Erziehung und Behandlung.

„Das Programm der Beherrschung der Natur, der Auf- und Ausbau der merkantilen Gesellschaft verlangt die Bekämpfung des Irrationalen und damit jeglichen Zweifels.“ (36)

In der Gegenwart hat sich der Druck auf die psychische Stabilität noch erhöht, vor allem durch widersprüchliche Anforderungen (flexibel sein, aber passgenau die Anforderungen erfüllen; gehetzt leben müssen, aber „gesund“ leben sollen…) entstehen Blockaden und Handlungsunfähigkeit, Hoffnungslosigkeit und Rückzug. Ich habe bereits in einem englischsprachigen Webtext über die Zusammenhänge von konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen und Depressivität berichtet.

„Wenn heute über Selbstmord im Sinn einer individuellen Erkrankung gesprochen wird, wenn Depression als Ursache des Todeswunsches definiert wird, dann wird damit eine gesellschaftliche Verantwortlichkeit für das seelische Leiden vollkommen ausgeblendet. […]

Ein Gefühl der Wertlosigkeit und Sinnlosigkeit soll verschwinden, wenn man Antidepressiva schluckt. Doch was geschieht, wenn dieses Gefühl eine völlig adäquate Reaktion auf eine lebensfeindliche Realität ist? […] (109)

Es gibt in letzter Zeit viele Reportagen über das Thema „Depression“, häufig wird deutlich, dass ein Kompetenznetz „Depression“ vielfältige, aber immer dieselben Informationen streut. Dahinter steht die These, dass es viel mehr unerkannte und unbehandelte „Depressive“ gibt, als bisher bekannt sind, dass dies für viele in einem verhinderbaren Suizid endet und dass in den allermeisten Fällen eine medizinische, vor allem medikamentöse Hilfe möglich ist. Die entsprechenden Selbst-Tests sind so aufgebaut, dass tatsächlich extrem viele Menschen in dieses Raster der „Depressivität“ fallen, die sich das im Traume nicht hätten einfallen lassen. – „Depression ist, wenn eine Frage im Screening-Text zu oft mit „ja“ beantwortet wird.“ (119)

C. Jurk berichtet auch ausführlich, wie durch die Medizin die Diagnose „Depression“ im 18. Jhd. erzeugt wurde.

„Die jahrhundertealte Krankheitseinheit der Melancholie wird zum Sonderfall einer psychischen Störung. Das ursprüngliche Symptom Depression steigt zur bestimmenden Krankheitseinheit auf, weil hinter ihm eine einheitliche biologische Gehirnstörung vermutet wird.“ (51)

Einen wichtigen Hinweis gibt C. Jurk auch bezüglich der Bezeichnungen als „Störungen“. Es wird ja in den Diagnosehandbüchern nicht mehr von „Krankheiten“ gesprochen, sondern von „Störungen“. Das wird häufig als Fortschritt in Richtung einer Entstigmatisierung gesehen. Aber es bedeutet auch, dass es jetzt nicht mehr um eine Wechselbeziehung des Individuums mit seiner Umwelt geht, sondern um eine Störung, deren Ursache nur noch im Inneren des Einzelnen vermutet wird. „Störung heißt Fehlkalibrierung im Innern des Menschen, die keine Verankerung in einem Außen braucht.“ (114) Grundsätzlich ist z.B. anhand der „Anpassungsstörung“ auch zu sagen, dass die Psychiatrie die Grenzen des Pathologischen immer mehr in Richtung alltäglicher Unpässlichkeiten verschob (116).

Dies passt nun wiederum zu einem anderen Trend im Umgang mit psychischen Problemen: Der Medikamentalisierung. Das erste Antidepressivum war tatsächlich ein Derivat aus einem Raketenbrennstoff. Und der „Aufstieg der Depression zur behandlungsbedürftigen Massenkrankheit“ (79) begann nicht zufällig genau zur Zeit der Erfindung dieses Antidepressivums. Wie auch schon bei anderen Krankheiten geschah dabei etwas Auffallendes: Zum Symptom der entsprechenden Krankheit/Störung wurde genau das definiert, was durch die entsprechenden Medikamente anscheinend zum Verschwinden gebracht werden konnte. So z.B. die Schlaflosigkeit bei „Depression“, die vorher überhaupt nie zu Symptomen der Depression/Melancholie gezählt worden war. Krankheit ist das, wogegen die Medikamente helfen. „Wer auf das Medikament mit mehr Aktivität und besserem Schlaf reagiert, musste folglich an einer Depression leiden. Das Medikament wird zum entscheidenden „Messinstrument“ dafür, ob der Patient depressiv ist oder nicht.“ (80) Seit den 70er Jahren werden immer mehr biochemische und –elektrische Hirnmechanismen untersucht und als Ursachen für „Depression“ und damit auch als Angriffspunkt für eine medikamentöse Behandlung ausgegeben. In den 90er Jahren wurde Prozac zum Alles-Helfer, wobei gleichzeitig die Anzahl der real diagnostizierten und noch mehr die vermuteten „Depressions-“Fälle enorm anstieg. „Als nun Prozac, ein Medikament gegen Depression auftauchte, wurden plötzlich überall Anzeichen von Depression entdeckt.“ (Shorter, zit. S. 95) Inzwischen sind wir bei Medikamenten als Lifestyle-Drogen angekommen, Antidepressiva werden als „Mittel zur Verbesserung des Ich“ (95) betrachtet. Es kann doch nicht normal sein, dass in der Bundesrepublik die Verschreibung von (Selektiven) Serotonin-Wiederaufnahmehemmern „von 2001 auf 2002 um 25 % gestiegen“ (96) ist! Auffallend ist auch die Aussage, dass Antidepressiva über eine sehr lange Zeit hinweg genommen werden müssen und „wenn es ihnen nach dem Absetzen der Tabletten schlecht geht, wird das als depressiver Rückfall gedeutet, obwohl diese Reaktion genauso gut ein typisches Symptom für eine bereits bestehende Medikamentenabhängigkeit sein kann.“ (101) 2002 und 2008 zeigten schließlich sogar Metastudien zur Wirkung der neuen Generation von Antidepressiva, dass ihr Effekt unter der verlangten klinischen Signifikanzgrenze liegt (105). Überhaupt ist es ja sehr fraglich, ob eine verschwindende Depression tatsächlich durch ein Medikament bekämpft wurde, denn ca. 80% der Depressionen verschwinden sowieso von selbst wieder (83).

Natürlich soll leidenden Menschen geholfen werden, aber ist es nicht eigenartig, wenn die Medikamentengabe sich beinah alternativlos durchsetzt, auch bei begleitenden Psychotherapien und wenn Selbsthilfenetzwerke fast immer dazu instrumentalisiert werden, die Medikamentierung mit zu propagieren?

„Mit der Pille gegen das Gefühl der Sinnlosigkeit wird jedoch auch gleich der Sinn entfernt, denn wie kommt eine Suche nach Sinn noch zustande, wenn man an der Sinnlosigkeit nicht mehr leiden darf?“ (109)

Für einfachere Fälle von Selbst- und Weltzweifel möchte ich noch einmal auf Kierkegaard zurück kommen. Der gab den guten Rat:

Das eminenteste Talent kann sein Werk ausrichten, aber das kann auch der einfachste Mensch. Mehr kann keiner. (Kierkegaard EO: 589)

Literatur:

  • Charlotte Jurk: Der niedergeschlagene Mensch. Depression. Geschichte und gesellschaftliche Bedeutung einer Diagnose. Münster: Westfälisches Dampfboot 2008.
  • Søren Kierkegaard (EO): Viktor Eremita (Hrsg.): Entweder-Oder. Ein Lebensfragment. Aus dem Dänischen von Alexander Michelsen und Otto Gleiß, Leipzig: Fr. Richter, 1885.


Bild aus: Pharmabrief 2/2008 der BUKO-Pharmakampagne

Weitere Links:

Bilder:

  • ganz oben: J.H. Fuessli (1741-1825) Das Schweigen (1799/1802)
  • zweites Bild (Mädchen am Baum) von Karl Hofer (1878 – 1955)
  • Albrecht Dürer: Melencolia I (Kupferstich, 1514)
  • Lucas Cranach d.Ä.: Melancholia (1532) (siehe dazu einen Blogbericht)

Für Menschen, die sich für die melancholische Seite an sich selbst oder anderen interessieren, kann ich die Webseite „Melancholisches“ empfehlen.

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