Sergej Lukianenko: Spektrum. München: Heyne Verlag 2002, 2007.


Die beiden vorgestellten Bücher von Sergej Lukianenko waren eine große Entdeckung für mich. Schon lange hat mich kein utopisches Buch mehr so berührt und mich an diejenigen Fragen erinnert, die mich einst von utopischer Literatur zu Astronomie und Philosophie geführt haben. Schon lange waren solche Schriften im unendlichen Meer von Antiutopien und Phantasy-Sagas verschwunden gewesen – auch Lukianenkos „Wächter“-Zyklus hatte ich dort eingeordnet (da ich davon noch nichts gelesen habe, weiß ich auch nicht, ob er dahin gehört). Mit „Spektrum“ und auch „Sternenspiel“ habe ich endlich mal wieder ein paar wunderschöne Leseabende verbracht, die mich entspannen und gleichzeitig anregen. Ich wünsche mir noch viel, viel mehr davon…

Martin, ein interstellarer Privatdetektiv, wird auf die Suche nach einer jungen Frau geschickt, begegnet ihr mehrmals und erlebt mehrmals ihren Tod mit. Er begegnet ihr jeweils auf unterschiedlichen Planeten, zu denen er über ein Tor gelangt, das einst von uralten Rassen als Transportnetzwerk errichtet worden war und für das man die Durchgangserlaubnis bei den sogenannten „Schließern“ mit einer erzählten Geschichte zu bezahlen hat. Schon diese poetischen Geschichten, die im Verlauf des Romans noch eine besondere Bedeutung erhalten, machen das Buch lesenswert. Eine davon geht ungefähr so:

„Und Gott nahm aus der Seele des Menschen alles, dessen er sich schämte. Er entriss dem Gedächtnis die Erinnerungen an Verrat und Betrug, Feigheit und Niedertracht, Lüge und Verleumdung, Gier und Faulheit. doch indem unser Mensch seines Hasses nicht mehr gedachte, erinnerte er sich auch der Liebe nicht länger, und mit dem Fall vergaß er den Flug. so stand die Seele vor Gott und war leer, leerer noch als zu dem Zeitpunkt, da der Mensch das Licht der Welt erblickt hatte. […]

„Wenn Gut und Böse so in mir verschmolzen sind, wohin soll ich dann gehen? Doch nicht etwa in die Hölle?“ – „Kehre in das Paradies zurück“, antwortete der Schöpfer, „dieweil Ich nichts schuf als das Paradies. Die Hölle trägst du selbst in dir.“ (251)

Diese Geschichten ermöglichen sie auch einen netten und auch selbstironischen Seitenhieb die Literatur der Gegenwart:

„Alle leidlich begabten Autoren schufen Geschichten für die Schließer und standen in Lohn und Brot bei mehr oder weniger seriösen Einrichtungen. Dem einen diente das Geld als Argument, dem anderen die patriotischen Appelle seiner Regierung… Bücher schrieben einzig die Autoren von endlosen Phantasy-Zyklen und Liebesromanen. Und die Geschichten, die sich auszudenken ihnen zu Gebote stand, genügten den Ansprüchen der Schließer ohnehin nicht.“ (146)

Jede der besuchten Welten steht für eine Lebensphilosophie der entsprechenden Zivilisation – sie stehen für die Farben des titelgebenden Spektrums.

Eine Zivilisation etwa hat überhaupt keinen Begriff vom Sinn des Lebens. Ihr Vertreter teilt Martin mit:

„Sie haben vermutlich den Eindruck, unserer Rasse fehle etwas, oder? […] wir hingegen haben den Eindruck, dass Sie es sind, die entstellt sind. Denn Sie tragen etwas Überflüssiges mit sich herum, dessen man sich schämen sollte, eine Art Schwanz, der Ihnen aus der Stirn herauswächst.“

„Und es interessiert Sie wirklich nicht, wie es ist, mit diesem Ding an der Stirn zu leben?“, fragte Martin leicht erbost.

„Ich stelle es mir einfach nicht sehr komfortabel vor“ […] (210)

Später wird die Frage nach dem Sinn wieder aufgenommen:

„Das Leben hat keinen Sinn. Der Sinn bedeutet formt stets jenen harten Rahmen, in den wir einander hineinjagen. Wir behaupten, der Sinn läge im Geld. Wir behaupten, der Sinn läge in der Liebe. Wir behaupten, der Sinn läge im Glauben. Doch all das sind nur Rahmen. Im Leben gibt es keinen Sinn, und darin liegt sein höherer Sinn, sein höherer Wert. Im Leben gibt es kein Finale, das wir unbedingt erreichen müssten – und das ist wichtiger als Tausende ersonnener Sinndefinitionen.“ (371)

Auf diese Weise bürstet Lukianenko viele zumeist unhinterfragte Wertannahmen gegen den Strich, listet provokante Fragen auf – die uns, wie so häufig in der utopischen Literatur, aus der Fremde her zugetragen werden, obwohl sie unsere eigenen sind.

Am Heikelsten ist hier die wohl die Frage nach der Vernunft. In einer Zivilisation werden die Kinder, die noch denken können, dann erwachsen, wenn sie endlich den Verstand verlieren. Das Kind fragt Martin:

„Warum machst du dir über etwas Sorgen, das noch gar nicht passiert ist?“

„Weil ich intelligent bin…“, antwortete Martin.

Das Mädchen […]: „Das ist schrecklich. Die Erwachsenen haben recht, der Verstand ist böse. Man braucht ihn nur am Anfang des Lebens, um sich an die Welt anzupassen.“ (568)

Auch eine andere Zivilisation stellt die Vernunft in Frage. Sie will sich nicht aus Ruhe bringen lassen durch die Gier nach Wissen, vermutet aber, dass sie eines Tages von einer höheren Wesenheit dafür bestraft werden wird, denn was stagniert, wird zerstört (444 f.).

Die alles Vertraute auf dem Kopf stellende Logik betrifft auch das Utopische selbst:

„Als es noch schlichte Ziele waren – mehr Geld, Fleisch, Wein und Frauen -, glaubte das Volk seinen Herrschern in der Tat. Kaum fingt ihr an, über die großen Ziele nachzudenken, verließ euch das Vertrauen. Das ist der Preis, den ihr für den Wunsch nach Großem entrichten müsst. Für Utopien und Projekte, für Träume und Phantasien. […] Du beklagst das verloren gegangene Vertrauen? Nur den einfachsten Wahrheiten kann man ohne jede Skepsis vertrauen, nur der Muttermilch und der Goldmünze, dem Blut des Feindes und der Wärme des Weibchens.“ (405)

Die Geschichte des Romans selbst thematisiert die widerstreitenden Interessen der alles vernetzenden Großzivilisation und der planetaren Bevölkerungen und Martin sowie die immer wieder und endlich gefundene junge Frau begreifen am Ende, was Entwicklung für kosmische Zivilisationen bedeuten kann.

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