Leseproben aus: Sergej Lukianenko: Sternenspiel. München: Heyne Verlag 2007,2009.


Das Besondere an Lukianenkow Büchern ist kaum besser zu beschreiben als in der Amazon-Wertung: „…schreibt doch zurzeit kaum einer wie er diese angenehme Mischung aus Space Opera, geheimnisvollen Außerirdischen und persönliche Lebenserfahrungen, die seine Bücher so süffig-lesbar machen.“

Pjotr Chrumow, irdischer Raumpilot in seiner Rolle als Fuhrmann für eine interstellare Organisation, in der die „starken Rassen“ den anderen ihre Aufgaben zuteilen.

„Welche Rolle spielen wir nun in jener galaktischen Familie? Sind wir Kinder oder Stiefkinder?“ (124)

Reminiszenzen an sowjetische Vergangenheit seiner „Helden“:

Pjotr trifft auf Bettlerin:
Bettlerin: „Ich bin im Kommunismus groß geworden“.
Pjotr denkt sich: „Mein Großvater hatte mir beigebracht, echten Kommunismus habe es im letzten Jahrhundert noch gar nicht gegeben, mit der Bettlerin wollte ich jedoch keinen diesbezüglichen Streit anfangen […]“
Bettlerin: „Du bist ein guter Mensch […] Sag mir, was haben wir noch vor uns? […]
Stets hat man uns die große Zukunft ausgemalt. Das Glück der Menschheit. Ich habe den Kommunismus mitaufgebaut… dann den Kapitalismus… jedenfalls habe ich das versucht… Deswegen haben wir all das ertragen. Um dieser Zukunft willen… Jetzt baut ihr die Sternenzukunft auf. Mein Junge, glaubst du an das, was du tust?“ (134 f.)

Später fragt sich Pjotr beim Einkaufen:

„Glaubten diese Menschen an die Sternenzukunft der Menschen? Brauchten sie, die sie sich mit den Problemen des öffentlichen Nahverkehrs und den nicht funktionierenden Heizungen in ihren Wohnungen, mit dem auf Befehl von oben abgestellten Strom und den exorbitant teuren Lebensmitteln herumschlugen, diese Zukunft? Was gab der Kosmos ihnen – abgesehen von der Angst vor fremden Welten und dem teuer bezahlten Stolz auf den Planeten Erde samt seinen Raumschiffen, die die schnellsten in der Galaxis waren…?“ (137)

Pjotr wird durch einen blinden Passagier von einer anderen Zivilisation, die sich gegen die „starken Rassen“ auflehnen will, in Abenteuer hineingezogen. Sie diskutieren über viele wichtige Zukunftsfragen für sich entwickelnde Zivilisationen. Zum Beispiel: Ist es notwendig, dass sich eine Zivilisation in den Weltraum hinaus ausbreitet? Seit Ziolkowski einst von der Erde als Wiege der Menschheit gesprochen hatte, wird angenommen, dass auch wir unsere Wiege verlassen müssten.

„Aber es ist unmöglich, neues Wissen zu erlangen, wenn man sich nicht im Raum ausbreitet! Wenn Erkenntnis für euch das wichtigste Ziel im Leben ist, dann musstet ihr in den Kosmos vorstoßen.“
„Nicht unbedingt, Pjotr. Jedes Atom trägt die Informationen über das Universum in sich. Ein Neutrino, das durch einen Planeten wandert, liefert mehr Informationen als tausend Schiffe, die den Weltraum erforschen.“ (189)

Angst vor den Aliens blockt Pjotr ab:

„Als ob uns irgendwelche Aliens manipulieren müssten! Als ob nicht jeder sein eigenes Gerät zur Gehirnwäsche zu Hause hätte: den Fernseher!“ (195)

Dies führt zu einem Gespräch mit seinem Großvater, der so gar nicht utopisch, sondern sehr gegenwärtig anmutet:

„Du hast dich durch zwei, drei Kanäle gezappt und zwei, drei dumme Sendungen gesehen“, stellte mein Großvater fest. „Bist du danach immer noch der Ansicht, man müsse sich an die Regeln halten, die diese Menschheit aufgestellt hat?“
„Ja, wahrscheinlich schon. Aber es waren fünf Kanäle.“
„Du hast nicht ganz recht, Petja. Die glückliche Verblödung ist nämlich nur der Normalzustand der Menschen. Sie nimmt nur unterschiedliche Formen an. Wenn es zu einem Zusammenstoß der Kulturen kommt, zu einem Verlust der globalen Werte – wie es momentan der Fall ist-, dann tritt sie deutlicher, geradezu körperlich zutage. Aber immer und zu allen Zeiten gefiel der Zustand der glücklichen Verblödung der Mehrheit der Menschen.“ (200)

Aber dann landet Pjotr doch auf der Welt seiner Träume, seiner utopischen Träume:

„Ich war in das Land der Geometer gelangt, eine Welt, die wie das Paradies aussah. So vertraut, dass sie mir wie meine eigene vorkam. Wie oft war sie durch die menschlichen Träume gegeistert, diese Welt der guten Menschen und der gerechten Entscheidungen, diese Welt ohne Angst und Erniedrigung! Und der Weg, den sie gegangen war, schien ebenfalls richtig und überzeugend zu sein. Erziehung, Ausbildung, Effizienz, Gerechtigkeit. Liebe.“ (530)

Aber auch diese Welt hat ihre Tücken:

„Nur den Respekt, den hatte man stets vergessen. Recht zu haben ist eine Versuchung. Gutes zu wollen ein Verbrechen.“ (ebd.)

Wer denkt da nicht sofort an den real gewesenen Sozialismusversuch? Lukianenko schenkt uns hiermit endlich einen utopischen Roman, der den humanistischen, kosmopolitischen Gehalt der besseren sozialistischen utopischen Literatur nicht verleugnet, sondern aufgreift und ohne ungerechtfertigte Nostalgie erneut die alten Fragen stellt:

„[…] der Wunsch, Gutes zu schaffen, lässt sich nicht auslöschen.
Aber warum, warum nimmt er immer diese Form an?“ (566)

Eine ein für allemal gültige Antwort gibt es nicht, keine theoretische Lösung, sondern nur das Tun:

„Da steht immer einer unten und sieht, wie die Welt auf ihn zurollt, und kann nichts dagegen tun, während ein anderer alles von oben betrachtet und glaubt, die Kugel rolle den einzig richtigen Weg hinunter. […]
Jemand steht genau auf dem Weg, den die Welt nehmen könnte. Und er sieht, dass die Welt eigentlich unbeweglich ist. Dass sie nur erstarrt ist und gleich abstürzt. Und dieser Mensch kann die Hand ausstrecken und der Welt einen Stoß in die nötige Richtung geben. Wenn er sich das traut, natürlich nur. Denn richtige Richtungen gibt es nicht.“ (616)

So viel Gemeinsamkeit in so viel phantastischen Reisen ins All unter so fremden Zivilisationen. Aber nach den Schlusssätzen weiß man:

„Nie wieder werde ich nur ein Mensch sein.
Und folglich werde ich etwas zustande bringen.“ (638)

Advertisements