2. Neuronale Motivationsstrukturen

Auch Forschungen im Bereich der Neurobiologie bestätigen, dass ein Mensch ein Wesen ist, „dessen zentrale Motivation auf Zuwendung und gelingende mitmenschliche Beziehungen gerichtet ist“ (Bauer, S. 9). Es gibt biologische Motivationssysteme, die vor allem als „Belohnungssysteme“ funktionieren. Das sind vor allem die Botenstoffe (nach Bauer PM, S. 30 ff., 42, 49)

  • Dopamin: erzeugt ein Gefühl des Wohlbefindens und führt zu einem Zustand der Konzentration und Handlungsbereitschaft als Basis; es wird auch erzeugt durch Nikotin-, Alkohol oder Kokaingebrauch;
  • endogene Opioide, z.B. Endorphine: haben positive Effekte auf das Ich-Gefühl, die emotionale Gestimmtheit und die Lebensfreude; entsprechen der Wirkung von Opium oder Heroin; da sie durch menschliche Zuwendung ausgeschüttet werden, können diese quasi als Medikament dienen und erklären z.B. auch Placeboeffekte (S. 58 ff.)
  • Oxytozin: führt vor allem zu einem stärkeren Zusammenhalt zwischen Familienmitgliedern in Form von starker Bindung und Vertrauen (über die Basismotivation durch Dopamin hinaus).

Die Wirkungsweise dieser Botenstoffe macht deutlich, dass das „natürliche Ziel der Motivationssysteme“ darin liegt „soziale Gemeinschaft und gelingende Beziehungen mit anderen Individuen“ zu erreichen (Bauer PM, S. 36). Das heißt auch, dass sie abschalten, wenn soziale Zuwendung fehlt. [10] Soziale Umstände wirken so – vermittelt über die Psyche – auf die biologisch-neuronalen Systeme ein! [11]

Wie überall, nennt Bauer für die hier auch nur kurz zusammenfassbaren Erkenntnisse jeweils die wichtigsten Untersuchungen samt Quellenangaben. Er berührt Fragen der fehlenden Motivation (Depression), wie auch von Suchterkrankungen und kommt zum Schluss:

„Die stärkste und beste Droge für den Menschen ist der andere Mensch.“ (Bauer PM, S. 54)

Beziehungen und Kooperationen

Gerald Hüther kommt aufgrund neurobiologischer Forschungen ebenfalls zu dem Schluss, dass gute menschliche Bindungen für das menschliche Leben notwendig sind. Er begründet das damit, dass das menschliche Gehirn wegen seiner ausgeprägten Plastizität einen besonderen Halt braucht, der über das Tierische hinausgeht. Es kann sonst zu viel schief gehen – das Gehirn erwartet quasi die Wechselwirkung in menschlicher Umsorgung. Nachweislich verändern beispielsweise psychotherapeutische Beziehungen auch ganz konkret die Gehirnstruktur.

Entgegen den Vorstellungen von Darwinismus und Soziobiologie sind nicht der Kampf und die Aggression die Grundlage der Existenz und Entwicklung des Lebendigen, sondern Zusammenwirken und kooperative Beziehungen. „Zum einen sind die Motivationssysteme des Gehirns in entscheidender Weise auf Kooperation und Zuwendung ausgerichtet und stellen unter andauernder sozialer Isolation ihren Dienst ein. Zweitens führen schwere Störungen oder Verluste maßgeblicher zwischenmenschlicher Beziehungen zu einer Mobilmachung biologischer Stresssysteme.“ (PM, S. 71)

Interessant sind folgende Voraussetzungen für eine Beziehung oder ein kooperatives Projekt (PM, S. 192 ff.):

  1. Sehen und Gesehenwerden: Es ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis, als Individuum und Subjekt anerkannt zu sein. Für eine gelingende Beziehung ist es notwendig, dem Anderen diese Anerkennung zu geben, sich selbst aber auch mit seiner unverwechselbaren Identität offen zu zeigen.
  2. gemeinsame Aufmerksamkeit auf ein Drittes: „Sich dem zuzuwenden, wofür sich eine andere Person interessiert, ist die einfachste Form der Anteilnahme und hat ein erhebliches Potenzial, Verbindung herzustellen.“ (ebd., S. 193).
  3. emotionale Resonanz: Hier kommt es darauf an, sich in die Stimmungen des anderen einzuschwingen oder andere mit der eigenen Stimmung „anzustecken“. Das erfordert ein hohes Maß an Achtsamkeit.
  4. gemeinsames Handeln: Gemeinsame Aktionen haben ein besonders hohes Maß, Gemeinsamkeit zu stiften.
  5. wechselseitiges Verstehen von Motiven und Absichten.

Zum Verhältnis von Kooperation und Aggression gibt es mehrere grundlegende Untersuchungen. Eine ist die Spieltheorie. Als wichtiges Beispiel gilt das sog. „Gefangenendilemma“: Dabei haben zwei Menschen die Wahl zwischen Kooperation oder dem Übervorteilen des Anderen, wobei die Ergebnisse jeweils davon abhängen, wie der andere – ohne das beide von ihren Entscheidungen wissen oder darüber verhandeln können – entscheidet. Diese Situation lässt sich auch für viele Spielzüge im Computer nachspielen und verschiedenste Strategien können durchprobiert werden. Dies probierte Robert Axelrod [12] 1981, indem er verschiedene, ihm vorgeschlagene Strategien gegeneinander antreten ließ. Das Ergebnis ist: „Kooperation erweist sich als die optimale Strategie, aber nur, wenn sie mit der Fähigkeit und Bereitschaft verbunden war, im Falle einer Nichtkooperation des Partners Gleiches mit Gleichem zu vergelten.“ (PM, S. 181). Daraus ergibt sich die Erfolgsstrategie (PM, S. 184):

  1. Sei freundlich (sei primär und als Erster bereit zu kooperieren)
  2. Schlage bei Unfreundlichkeit zurück (reagiere auf den Versuch, dich zu übervorteilen)
  3. Sei nicht nachtragend (versuche es, nachdem du zurückgeschlagen hast, erneut mit Kooperation).

Auch in konkreten Experimenten zeigte sich, dass 76%, also mehr als drei Viertel aller Menschen, ein primär kooperatives Vorgehen bevorzugen (PM, S. 189)

Morgen mehr zu Aggressionen

Endnoten:

[10] Dass zwischenmenschliche Zuwendung biologisch wichtiger ist als Nahrung, zeigt Bauer daran, dass dauerhafte soziale Isolation den Willen zur Nahrungsaufnahme erlahmen lässt (Bauer PM, S. 39). Es ließ sich auch nachweisen, dass Vernachlässigung im frühen Kindesalter zu echten neurobiologischen Veränderungen führt (S. 55), wobei die auch hormonell turbulente Zeit der Pubertät es ermöglicht, solche Veränderungen wiederum zu verändern – aber nur, wenn entsprechende positive Umwelteinflüsse vorliegen. (Bauer PM, S. 92, 173)

[11] Der Effekt, dass Umwelterfahrungen sich auf die Aktivität der Gene und damit auf die Ausbildung von Strukturen im Gehirn auswirken, wird auch im Begriff „Social Brain“ erfasst (Bauer PM, S. 54)

[12] Mir liegt vor die Ausgabe Robert Axelrod: Die Evolution der Kooperation. München: R. Oldenbourg, 1992.

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