Zu Teil I und Teil II

    Aggressionen im Dienst der Kooperation

    Sicherlich wird niemand anzweifeln, dass es auch Aggressionen gibt. Im Unterschied zur bisher oft vertretenen Meinung, dass die Kooperation dem aggressiven Kampf ums Dasein lediglich untergeordnet sei, verficht Joachim Bauer die Ansicht, dass Aggressionen im Dienste der sozialen Beziehung stehen und deren Verteidigung dienen (PM, S. 75 ff.). Untersuchungen zeigen, dass gerade jene Personen aggressiv reagieren, denen entweder eine Bindung fehlt oder die mit der Bedrohung der Beziehung konfrontiert wurden (ebd.). Dazu passt die Redeweise „If you can’t john them, beat them.“ [13]

    Eine gefährdete Beziehung verursacht Schmerz und eine der möglichen Reaktionsweisen auf Schmerz ist die Aggression, die vor allem dann einsetzt, wenn keine anderen Möglichkeiten der Bewältigung gefunden werden.

    An Tieren wurde nachgewiesen, dass die Bereitschaft, mit Gewalt zu reagieren, nicht angeboren ist, sondern besonders im frühen Lebensstadium durch Einflüsse des Umweltmilieus erzeugt wird. Man vertauschte dabei Junge von Affen so, dass Junge von gewalttätigen oder fürsorglichen Müttern jeweils zu Müttern der anderen Gruppe gebracht wurden und sich zeigte, dass der Einfluss der Mutter nach der Geburt deutlich war (Junge bei gewalttätigen Müttern waren selbst auch gewalttätiger, bzw. fürsorglich untergebrachte Junge waren später selbst fürsorglicher), während kein Einfluss der biologischen Mutter nachzuweisen war. (PM, S. 84) Es gilt deshalb auch für kooperatives oder aggressives Verhalten: „Wenn es um Verhalten geht, haben biographische Erfahrungen – vor allem solche in der Lernphase des Lebens – offensichtlich eine stärkere Wirkung als die genetische Abstammung.“ (ebd.: S. 85).

    Dabei „steht Aggression immer im Dienst des Strebens nach Anerkennung, Beziehung, Kooperation und sozialer Zugehörigkeit“ (PM, S. 85). Joachim Bauer unterscheidet 5 Formen von Entstehungszusammenhängen für Aggression:

    1. Aggressionen können dadurch verursacht sein, dass die Beziehung nach außen verteidigt wird. „Beziehungen, die von den Beteiligten nicht nach außen verteidigt werden, haben eine schlechte Prognose.“ (ebd.: 86)
    2. Der Kampf um Liebe und Anerkennung, beispielsweise unter Geschwistern, kann aggressiv erfolgen
    3. Innerhalb von Beziehungen können Aggressionen dadurch entstehen, dass in der Beziehung Dysbalancen entstehen, die die Beziehung insgesamt gefährden. Es geht dann vor allem um die Balance der gegenseitigen Anerkennung der Identitäten der Beteiligten, die sich ja im Laufe der Zeit auch ändert, wodurch sich Verschiebungen und Ängste ergeben können. Die aggressive Reaktion bezieht sich auch hier auf die Gefährdung der Beziehung und Anerkennung. (ebd., S. 87)
    4. Gemeinschaftlich ausgeübte Aggressionen, gemeinsam durchgestandene Kämpfe führen zu einer Befriedigung durch Bestätigung der Gemeinschaft. Nicht umsonst wird die Erfahrung der „Kampf- und Kriegskameradschaft“ oft hoch bewertet. Es wurde untersucht, dass spätere Terroristen vor allem durch die Einbindung in das Gruppenerlebnis angezogen werden (ebd., S. 88).
    5. Eine wichtige Quelle für Gewalt ist die selbst erlebte Gewalt, vor allem im Kindesalter. Das betrifft schwere Verwahrlosungen oder auch traumatisierende massive Gewalt.

    Zusammenfassend heißt dass: „Wo und wann immer Aggression zu beobachten ist, lässt sie sich mindestens einer der genannten fünf Varianten zuordnen. Aggression steht – ob direkt oder indirekt – immer in funktionalem Zusammenhang mit dem Grundbedürfnis des Menschen nach Beziehung und ist diesem Bedürfnis unter- oder nachgeordnet.“ (ebd., S. 89)

    Zusammenfassung

    Vom Joachim Bauers Buch „Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern.“ war ich mehr neurobiologisch-medizinisches Fachwissen gewohnt. Im Buch „Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren“ verweist Bauer eher kursorisch auf dieselben wissenschaftlichen Ergebnisse, aber nicht so stringent. Die Argumentationslinie ist durch den Ausgangspunkt, der Kritik an Darwinismus und Soziobiologie, etwas zerflattert. Die kulturpolitischen Schlussfolgerungen sind auch nur kurze Denkanstöße, eine Einbindung in eine gute Gesellschaftstheorie fehlt völlig.

    Trotzdem liefert das Buch – unter Beachtung der zu Beginn genannten methodischen Hinweise – wichtige Erkenntnisse über die biologischen Grundlagen unseres Befindens und Verhaltens. Die Kenntnis über die Mechanismen, über die soziale Bedingungen, psychische Faktoren und das Verhalten Einfluss auf die bisher meist isoliert gesehenen biochemischen Prozesse nehmen, kann uns helfen, ein gelingendes Leben zu gestalten und gesellschaftlich notwendige Veränderungen vorzunehmen.

    Endnote:

    [13] Dt.: Wenn Du dich nicht an der Gemeinschaft beteiligen kannst,. dann schlage sie.

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