Stefans Kommentar zu meinem letzten Blogbeitrag bestätigt, dass die Frage noch nicht ganz geklärt ist:

Ist es überhaupt gerechtfertigt, den Subjektstandpunkt in die Politik „mitnehmen“ zu wollen? Oder ist es nicht ganz normal, dass dort eine andere Logik gilt…

Ich hab mir daraufhin noch mal angeschaut, was Holzkamp in der „Grundlegung“ dazu schreibt. Dieser Beitrag beginnt deshalb sprachlich etwas abstrakt – aber er endet mit einem konkreten Beispiel 😉

Holzkamp unterscheidet zwischen gesellschaftlichen Kooperationszusammenhängen und der interpersonalen Kooperation und sieht den Zusammenhang so:

„Die im gesellschaftlichen Kooperationszusammenhang stehenden Handlungsziele müssen hier so beschaffen sein, daß zu ihrer Realisierung interpersonale Kooperation zwischen Individuen notwendig/möglich ist. dies kann sich etwa aus der jeweiligen ›Anforderungsstruktur‹ einer Zielkonstellation ergeben, durch welche das Ziel von den Individuen nur kooperativ realisierbar ist.“ (Holzkamp 1983: 330-331.

Und weiter:

„In dem Maße, wie in der ›Möglichkeitsbeziehung‹ menschlicher Handlungen in der beschriebenen Weise der Akzent nicht auf der bloßen Realisierung von Handlungsmöglichkeiten, sondern deren Änderung, d.h. Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, durch welche die Möglichkeiten bestimmt und begrenzt sind, liegt, ist die kooperative Form der Handlungen für die Individuen zwingend: Sofern es nämlich darum geht, gesellschaftliche Verhältnisse zu ändern, muß die Macht der Individuen auch selbst eine gesellschaftlich-historische Größenordnung erreichen können […].“ (ebd.: 331)

I. Binnenbeziehungen in kooperativen Zusammenschlüsse

Es geht da erst einmal lediglich um kooperative Zusammenschlüsse interpersonaler Art:

Um dieses Ziel zu erreichen, ist ein „kooperative[r] Zusammenschluß der Individuen auf interpersonaler Ebene, also quasi die Aktualisierung gesellschaftlicher zu kooperativer Integration“ (ebd.) notwendig. Dieser kooperative Zusammenschluss bedarf dann einer „mehr oder weniger organisierten Form“, d.h. eine „eigene überindividuelle Geschichte und Kontinuität“, es entstehen „gesellschaftliche Subjekte“. Individuen sind dann lediglich „Elemente“ dieser Subjekte.

„Dennoch bleibt hier der kooperative Charakter, durch welchen die Beziehungen aus der Eigenart des nur gemeinsam realisierten Handlungsziels sich ergeben, erhalten etc.“ (ebd.)

Das heißt auch, dass es für Individuen guter Gründe bedarf, sich an diesen Kooperationen zu beteiligen – diese sind üblicherweise dann gegeben, wenn „für das Individuum eine gegenwärtige Einschränkung seiner Handlungsfähigkeit nur auf kooperativem Wege in Richtung auf Verfügungserweiterung, Angstüberwindung und ›menschliche‹ Bedürfnisbefriedigung und Daseinserfüllung überwindbar ist/erscheint.“ (ebd.: 331-332). Hier sind indirekt auch Kriterien gegeben, die angeben, welche Motivation dafür benötigt wird, sich an solchen kooperativen Strukturen zu beteiligen.

Emanzipative, engagierte Gruppen und Bewegungen, die sich fragen, warum die anderen, in deren Interesse sie doch eigentlich agieren wollen, sie nicht genügend unterstützen (z.B. bei den allmontäglichen Anti-Hartz-IV-Demos) gewinnen also nicht viel, wenn sie „die Leute“ als „zu passiv“, „zu egoistisch“, „zu unverantwortlich“ (alles gehört) beschimpfen – sondern sie sollten sich fragen, ob sie und ihre Praxis den Menschen tatsächlich helfen kann, die gegenwärtige Einschränkung der Handlungsfähigkeit zu überwinden, Verfügungserweiterung erreichen und Ängste zu überwinden.

Für all diese Gruppierungen, d.h. quasi alle politisch aktiven Vereine, Bewegungsstrukturen, bis hin zu Parteigruppierungen, steht also letztlich das Problem, wenigstens in ihren Binnenverhältnissen auf diese zwischenmenschlichen Faktoren zu achten. Angesichts ihrer Einbindung in reale widersprüchliche Strukturen werden sie dem Spannungsverhältnis von Instrumentalisierung und Intersubjektivität (siehe Blogbeitrag) nicht entkommen können – aber wenn sie das Ziel verfolgen, alle Verhältnisse aufzuheben, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx MEW 1/KHR: 385), besteht für sie die Aufgabe, sich in Richtung Intersubjektivität statt Instrumentaliserung zu orientieren.

II. Beziehungen zu Menschen, die sich außerhalb der emanzopativ-kooperativen Gruppierungen befinden

Da Akteure in emanzipativen Bewegungen üblicherweise wenigstens grundsätzlich davon ausgehen, dass die anderen Menschen in der Gesellschaft ebenfalls selbst aktiv an der Veränderung der Verhältnisse mitwirken sollten, steht auch im Miteinander mit diesen Menschen die Orientierung an Subjektbeziehungen im Vordergrund. Dies – nur zu Erinnerung – ist keine moralische Forderung, sondern ergibt sich schlicht aus der Tatsache, dass eine gegenteilige Praxis erfolglos bleiben wird.

Aus der Methodik kritisch-psychologischer Subjektforschung lässt sich hier viel lernen. Im Zentrum steht die Begründetheit statt der Bedingtheit menschlichen Verhaltens. Zu betrachten sind „Prämissen-Begründungs-Zusammenhänge“ (vgl. Holzkamp 1983a: 352). Prämissen sind dabei jene durch die gesellschaftlichen Bedingungen vorgegebenen Handlungsmöglichkeiten, die angesichts meiner gerade vorliegenden Problematik und der vorhandenen konkreten Interessen wichtig werden. Genau genommen muss mit Hilfe der weiteren Vermittlungskategorien „Position“ und „Lebenslage“ (ebd.: 197) noch stärker differenziert werden.

Der Knackpunkt, sich in Richtung einer Verfügungserweiterung (im Sinne der verallgemeinerten Handlungsfähigkeit) oder gegen die Erweiterung (im Sinne der restriktiven Handlungsfähigkeit) zu orientieren, besteht darin, welche Richtung von mir als aussichtsreicher bei der Befriedigung meiner Lebensbedürfnisse in der aktuellen Situation gedacht und erlebt wird. (vgl. Holzkamp 1983: 372ff)

Ich riskiere beim Versuch, ein höheres Niveau der Handlungsfähigkeit zu erreichen (also mich gesellschaftspolitisch zu betätigen), unter Umständen mein jetziges Niveau der Handlungsfähigkeit (ich habe weniger Zeit mich auf die Lohnarbeit oder die Jobsuche zu konzentrieren, meine Erholungsphasen werden darunter leiden…). Über diese Hinderungsgründe nachzudenken wäre für manche politische Gruppierung wichtiger als das häufig zu erlebende Abwerten „der Leute“.

III. Gegenmacht

Ein weitergehendes Engagement wird für mich nur sinnvoll sein, wenn ich erstens die bedrohte Existenzgefährdung besser in den Griff bekomme (wenn mir beispielsweise politische Gruppierungen echte Unterstützung z.B. über die Nutzung von Umsonstläden bzw. Selbsthilfeprojekten anbieten können) und wenn ich zweitens dabei auch erlebe, dass eine Art „Gegenmacht“ gegen die meine Lebensqualität bedrohenden gesellschaftlichen Mächte entsteht. Holzkamp thematisiert hier primär „Protest“ und „Widerstand“ ebd. (373). Gegenmacht ist hier also gar nicht so sehr im Sinne politischer Durchsetzungsfähigkeiten thematisiert, sondern – und nur insoweit ist es auch das engere Thema der Kritischen Psychologie als Individualwissenschaft – es wird gefragt nach den Gründen für Menschen, sich gegenüber den Zumutungen der Verhältnisse so oder so zu verhalten. Genau das, was in politischen Gruppierungen ständig diskutiert wird, wenn man sich alleine und im Stich gelassen fühlt, von „den Leuten“, für deren Interessen man sich doch eigentlich einsetzen will.

Gegenmacht wird also nicht allein durch intersubjektive Verständigungen erreicht werden – aber ohne diese wird sie immer labil und wenig erfolgreich sein.

IV. Keimformen neuer gesellschaftliche Verhältnisse

Die beste Gegenmacht wäre natürlich die Möglichkeit, meine Lebensbedürfnisse auf andere Weise zu befriedigen als durch Unterwerfung unter die gegebenen gesellschaftlichen Strukturen. „Stell Dir vor, es gibt Arbeitsplätze – aber keiner braucht sich mehr ausbeuten zu lassen…“ Der stärkste Hinderungsgrund dafür sind natürlich die fehlenden Ressourcen und Produktionsmittel – gerade deshalb orientierte Marx auf eine „Expropriation der Expropriateure“ (vgl. MEW 23/Kap: 790/791). Bezüglich vieler Ressourcen und Mittel steht das noch aus – aber es gibt einen zusätzlichen Weg, das Problem zu anzugehen: Menschen sind nicht nur Lohnarbeiter, sie haben ein Arbeitsvermögen, das über ihre Lohnarbeitskraft hinaus geht. Im Bereich des Immateriellen hat es sich bereits gezeigt, dass Menschen außerhalb ihrer Lohnarbeit (mit nur relativ geringem stofflichen und energetischen Aufwand) eine neuartige globale Produktionsorganisation für hochkomplexe Produkte hinbekommen: Freie Software- und Freie Kulturgüter. Es zeigt sich, dass es auch überindividuell und überkooperativ, also auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, möglich ist, ohne das Dazwischentreten einer auf dem Wertgesetz basierenden Organisationsleistung „Keimformen“ einer neuen Produktionsweise aufzubauen. Auf diese Weise bilden sich bereits innerhalb der alten Gesellschaft die Elemente der neuen, wie es Marx forderte (Marx MEW 4/Man: 480). (Stefan spricht genau das in seinem Kommentar ja auch an.)

Dabei ist es ganz wesentlich, dass Merkmale, die bei Holzkamp den intersubjektiv orientierten Beziehungen zugeschrieben werden, sich gesamtgesellschaftlich verallgemeinern. Das Allgemeininteresse an einer „Verfügung der Menschen über ihre eigenen Angelegenheiten“ (Holzkamp 1980: 212) stimmt hier mit gemeinschaftlichen Bestrebungen überein. Die restriktive Dimension (zumindest jene, wie sie für kapitalistisch-bürgerliche Verhältnisse vorhanden ist) wird tendenziell beseitigt. Und um jene gesellschaftlichen Produktionsbereiche auszuweiten, ist die Fundierung auf dem Allgemeininteresse unhintergehbar. So etwas wie Intersubjektivät bildet sich auch auf gesellschaftlicher Ebene aus – die Gesellschaft ist geradezu geprägt dadurch, dass in ihr tatsächlich die Menschen als jeweils besondere Individuen im Mittelpunkt stehen und sich ihre Gesellschaftlichkeit sich nicht wieder gegen sie verselbständigt.

Solche gesellschaftlichen Verhältnisse sind tatsächlich nicht identisch mit lediglich zwischenmenschlichen Beziehungen oder der Summe davon. Aber ihre innere Strukturierung vollzieht sich nun direkt entlang derjenigen allgemeinen Interessen, die durch jedes Individuen getragen werden. „Eine Gesellschaft, in der alles alle stärkt“ – so nennt es Frithjof Bergmann; „Selbstentfaltungsgesellschaft“ die Zukunftswerkstatt Jena.

Welche Art produktiver Widersprüche und Konflikte sich in solch einer Gesellschaft abspielen, sei hier offen gelassen – die Methoden, mit ihnen umzugehen, werden sich aber von jenen der Zeit der Dominanz von Partialinteressen wesentlich unterscheiden (siehe z.B. die ersten Erfahrungen aus den Keimformen).

V. Politische Kämpfe

Nun sind wir aber noch nicht (überall) so weit. Noch dominieren gesellschaftliche Verhältnisse, in welchem die Masse der Individuen von der kollektiven Verfügung über ihre Lebensbedingungen ausgeschlossen und auf ihr privates, individuelles Dasein zurückgeworfen ist“ (Holzkamp 1980: 212, kursiv A.S.). (vgl. den Blogbeitrag )

Politische Kämpfe gegen diese Verhältnisse müssen m.E. die Strategien der Gegenmacht (III) und der Etablierung des Neuen (IV) vereinen. Vielleicht notiere ich dazu nur kurz einige Erfahrungen aus den Protesten gegen die Castor-Transporte. Hier geht es ganz massiv – bis hin ins Körperliche – um Macht und Gegenmacht. Was ist es aber, was Menschen bewegt, sich zu beteiligen? Natürlich Frust und Wut über die Atom-Politik. Aber im Wendland herrscht während der Protesttage nichtsdestotrotz eine eigenartige ausgelassene Stimmung. Hier habe ich erstmals erlebt, wie es sich anfühlt, wenn die Forderung von Emma Goldmann wenigstens ansatzweise erfüllt ist: „Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution.“ Es ist aber nicht nur das Gefühl – auch die Koordinierung war zumindest in jenem Jahr, als ich bei x-tausendmal-quer mitgemacht habe, auf eine besondere Weise realisiert: Alle Beteiligten trafen sich in Bezugsgruppen, in denen jeweils ausgehend auch von der je individuellen Tagesform und der jeweils konkreten Befindlichkeit her darüber diskutiert wurde, was man als Gruppe tun kann und wie man sich gegenseitig am besten unterstützt. Wir haben beispielsweise in der Nacht vor dem entscheidenden Straßentransport durch intensive Gespräche festgestellt, dass die meisten schon zu erschöpft von den letzten kalten und schlaflosen Nächten waren, um wirklich das Risiko der Polizeiknüppel beim Durchbrechen der Polizeiketten auf sich zu nehmen. Daraufhin wurde nicht das vorherige Ziel durchgedrückt, und der Transport „koste es was es wolle“, blockiert – sondern wir rückten „nur“ bis genau an die Polizeikette vor und brachen nicht durch. Ich denke, für das allgemeine Ziel, eine Politik für Menschen zu machen, war das ein größerer Erfolg, als wenn wir partiell vielleicht einige Minuten Transportverzögerung erreicht hätten, aber auf Kosten der Interesse von Beteiligten, die sich dann hätten vielleicht überreden lassen. Meiner Erfahrung nach sind es genau auch solche Erfahrungen, die als Prämissen für spätere begründete Entscheidungen der Menschen für ein weiteres Engagement eine ganz wesentliche Rolle spielen.

So, hier mache ich jetzt wieder Schluss und gebe die Frage weiter:

Was kann der Subjektstandpunkt für eine emanzipative politische Strategie bedeuten?

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