Auch dieser Beitrag gehört zum Thema „Zum Problem des Allgemeinen in der Gesellschaft und seine Bedeutung für den Befreiungskampf“

Schauen wir uns einmal an, wie die Kritische Psychologie an diese Fragestellung herangeht: Sie will Ernst machen mit dem aus dem Subjektstandpunkt herrührenden Anspruch, nicht etwas über andere Menschen erfahren zu wollen, sondern jedem Individuum Begriffe zu liefern, mit denen es seine eigene Lebenswirklichkeit und seine Stellung in der Welt erkunden kann und über diese Beziehungen auch etwas über die Welt und ihre Verhältnisse. Von dem, was die gerade gegeben Gesellschaftsform wesentlich strukturiert, also von der konkreten Allgemeinheit dieser Gesellschaftsform bin ich als „›Fall von‹ in meiner Lebenstätigkeit in verschiedenen Hinsichten ›mitbetroffen‹“ (Holzkamp 1983: 391).

Anderen Menschen geht dies ebenso. Wir können unsere Perspektiven verschränken und voneinander erfahren, wie jeweils der Andere von den gesellschaftlichen Strukturen betroffen ist. Meine eigenen Erfahrungen sind eine „besondere Erscheinungsform ›menschlicher‹ Lebensnotwendigkeiten unter historisch bestimmten Bedingungen mit ihren Widersprüchlichkeiten und Beschränkungen etc.“ (ebd.: 542). Im intersubjektiven Miteinander können wir dann die „allgemeinen Züge subjektiver Lebensnotwendigkeiten unter historisch bestimmten Bedingungen“ (ebd.) herausbekommen.

Klaus Holzkamp diskutiert dies unter der Fragestellung, wie psychologische Forschung für Menschen auf eine solche Weise funktionieren kann. Die Ausführungen gelten aber ebenso für die Erkundung der Welt, wie sie jedes Individuum erfährt. Wir nehmen hier keinen analytischen Blick „von außen“ ein – aber wir gehen auch davon aus, dass nicht jedes Individuum völlig in einer eigenen, von anderen isolierten Welt lebt. Deshalb kann es eine intersubjektive Verständigung darüber geben, was an unserer konkreten Welterfahrung das Gemeinsame ist. In Bezug auf die Gesellschaftsform, mit der wir als Individuum und in unseren Gemeinschaften auf vielfältige Weise vermittelt sind, werden wir auf diese Weise zum Erkennen des konkret-Allgemeinen dieser Gesellschaft kommen.

Dabei erschwert uns die Struktur des Kapitalismus diese Erkenntnis aufs Äußerste. Durch die schon beschriebene Vereinzelung durch konkurrenzförmige Strukturen erscheinen jedem Individuum (also „jeweils mir“) andere Menschen eher als Konkurrenten und Feinde denn als Partner und Bestärker. Und die Gesellschaft zeigt sich nicht mehr als von mir mit produziert, sondern als sachliche Macht außerhalb meiner Einflussmöglichkeiten. Ein „Kapitalkurs“ kann durchaus helfen, diese Strukturen auch auf der überindividuellen Ebene zu begreifen und von daher zu durchschauen, wie sich ihre Widersprüchlichkeit in unserem individuellen Leben zeigt. Für die Bewältigung des eigenen Lebens macht es durchaus Sinn, sich so weit wie möglich entsprechend den Konkurrenzbedingungen zu verhalten. Diese Verhältnisse durch Denken oder Tun in Frage zu stellen, bringt ein Risiko mit sich, die Möglichkeiten zu verlieren, die man immerhin doch auch irgendwie hat. Jeder Mensch wägt für sich ab, ob die Art und Weise, wie er in der Gesellschaft positioniert ist und welche Verhaltensmöglichkeiten er hat, unter den gegebenen Bedingungen für ihn aussichtsreicher sind als die Möglichkeit, sich mit anderen zusammen zu tun und für die Veränderung der Verhältnisse einzutreten. Angesichts der Beschränkung der Entfaltungsmöglichkeit durch die strukturell erzwungene Vereinzelung, durch die Verhinderung des Zugangs zu den gesellschaftlichen Lebensbedingungen hat jedes Individuum gute Gründe, sich so oder so zu verhalten (siehe individuelle Möglichkeitsbeziehung auch bezüglich der beiden Dimensionen der Handlungsfähigkeit – restriktiv/verallgemeinert).

Die Gründe, sich in die „verallgemeinerte“ Richtung zu bewegen, d.h. sich mit anderen gemeinsam für den Zugang zu den gesellschaftlichen Lebensbedingungen (auch Ressourcen, Produktionsmitteln…) zu erkämpfen, haben ihre Wurzel zumeist in der Tatsache, dass man sich im restriktiven Modus selbst einschränkt. Man verliert die Entfaltungspotenzen, die man sonst erreichen könnte, man verletzt auch unabsichtlich die Interessen anderer Menschen und gerät häufig in einen Prozess der Verdrängung dieser Tatsachen. Auf jeden Fall macht sich diese innere Widersprüchlichkeit häufig doch bemerkbar.

Wenn man eigentlich ein „guter Mensch“ sein will – aber strukturell ständig „auf Kosten“ anderer agieren muss, macht die Verdrängung der Widersprüchlichkeit, in die man gerät, einen großen Sinn. Deshalb braucht es für ihre Überwindung erstens doch so etwas wie einen Leidensdruck und zweitens die Möglichkeit, mit anderen Menschen gemeinsam heraus zubekommen, dass es ihnen auch so geht und dass wir jeweils gemeinsam die Bedingungen für diese Leidenserfahrungen abschaffen könnten.

Schauen wir uns die Antworte auf meine Blog-Umfrage „Was fehlt“ an, so wird immer wieder auf die Verschränktheit der eigenen Interessen mit dem Wohl aller verwiesen. Obwohl auf die nachgeschobene Frage „Was würde Dir helfen, das Fehlende zu erhalten?“ kaum jemand geantwortet hat, ergibt sich die Antwort auch schon oft innerhalb der Beantwortung der ersten Frage. So wird als das Fehlende benannt:

  • „Kooperation in gesellschaftlicher Größenordnung“
  • „die Möglichkeit zu leben einfach um des Lebens Willen, aufgehoben zu sein in einer gesellschaftlichen Formation, in der nicht die Job- oder Erwerbsarbeit die Basis für die gesellschaftliche Anerkennung ist, in der die soziale Absicherung entsprechend den persönlichen Befindlichkeiten gegeben ist und die frei ist von krank machenden Umweltbedingungen und Lebensmitteln.“
  • dass „sich (gesellschaftliche) Menschen zueinander also als Menschen verhalten können und nicht zueinander wie zu äußerlich nützlichen Dingen“
  • „Verhältnisse, unter denen ich mich darauf verlassen könnte, dass Menschen, indem sie sich den so definierten je eigenen Bedürfnissen gemäß verhalten auch die Bedingungen meiner Existenz mit schaffen und umgekehrt“

Tanja fasst es in der Suche-Frage zusammen: „Kommunismus“.

Das was am Häufigsten als „fehlend“ genannt wurde, war „die Zeit“. Aus meiner Sicht ist der Zeitmangel eine Erscheinung der kapitalistischen Verhältnisse: Wir leben und agieren nicht wirklich selbstbestimmt mit anderen, um – vermittelt über die Verfügung über die Lebensgrundlagen – unsere Bedürfnisse zu entfalten, sondern wir werden durch fremdbestimmte Aktivitäten (Job, nicht mal lesen könnend in der S-Bahn rumsitzen… ) um wertvolle Lebenszeit beraubt. Natürlich gibt es auch ganz spezifisch-individuelle Mangelzustände, die nicht unmittelbar verallgemeinert werden können. Aber letztlich gibt es genügend durchaus unterschiedliche Ansätze, die sich allerdings als „Erscheinungsformen des gleichen Verhältnisses“ (Holzkamp 1983: 549) offenbaren, wenn wir nur mal drüber reden würden.

Eine interessante Tatsache zeigt sich an den beiden Fragen aber auch: Die Erkenntnis der Beschränkungen und Behinderungen drückt gleichzeitig das Angestrebte aus, dasjenige, das einem gemeinsamen Tun eine Orientierung geben kann. Die Begründung dieser Orientierungsrichtung braucht also nicht spekulativ aus irgend einem „Geist“ oder „Gattungswesen“ hergeleitet zu werden, sondern ist begründet in den jeweils historisch konkreten erlebten Widersprüchen.

Große praktische Probleme ergeben sich vor allem daraus, dass die Bereitschaft, die erlebte Widersprüchlichkeit auch zuzulassen, nicht zu verdrängen, und daraus Gründe für gemeinsame Anstrengungen zur Veränderung der Bedingungen abzuleiten, nicht für alle Menschen gleichzeitig und im gleichen Maße vorhanden ist. Deshalb gibt es für viele Menschen, die das eigene Leid und das Leid anderer nicht mehr ertragen können, Gründe, die ganze Entwicklung beschleunigen zu wollen, auch ohne Rücksicht auf die Selbstbestimmungsinteressen der anderen. Oder es gibt Gründe, die Ohnmacht gegenüber gesellschaftlichen Strukturen wenigstens innerhalb von Kooperationen und Gemeinschaften „kompensieren“ zu wollen und dabei dann eher instrumentalisierend vorzugehen.

Hier muss ich nun erst mal mit theoretischen Ausführungen aufhören. Um diese Gedanken weiter zu entwickeln, brauche ich das Gespräch mit anderen Menschen über ihre Erfahrungen mit sich und ihrer/unserer Welt…