Ich bemerkte in meinem Blogbeitrag über Adorno und Bloch „über die Widersprüche der utopischen Sehnsucht“, dass für mich die Verbindung des Utopischen mit dem Problem des Todes nicht ganz verständlich ist.

Gestern morgen, als wie üblich nach dem Aufwachen der Kopf besonders agil war, kam mir dann eine Erleuchtung…

Zuerst erinnerte ich mich an den für Ernst Bloch erschütternden Tod seiner ersten Frau, Else Bloch-von Stritzky (1921), der er die erste Fassung seines „Geist der Utopie“ (GdU I, 1918) zueignete und die zweite Fassung (GdU II, 1923) widmete. Auch der Ergänzungsband seiner Werksausgabe (Tendenz-Latenz-Utopie, 1978) ist zwar „für meine Frau Karola, Mann und Werk vor den Nazis rettend“ gewidmet, enthält aber ein umfangreiches „Gedenkbuch für Else Bloch-von Stritzky“ mit geradezu hymnischer Bewunderung (S. 11-50). Ich kann mir gut vorstellen, dass die Tatsache, dass sie sterben musste, auch für ihn persönlich als „härteste Gegenutopie“ (Tübinger Einleitung – TE, S. 372) erlebt wurde.

Aber Adorno und Bloch geht es in dem genannten Gespräch nicht nur im private Erfahrungen. Es gibt im Buch „Geist der Utopie“ von Bloch, das während dem ersten Weltkrieg 1915/16 geschrieben wurde, das recht eigenartige Abschlusskapitel „Karl Marx, der Tod und die Apokalypse“. Nach einer auch heute noch sehr bedenkenswerten Einschätzung des real gewesenen Sozialismusversuchs („Mithin, es ist noch nichts da, wenn nichts verschwunden ist als die Not“ – GdU I, S. 409) kommt Bloch auf den Tod zu sprechen.

„Wir sind, gewiß. Aber danach schlägt alles um“ (GdU I, S. 411)

Wie verträgt sich das mit dem allbekannten Spruch: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ (TE, S. 13)? Bloch hat für diese Spannung zwischen der Orientierung am aufstrebend-Lebendigem und dem Tod ein schönes Bild: „Aber kein Blick geht nach oben, ohne den Tod streifen zu müssen…“ (GdU I: 411, vgl. GdU II: 309). Wer würde vermuten, dass der Philosoph der Hoffung und der Utopie auch solche Sätze geschrieben hat: „Den meisten Kindern, noch bevor sie geboren sind, ist schon ihre Grabschrift aufzusetzen…“ (ebd.: 418). Ich zitiere noch eine Stelle:

„Es ist entsetzlich, derart zu leben und zu arbeiten und dahinter wirft man uns in die Grube. Kurze Zeit war es hell, ein rätselhaft verheißender Auftakt mit starken, in ihm unvollendeten Zweckbeziehungen, und dann wird das Leben so über jedes Maß hinaus zu nichts, als ob auch vorher nichts gewesen wäre, als ob, auch wenn man tausend Auftakte addierte, vor diesem Nichts, vor diesem flachen und unergründlich tiefen Schacht zugleich, überhaupt keine persönliche Geschichte bestanden hätte.“ (ebd.: 419)

Dass wir in der Erinnerung anderer Menschen zurück bleiben, ist kein Trost, denn von uns bleibt weniger als von „alte[n], gute[n] Stöcke, Tische[n], Häuser[n]“, deren Gebrauchswert wenigstens erhalten bleibt. Umso weniger kann es wirklich trösten, dass die Nachkommen irgend etwas übernehmen, wenn auch diese ihre Orientierungt nur in einer „abstrakt zu liebenden, […] nur im Gehirn existenten, inhaltlich völlig unvorstellbaren Zukunft“ finden können.

Ernst Bloch scheint eine Art Lösung in der Vorstellung der Seelenwanderung zu finden: „Was wir sterben nennen, bedeutet, daß es uns erlaubt ist aufzusteigen“ (ebd.: 420). Zwar erleben wir empirisch das Sterben der Leiber anderer Menschen – aber eigentlich sind wir uns doch, z.B. beim Anblick der Geliebten, bewusst: „diese Seele kann nicht vergehen…“ (ebd.: 417). In der zweiten Fassung spricht sich Bloch auch explizit gegen alle Versuche aus, diese und derartige Behauptungen auf wissenschaftlichem Wege bestätigen zu wollen: „… der transzendente Samen kann im Laboratoriumsstaub nicht Wurzeln schlagen“ (GdU II: 313). Der Seelenzug wird von Bloch nun, ganz im Sinne der der klassischen deutschen Philosophie, als „kosmische[r] Selbsterkenntnisprozess“ (ebd.: 327) interpretiert. Dabei wird die jeweilige sterbliche Individualität nicht zerstört, sondern „Wir haben die Weichen zu stellen, auf uns liegt die Qual der Richtung….“ (ebd.: 330).

Auf diese Weise will Bloch die „stärkste Gegenutopie“ überwinden. Aus dem Tod gewinnen wir „eine Reihe verschiedener Leben“ (GdU I: 428):

„Wir gehen zwar nackt und frierend, aber nicht hoffnungslos hinüber. Denn wir nehmen uns mit, wie wir uns geworden und zu eigen sind, als Innerliche, je nachdem, und noch Unfertige, und diese Nachklänge erfüllen den körperlosen Schattenzustand des Drüben.“ (ebd.: 432)

Ich weiß noch, dass ich beim ersten Lesen dieser Texte recht verwirrt war und diesen Teil von Bloch – als Ausdruck seines jugendlich noch besonders starken Mystizismus – nicht ganz so ernst genommen habe. (Ich bin mir auch nicht sicher, wie diese Gedanken beim späteren Bloch sich entwickelten) Und die Verunsicherung geht noch weiter: Für mich begann philosophisches Denken mit der – aus Kenntnissen der Astronomie abgeleiteten – Frage, ob nicht das Ende des Entwicklungszyklusses unseres Universum einst alle möglichen Zivilisationen vernichten könnte und damit auch uns und all das, was wir erreichen bis dahin, entwerten wird. Ein Essay eines Kosmosphilosophen in einer amateurastronomischen Zeitschrift öffnete mir dann die Tür zur Philosophie. Schklowskij verwies bei dieser Frage auf die „Dialektik der Natur“ von Friedrich Engels, der die „Verwandlung der Bewegung und ihrer Unterstörbarkeit“ (Dialektik der Natur, MEW 20: 544) gegen die „Wärmetod“-Theorie setzte.

Auf diese Weise gewann ich das Vertrauen in den Sinn des Lebens trotz der Sterblichkeit und Endlichkeit wieder – auf eine wissenschaftlich begründete und nicht mystizifizierende Weise, wie ich annahm. Dies begründet(e) wohl auch eine Art „Grundvertrauen“, das mich mindestens seither umschließt und eine meist verborgene Voraussetzung von Hoffnung und Aktivität ist. Deswegen meinte ich die Antwort von Bloch nicht zu benötigen.

Übrigens unterstellt Bloch in diesen Gedanken noch, dass die Natur ein „eingestürztes Haus, in dem der Mensch noch nicht vorkam“, ein „Schutthaufen von betrogenem, gestorbenem, verdorbenem, verirrtem und umgekommenen Leben“ (GdU II:337) ist. Er sieht die „physikalisch schon längst wirksame Entropie“ am Werke und alle natürliche Bewegung als Folge der „bloße[n] Entspannung des Universums von aller explosiven Sprunghaftigkeit“ (ebd.). Erst später entwickelte er jene dynamische, schöpferische Vorstellung von Natur, für die er auch bekannt geworden ist:

„Die Materie ist doch der Schoß der Gestaltungen, also auch der kommenden in einer Natur, die ja selber keinesfalls ein Vorbei ist, sondern um alle Menschengeschichte während herumbesteht; „Physis“ selber heißt nach dem richtigen Wortgebrauch der jonischen, also ersten Naturphilosophen „Pflanzung“, ja sogar „Aufgehen“.“ (Philosophische Aufsätze zur objektiven Phantasie, S. 565)

Auch der frühere Bloch lässt der Resignation nicht das letzte Wort. Das letzte Kapitel mit der Zwischenüberschrift „Das Gesicht des Willens“ (GdU II: 343) bringt ein „Trotzdem“ zurück. Der „gute Wille hat so keine Grenze“ und das „Drüben“ des Utopischen ist nicht nur möglich, sondern „schlechterdings notwendig“. Der Beweis dafür ist das „Treibende in seiner Tiefe“.

„So sind wir Wandernde und Kompaß zugleich…“ (ebd.: 345)

Abgesehen von diesen etwas verwirrenden Argumentationsgängen (Bloch nennt den Stil seines Jugendwerkes später „expressiv, barock, fromm“ (ebd.: 347)) hat Bloch einen wichtigen Ratschlag auf diesem Weg für uns:

„Keines unserer Gebilde darf mehr selbständig werden, der Mensch darf sich nicht weiter von den Mitteln und falschen Versachlichungen seiner selbst aufsaugen lassen.“ (ebd.: 345)

Nachdem ich mich nun habe hinreißen lassen, Bloch ausführlich zu Wort kommen zu lassen, komme ich auf eine weitere Idee von heute morgen zurück:

Ich kenne die Vorstellung von einer individuellen Unsterblichkeit beispielsweise aus der Science-Fiction-Serie „Perry Rhodan“. Diese Unsterblichkeit ist hier nur ein Kunstgriff, um über Jahrzehnte hinweg neue Geschichten schreiben zu können, die ineinander übergreifen und selbst eine kosmisch lange erzählte Zeit erfassen, wobei gleichzeitig doch ein vertrauter Protagonist diese langen Entwicklungen maßgeblich gestaltet. Das Ganze funktioniert aber nur, weil nur wenige auserwählte Menschen eine (relative) Unsterblichkeit erlangen können und die anderen, auch Partnerinnen und Kinder, wegsterben. Auch andere utopische Geschichten haben oft dieses Thema und kommen erstaunlich häufig zu dem Schluss, dass die individuelle Unsterblichkeit für die Betroffenen gar nicht so angenehm und wünschbar ist.

Ungefähr die Hälfte der Menschen, die in meinem Bekannten- und Verwandtenkreis starben, sind durchaus „lebenssatt“ von uns gegangen, erschöpft an Kraft und Neugierde. Allerdings die anderen… denen wurden Jahrzehnte prallen Lebens gestohlen. Einfach weg, fast wie nie dagewesen…

Und erst recht die täglichen Kriegs- und Hungertoten, 30 000 allein in den Bergen um Berg-Karabach, darunter vielleicht einer meiner langjährigen Brieffreunde aus Armenien. An dieser Stelle ist die Abschaffung des Todes als Utopie längst überfällig.

Vielleicht ist dies die wirkliche Bedeutung des „Mememto mori“.

„Aber kein Blick geht nach oben, ohne den Tod streifen zu müssen…“

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