Vor kurzem erzählte mir eine Freundin, wie schlecht es ihrer Schwester als Leiharbeiterin in einer Fabrik in Sachsen geht. Sie traut sich nicht mal mit hohem Fieber, krank zu machen – denn sie hofft nach vielen Jahren Vertröstungen immer noch auf die Übernahme in eine Vollzeitstelle. Die Erklärung solcher Zustände diskutieren wir grad während unserer Kapitalseminare...

Sogar in einem Land, in dem über mehrere Jahrzehnte hinweg so etwas wie eine soziale Homogenität erreicht wurde, brechen seit über 10 Jahren die Widersprüche neu auf. In Japan brodelt es… und ARTE berichtet in einem Film von Marc Petitjean darüber. Ich erwischte heute vormittag eine Wiederholung des Films „Tokyo Freeter“.

„Freeter“ sind Menschen, die FREI (engl. „free“) sind, aber trotzdem ArbeiTER (vom deutschen Wort abgeleitet). In den 80er Jahren weigerten sich junge Menschen, das schwere und festgezurrte Arbeitsleben ihrer Elterngeneration zu wiederholen. Sie empfanden es als befreiend, nur befristete Jobs zu haben und ihr Leben recht frei gestalten zu können. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre wurde diese Lebensweise und -Einstellung neoliberal besetzt. Dabei wird das,was einst aus eigenem Wunsch gelebt wurde, zum Zwang für viele. In Japan arbeiten inzwischen 34% aller Menschen in Kurzzeitjobs und als Leiharbeiter. In Deutschland sind es, obwohl mittlerweile jede zweite neu angebotene Stelle eine Leiharbeitsstelle ist, erst 16%. Aus dem Rausch der Freiheit ist das wirkliche Dasein als „Wegwerf-Mensch“ getreten. In Japan ist es kulturell sehr anstößig, nicht fest zu einer Firma zu gehören, solche Menschen werden „unsichtbar“. Wenn sie dann keine eigenen sozialen Netzwerke entwickeln, werden sie isoliert, vereinzeln sich und erhöhen die Suizidstatistik.

Insgesamt entwickelt sich ein Zustand, der an brutalkapitalistische Zustände erinnert – in Japan wird diese Situation verkörpert im Roman „Die Krabbenfischer“ aus dem Jahr 1929. Dieses Buch wurde jetzt in einem Jahr mehrere 674 000 mal verkauft.

Umschlag von „Krabbenfischer“

Glücklicherweise zeigt dieser Film nicht nur diese Seite des Freeter-Lebens, sondern auch die Aktionen der „Vereinigung der Freeters“, die sich für eine gerechte Bezahlung der Freeters und gegen Ungerechtigkeiten einsetzt. Obwohl es typisch für Japan ist, sich individuell zurückzuziehen, statt gesellschaftlich zu protestieren, beginnen die Menschen auch hier sich selbst zu organisieren.

Die „Freeter“ sind nicht wirklich Looser, sondern Vorreiter neuer Lebensmodelle. Es sind jene Menschen, die sich so weit bewegen, dass sie die Ketten der kapitalistischen Wirtschaftsform spüren … und sich letztlich auch dagegen einsetzen. Das Ziel besteht nicht darin, wieder in eine Welt des „Tods durch Überarbeitung“ zurückzukehren, sondern „wenn die Armen aufbegehren, setzen sie auch ungeheure Energien frei und daraus entwickeln sich die unterschiedlichsten Kulturen“. Die Armen sind nicht nur Opfer, sondern sie haben „ihren eigenen Wert“ – dies finde ich eine wichtige Botschaft.

„Es ist wichtiger, dass mehr Menschen glücklich sind
– auch auf die Gefahr hin, dass wir nicht mehr die zweite Wirtschaftsmacht sind.“

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