Technischer Fortschritt im Kapitalismus

Kommen wir zurück zu Marx. Wir haben nämlich noch längst nicht alle Faktoren betrachtet, die eine wesentliche Rolle spielen. Viele Faktoren führen dazu, dass historisch gesehen zumindest für eine privilegierte Menge von Arbeitern die Löhne steigen. Dazu führten einerseits erfolgreiche Arbeitskämpfe, andererseits sind auch die Unternehmer daran interessiert, kaufkräftige Kunden für die Waren zu haben, damit sie an deren Produktion verdienen können. Angenommen, in einer Firma bekommen die Angestellten bei gleichem Output höhere Löhne, bleibt weniger vom erzeugten Mehrwert für die Kapitalakkumulation übrig. Neben der Intensivierung der Arbeit und der Ausdehnung der Mehrarbeitszeit (Überstunden…), der Vermehrung von unterbezahlten Leiharbeitern etc. gibt es einen weiteren wesentlichen Mechanismus, den Mehrwertanteil wieder zu erhöhen: die Steigerung der Arbeitsproduktivität vor allem durch wissenschaftlich-technische Neuerungen.

Wie derzeit deutlich zu erleben ist, sind es nicht primär Vorschläge von Wissenschaftlern und Erfindern, die zum technischen Fortschritt führen, sondern diese werden nur soweit verwendet und gefördert, als es den jeweiligen Firmen im Konkurrenzkampf nützt. Konkurrenz ist die Form der gegenseitigen Beziehungen, die durch das Primat der Kapitalakkumulation allen Wirtschaftsbeteiligten aufgezwungen wird. Wissenschaftler und Ingenieure können, soweit sie ihre Berufspraxis noch kritisch zu reflektieren in der Lage sind, ein Lied davon singen, wie sehr die Konkurrenz einerseits manchmal den Fortschritt pusht (dann aber, ohne eventuelle ökologische Folgen ausreichend zu berücksichtigen) und andererseits dabei häufig nicht die sachlich-technisch ausgereiftesten Lösungen erarbeitet werden können, sondern auf Teufel-komm-raus irgendwas zusammen gepröbelt wird und dabei viele sinnvolle Ideen unter den Tisch gekehrt werden, um nur irgendwie über die Runden zu kommen.

Durch das Voranschreiten der Technisierung, die lebendige Arbeit einspart, verändert sich das Verhältnis der Menge der angewandten Produktionsmittel zur Menge der dafür benötigten Arbeitsmenge. Wertmäßig drückt sich dieses Verhältnis im Kapitalismus als Wertverhältnis von konstantem Kapital zu variablem Kapital aus. Insofern die zuerst genannte technische Zusammensetzung die wertmäßige Zusammensetzung der Kapitalanteile bestimmt, spricht Marx von der „organischen Zusammensetzung des Kapitals“ (MEW 23: 640).

Nun muss untersucht werden, was mit den Wechselbeziehungen zwischen den wirtschaftlichen Faktoren geschieht, wenn ein arbeitssparender technischer Fortschritt stattfindet. Dabei bekommt die Produktionsmittelseite gegenüber der Arbeitskraftseite ein höheres Gewicht. Auf die gleiche Menge an Arbeitskraft bezogen, wendet die Arbeitskraft mehr Produktionsmittel an. Zahlenmäßig zeigt sich das daran, dass die Ausrüstung eines Arbeitsplatzes tendenziell immer teurer wird. In Marxschen Kategorien heißt das, dass die organische Zusammensetzung des Kapitals wächst. In der bürgerlichen Ökonomie wird für diese Aussage die Kennziffer „Kapitalintensität“ verwendet.

Unter der Berücksichtigung der Dominanz der Kapitalakkumulation führt die wachsende organische Zusammensetzung des Kapitals nun für die arbeitenden Menschen zu folgenden Folgen:

  • Gegenüber dem Anteil des konstanten Kapitals sinkt der Anteil des variablen Kapitals. Zwar kann der variable Anteil auch steigen (mehr Menschen angestellt, höhere Löhne), aber dies geschieht nur, solange der konstante Anteil überproportional wächst.
  • Die „Abnahme der Arbeitsmasse verhältnismäßig zu der von ihr bewegten Masse von Produktionsmitteln“ entspricht der „Größenabnahme des subjektiven Faktors des Arbeitsprozesses, verglichen mit seinen objektiven Faktoren“ (MEW 23: 651).

Für das Verhältnis der Kapitale untereinander gilt:

  • Größere Kapitale können (aufgrund ihrer besseren Möglichkeiten für technischen Fortschritt) pro Kapitalanteil mehr Mehrwert generieren.
  • Durch Konkurrenz gehen kleinere Kapitale in die Hände anderer über oder werden zerstört.
  • Es geschieht Zentralisation (Umverteilung vorhandener Kapitale) und Konzentration (von vermehrtem Kapital) und gleichzeitig Konkurrenz (ebd.: 654).
  • Wenn mehr konstantes Kapital auf je einem Arbeiter „lastet“, ist die Organisationsgewalt des konstanten Kapitals über die Arbeit größer (ebd.: 656).

Letztlich ist, wie in „KAPITAL.DOC. Das Kapital (Bd.1) von Marx in Schaubildern und Kommentaren“ von Altvater u.a. betont, die Akkumulation des Kapitals kein einfacher linearer oder zyklischer Wachstumsprozess, sondern ein widersprüchlicher Prozess „der Repulsion und Attraktion von Kapital, als Konkurrenz und Zentralisation, d.h. als Ausschaltung der Konkurrenz durch Monopolisierung und der Wiederkehr der Konkurrenz auf höherer Ebene, zum Beispiel im globalen Raum“ (166) verbindet.

Nachtrag aus aktuellem Anlass:

Wie gefährlich technischer Fortschritt sein kann, wird uns heute aktuell vorgeführt (wahrscheinliche Kernschmelze in japanischem KKW nach Erdbeben). Es ist sowieso vorgesehen, die Problematik des „Wachstums“ und des Energieverbrauchs im letzten Blogbericht zu diesem Thema zu bearbeiten.


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