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Wie gelähmt hänge ich seit Tagen stundenlang vor dem Fernseher. Jeden Tag werden die Schreckensmeldungen dramatischer. Ich weiß nicht mehr, was die Bücher und Schriften auf meinem Schreibtisch noch sollen. Sehr schön beschreibt Andreas Exner in seinem Text „Fukushima-Kapitalismus“ den Zusammenhang dieser Katastrophe mit der ganz normalen Funktionsweise des Kapitalismus, von dem auch meine anderen aktuellen Blogseiten handeln.
Dabei ist ja nicht nur der Kapitalismus schuld. Die auf das Erdbeben und den Tsunami folgende Kernkraftkatastrophe in Japan hat für jene, die nicht direkt davon betroffen sind, letztlich sogar eine entlastende Wirkung: Es gibt etwas, worüber man sich ernsthaft aufregen kann, wogegen man vielleicht sogar was unternehmen kann. Aktionismus kann die eigene tiefe Verunsicherung eine Weile lang verschleiern. Sogar vor uns selbst.

Ein Freund schickte mir in einer Büchersendung ein Flugblatt mit, durch das auch ich meine derzeitige Situation extrem gut getroffen fühle. Es geht hier um die Frage, wieso die Katastrophenbilder, solange man durch das Fernsehbild von ihnen erfährt und nicht am eigenen Leibe, auch so eine Art Faszination ausstrahlen. Die Antwort: „Wir werden in Katastrophen lebendig.“! Und als Fernsehvoyeure wollen sogar wir Nichtbetroffenen etwas von dieser Lebendigkeit aufsaugen.

„In Zeiten von Katastrophen sterben Menschen selten an Altersschwäche bzw. an Langeweile. […] Die Dringlichkeit des Notfalls schafft den Reiz, den die Trägheit alltäglichen Stresses niemals schaffen kann.“

Ist das zynisch gegenüber dem Leid von zigtausend Menschen? Das fragt sich auch der Text „Das Ende der Welt und Katastrophen“:

„Aber was ist mit den Menschen, die in Katastrophen sterben? Es ist wahr, dass Menschen ihr Leben in Hitzewellen, Springfluten und Flugzeugentführungen verlieren. Aber sie tun das auch aufgrund von Autozusammenstößen, Arbeitsunfällen, Überdosen, Herzattacken und Krebskrankheiten – und zwar in enormen Zahlen, oft alleine und vergessen in Heimen.“

Es sind die Sensibleren, die dieses alltägliche unerträgliche Leid spüren. Diejenigen, die sich auch im Alltag dem betäubenden Stress und verlockenden Zerstreuungen entziehen. Diese sind es, die so wütend werden, dass sie die Symbole der satten Bequemlichkeit des Nachts in Brand stecken. Bei uns gibt’s selten große Katastrophen – die kleineren landen im Boulevard-Abendmagazin fürs selbstzufriedene Gruseln vor dem Abendfilm.In einem Text derselben Gruppe , die auch den Katastrophentext schrieb, fand ich die Frage: „Wäre dein Leben ein Film, würdest Du ihn Dir ansehen?“ Ja, das ist ein gute Antwort auf den Sinn des Lebens. Es gibt keinen irgendwie gearteten höheren Sinn – aber jedes menschliche Individuum müsste als guter Film verfilmbar sein. Die eigene Biographie denken wir uns sowieso meistens entsprechend den bekannten Erzähltypen aus kulturellen Vorbildern… auch wenn der Horizont nur bis zum Mythos des Entdecktwerdens bei Casting-Shows reichen mag.

Der Alltag ist immer dann unmenschlich, wenn Individuen dazu gebracht worden sind, nicht mehr an ihre Lebenserzählung zu glauben, wenn sie nur noch funktionieren. Wenn sie die Beschränkung ihrer Möglichkeiten so fürchten, dass sie ihren Bewegungsraum einschränken, bis sie die Fesseln nicht mehr spüren können. Ein kleiner Erinnerungsruck geht durch viele, die bei den bekannten Möbelhaussprüchen wenigstens ansatzweise lächeln: „Kaufst du noch… oder lebst du schon?“ – zumindest der erste Teil ist beliebig ersetzbar.

Aus globaler Sicht geht es den allermeisten bei uns wunderbar, noch mehr Wohlstand bringt schon lange nicht mehr Zufriedenheit. Das Erreichte zu halten, erfordert immer mehr Anstrengungen – umso weniger haben wir den Blick frei für die Zweifelhaftigkeit unserer Ziele.

Die Katastrophe im Fernsehen – im wohlgefüllten eigenen Wohnzimmer. Lässt sie uns nur freuen, dass bei uns der ganze Nippes nicht runterfällt, oder fragen wir uns auch manchmal, worauf wir eigentlich verzichten könnten?

Unser Privileg ist es nicht, dass uns die Katastrophe mal wieder verschont. Sondern unser Privileg ist es, dass wir uns in Ruhe einige Fragen stellen können:

Ich selbst habe es ja meistens erreicht, das zu meinem Lebensmittelpunkt zu machen, was ich selbstbestimmt machen will. Gerade gäbe es gerade die Gelegenheit, 1. die Wohnsituation und 2. die Arbeitssituation grundsätzlich zu ändern. Aber die Rahmenbedingungen sind so blöd, obwohl es uns sozial längst nicht so schlecht geht wie vielen anderen, dass zumindest bei der Formulierung der Bewerbungen für die Jobsuche doch das „Funktionieren-Müssen“ im Vordergrund steht. Und die Formulierungskunst muss daraus sogar noch ein „Funktionieren-Wollen“ machen. Umso mehr kann ich verstehen, dass es einfacher ist, selbst daran zu glauben, dass im Normalfall alles in Ordnung ist, als sich von den oben genannten Fragen irritieren zu lassen.

Wie lange aber geht das gut? Das Problem bei uns ist, dass die kleinen Katastrophen der Verunsicherung, des Erschreckens und der Ängste meistens alleine durchlebt werden müssen. Nichts schweißt uns zusammen. Vieles trennt uns. Jeder denkt, er wäre mit seinen Problemen alleine und wenn es nicht große Not ist, so traut man sich erst recht nicht damit heraus.

Der Kommentar zu dem obigen Foto endet mit dem Satz:

„Das Tor zum Käfig ist offen, Evey. Was Du fühlst, ist der Wind von draußen. Fürchte dich nicht.“

Genießen wir diesen Wind gemeinsam!

(Quelle)

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