Eigentlich war auf meiner Berlinreise an diesem Abend ein Vortrag über den Begriff der „Handlungsfähigkeit“ geplant.

Am Nachmittag erfuhr ich bei einem Besuch bei F. in der „Workstation“ am Ostkreuz vom Treffen einer Gruppe, die ein „Werkstatt-Lastenfahrrad“ entwickeln will. Und dies sollte in einem Projekt stattfinden, das mich sehr interessierte, dem Projekt „Open Design City“.

Mit dieser sperrigen Bezeichnung wird ein Projekt bezeichnet, das eher unter das Stichwort “Offene Werkstatt” gehört. Bei meiner Suche nach „FabLabs“ hatte ich es bisher noch nicht gefunden. Der Unterschied zu den bisherigen FabLabs soll sein, dass die Technik zwar z.T. über das Handwerkliche hinaus geht, aber nicht aus teuren industriellen Maschinen, sondern eher selbstgebauten Teilen bestehen soll.

Während des Werkstatt-Lastenfahrrad-Workshops im ODC

Ich bekam kurz vor der Veranstaltung noch eine kurze Führung durchs ODC von Christophe und war völlig baff von dieser verwirklichten konkreten Utopie, wie sie uns als „Commons-Werkstatt“ auch in Jena schon längere Zeit vorschwebt.

Ich konnte erleben, dass die Grundidee sich schon weiter ausgebreitet hat und sich auch aus mehreren verschiedenen Wurzeln speist. Irgendwie ist die Zeit reif dafür…!

Open Design City jedenfalls versteht sich als Platz für Gemeinschaftsarbeit, in der neue Beziehungen und Projekte zwischen Menschen entstehen. Es ist ein Raum, der dazu ermutigt, Werkzeuge, Wissen, Ideen und Fähigkeiten zu teilen. Es ist ein Freiraum, in dem die Prinzipien des Open Design erkundet werden können (Quelle).

Unter Open Design wird dabei Design für Güter verstanden, die i.a. Gemeingüter sein sollen. Die hergestellten Güter können Menschen frei erzeugen, anpassen, verändern und darauf aufbauen. Zugangsbarrieren sind dabei minimiert (ebd., siehe auch in Wikipedia).

Christophe vor dem MakerBot (Fabber) Das Motto von Open Design ist dabei:Share
Share yourself
Share your tools
Share your time
Share your ideas

Letztlich übernimmt Open Design seine Prinzipien aus der Welt der Freien Software und der Freien Kultur. Bei der Frage, ob diese Prinzipien auch in die stoffliche Hardware-Welt übertragbar seien, ist Open Design eine wichtige Brücke. Erst einmal geht es auch nur um die Konstruktions- und Designunterlagen, die z.B. als CAD-Datei wie Freie Software weiter gegeben, kopiert und verändert werden können. Da in allen modernen Gütern der Anteil dieser „immateriellen“ Arbeitsergebnisse viel höher ist als früher, erhält die „Freistellung“ dieses Anteils eine hohe Bedeutung.

Außerdem zeigte sich, dass die zur Nutzung dieser freien Konstruktionsunterlagen eingerichteten Werkstätten im allgemeinen von vornherein auch neue soziale Räume der freien und selbstbestimmten Zusammenarbeit von Menschen sind.

Michel Bauwens beschreibt in seinem Text “The Emergence of Open Design and Open Manufacturing” die Grundlagen und Trends von Open Design und Open Manufacturing. Auf der Inputseite gilt dabei:

  • Es können sich freiwillige Akteure,
  • ohne um Erlaubnis fragen zu müssen, an der Produktion beteiligen.
  • Rohstoffe und –materialien dürfen nicht unzugänglich sein (im immateriellen Bereich etwa durch das Copyright) und
  • wenn keine vorhanden sind, können sie u.U. neu hergestellt werden.

Der Herstellungsprozess ist so gestaltet,

  • dass er Einbeziehung (inclusion) statt Ausschließung (exclusion) realisiert,
  • geringe Eintrittschwellen hat,
  • modular lösbare Aufgabenstellungen bietet
  • und die Ergebnisse vor Ort entsprechend Qualität usw. bewertet.

Als Output

  • entstehen Gemeingüter (commons), bei denen Lizenzen die weitere Nutzung und Umgestaltbarkeit durch alle ermöglichen,
  • wobei diese Güter als neue Ressourcen in weitere Produktionsprozesse eingehen können.
  • Es gibt dann auch keinen Grund mehr, die Produkte zum alsbaldigen Verschleiß zu designen, nicht reparaturfähig und auch sonst ziemlich schludrig konstruiert. Es wird stärker modular gebaut. (Eine Sammlung bereits „gehackter“ Produkte findet sich z.B. auf der P2P-Website.)

Historisch gesehen können sich nur in einer solchen Produktionsweise die kreativen und produktiven Bedürfnisse und Fähigkeiten der Menschen voll entfalten, so dass diese Produktionsweise das Potential hat, eine wesentlich höhere Produktivität zu entfalten als die bisherigen vorkapitalistischen und kapitalistischen oder auch realsozialistischen zwangs- und herrschaftsförmigen Produktionsweisen. Das Ergebnis der Produktivität ist dann gerade nicht nur ein großer Ausstoß von Gütern pro Zeiteinheit – sondern die Entfaltung der beteiligten Menschen in ihrem ganzen Bedürfnis- und Fähigkeitsspektrum.

Der Trend zur Dezentralisierung und der hochproduktiven Einzelanfertigung steht nicht außerhalb dessen, was auch in der kapitalistischen Produktion geschieht. Auch da gibt es den Trend zum „Prosumenten“ und auch im Management wird vom Wandel von der „Palastorganisation“ zur „Zeltorganisation“, also dem Übergang zu (teil)autonomen Gruppen, gesprochen. Aber selbstverständlich dient hier die Dezentralisierung und die stärkere Ausnutzung menschlicher Fähigkeiten der Kapitalakkumulation und höchstens indirekt auch der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse.

Die oben genannten Prinzipien einer offenen, bzw. freien Produktion gelten vor allem für Projekte, bei denen wenig materielle Ressourcen gebraucht und die Produktionsmittel im wesentlichen im eigenen Besitz sind (Personalcomputer). Nun entsteht die Frage, ob und wie diese Prinzipien sich auch auf die Hardware-Welt übertragen lassen. Theoretisch schon seit über 10 Jahren denkbar (vgl. Meretz, Schlemm 2001 ), gibt es jetzt erste praktische Ansätze. Zu finden sind sie wohl vor allem unter dem Stichwort „FabLabs“ und „Open Design“ (siehe auch im P2P-Foundation-Wiki).

Sie beruhen zum einen auf der Möglichkeit, dass auch High-Tech-Werkzeuge inzwischen zumindest für Gemeinschaften erschwinglich werden oder „gehackt“ werden können. Siehe dazu z.B. die Texte:

Zum anderen steigt in allen Produkten der Anteil an immaterieller Arbeit, in allen komplexen Gütern steckt immer mehr immaterielle Arbeit im Vergleich zu den stofflichen und energetischen Materialformungen. Carola Möller spricht von der immateriellen Arbeit als „neuer Dominante in der Wertschöpfungskette“ (Möller 2001). Ich habe zur wachsenden Bedeutung des immateriellen Produktanteils eine Grafik aus einer Veröffentlichung des Wirtschaftsministeriums ausgewählt, die daraus ausgerechnet auf eine verstärkte Notwendigkeit der rechtlichen Absicherung des Ausschlusses anderer (der Patentierung etc.) schließen will:


(Quelle)

Hier gilt jedoch, wie Michel Bauwens schreibt, dass gerade die Abschließung von Wissen die Innovation letztlich behindert. Reich sachlich gesehen, also im Widerspruch zur kapitalistischen Wertform, befördern die oben genannten Prinzipien der Zugangsfreiheit und Offenheit die Produktivität der Erzeugung von Gütern mit einem hohen Anteil an immaterieller Arbeit.

Deshalb besteht das Zwischenglied zwischen Freier Software und FabLabs in den Open Design-Projekten. Als Design wird hier nicht nur die ästhetische Formgebung verstanden, sondern der gesamte technische Herstellungsentwurf, also das Immaterielle am Produkt. Auf diese Weise sind die Open-Design-Werkstätten, wie jene in Berlin, eine Brücke hin zur Befreiung auch der materiellen Arbeitswelt, zu einem Open Manufacturing (siehe P2P-Wiki).

Für mich klärt sich damit eine Frage, die ich in den letzten Jahren hatte, auf die schönste Weise ganz praktisch: Ich hatte beobachtet, dass Menschen meiner Generation in ihrer Jugend begeistert eigene Radios zusammengelötet, Elektronik zusammen gebastelt und die ersten Computer gebaut hatten. Dann kam die Zeit des Einstiegs in die Virtualität und auch die Freie Software schien erst mal nur eine Sache der Hackerszene zu sein, während landwirtschaftliche und handwerkliche Alternativen als veraltet und für junge Leute nicht gerade attraktiv erschienen. Würden Menschen sich doch auch wieder an einer gegenständlichen Bastelei begeistern können? – Ja, sie können und sie wollen offensichtlich!

Solange nicht gesamtgesellschaftlich andere Eigentumsverhältnisse an Produktionsmitteln erreicht sind, steht nun allerdings die Frage nach der „Finanzierung“ der notwendigen Material-, Geräte- und Raumressourcen. Peter Troxler sucht deshalb nach Geschäftsmodellen für solche Projekte, die sich auf „hybride“ Weise – einerseits im Raum des kapitalistischen Kommerzes, andererseits im Bereich der Gemeingüter, bzw. in einem Überlappungsgebiet zwischen beiden, – reproduzieren können.

Es gibt sicher verschiedene Möglichkeiten, bereits jetzt so etwas wie „Offene Werkstätten“ zu gründen, genau unter dieser Bezeichnung entwickelt sich derzeit ein Verbund offener Werkstätten, der im wesentlichen von der Stiftungsgemeinschaft anstiftung&ertomis gefördert wird.

Neben dem Projekt Open Design City in Berlin wären hier zu nennen die Dingfabrik Köln und das FabLab München.

Ob es bald auch eine Commons-Werkstatt Jena gibt? Denn sie wäre ein praktischer Beitrag zur Erhöhung unserer Handlungsfähigkeit…


P.S. Bild aus der erste Abbildung aus dem Plakat „Yes! We´re open“

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