Für meine Schuldfreundin A.R. zum Geburtstag


Ich kann es nicht fassen: Schon 1990 schrieb Robert Jungk:

„Wir gewöhnen uns daran, mit Katastrophen zu leben.“

Und dann kommen Sätze wie: „Wir können uns den Luxus der Verzweiflung nicht gestatten. denn dies ist die einzigartige historische Situation, in der wir leben: das durch großtechnische Gewalt angerichtete Unheil ist unumkehrbar, ist irreparabel.“ Wie einzigartig kann eine Situation sein, die eine ganze Generation lang anhält, ohne dass sich etwas Wesentliches ändert?

Das Entsetzen über Fukushima wird nur noch verstärkt durch die Feststellung, dass Tschernobyl nichts bewirkt hat. Und auch nicht die Warnungen von Jungk: „Ein wahres Trommelfeuer von Horrormeldungen ist in den letzten Monaten auf uns eingeprasselt. Das Wetter gerät außer Rand und Band. […] Durch technische Eingriffe geschaffene Wüsten wachsen. Die Zukunft ist nicht länger Ort der Hoffnung, sondern der Ängste.“

Die Science-Fiction-Autoren haben das bemerkt und deshalb lesen sich „utopische Romane“ seither nicht mehr als Ausblick in einen wunderbaren, weiten Raum von Weltraumerkundungen und der Erweiterung von menschlichen Erfahrungen, sondern sie nerven mit Übersteigerungen des schon jetzt nicht mehr Erträglichen. Wenn der Verlust der Niederlande und Norddeutschlands nicht mehr ausreicht als Schocker, so beschreibt „Die letzte Flut“ von Stephen Baxter das Ausbrechen unterirdischer Wasserreservoirs bis hin zum Verlust der allerletzten Landfläche. Die tatsächlichen Folgen des Klimawandels erscheinen demgegenüber erträglich.

Jungk ist illusionslos:

„Der Rufer ist heutzutage nicht mehr in der Wüste. Er steht vor unüberwindlichen Mauern. Sie werfen seine Stimme zurück, schlucken sie, schlimmer noch: machen sie zum Part einer Kakophonie menschlicher, aber sinnlos gewordener, weil ergebnisloser Aufregungen.“

Das wars also, Menschheit. Ein guter Versuch vom Universum, eine Zivilisation hervorzubringen, aber wir habens vermasselt…

Ich habe nicht mehr viel Kontakt zu meiner Schulfreundin. Aber ab und an schreiben wir uns oder telefonieren. Mindestens zum Geburtstag. An meinem letzten Geburtstag sagte sie zu mir: „Mensch, ich muss immer wieder an Dich denken. Wir kämpfen jetzt hier bei uns gegen die CO2-Verpressung… und du hast leich nach der Wende erzählt, dass wir uns nicht allzusehr freuen sollten. Denn es würde zu Krisen kommen, sozialen und ökologischen. Und du hattest Recht….“

Wie gern würde ich ihr ins Wort fallen und sagen: „NEIN, Ich hatte NICHT recht“ – aber das kann ich ja nicht. Wir hatten in der „Zukunftswerkstatt Jena“ zu Anfang der 90er Jahre, während die meisten noch glaubten, dass in Kürze wirtschaftswunder-sozialstaatliche West-„Normalität“ sich einstellen würde („Blühende Landschaften“ und so), mit Sorge die bedrohlichen Gegentendenzen beobachtet. Seit 1990 geht es in der Sozialpolitik in der BRD nur noch rückwärts. Während die Weiterführungsversuche des Sozialismus mit dem Slogan „Keine Experimente“ abgewehrt wurden, brachten alle Reformen in Sozial-, Renten- und Gesundheitspolitik seither nur Verschlechterungen für die einfachen Menschen. Ehemalige Bergbau-Mondlandschaften wurden und werden zwar rekultiviert und die Umweltverwüstung konnte weitgehend ausgelagert werden – trotzdem treffen uns Fluten, Wirbelstürme und Trockenperioden immer öfter und stärker. Wir hatten damals geschätzt, dass „in ca. 20 bis 30 Jahren“ die Krisenhaftigkeit deutlicher sichtbar werden würde – dieser Zeitraum ist jetzt erreicht.

Ich bin meiner Freundin trotzdem ins Wort gefallen. Denn wir hatten auch mit anderen Trends Recht. Nicht auf die zögerlichen Versuche der großen Weltenlenker, die Katastrophen im Zaum zu halten, ist zu hoffen, das würde nur lähmen.

Viel wichtiger sind die „Werkstätten der neuen Gesellschaft“, die Robert Jungk seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts gemeinsam mit vielen anderen dokumentierte. Solche Werkstätten begegnen uns allerdings nicht in den vorherrschenden Medien. Deshalb ist leider viel zu wenig davon bekannt. Dies sah auch Robert Jungk schon so und deshalb gab er einst z.B. die „51 Modelle für die Zukunft“ heraus. Das war eine Zwischenbilanz, 1990 erschienen und die Quelle für meine Zitierungen.

Ich habe dieses Buch bestellt, um es meiner Freundin schicken zu können. Heute hat sie Geburtstag und ich möchte, dass sie auch diese Seite der Wahrheit besser kennen lernt.

„Statt auf den großen Tag zu warten, auf katastrophale oder revolutionäre Ereignisse, aus denen dann erst das Wunder radikal anderer Existenzmöglichkeiten aufblühen soll, haben sich Betroffene und Bedrängte an vielen Orten der Erde daran gemacht, hier und heute Anfänge einer neuen Zivilisation zu setzen.“

Da wir in der „Zukunftswerkstatt Jena“ diese Ansätze seit Anfang der 90er Jahre beobachten und z.T. mitgestalten, haben wir einen kleinen Überblick. Unserer Einschätzung nach gab es in den 90ern erst mal einen gewissen Rückfall. Vieles, was als Alternativen nach den 68ern über die 70er und 80er Jahre hinweg aufgebaut worden war, verlor an Dynamik. Ich erlebte dies häufig bei entsprechenden Treffen und Workshops, die ich besuchte. Viele langjährige Aktive waren ziemlich ausgebrannt und wir, die wir aus dem Osten Inspiration suchten, fanden sie oft eher in den älteren Schriften als der erlebbaren Praxis. Manche setzten ihre Hoffnungen auf die endlich entstandenen internationalen Gremien, auf den sog. „Kyoto-Prozess“, auf eine Umsteuerung der Gesellschaft in Richtung von „Nachhaltigkeit“. Andere sahen bereits damals voraus, dass Versuche, bei Beibehaltung der kapitalistischen Grundprinzipien auch eine Umsteuerung in Richtung Ökologie verheerende Folgen haben kann. Heute sehen wir die Ergebnisse z.B. bei der Verdrängung des Lebensmittelanbaus für Biodieselpflanzen. Das war also wieder nix, oder nicht genug oder das Falsche…

Mit dem Jahrtausendwechsel sind aus meiner Sicht zwei große neue Trends entstanden. Auf der einen Seite gibt der 11.9.2001 eine welthistorische Zäsur an. Jede Hoffnung auf die „Friedensdividende“ nach dem Ende der Blockkonfrontation (kapitalistische Länder – sozialistische Länder) verflog, eine neue Unübersichtlichkeit entstand, innerhalb derer bisherige völkerrechtliche und demokratische Maßstäbe verloren gingen. Das 21. Jahrhundert könnte aus dieser Sicht den Übergang in eine endzeitliche Barbarei bedeuten.

Aber die Jahrtausendwende markiert auch eine andere Schwelle: In den 90ern war erst mal alles, was nach „antikapitalistisch“ auch nur annähernd aussah, verpönt und verteufelt worden. Der Kapitalismus schien als Sieger der Geschichte fest zu stehen, das „Ende der Geschichte“ schien eingeläutet. Aber am Ende der 90er entstand etwas Neues, die sog. „Anti-Globalisierungsbewegung“. Am spannendsten war für mich, dass sie sich von Anfang an gegen zentralistische Organisationsprinzipien stellte und etwas Neues entwickelte (z.B. bei Peoples Global Action). Im Jahr 2001 fand dann das erste Weltsozialforum statt. Ab jetzt ging es nicht mehr nur GEGEN etwas (Anti-Globalisierung), sondern mit der neuen Losung „Eine andere Welt ist möglich“ wurde das Augenmerk auf das entstehende Neue gelenkt. Die „andere Welt“ braucht keinen Generalstabsplan, aber eine Vernetzung von allen neuartigen Ansätzen, zu leben und zu produzieren.

Im gleichen Zeitfenster wurden viele darauf aufmerksam, dass mit der Art und Weise, wie Freie Software entsteht, auch das Muster für eine neue Produktionsweise entstanden war, die hohe Produktivität, starke Koordinationsfähigkeit bei globaler Selbstorganisierung ohne zentrale Planung oder Marktvermittlung aufweist. Und unter dem Stichwort der Verteidigung und Ausbreitung von „Commons“ wachsen nun diese Ansätze zusammen mit den weltweiten Widerstands- und Neue-Ökonomie-Bewegungen.

Das Ergebnis dessen kann direkt nebeneinander betrachtet werden: Am Berliner Moritzplatz gibt es den Prinzessinnengarten, d.h. einen urbanen Garten als ökosoziales Gemeinschaftsprojekt, und gleich daneben eine Offene Werkstatt mit High-Tech- und anderen Maschinen. Beides kennzeichnet aus meiner Sicht eine neue Qualität im Bereich der sog. Alternativen oder Solidarischen Ökonomie, bei der die neue Art und Weise zu wirtschaften mit neuartigen Lebensformen und einer neuen Kultur des Miteinander verbunden werden. Diese Inseln des Neuen schotten sich nicht vom normalen Leben der anderen ab, sondern entstehen mitten drin, einladend vor allem durch die Lebensfreude, die von ihnen ausgeht.

Natürlich wird weiterhin und wahrscheinlich auch immer mehr Widerstand gegen die Zumutungen des real existierenden Kapitalismus notwendig. Zorn und Frust kommen auf. Wenn die berechtigte Wut jedoch zu einer lebensfeindlichen Verbiesterung erstarrt, drohen Isolierung und Misserfolg. Demos, aus denen heraus wutstarrende Masken drohend schreien, sind für die Herrschenden weniger bedrohlich als abschreckend für andere Menschen. Wie viel einladender ist doch ein Straßenfest auf einer vom Verkauf bedrohten öffentlichen Fläche, bei dem „aus Versehen“ ein paar Betonflächen aufgebrochen und Bäumchen gepflanzt werden?

Besetzter ehem. Parkplatz in Athen

Die von Robert Jungk zusammen getragenen „51 Modelle für die Zukunft“ waren schon nur eine Auswahl aus Hunderten, die in der „Bibliothek für Zukunftsfragen“ zusammen getragen wurden. Heute zeigt eine kurze Recherche im Internet, dass eine umfassende Übersicht über die vielen Netzwerke und Knotenpunkte solcher neuen Lebensformen, Projekte und Bewegungen kaum mehr möglich ist. Zwar sieht ein einzelner Mensch irgendwo im ganz normalen Leben leider kaum etwas davon – aber wenn man erst beginnt zu suchen, ist es ziemlich einfach, in die unermeßlichen Weiten und Tiefen dieser Projektenetzwerke einzusteigen. Niemand kann mehr sagen, er hätte es nicht wissen können. Und vielleicht müssen wir erst mal durch den Schreck und auch die Angst hindurch, die uns anzeigt, dass es keinen Sinn macht, sich am Alten fest zu halten.

Aber es geht nicht um die Erwartung von Katastrophen. Viel wichtiger ist die Aussicht auf etwas Neues. Ohne Aussicht auf etwas begeisterndes Neues können Menschen erstaunlich viel Leid und Not und Elend ertragen. Erst wenn wir die Luft des Neuen geschnuppert haben, wird das vorherrschende Alte immer unerträglicher.

Deshalb ist es wichtig, auch bei den Widerständen nicht nur den Status quo zu verteidigen, sondern das darüber hinaus ins Offene, ins Freie Schießende zu stärken. Wenn wir schon unseren öffentlichen zentralen Platz in Jena gegen die Privatisierung verteidigen wollen, dann bitte schön auch die staatliche Verwaltung in Frage stellen. Das selbstverwaltete Zentrum „Rote Flora“ aus Hamburg macht es vor und die Orphs lassen nicht lange auf sich warten 😉

„Statt bei ängstlichen Fragen zu verharren: Welche Zukunft erwartet uns?, geben die konkreten Vorgriffe auf wünschenswerte Bedingungen anschauliche Auskünfte.“ (Jungk)

Hier noch eine kleine Zusammenstellung von Berichten zu ähnlichen Trends

Also, liebe A., ich wünsche Dir und uns noch viel Freude beim Gehen der neuen Wege und beim Erfinden von neuen sozialen Welten…

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