Im Mittelpunkt meines Berlinaufenthalts stand diesmal der von Attac organisierte Kongress „Jenseits des Wachstums“.

Das, was ich an den vorherrschenden Zuständen in der Welt kritisiere und worauf sich meine Bemühungen, sie zu verändern, beziehen – ist gar nicht so sehr die Kritik am Wachstum und seine Abschaffung. Deshalb war das Thema des von Attac organisierten Kongresses „Jenseits des Wachstums“ für mich nicht so zentral wie wohl für viele andere. Aber es traf wohl einen Nerv der Zeit. Denn die Veranstaltungen wuchsen aus allen Planungen heraus, mit 2500 Teilnehmern war wohl nicht gerechnet worden. Am Ende der Veranstaltung wurde bilanziert, dass die „Ende des Wachstums“-Debatte nun auch in der Bundesrepublik angekommen sei. Der Kongress ermöglichte mir wenigstens ansatzweise einen Überblick über den Stand der Debatten und obwohl mir die zentrale Ausrichtung an diesem Thema nach wie vor nicht ganz einleuchtet, werden wir es in Zukunft wohl immer öfter mit Elementen einer „Post-Wachstums-Bewegung“ zu tun haben und an den dabei entstehenden Diskussionen und Projekten auch irgendwie teilhaben.

Bei so einem riesigen Kongress bleibt die Möglichkeit für einfache Teilnehmer_innen, sich einzubringen, recht gering. Bei den meisten Veranstaltungen saßen mehrere „Expert_innen“ auf dem Podium, die Teilnehmer konnten entweder in späteren Runden selbst Fragen einbringen oder ihre Fragen wurden auf Zetteln eingesammelt und von einer kleinen Gruppe („Stimme des Publikums“) wurden ausgewählte Fragen an die Podiumsteilnehmer_innen weiter gegeben. In einer Veranstaltung fand ein World Café statt, das leider auch an der Überfüllung litt.

Der Kongress wurde durch Auftaktreden von Vandana Shiva (Indien) und Alberto Costa (Ecuador, hier ein Interview mit ihm) eröffnet (Die Rede von Vandana Shiva gibts hier, ein weiteres interessantes Interview mit ojr steht z.B. hier).

Das ermöglichte von vornherein eine globale Sichtweise auf die Probleme. Nach dem Bericht von Vandana Shiva, wie viele hunderttausende Bauern sich in Indien wegen dem wirtschaftlichen „Wachstum“ der Landaufkäufer in den letzten Jahren das Leben genommen haben, weil sie die Lebensgrundlagen für sich und ihre Familien verloren hatten, konnte man sich eigentlich gar nicht mehr positiv auf ein wirtschaftliches Wachstum beziehen.

„In Indien lebt trotz eines Wirtschaftswachstums von 8 Prozent ein Drittel aller unterernährten Kinder der Welt.“ (Vandana Shiva)

Selbstverständlich gibt es gerade in den aufsteigenden Ländern wie China und Indien bei vielen Menschen auch das Bedürfnis, einen Lebensstandard zu erreichen, wie ihn die meisten Menschen bei uns haben bzw. wie er in den Medien dargestellt wird. Aber das darf uns nicht übersehen lassen, dass es auch breite Bewegungen gegen jene Raubzüge gibt, mit denen das Wachstum, von dem die Privilegierten profitieren, bezahlt wird. Auf wessen Standpunkt stellt man sich nun? Es zeigt sich, dass die Wachstumsfrage nicht pauschal für alle gleichermaßen gilt, sondern konkrete Lebens- und wirtschaftliche Interessen betrachtet werden müssen.

Ohne dass ich das hier im Einzelnen ausführen kann, zeigt sich hier bereits, dass es viele Sichtweisen auf die Problematik gibt. Schon bei der Eröffnung wurde festgestellt, dass es nicht so einfach gewesen war, die 4 Stiftungen (die GRÜNEN-nahe Heinrich-Böll-Stiftung, die LINKEN-nahe Rosa-Luxemburg-Stiftung, die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung und Otto-Brenner-Stiftung von der IG Metall) zu diesem Thema zusammen zubringen. Hier ging es um einen ständigen „Kompromiss zwischen Auseinandersetzung und Arbeitsfähigkeit“.

Die Debatten in den Podien waren so angelegt, dass zwischen den Podiumsteilnehmer_innen durchaus mit Dissens zu rechnen war. Die Debatte wurde von den Moderator_innen meist so strukturiert, dass jeweils die Konsenspunkte und die eher streitbaren Fragen deutlich herausgearbeitet wurden. Das gefiel mir sehr gut.

In den nächsten Tagen werde ich über einige Themen aus dem Kongress berichten:

Andere Berichte:

Siehe auch:


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