Ich möchte heute erst einmal ein anderes Thema, das auch mit meinem Berlinbesuch zu tun hat, einschieben.

Ich lese gerade in der „jungen Welt“ über die Erschießung einer Hartz-IV-Bezieherin im Jobcenter von Frankfurt/Main, die auch als „Behördenmord“ bezeichnet wird.

Es wird darauf verwiesen, dass schon die Darstellung in den Medien aufmerksam machen muss. Diese Frau wird namenlos gemacht und quasi als Monster dargestellt. „Sie randalierte und störte den Betrieb“ sagte ein Polizeisprecher.

Ich erinnere mich sofort an jemanden anders: Vor 10 Jahren tötete ein Erwerbsloser, Werner Braeuner, den Direktor des Arbeitsamtes Verden. Hier kenne ich Werners Version: Er war seit längerer Zeit in eine immer verzweifeltere Lage gekommen, weil er sich aus seiner Sicht wegen Zwangsmaßnahmen des Amtes nicht um eine mögliche Arbeitsaufnahme kümmern konnte und er sich wegen der Versorgung seiner kleinen Tochter gerade in akuter Handlungsnot fühlte. Ein von ihm aus angestrengtes verzweifeltes Herantreten an den Arbeitsamtsdirektor vor dessen Haus, nach einer verzweifelten und auch mit Alkohol verbrachten Nacht, eskalierte dann schließlich…

Natürlich sollte kein Mensch so sterben müssen, auch kein Arbeitsamtsdirektor. Aber es sollte aufrütteln, dass das System der Sozialverwaltung einige Menschen, die im normalen Leben mit Sicherheit keine blutrünstigen Mörder sind, so in die Enge treibt, so verzweifelt macht, so in Panik bringt, dass tödliche Auseinandersetzungen stattfinden. Wenn ca. 25 % der Jobcenter-Mitarbeiter schon einmal Opfer eines Übergriffs gewesen sind, wieviele ihrer „Kunden“ leben ständig am Rand der Verzweiflung???

Um zu meiner Berlinreise zurück zu kommen. Ich fand in einem Buchladen den Aufruf für eine Demonstration zur Unterstützung von Werner. Werner steht seit 8. Mai im Hungerstreik – aus „unüberwindlichem Ekel“ vor dem Knastessen, das wohl mit Fäkalien verseucht sei. Von solchen Zuständen berichten auch andere Gefangene.

Die Demo selbst war von einem auffallenden Polizeieinsatz begleitet (siehe Bild oben und Bericht). Wenn jede Montagsdemo oder andere Kundgebung derartige Aufmerksamkeit hätte, würde das ein eigenartiges Licht auf unsere Versammlungsfreiheit werfen. Irgendwie hat Werner durchaus Recht, wenn er sagt:

„Der Feind hat größte Angst vor Widerstand im Knast, wenn dieser Widerstand draußen begleitet und unterstützt wird.“

Ich führe gerade mit einer Bekannten ein Email-Gespräch über das „autoritäre, diktatorische, freiheitsentziehende, staatskapitalistische Regime“ in der DDR, wie sie es nennt. Wer sich je über diese Zustände aufgeregt hat, darf heute nicht einfach den offiziellen Verlautbarungen über „Monster“ und „Verrückte“ glauben, sondern sich für die menschlichen Schicksale dahinter stark machen.

Advertisements