Warum ist das Thema „Wachstum“ so zentral geworden? Letztlich galt wirtschaftliches Wachstum geradezu als zentrales Element bei der Bewältigung von Krisen im Kapitalismus. Auch Sogar für das Thema Umwelt- und Klimaschutz gilt für das Bundesumweltministerium der Bereich „Umwelt und Energie“ nicht etwa als Infragestellung des Wachstumsparadigmas, sondern als „Wachstumsmotor“.


Demgegenüber sind folgende Fragen zu stellen:

„Ist Wachstum überhaupt noch möglich? Dürfen wir noch wachsen? Wollen wir noch wachsen? Und: Wer ist wir?
“ (Barbara Muraca auf dem „Jenseits-des-Wachstums“-Kongress)

Die berühmt gewordene Bezeichnung „sustainable development“ des Brundlandt-Berichts von 1987 wird nicht umsonst oft fälschlicherweise nicht immer mit der richtigen Übersetzung „nachhaltige Entwicklung“ übersetzt, sondern als „nachhaltiges Wachstum“. Das suggeriert, dass ein weiteres wirtschaftliches Wachstum bis in die Unendlichkeit hinein nachhaltig vonstatten gehen könnte.

Auch „qualitatives Wachstum“ macht Probleme. Sollen mit „qualitativen“ Produkten langlebigere Produkte gemeint sein? Dann werden weniger Ersatzprodukte gekauft und das Wirtschaftswachstum wird dadurch gebremst. Soll mit weniger Material- und Energieeinsatz mehr produziert werden? Die Reduzierbarkeit des Materialeinsatzes ist an vielen Stellen beschränkt. „Denn ein Haus darf nicht einstürzen, ein Zug nicht auseinanderfallen und auf einem Stuhl muss man sitzen können.“ (Witt) Die Effizienzsteigerung ist im allgemeinen mit sog. Rebound-Effekten verbunden (Beispiele siehe hier). Unter dem weiter vorliegenden Paradigma des Wachstums wird das Eingesparte an anderer Stelle eingesetzt. Meinen wir mit dem Qualitativen solche Dinge wie Gesundheit, soziales Wohlbefinden, Freizeit oder geistig-kulturelles Wachstum – so kann dieses sowieso nicht mit Geld bewertet werden und fällt aus einer wirtschaftlichen Wachstumsbilanz heraus.

“Man kann ja schon finden, die Wirtschaft solle “qualitativ” statt quantitativ wachsen, solle immer besser statt immer mehr produzieren. Aber wenn Wachstum immer weiter gehen soll, muss alles eines Tages doppelt, dann viermal, achtmal, sechzehnmal so gut sein wie heute. Und ich habe, ehrlich gesagt, Mühe, mir beispielsweise ein Theaterstück vorzustellen, das sechzehnmal so gut ist wie der „Hamlet“.“ (Marcel Hänggi, Quelle)

im Kapitalismus wieder ins Zentrum. Es reicht auch weiter als die bisherigen Hoffnungen auf ein sog. „nachhaltiges Wachstum“.

„Das Wachstum kann in den Ländern des Nordens nicht die Lösung sein, der Wachstumszwang ist vielmehr das Hauptproblem.“ (Philipp Zimmermann)

Auf die Frage: „Warum wächst die Wirtschaft?“ gab Adelheid Biesecker eine eindeutige Antwort:

„Die Wirtschaft wächst schon lange nicht mehr. Was wächst, ist das Bruttosozialprodukt und die Beschädigungen der Natur und der sozialen Beziehungen.“

Von Anfang an zeigte sich, dass der Begriff „Wachstum“ sehr schwammig ist. In der herrschenden Ökonomie wird es mit dem Bruttoinlandprodukt gemessen und ich denke, alle waren sich einig, dass ein Anstieg dieser Messgröße zumindest für die schon stark gewachsenen Regionen nicht mehr mit wachsendem Wohlstand, Wohlbefinden oder Glück korreliert. Es wurde im Weiteren weniger über andere Maßgrößen gesprochen als darüber, dass es darum gehen solle, die grundlegende Logik des vorherrschenden Wirtschaftens in Frage zu stellen. Diese wurde zu großen Teilen auf marxistischer Grundlage analysiert und kritisiert. So viel angewandter Marxismus, und dies im übergroßen Einverständnis der Beteiligten, war lange nicht mehr!

„Wirtschaften“ nur an die jetzt als Lohnarbeit ausgeführte Produktionsarbeit zu denken, sondern die vorwiegend von Frauen realisierte Hausarbeit, und andere reproduktive, ver- und vorsorgende Tätigkeit, die aus den wirtschaftlichen Bilanzen meist völlig herausfallen explizit mit zu berücksichtigen.

Von Attac zumeist vorgegeben war mit dem Zielhorizont „Jenseits des Wachstums“ eine sog. „Postwachstumsgesellschaft“. Im Worldcafé zu „feministischen Perspektiven“ konnten sich viele Beteiligte nicht so recht mit diesem Begriff anfreunden. Auch andere Referent_innen stellten dieses Ziel in Frage. Von einem Gewerkschaftsvertreter wurde stattdessen vorgeschlagen, von „selektivem“ Wachstum zu sprechen.

Sozialpolitisch ausgerichtete Akteure haben größte Scheu vor einer Verabschiedung des Wachstums, solange nicht gesichert ist, dass die sozialen Belange abgesichert werden. Unter den gegebenen Bedingungen geht es ihnen deshalb lediglich um solche Forderungen wie diese von ver.di:

„ver.di fordert eine Politik, die auf sozial-ökologisch ausgerichtetes und reguliertes Wachstum des Bruttoinlandprodukts gerichtet ist.“ (Quelle)

Gegen „selektives/qualitatives Wachstum“ als positive Alternative zum abzulehnenden Wachstum meldete speziell Angelika Zahrnt einen „starken Dissens“ an, denn ihrer Meinung nach bricht diese Formel noch zu wenig mit der Logik des „Schneller, höher, mehr“ und versuche, „mit der grünen Variante die Konflikte noch eine Zeitlang zu entschärfen“.

Auch andere meinten, eine Unterscheidung in „gutes“ und „schlechtes“ Wachstum sei nicht möglich. Denn beispielsweise braucht auch Wachstum im Bereich der Bildung letztlich Ressourcen und findet nicht gänzlich immateriell statt.

Zu der Frage, ob es überhaupt ständiges (Wirtschafts-)Wachstum braucht, um glücklich(er) zu werden, meinte Niko Peach:

„Was unser Glück ausmacht, das kann man nicht beliebig steigern.“

Einig waren sich auf dem Kongress eigentlich alle: Die jetzige Form des Wachstums kann nicht weiter geführt werden und es ist auch keine Lösung für die derzeitigen Krisen.

Während einige Podiumsteilnehmer_innen davon ausgingen, dass wir noch innerhalb des Kapitalismus zu einer Postwachstumssituation kommen müssen („weil ja keine revolutionäre Situation für eine Abschaffung des Kapitalismus in Aussicht ist“), waren sich andere unsicher, ob sich der Kapitalismus so wandeln kann, dass er eine „wachstumsbefriedete Wirtschaft“ (Angelika Zahrnt) werden kann.

Am weitesten ging in seiner Wachstumskritik Andreas Exner von der Zeitschrift „Streifzüge“:

„Degrowth oder Postwachstum, das ist eine absolute Schrumpfung des wirtschaftlichen Outputs, bei gleichzeitigem Zugewinn an Konvivalität, Freizeit, Vielfalt, Partizipation.“ (Andreas Exner)

Für ihn bedeutet die Orientierung an einem „Postwachstum“, ein neues Paradigma zu denken und zu praktizieren. Dies bedeutet, dass nicht nur neue Antworten auf alte Fragen gesucht sind – sondern dass dieses neue Paradigma es auch erlaubt, völlig neue Fragen zu stellen. Das meint konkret: Die Frage ist nicht, wie wir in einer Wie lernen wir es, in einer Marktwirtschaft mit weniger Kauf und Verkauf auskommen, sondern: Sollten wir nicht die Koordinierung der Arbeitsteilung und der Verteilung ganz ohne Kauf und Verkauf hinbekommen? Silke Helfrich erzählte an anderer Stelle:

Einst meinte eine grüne Abgeordnete: „Wir müssen doch das Leben finanzieren!“. Silkes Antwort: „Nein, wir müssen nur das Leben leben.“

Das grundlegende Problem besteht letztlich nicht in der Art und Weise der Bedürfnisse, sondern darin, dass wir sie nur durch unsere Beteiligung an den wirtschaftlichen Märkten befriedigen können, die strukturell durch Konkurrenz gekennzeichnet sind. Konkurrenz um Geld, um Arbeitsplätze, um Kapital, das dem Zwang zur Selbstvermehrung folgt und uns mit sich zieht, denn

Nur über Einkommen kann Teilhabe am Markt angemeldet werden. (Werner Rätz)

Um dies zu verändern, kommt es darauf an, völlig neuartige soziale Beziehungen zu denken und zu ermöglichen.

„Wir müssen Bedürfnisse befriedigen und nützliche Dinge herstellen, aber das hat nichts mit Kaufen und Verkaufen zu tun.“ (Andreas Exner)


Siehe auch:


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