Warum sie sich mit dem Slogan der Schrumpfung, des Postwachstums bzw. der zentralen Stellung der Wachstumskritik nicht so recht anfreunden können, begründen verschiedene Positionspapiere aus der Rosa-Luxemburg-Stiftung (Links zu den Quellen siehe unten).

Judith Dellheim meint, ein „Gegen-Wachstum-Sein“ greife viel zu kurz, denn es gäbe keine einfachen Lösungen für komplizierte Probleme. Deshalb soll eine linke Programmatik auf unklare „Wachstumsaussagen“ verzichten. Es gehe höchstens darum, die Frage zu klären, „was warum durch wen wächst und mit welchen Auswirkungen auf die Menschen, ihre Beziehungen untereinander und zur Natur […]“.

Wenn sich eine Bewegung auf die Wachstumskritik beschränke, bestehe die Gefahr, in die Nähe von Konzepten zu geraten, bei denen weiterhin wirtschaftlicher Fortschritt, gemessen an den Kapitalverwertungsprinzipien durchgesetzt wird auf Kosten von Demokratie und sozialen Standards. Denn die reine Wachstumskritik lässt die strukturellen Bedingungen unangetastet, unter denen bisher gewirtschaftet und Politik betrieben wird. Was das bedeutet, zeigt sogar die engagierte Klimapolitik: Wenn man sich wenigstens auf das Ziel geeinigt hat, den Temperaturanstieg auf 2 Grad zu begrenzen, so mag das nach einem großen Fortschritt klingen. Diese 2 Grad sind mit entsprechenden Anpassungsmaßnahmen für die Menschen im globalen Norden wahrscheinlich aushaltbar. Allerdings fallen bereits aus diesen Überlegungen Millionen von Menschen, die zu Ärmsten der Welt gehören, heraus, denn die leiden bereits unter und bei „nur“ 2 Grad Erwärmung.

Wenn die Struktur, dass 20 Prozent der Menschen 80 Prozent der Ressourcen verbraucht, aufrecht erhalten bleibt, kann das Nullwachstum oder die Schrumpfung von vornherein nicht im globalen Sinne sozial gerecht sein.

Tatsächlich wird die Herausforderung von den Herrschenden auch entsprechend ihren traditionellen Herrschaftslogiken beantwortet. Das aktuelle Wachstumskonzept der EU trägt zwar den Titel „Eine Strategie für intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum“, sorgt sich aber primär um die Gefahr, dass Europa im internationalen Konkurrenzkampf zurückfallen könnte. Im Zentrum steht die „Wettbewerbsfähigkeit“. Auch den GRÜNEN geht es vorrangig um „einen vorderen Platz in der Wirtschaft von morgen“. „Nachhaltigkeit“ wird dort nach J. Dellheim hier primär als „nachhaltige Profitsicherung“ verstanden.


Selbstverständlich sieht auch Judith Dellheim, dass die Nachhaltigkeits– und Wachstumskritikdebatte wichtig für Bündnisse ist, aber für Linke kommt es aus ihrer Sicht auf ein „offensives Aufzeigen von Grenzen, Widersprüchen und Ambivalenzen“ an, statt auf ein einfaches „Ausbalancieren“ von sozialen, ökologischen und ökonomischen Interessen zu setzen.

Sie setzt an die Stelle pauschaler Wachstumskritik die konkrete Arbeit am sozialökologischen Umbau,

  • dessen Zielkriterien individuelles Wohlbefinden, öffentliche Gesundheit und Erhalt und Verbesserung der natürlichen Lebensgrundlagen sind,
  • wobei die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und der Natur beendet wird und die langfristige Reproduktionsfähigkeit sozialen Lebens gesichert wird,
  • sich solidarische Kooperationen entwickeln, die vor allem lokale und regionale Ressourcen zur Bedürfnisbefriedigung der lokalen und regionalen Bevölkerung nutzen […],
  • erneuerbare Energien und Rohstoffe vor allem dezentral erschlossen und angewendet werden und
  • Hierarchien überwunden werden und Arbeit gesellschaftlich um- und neu bewertet wird.

„Sozialökologischer Umbau ist die tief greifende komplexe Umgestaltung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der Stoffwechselprozesse des Menschen und der Gesellschaft insgesamt mit der Natur“ (Dellheim)

Judith Dellheim zielt damit durchaus in Richtung fundamentaler Änderungen. Auch aufgrund der strikten Orientierung an Demokratie und Selbstbestimmung der beteiligten Menschen soll dieser Umbau „schrittweise“, als „fortwährender Such- und Transformationsprozess“ stattfinden. Dabei sollen Menschen ihre Lebensweisen und ihr wirtschaftliches Handeln dementsprechend verändern. Und obwohl sie zu Beginn ihres Papiers die „Macht-, Eigentums- und Kräfteverhältnisse“ als wichtigste Ursache für die zerstörerischen Prozesse benennt, klingen ihre „konkreten Schritte“ dann doch schon wieder so, als würden diese strukturellen Schranken nicht bestehen.

Denn wenn es so ist, dass Kapitalismus strukturell dadurch begründet ist, dass Menschen ohne Eigentum an Produktionsmitteln ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, um über die Entlohnung ein Einkommen zu haben, über das sie an Lebensmittel herankommen, dann können Menschen dieses Handeln nur ändern, wenn sie andere Ressourcen und Mittel haben, um ein anderes Wirtschaften neben dem munter vor sich hin kriselnden globalen Kapitalismus aufzubauen. Welche sollten das sein?

Hier kommen die Commons ins Spiel, die zwar mittlerweile auch in Publikationen der Heinrich-Böll-Stiftung eine Rolle spielen, bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung aber noch nicht so recht angekommen zu sein scheinen.


Positionspapiere der Rosa-Luxemburg-Stiftung


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