Als wir beim Umwelttag in Jena einen CO2-Fußabdruck-Rechner verwendeten, um mit den Menschen ins Gespräch über die Gefährdung des Klimas durch menschliche Einflüsse zu kommen, wurde uns ein Problem deutlich bewusst: Einerseits vermittelt dieser CO2-Rechner die Einsicht, dass man durch das eigene Verhalten durchaus beeinflussen kann, wieviel Treibhausgase durch meine Lebensweise ausgestoßen werden.

Andererseits wird in den Berechnungen explizit ein Faktor ausgewiesen, der durch die gesellschaftliche Infrastruktur in meinem Land grundsätzlich vorhanden ist, den ich nicht individuell beeinflussen kann. Zusätzlich muss noch berücksichtigt werden, dass auch jene Anteile, die ich eigentlich individuell beeinflussen kann, stark an Rahmenbedingungen gebunden sind, die ich allein nicht verändern kann.
wohnen – jedoch konnten sie als Mieter_innen keinen Einfluss auf die Energieeffizienz ihrer Wohnung nehmen. Deutlich wurde auch der große Einfluss der aus beruflichen Gründen erzwungenen Mobilität.

Selbstverständlich gilt auch hier, dass jeder einzelne Mensch niemals vollständig in seinen Handlungen determiniert ist, sondern sich gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen bewusst verhalten kann. Trotzdem ist folgendes zu beachten:

Wie auch Werner Rätz auf dem Kongress „Jenseits des Wachstums“ erläuterte, hat unter kapitalistischen Verhältnissen jeder Mensch nur dann Zugang zu den benötigten Lebensmitteln und Gütern, wenn er irgendwie zu Geld kommt, mit der es sie kaufen kann. Hergestellt werden die benötigten Dinge nur, wenn der Eigentümer der Produktionsmittel bzw. jene, die „Kapital investieren“ daraus Profit ziehen können. Dieser Grundstruktur kann man als Individuum oder kleine Gruppe nur in Nischen und ausnahmsweise entkommen.

Barbara Muraca nannte die Spannungen zwischen individueller und struktureller Veränderung auch bereichernd. Zwischen individuellen Lebensstilentscheidungen und der strukturellen Umgestaltung der gesamtgesellschaftlichen Bedingungen muss kein Widerspruch bestehen. Es geht darum, individuelle Entscheidungen nicht zu entpolitisieren. Das heißt, dass wir uns nicht auf die Rolle des Konsumenten zurückdrängen lassen sollten, sondern als „gestaltungsfähige Bürger“ verstehen. Das bedeutet, wir brauchen nicht nur formale Bedingungen der Teilhabe an wichtigen Lebensentscheidungen, sondern auch entsprechende materielle und psychologische Voraussetzungen. Zu den letzteren zählte sie das Selbstwirksamkeitsgefühl.

„Einzelne Entscheidungen machen nur Sinn, wenn sie durch gesellschaftliche Ziele getragen werden.“ (Barbara Muraca)

Es kann auch nicht darum gehen, ökologische „Imperative“ gegen vorhandene Lebensinteressen durchzusetzen. Eine „Ökodiktatur“ kann nicht die Lösung sein. Deshalb bedürfen die großen strukturellen Veränderungen auch jeweils individueller Erkenntnisse, Wünsche und Handlungen. Auf diesem Weg gibt es Fortschritte; so sagt eine Studie zum Umweltverhalten (Quelle):

„Während umweltfreundliche Einstellungs- und Verhaltensweisen Anfang der 1980er Jahre noch Alleinstellungsmerkmal einer kleinen Randgruppe waren, gehören sie heute zur sozialen Norm.“

Natürlich steckt da viel Lifestyle-Gehabe der sog. LOHAs dahinter, aber es sind immerhin erste Schritte hin zu einem Paradigmenwechsel, der alleine nichts bewirken wird, aber eine der Voraussetzungen ist, damit eine nachkapitalistische Welt ökologisch verträglich wird.

Interessant ist übrigens eine neuere Studie, die auf der Grundlage von Computersimulationen ermittelt, wie politische Stimmungen in recht kurzer Zeit „kippen“ können. Dazu müssen nur wenige Vertreter einer vorher marginalisierten Position lange Zeit hinweg ihre abweichende Haltung vertreten und propagieren und sobald sie ca. 10% der Bevölkerung überzeugt haben, kann ihr Standpunkt ziemlich plötzlich die Oberhand gewinnen. Wir kennen diesen Effekt auch als „Schmetterlingseffekt“. Natürlich sagt dies überhaupt nichts über die Inhalte, die sich dabei durchsetzen, aber es zeigt, genauso wie die Erfahrung es bestätigt, dass manch aussichtslos erscheinende Lage sich schnell verändern kann.
Bei der Frage der Umstellung unserer Lebens- und Wirtschaftsweise sind wir, auch entsprechend der o.g. Studie zum Umweltverhalten, – noch längst nicht so weit.

„Ein umfassender Kulturwandel ist angesichts weltweit steigender Treibhausgasemissionen jedoch (noch) nicht in Sicht.“

Der boomende Bioladen grad um die Ecke steht lediglich für einen „grüne[n] Lifestyle ohne tatsächliche Verhaltensänderung“ (Jan Suter, Quelle)

„Wie viele E-Bike-FahrerInnen kennen Sie, die ihr Auto definitiv für so ein Atomstromtöffli ausser Verkehr gesetzt haben? Ich kenne nur die, die ihr Velo durch sowas ersetzt haben und damit mehr Strom verbrauchen als zuvor.“

Auch wenn alle Menschen so bewusst leben würden, wie ein Schweizer Biobauer, würden wir noch 2 bis 2,3 Erden brauchen als Ressourcenquelle und Abfallsenke (ebd.).

Individuelle Verhaltensänderungen, die die Grundstrukturen nicht angreifen, reichen also auf keinen Fall aus.

„Es gibt [….] klare ökologische Notwendigkeiten, vom Wachstum runterzukommen, aber zugleich auch Strukturen, in denen jeder vom Wachstum abhängig ist, zum Beispiel in Hinblick auf seinen Arbeitsplatz oder seine Mobilität.“ (Matthias Schmelzer)

Deshalb gilt, wie schon im letzten Bericht zitiert, auf jeden Fall die Aussage von Elmar Altvater:

„Wer von Wachstum redet, darf über Akkumulation des Kapitals nicht schweigen.“

Individuelles Verhalten darf also an der Grenzen der Infragestellung der Herrschaft des Kapitals nicht Halt machen. Es reicht nicht, sich individuell mit einem guten Gewissen zu beruhigen. Im Gegenteil: Dass die individuelle Verhaltensänderung nicht ausreicht, müssen wir als Anlass nehmen, die Strukturen zu verändern, in denen wir uns verhalten.


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