Jan Suter aus Basel, der die illusionären Vorstellungen des Green New Deal berechtigt kritisiert, sieht als realistische Alternativen lediglich eine Öko-Diktatur oder eine freiwillige Selbstbeschränkung, also Verzicht auf Fleisch, Flüge und Jobs, die zu weit weg sind.

Auf dem Kongress „Jenseits des Wachsums“ waren sich eigentlich alle einig, dass eine Wende hin zu einer ökologisch verträglichen Lebens- und Wirtschaftsweise nicht auf Kosten von berechtigten Lebensbedürfnissen von Menschen erfolgen darf.

Inwieweit dies ein frommer Wunsch bleibt oder tatsächlich zu grundlegend neuen Paradigmen und Verhältnissen führt, bleibt noch offen.

Am unproblematischsten scheint die Vorstellung, durch eine „Grüne industrielle Revolution“ (R. Fücks) zu einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung zu kommen, bei der das ökonomische Wachstum vom Ressourcenverbrauch abgekoppelt werden könnte.

Entkoppelung von Ressourcenkonsum und BIP, 1980 bis 2007 in Österreich (Quelle)

Überlegungen zu „Globalen Problemen der Menschheit“ ähnlich optimistische Vorstellungen hatten.

Global ist von einer solchen Entkopplung jedoch überhaupt noch nichts zu sehen, obgleich sie seit nunmehr mindestens 15 Jahren in den meisten „Nachhaltigkeits-„Diskursen als Patentlösung dargestellt wird:

Entwicklung von Welt-Energieverbrauch und die Welt-Industrieproduktion (Quelle)

Der „Rebound-Effekt“ (also die dem Effizienzgewinn folgende Steigerung des Verbrauchs an anderer Stelle) wird zwar oft genannt, aber es können keine Lösungen dafür angegeben werden.

In der ökoorientierten Sicht wird sehr oft davon ausgegangen, dass die Biokapazität der Erde eine konstante Größe wäre. Dem ist nicht so. Die Biokapazität betrachtet einerseits die Biosphäre als reproduktive Quelle, anderseits als Senke für Abfall. Sie kann gesteigert werden, wenn Abfälle aus den einen Prozessen zu Rohstoffen für andere verwendet werden. Andererseits sind lebendige Prozesse keine statischen Nullsummenspiele, sondern sie entwickeln sich selbst auch immer weiter, Selbstorganisation findet statt, so dass man durchaus auch von einem „Wachstum der Grenzen“ sprechen kann.

Darauf setzt auch das neue grüne Konzept des „Wachsens mit der Natur“. Ein neuer Begriff, die „Blue Economy“ wurde dafür erfunden. Als Beispiel wird die Widerlegung von Malthus durch neue Techniken von Justus von Liebig genannt: Während Robert Malthus annahm, es gäbe Grenzen des Wachstums der Bevölkerung durch die Grenzen der Agrarproduktion, wurden diese Grenzen erweitert durch die Entdeckungen von Justus Liebig und Gregor Mendel. „Die Kombination von Agrochemie und systematischer Pflanzenzucht revolutionierte die Landwirtschaft und vervielfachte die Erträge.“

Die „Blue Economy“, die vor allem auch auf Nutzungskaskaden setzt (was für den einen Abfall ist, ist für den anderen Nahrung), gibt’s als Konzept schon lange, aber niemand untersucht, warum sich z.B. die seit Jahrzehnten bekannten „biokybernetischen Prinzipien“ von Frederic Vester nicht durchsetzen konnten.

Auf diese Weise soll es entsprechend dem Green New Deal, mit dem Verweis auf Erneuerbare Energien, Bionik oder Nanotechnik, auch heute weiter gehen. Politisch soll dieser Prozess durch „ökologische Leitplanken“ flankiert werden und eine „ökologische Dynamik „von unten““ gefördert werden.

Ähnliche Hoffnungen werden in der Gewerkschaft ver.di gehegt, so in einem Thesenpapier. Es geht um einen Strukturwandel von stofflichen Gütern in Richtung Dienstleistung und um die Steigerung der Ressourcenproduktivität. Es wird angenommen, eine stoffliche Schrumpfung sei möglich, während die Wertproduktion weiter steigen kann.

Dass die Wertakkumulation gar nicht wirklich an menschlichen Bedürfnissen ausgerichtet wird, wird sogar auch erkannt:

„Wachstum und Wachstumszwang in der heutigen Gesellschaft ergeben sich letztlich aus den Renditeerwartungen und –ansprüchen des Kapitals, weniger aus den Bedürfnissen der Menschen.“

So richtig und wichtig einzelne neue Technikentwicklungen (z.B. für Erneuerbare Energien, solange sie nicht auf zentralistische Pfade verschoben werden) sein können,

„Der „Grüne Kapitalismus“ ist eine Falle, denn er stellt die kapitalistische Logik nicht in Frage.“ (Acosta)

Es fällt auf, dass manche Vertreter_innen solcher Konzepte durchaus wissen, dass die kapitalistischen Verhältnisse das Verhältnis der Menschen zur Natur maßgeblich prägen. Aber sie glauben nicht daran, dass die Zeit noch ausreicht. Eine revolutionäre Situation sei nicht zu erkennen, deshalb müssten wir unter den gegebenen Bedingungen das Bestmögliche tun und hoffen.

Selbstverständlich müssen wir das jederzeit maximal Mögliche tun. Dazu gehört aber nicht, die Augen vor der Realität zu verschließen. Zur Realität gehört, dass es höchst unwahrscheinlich ist, innerhalb der kapitalistischen Verhältnisse zu der notwendigen neuen Lebensweise zu kommen, die ökologisch verträglich ist. Wenn es für die Menschheit zu schwer ist, diese Gesellschaftsordnung aufzugeben, dann wird es kein zivilisiertes Überleben für sie auf dem Planeten Erde geben.


Weiter zu „Welche Alternativen zum Wachstum gibt es? Teil II: Eine andere Welt“
Zur Anfangsseite meiner Blogberichte zum Wachstumskongress

Advertisements