Kurz nach 1990 konnte es so noch aussehen, als sei das „Ende der Geschichte“ erreicht und der real existierende Kapitalismus sei die endgültige und wohl auch beste Art der Gesellschaftlichkeit. Seitdem jedoch gibt es in den kapitalistischen Kernländern so gut wie keinen sozialen Fortschritt mehr sondern immer nur noch Sozialabbau und Verschlechterung der Lage der unteren und sogar weiter Teile der mittleren Schichten.

wurde in den letzten beiden Jahrzehnten ja nicht nur im Dot.com- und im Immobilienboom generiert, sondern äußerst zerstörerisch griffen die Kapitalverwertungsprinzipien in weitere Ökosysteme ein und Gemeinschaften. Außerdem wurden die genetischen und biologischen Grundlagen des Lebens als weitere Profitquellen immer weiter erschlossen. Dies führte kurz vor der Jahrtausendwende zum Entstehen und Wachsen der sog. Antiglobalisierungsbewegung, deren Motto „Eine andere Welt ist möglich“ seitdem immer stärker auch mit konkreten inhaltlichen Alternativen untersetzt wurde.

Auf dem Kongress „Jenseits des Wachstums“ waren diese Trends schon durch die Auftaktredner_innen vertreten.
Während Vandana Shiva vor allem über die tödlichen Folgen des fortschreitenden Profitwachstums in Indien sprach, berichtete Alberto Costa von den Bemühungen in seinem Land Ecuador, die Umwelt zu schützen. Wie auch in Bolivien steht in der neuen Verfassung Ecuadors als Staatsziel das „Gute Leben“ und dabei hat das Verhältnis der Menschen zur Natur einen zentralen Stellenwert.

Obwohl auch in Ecuador versucht wird, aus dem Verkauf der natürlichen Ressourcen Geld für soziale Reformen zu gewinnen, wird hier erst malig der Versuch gemacht, ein großes Ölvorkommen nicht anzutasten – gegen eine entsprechende Ausgleichszahlung (Quelle).

Auf dem Kongress wurden auch vielfältige konkrete Maßnahmen diskutiert, die in unseren Regionen durchzuführen wären. Dazu konnten vielfältige Ansätze aufgegriffen werden, die unter dem Stichwort „Solidarische Ökonomie“ schon lange diskutiert und in Ansätzen realisiert werden. Niko Peach verwies explizit auf die Notwendigkeit, die ökonomische Souveränität auszuweiten, statt sich nur über Konsum zu versorgen. Er spricht von „Urbaner Subsistenz“ und nennt explizit Community Gardens und die Transition Town Bewegung als wegweisende Konzepte.

Angelika Zahrnt vom BUND nannte folgende Maßnahmen:

  • Reformen in Richtung Regionalisierung,
  • stärkere Selbstversorgung,
  • Verringerung des Konsumzwangs,
  • stärkeres Gewicht auf Gemeingüter,
  • starke Arbeitszeitverkürzung (und/oder Grundeinkommen),
  • Umverteilung der Arbeit und Güter,
  • mehr unmittelbare Demokratie.

Auch an die auf dem Kongress so nicht genannten Ziele des sozial-ökologischen Umbaus nach Judith Dellheim möchte ich hier erinnern.

Elmar Altvater verbindet mit der Losung „Solar und Solidarisch“ technologische mit sozialen Umgestaltungen. Adelheid Biesecke erwartet, dass endlich die Trennung zwischen marktorientierter Produktion und vor allem von Frauen erledigter Reproduktionsarbeit (sozial-weibliche Care-Arbeit etc.) aufgehoben wird.

Es gehe um einen grundsätzlichen Perspektivenwechsel: Dabei wird von den lebendigen Grundlagen des Wirtschaftens auf die Märkte geschaut um zu erkennen, dass die Märkte letztlich darin eingebettet sind. Adelheid Biesecke schlägt eine Transformation auf materiell-stofflichem Gebiet vor, auf sozialem Gebiet (bei der Gestaltung des Ganzen der Arbeit ) und auf kulturellem Gebiet (mit dem Recht auf einen nachhaltigen Lebensstil). Statt dem rein marktwirtschaftlichen Rationalitätsprinzip soll sich Rationalität neu bestimmen über Fürsorglichkeit und Langfristigkeit.

Letztlich geht es um einen „Abschied von der imperialen Lebensweise“ (Eckhardt Statman-Mertens) und es müssen auch Macht- und Eigentumsfragen gestellt werden (Werner Rätz).

Das heißt für Andreas Exner auch, zu einer Entmonetarisierung beizutragen. Für ihn sind positive Beispiele Projekte der Solidarischen Ökonomie und Gemeingüter im Bereich der Landnutzung und der digitalen Information. Zu diesem Thema gab es auf dem Kongress „Jenseits des Wachstums“ einen kleinen Wortwechsel, zu dem es inzwischen auch schriftlich mehr gibt. Andreas Exner geht davon aus, dass die Vermittlung zwischen Geben und Nehmen innerhalb der Arbeitsteilung auch zwischen Produzenten und Konsumenten nicht mehr durch Kaufen und Verkaufen, also über die Vermittlung von Geld stattfinden darf, sondern über Kooperation. Spätestens mit der Freien Software wurde bewiesen, dass Arbeitsteilung über Kooperation nicht nur in kleinen Gruppen möglich ist, sondern auch über globale Netzwerke hinweg funktioniert. Niko Peach betonte demgegenüber mehrmals, dass er sich eine globale Koordination nur über die Vermittlung durch Geld vorstellen kann. Andreas Exner entgegnete darauf: „Es gibt keinen Grund, Arbeitsteilung an Geld zu binden“. Er begründete das auch damit, dass die Arbeitsteilung innerhalb der weltweit agierenden Konzerne trotz aller Vermarktlichungsversuche letztlich auch durch geschicktes Kooperationsmanagement und nicht rein geldgesteuert erfolgt.

Silke Helfrich berichtete aus ihren Erfahrungen mit den sog. Commons, also Gemeingütern (auch als „Allmende“ bekannt), auf deren Grundlage ein Wirtschaften ohne Wachstumszwang erst möglich ist. Der Bezug auf Commons setzt weder auf den Markt, noch auf den Staat, sondern auf die Selbstregulierungskräfte der Menschen jeweils in ihrem Lebensbereich und darüber hinaus in größeren und globalen Netzwerken. Zu ihren Thesen, dass Commons geldinduziertes Wachstum reduzieren, bevölkerungsinduziertes Wachstum reduzieren und sich auch dem Wachstumszwang entziehen, kann man hier mehr nachlesen.

„Wer Commons fördert schafft Möglichkeiten, viele Lebensbereiche aus dem Markt herauszuhalten. Denn in den Commons wird etwas gemeinschaftlich produziert, um Probleme zu lösen und Bedürfnisse zu befriedigen. Nicht, um Produkte auf dem Markt zu verkaufen.“ (Silke Helfrich)

Wie eine commonsbasierte Peer-Produktion mit den Begrenzungen der Biokapazität umgeht, beschreibt Christian Siefkes hier.

Was konkret jetzt tun?

Der Kongress könnte aufgrund des überwältigenden Interesses zum Auftakt einer deutschen „Postwachstums“-Bewegung werden. Es gibt einige weiterführende Veranstaltungen, so soll Anfang des nächsten Jahres eine Degrowth-Konferenz stattfinden.

Die Hoffnung besteht nun darin, dass möglichst viele der Teilnehmenden nach Hause fahren und von dort aus beginnen, Postwachstums-Netzwerke aufzubauen. Dabei soll möglichst eine große Vielfalt beibehalten werden, anstatt „vorschnelle Lösungen“ aus der Tasche zu zaubern. Es gäbe nicht „den einen Hebel“ oder „den einen Akteur“, den es zu bewegen gilt, sondern viele verschiedene Kämpfe in vielen verschiedenen Bereichen, so dem Kampf gegen Privatisierungen, für eine demokratisch organisierte auf Erneuerbaren basierende Energieversorgung, für Wirtschaftsdemokratie, für Gemeingüter, für gemeinsam gestalteten öffentlichen Verkehr, für die Schrumpfung der Finanzmärkte und vieles andere mehr.

Hans-Jürgen Urban gab uns auf den Weg, dass wir alle die Debatte jeweils vor Ort, in unseren Bereichen fortsetzen sollten mit den Menschen, die dazu bereit sind und dann wieder zentral zusammen kommen.

Inzwischen hat uns der Alltag alle wieder. Wir sind mehr oder weniger in unseren angestammten Gruppen aktiv. Ich weiß noch nicht, wo neue Gedanken, neue Ideen, Einflüsse und Orientierungen zu jeweils anderen überfließen. Für mich gab es inhaltlich eigentlich nicht viel Neues, was ich im links-öko-alternativen Bereich nicht schon einmal gehört oder gelesen hätte.

Aber wenn ich die letzten 20 Jahre so bedenke, so waren die ersten 10 Jahre eher vom Niedergang des entsprechenden kapitalismuskritischen Spektrums gekennzeichnet, Öko wurde hoffähig und verlor gleichzeitig seinen Biß. Mit der entstehenden Antiglobalisierungsbewegung um die Jahrtausendwende entstand weit weg von uns eine neue Dynamik des Widerstands und letztlich auch der Alternativen zum real existierenden Kapitalismus. Die Übertragung der Weltsozialforen nach Deutschland war nicht so besonders erfolgreich. Mit dem Thema der Wachstumskritik ist aber jetzt wieder ein Verknüpfungsbereich gefunden worden, der eine engere Verflechtung miteinander ermöglichen könnte. Die Alternativen streben in unterschiedliche Richtungen – „Postwachstum“ und „sozialökologischer Umbau“ sind nicht ganz das Gleiche –viele einzelne Vorschläge ähneln sich jedoch. Der Unterschied liegt vor allem im Zielhorizont und der Reichweite der angestrebten Veränderungen. Bei den Bemühungen um die ersten naheliegenden Schritte sollten wir auf jeden Fall gemeinsam agieren können und dabei sind die Erfahrungen aufzuarbeiten. Vor allem die Erfahrung der Begrenztheit des Wirkens (z.B. der nur individuellen Verhaltensänderungen oder der nur technologischen Innovationen) kann dann auch dazu führen, dass wir gemeinsam noch weitere, heute noch für viele undenkbare Schritte (wie die Abschaffung des Kapitalismus und des Geldes und den Aufbau einer commonsbasierten Peer-Gesellschaft) letztlich gemeinsam gehen werden.


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