Man könnte sich die Hände reiben und sich freuen: die Regierung hat mittlerweile ambitionierte Klimaschutz- und energiepolitische Ziele, die vorher nur aus radikal grünen Ecken kamen und als Spinnerei abgetan wurden.

Die noch vorhandene Unzufriedenheit aus der Umweltbewegung bezieht sich vorwiegend auf die Laufzeit der Kernkraftwerke bis 2022. Die entscheidenden Weichen werden jedoch auf scheinbaren Nebenschauplätzen gestellt.

Es geht nicht nur um die mengenmäßige Entwicklung des Anteils an erneuerbaren Energien an der Energieversorgung, sondern vor allem um strukturelle Entscheidungen über die bevorzugten Arten der erneuerbaren Energiequellen und die Netze und diese wiederum hängen stark mit den Machtstrukturen in der Wirtschaft zusammen. Die Energienutzung gehört zur Basis der modernen Produktionsweise und hier werden Kämpfe ausgefochten zwischen Vertretern der Energie-Autonomie gegen eine zentralistischen Energie-Oligarchie.

Zum Thema der mengenmäßigen Entwicklung des Anteils erneuerbarer Energie gibt es seit längerer Zeit Positives von der Regierungsseite zu berichten. Die guten Nachrichten begannen schon mit dem Integrierten Energie- und Klimaprogramm von 2007 (Meseberger Beschlüsse), welches das Ziel stellte, bis 2020 den Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung auf 25-30% zu steigern. Der „Plan B“ von Greenpeace aus demselben Jahr hatte 33% gefordert. Das toppte die Bundesregierung dann im Oktober 2010 in ihrem Energiekonzept mit dem Vorhaben, 35% zu erreichen. Zwar wären bis 2020 auch schon 40% möglich (wie ein lange verschwiegene Studie vom Juni 2010 nachwies), und 2050 wären auch 100% drin, aber seien wir da mal nicht zu pinglig.


Abb.1: Ziele der Energieeinsparung und des Anteils an erneuerbaren Energien entsprechend dem Energiekonzept der Bundesregierung 2010 (Quelle)

Warum nur gibt’s da immer noch was zu meckern? Sind wir nicht auf dem richtigen Wege?

Abb.2: Wendemanöver (sfv/mester)

Auf dem richtigen Weg befinden wir uns auf jeden Fall mit den neuen Orientierungen auf Energie- und speziell auch Stromeinsparung. Ich finde es schon einmal auffällig, dass bis vor kurzem auch die Befürworter erneuerbarer Energien von einem weiteren Anstieg des Energieverbrauchs ausgingen (und für die Börsennotierung ihrer Unternehmen ist so ein unaufhörliches Wachstum auch ziemlich gut). Demgegenüber fordern heutzutage auch die Regierungspläne eine Senkung z.B. des Stromverbrauchs um 10% bis 2020 und um 25% bis 2050. Die beiden Abbildungen 3 und 4 stammen übrigens vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), Bild 3 aus den frühen 2000er Jahren, Bild 4 erstmals wohl aus dem Jahr 2009.


Abb. 3: Steigender Energieverbrauch mit Erneuerbaren (Quelle)


Abb. 4: Erneuerbare und Energieeinsparung sowie wachsende Energieeffizienz (Quelle)

Aber das Problem liegt noch tiefer:

Erneuerbar ist nicht gleich erneuerbar

Das eben genannte Energiekonzept (vom Oktober 2010) war ein bemerkenswerter Meilenstein in den energiepolitischen Verwirrspielen der derzeitigen Bundesregierung. Während alle Welt auf die Laufzeitverlängerungen für Kernkraftwerke schaute, las kaum jemand weiter. Denn die wirklichen Probleme steckten noch tiefer im Detail. Und das Wichtige stand auch gar nicht im Konzept selbst, sondern in der Studie „Energieszenarien für ein Energiekonzept der Bundesregierung“ von ewi, gws und prognos vom August 2010. Das Energiekonzept stützt sich im Wesentlichen auf die Szenarien, die in dieser Studie ausgeführt wurden, davon auch einem Szenarium ohne Kernkraft-Laufzeitverlängerung. Und schon hier wird’s eng für eine bestimmte Sorte von erneuerbaren Energien.

Schaut man sich die Zahlen genauer an, wie es im ralos-Blog geschah, so fällt auf, dass im Jahr 2050 bei den angegebenen Zielen der Stromeinsparung und eines 80%-Erneuerbaren-Anteils 368 TWh Strom aus erneuerbaren Energien aufgebracht werden müssen. In den Szenarien wird dann beispielsweise angenommen, dass 68 bis 113 TWh allein aus der Offshore-Windenergie kommen sollen und 60-140 TWh importiert werden sollen. Da bleiben für die „regionalen erneuerbaren Energien“ (Photovoltaik, Onshore-Wind…) lediglich 115 bis 240 TWh Stromerzeugung übrig. In der folgenden Abbildung wird die Verteilung der Anteile für Import, Offshore-Strom und regionalem Sonnen- und Windstrom angegeben, wobei einmal vom größten regionalen Anteil an erneuerbaren Energien und einmal vom geringsten regionalen Anteil entsprechend der angegebenen Zahlen ausgegangen wird.


Abb. 5: 2 Szenearien entsprechend dem „Energiekonzept“ (nach ralos)

102 TWh erzeugt wurde, bleibt nicht mehr viel Raum zur Entwicklung, obgleich die ökologisch-technischen Möglichkeiten dafür noch längst nicht ausgeschöpft sind. Allein für die Photovoltaik wird vom Sachverständigenrat für Umweltfragen ein möglicher Ertrag von 248 TWh und für die Windenenergie an Land von 180 TWh angenommen. Diese unausgeschöpften Möglichkeiten macht ein Vergleich mit den Szenarien deutlich:


Abb. 6: Energiekonzeptszenarien im Vergleich zu anderen Abschätzungen

Wir sehen also, dass das Energiekonzept (mal abgesehen von der damals beschlossenen Laufzeitverlängerung) letztlich zwar grundsätzlich in die richtige Richtung steuert (Richtung erneuerbarer Energien), aber innerhalb der Möglichkeiten der Erneuerbaren vor allem Stromimporte (nicht zuletzt z.B. von dem geplanten Projekt DESERTEC aus Nordafrika) und Offshore-Windkraft in der Nordsee bevorzugt und die anderen eher regionalen Energiequellen wie Photovoltaik und Onshore-Windkraft stark ausbremst. (siehe dazu auch meinen früheren Bericht).

Das neue Paket gesetzlicher Regelungen nach Fukushima zementiert diesen Weg:

  • Es wird davon ausgegangen, dass erneuerbare Energien (besonders PV und Biomasse) „überfördert“ worden wären.
  • Der Photovoltaik wird eine geringer werdende Bedeutung zugeschrieben, was nach dem in den letzten Monaten schon stark verlangsamten Ausbau eine weitere Bremse bedeutet.
  • Aber auch die Windkrafterzeugung an Land soll weniger gefördert werden als bisher. Dazu gibt’s hier eine Stellungnahme des Bundesverbandes WindEnergie e.V und hier von EUROSOLAR e.V. (siehe dazu auch hier).

Es geht um die Machtfrage

Könnte es nicht gleichgültig sein, wo der Strom aus erneuerbaren Energiequellen herkommt? Vielleicht wird er in Nordafrika tatsächlich billiger hergestellt als mit Photovoltaik bei uns? Vielleicht sind Offshore-Großkraftwerke tatsächlich effektiver? Warum sollten wir, die wir doch gewohnt sind, Erdbeeren aus der Wüste in Isreal zu beziehen, jetzt etwas gegen Strom aus Nordafrika und der Nordsee haben?

Greenpeace hat eine Studie mit dem Titel „Battle oft he Grids“ (Die Schlacht ums Stromnetz) herausgebracht.
Dabei werden zwei Optionen für den Ausbau des Stromnetzes diskutiert:

  1. Low Grid mit hohem Anteil dezentraler Energien und wenig Solarstrom-Import aus Nordafrika mit geringeren Netzkosten und höheren Stromerzeugungskosten als 2.
  2. High Grid mit einem hohen Anteil an Solarstrom-Importen aus Nordafrika, geringeren Stromerzeugungskosten und höheren Netzkosten als 1.

Wer von welcher Variante am meisten profitiert, ist recht deutlich. Bisher befand sich die Erzeugung erneuerbarer Energien „in der Hand der kleinen Leute“:


Abb. 7: Anteile der verschiedenen Gruppen an der bundesweit installierten Leistung an Erneuerbarer Energie (43.000 MW Ende 2009)
(Quelle)

Die „Großen 4“ Energiekonzerne waren am bisherigen Ausbau nur zu 7% beteiligt und nun wollen sie das Heft in die Hand bekommen.

Über die (leider recht erfolgreiche) Lobbyarbeit der Stromkonzerne in diese Richtung berichtet sogar das Handelsblatt:

Lobbyisten arbeiten dieser Tage fieberhaft daran, den Atomausstieg für die Energiekonzerne so schadlos wie möglich zu halten. (Quelle)

Weichenstellung durch die Netzstruktur

Aus diesem Grund kann es nicht nur um die quantitative Ausdehnung des Anteils erneuerbarer Energien an der Energieversorgung gehen. Der gleichzeitig notwendige Um- und Ausbau der Energieübertragungs- und -verteilungsnetze stellt die Weichen. Es geht um die Entscheidung zwischen dezentraleren Strukturen oder der Verfestigung zentraler Machtstellungen.

Von ihrer physikalischen Natur her passen die erneuerbaren Energien nicht zu den herkömmlichen Energienetzen. Während bisher nur wenige Kraftwerke mit einer großen Leistung die Energie in immer feiner verästelte Netze bis hin zu den Verbrauchern weiter leiteten, so sind erneuerbare Energien davon gekennzeichnet, dass sie an vielen dezentral verteilten Stellen mit geringerer Leistung eingespeist werden können. Die sehr viel weniger „dichten“ erneuerbaren Energiequellen liegen bereits verteilt vor und brauchen deshalb einerseits weniger Transport, wenn vor Ort erzeugte Energien auch vor Ort verbraucht werden und andererseits ganz andere Netzstrukturen. Scheer spricht vom „Zusammenfallen der Räume der Energiegewinnung mit denen der Energienutzung“ (Hermann Scheer, in: „Der Energ-ethische Imperativ“, ebd.: 41)

Den grundsätzlichen Unterschied der traditionellen Energieversorgungsnetze zu den neuen „verteilten Netzen“ zeigt die folgende Abbildung (Quelle):

Abb. 8: Klassisches Energienetz und Smartgrid

Werfen wir einen Blick auf die DENA-Netzstudie II, die maßgeblich für die Planungen zum Netzausbau ist. Hier werden für das Jahr 2050 folgende installierte Kapazitäten prognostiziert:


Abb. 9: Erneuerbare Erzeugungskapazitäten nach DENA II

Um entsprechend diesen Anteilen der erneuerbaren Energien ein sicheres Netz zu gewährleisten, müssten nach der dena-Studie bis 2020 im überregionalen Bereich 3600 km neue Leitungen gebaut werden (angenommen wird außerdem, dass es keine weiteren Speichermöglichkeiten gibt). Für Strecken unter 100 km gelten hier 380 kV Drehstromleitungen als optimal, für längere Streckenkommen auch Hochspannungsgleichstromleitungen (HGÜ) in Frage.

Die DENA-Netzausbaustudie war übrigens schnell überholt. Schon im Anhang der Studie werden die zugrunde gelegten Annahmen mit dem Aktionsplan Erneuerbare Energien der Bundesregierung 2010 verglichen. Das Bild sieht hier schon anders aus:

Abb. 10: Erneuerbare Erzeugungskapazitäten nach Aktionsplan 2010

Obwohl also der tatsächliche Weg, vor allem in Bezug auf die Anteile der einzelnen Energieformen, noch gar nicht festgelegt ist, wird erst einmal mit dem hohen Aufwand und den hohen Kosten der Energieübertragungsnetzerneuerung Stimmung gegen die erneuerbaren Energien gemacht. Allerorts entsteht Gegenwehr gegen die Höchstspannungsleitungen, es wird von Gesundheitsgefährdungen durch die hohe Strahlungsbelastung berichtet (z.B. am Hamburger Böttcherkamp).

Die DENA-Studie bezieht sich lediglich auf die überregionalen Übertragungsnetze. Diese stellen „Versteifungen“ im dezentral-verteilten Energieversorgungsnetz dar, die desto stärker (und länger) sein müssen, je stärker auf zentrale Einspeiseorte (Offshore-Wind) gesetzt wird und je weniger regionalere, kleinere Quellen wie Photovoltaik und Onshore-Windräder betrachtet werden.

Nach EUROSOLAR könnten bei einem konsequenten Ausbau der Onshore-Windkraftanlagen auf ca. 2-3% der Fläche 90% des benötigten Stroms in der Bundesrepublik produziert werden – dies würde nur 450 km neue Übertragungsnetze erfordern. Natürlich gibt es auch gegen diese Windkraftanlagen inzwischen vielfältigen Widerstand, vor allem auch, weil häufig gar nicht an günstig ausgewählten Standorten gebaut wurde. Angesichts der Notwendigkeit der Umstellung der Energiequellen auf erneuerbare heißt es hier allerdings auch:

„Wer Windkraftanlagen im Land verweigert, erntet Supergridtrassen!“ (Scheer, „Der Energ-ethische Imperativ“, S. 150)

Welche Entwicklungsrichtung die „Energiewende“ favorisiert, zeigt das „Netzausbaubeschleunigungsgesetz“.

Es geht primär um die Höchstspannungsnetzwerke und nicht das Smartgrid.

„Stattdessen konzentriert sich der Gesetzgeber darauf, das EEG auf die Energiekonzerne zuzuschneiden und übereignet ihnen die Hoheit über den Ausbau der erneuerbaren Energien. Milliardenkredite und hohe EEG-Vergütungen für die Offshore-Windenergie kommen allein den Energiekonzernen zugute, obwohl sie aufgrund ihrer enormen Marktmacht bereits Milliardengewinne zu Lasten der Stromkunden erzielen. Die räumliche Konzentration der Erzeugung in der Nordsee und der Verzicht auf einen dezentralen Ausbau der erneuerbaren Energien würden es darüber hinaus zwingend erforderlich machen, mit weiteren hohen Investitionen tausende Kilometer Stromtrassen neu zu errichten.“ (Quelle)

Smart Grids

Wir lernten in der Abbildung 8 schon einmal die Bezeichnung „Smart Grid“ (Intelligentes Stromnetz) für die Alternative zu der zentralen Netzstruktur kennen.

Das Grundprinzip besteht darin, dass Energie- und Informationsübertragungstechnik so zusammen geführt werden, dass Energiequellen, Verbraucher, Vermittlungsnetze und Speicher auf optimale Weise miteinander wechselwirken. Konkret sieht das dann z.B. so aus, dass die eigene Waschmaschine genau dann wäscht, wenn ein großes Energieangebot zur Verfügung steht. Eine nette Erläuterung (auf Englisch) gibt’s z.B .auch hier. Technische Einzelheiten beschreibt eine frühe Studie zur „Verteilten Energieerzeugung“.

Abb. 11: Smartgrid (Quelle)

Interessant finde ich die Überlegungen, dass die Energievernetzungstechnik ungefähr demselben Muster entspricht wie andere Medien. So folgte auf die passive Mediennutzung (insofern aus Büchern die Information in Richtung des Lesers fließt) die interaktive, d.h. rückkoppelnde Mediennutzung (die bereits mit dem Fernseher möglich wurde) und schließlich die „transaktive“, d.h. wechselseitige Mediennutzung mit dem „Internet als Mitmachmedium“ (Quelle).


Abb. 12: Smartgrid-Roadmap (Quelle)

Die Bundesregierung fördert die Erforschung und Entwicklung intelligenter Stromnetze mittlerweile. Mehr zum „Internet der Energie“ siehe hier.

Es macht Sinn, sich diese Vernetzung auf drei Strukturebenen zu betrachten, der Ebene der Anlagen der Energieerzeugung und des Verbrauchs, der Informationsebene und der Geschäftsebene. Üb er die mögliche Rolle von „Stadtwerke in den Smart Grids der Zukunft“ wird hier berichtet.


Abb. 13: Ebenen eines Smartgrid (Quelle)

Technisch bestehen derzeit große Probleme wegen fehlender Standards in diesem Bereich. Unter gesellschaftspolitischen Gesichtspunkten sind andere Probleme z.B. beim Datenschutz (bei der Erhebung von Daten aus den Haushalten, zum persönlichen Nutzungsverhalten) zu erwarten.

DESERTEC – Bremse aus dem Hinterhalt

Vor zwei Jahren tauchte plötzlich ein Konzept aus dem Nichts auf, das davon ausgeht, dass „die heimischen, regelbaren erneuerbaren Energiequellen begrenzt sind“ und sich als „eine integrierte Lösung für eine Reihe von globalen Kernproblemen der kommenden Jahrzehnte“ anbietet. Es geht um DESERTEC, ein Projekt, mit dem innerhalb von 30 Jahren mehr als 90% der der Menschheit mit kostengünstiger Energie aus den Wüstengebieten der Welt versorgt werden sollen (Quelle).

Technisch soll das System auf solarthermisch erzeugtem Strom und der verlustarmen Übertragung durch Hochspannungs-Gleichstrom-Leitungen realisiert werden. Ich habe bereits im Zukunftswerkstatt-Blog und im Philosphenstübchen-Blog davon berichtet.


Abb. 14: Supergrid für das Projekt DESERTEC (Quelle)

Hier wird der Systemwiderspruch besonders deutlich: ein großtechnisches Mammutprojekt steht gegen die regionale Initiative. Solch ein Supergrid folgt den zentralistischen Strukturen von konzentrierter Marktmacht und gibt die Entscheidungen in die Hände von Großinvestoren– und verbaut den Weg zur Alternative: den feinverästelten verteilten Netzstrukturen (warum diese Netze nicht miteinander vereinbar sind, beschreibt H. Scheer ausführlich in „Der Energ-ethische Imperativ“, S. 135ff.). Scheer kommt zum Schluss:

„Das Supergrid-Konzept zwängt die erneuerbaren Energien in das Funktionssystem der etablierten Energieversorgung. Es hat den Charakter einer europäischen Strom-Planwirtschaft, in die sich die Solar- und Windstromerzeugung über Jahrzehnte hinweg einordnen müsste.“ (152)

Soziale Wende statt Fixierung auf Technik

Während sich bisher die meiste Aufmerksamkeit auf die Laufzeitlänge der Kernkraftwerke konzentriert, ist im Hintergrund der um die Energienetzarchitekturen eröffnet. Und dabei geht es selbstverständlich nicht nur um die Alternative zwischen zwei Techniken (zentrale oder dezentral orientierte Netze), sondern um soziale Praktiken: Machen wir uns in der Energieversorgung auch auf Basis der Erneuerbaren von großtechnischen, monopolistischen Strukturen abhängig oder übernehmen wir auf regionaler, bzw. kommunaler Basis den Großteil unserer Energieversorgung selbst?

Der Zugang zu den natürlichen Energiequellen ist kein „natürliches Monopol“ mehr. Lassen wir also auch keine zu in der Energieumwandlung und –netzen! Genau das geschieht aber bei den Lösungen, die auf Großtechnik und Kapitalkonzentration setzen. Dies erklären John Byrne, Cecilia Martinez und Colin Ruggero in ihrem Text zu den SEUs (Sustainable Energy Utility = Nachhaltige Energieeinheiten)

Auch sie sprechen sich gegen „Grüne Titanische Technologien“ aus, die sich an Größe, Technokratie und korporatistischen Modellen orientieren und streben hin zu kleineren, dezentral-verteilten und als Gemeingüter gemanagtenEnergieversorgungseinheiten.

Die Grünen Titanenprojekte spielen die Klimawandelgefahr gegen die Umwelt- und Gesundheitsgefährdungen, die sie selbst mit sich bringen, aus. Dabei verstärkt sich der Trend, in bisherige Allmenden oder öffentliche Bereiche einzudringen. In der Bundesrepublik wird das Aushebeln demokratischer Mitbestimmungsrechte bei der Beschleunigung der Höchstspannungsleitungen vorangetrieben. Byrnes und seine Coautor_innen bemerken, dass zwar die Sonnen- oder Windstrahlung selbst nicht privatisierbar ist, jedoch die benötigten natürlichen Ressourcen für das Umwandeln dieser Energie in Strom zerstören „das bisherige Commons-Management für diese Ressourcen“.
Leider vollzieht SEU in der Praxis selbst noch keinen vollständigen Übergang zu einem marktfreien Umgang mit Commons, sondern vermarktwirtschaftet das Energiesparen.

Wenn man von einem Automatismus zwischen technischen und sozialen Strukturen ausgeht, gelangt man schnell zum Schluss, dass erneuerbare Energien aufgrund der Verteiltheit ihrer Primärenergiequellen von vornherein für dezentralere gesellschaftliche Strukturen geeignet seien. Aber es gibt viele Möglichkeiten für Machtkomplexe, diese technischen Möglichkeiten zu verleugnen und weiterhin zentralistische Konzepte durchzudrücken. Die Energieautonomie (Scheer: Energieautonomie. Eine neue Politik für erneuerbare Energien. 2005) muss erkämpft werden, sie kommt nicht von allein. Es geht um einen konfliktreichen „evolutionären Prozess des vitalen Anwachsens neuer Formen der Energiegewinnung und –nutzung neben den verwelkenden atomaren und fossilen Energien“ (ebd.: 238).

In diese Richtung gehen auch die Bestrebungen vieler Kommunen, nach dem Auslaufen der Laufzeit für die Konzessionsverträge die Netzbetreibung in die eigene Hand zu nehmen. Die Kampagne „Unser Hamburg – Unser Netz“ konnte gerade eine Unterschriftensammlung erfolgreich abschließen.

Wir dürfen nicht auf DESERTEC und ähnliche Versprechungen warten und viele Menschen tun das auch nicht. Bereits auf 52% der Fläche der Bundesrepublik engagieren sich Kommunen und Regionen für die eigenständige Versorgung mit erneuerbaren Energien. Am 27. Und 28. September wird in Kassel ein weiterer Kongress „100% Erneuerbare-Energie-Regionen“  stattfinden.


Abb. 15: Regionen, die sich für eine Energiewende engagieren (Quelle)

Welchen Gegenwind es immer wieder gab gegen den Ausbau der erneuerbaren Energien, darüber weiß Hermann Scheer ausgiebig zu berichten. Sehr ausführlich diskutiert er auch psychologische und sprachliche Muster, die den Diskurs ständig in Richtung der Rückgewinnung der zentralen Macht kippen lassen. Und gefährlich wird es ausgerechnet jetzt, wo die erneuerbaren Energien scheinbar unbeirrbar ihren Siegeszug angetreten haben. Die Bremsklötze sind schon gestellt –wir müssen sie weghebeln, wenn wir freie Bahn in Richtung der Energieautonomie haben wollen.

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