Der Crash ist heute noch nicht gekommen. Alle atmen auf. Es kann noch eine Weile so weiter gehen mit der nächsten Spekulation auf den nächsten Hype und auch unser Alltag verläuft noch einigermaßen ungestört. Oder?

Von Finanzkrise spricht jetzt alle Welt, im Hintergrund ist die Lage aber noch viel ernster. Giorio Agamben vermutet in seinem Buch „Ausnahmezustand“ (2004), dass die Aussetzung der „normalen“ demokratischen Rechtstaatlichkeit mittlerweile kaum noch als provisorische Maßnahme realisiert wird, sondern mehr und mehr zu einer „Technik des Regierens“ wird. Unter dem Motto „Not kennt kein Gebot“ dienen Krisensituationen dazu, Demokratie und individuelle Freiheitsrechte zu suspendieren. Guantanamo und Abu Ghraib sind keine Ausrutscher, sondern Trends.

Naomi Klein stellt in ihrem Buch „Die Schockstrategie“ ebenfalls fest, dass seit der Jahrtausendwende Krisen und Katastrophen nicht mehr geschäftsschädigend wirken wie vorher, sondern sogar zur Quelle des Geschäfts und des Profits geworden sind: Seit 2003 ist die Welt zunehmend kriegerischer geworden und zugleich konnte erheblich mehr Profit gemacht werden (598f.) – speziell durch das Anwachsen des High-Tech-Sektors: Aktien aus den Bereichen Verteidigung, Heimatschutz und Luftfahrt stiegen zwischen 2001 und 2006 um das Siebeneinhalbfache dessen, was der Index Standard&Poor`s 500 im Durchschnitt aufwies (599)

Das, was als Staatsausgaben für „Militär“ und Sicherheit ausgegeben wird (und an anderen Stellen fehlt), geht direkt in die Kassen der entsprechenden Unternehmen. Schon im Jahr 2003 wurde eingeschätzt, dass „Rüstung für US-Wachstum verantwortlich“ sei. Wie wir an der folgenden Abbildung sehen, ging diese Dynamik danach erst richtig los.


(Quelle)

Unter der Obama-Regierung gab es beispielsweise interessante Entwicklungen, so im Anstieg der „grünen“ Ausgaben. Im folgenden Bild zeigt die grüne Linie die Höhe der Ausgaben für Erneuerbare Energien, Energiesparprogramme usw. der Obama-Regierung für 2010 (90 Mrd. Dollar) im Vergleich zu jenen aus jener der Bush-Regierungszeit (2005: 14 Mrd. Dollar). Aber in seinem Blog zeigt Jürgen Schönstein, wie klein dieser Betrag im Vergleich zum „Verteidigungs“ -Haushalt (ca. 540 Mrd. Dollar) ist:

Die verhängnisvolle Logik der Privatisierung von Krieg und Katastrophenbewältigung zeigt auch folgendes Beispiel: Lockheed Martin kaufte Firmen im Bereich des Gesundheitswesens (und einen später wieder verkauften ingenieurtechnischen Konzern) auf. „In Zukunft wird Lockheed nicht nur aus der Herstellung von Waffen und Kampfflugzeugen schlagen, sondern auch aus der Beseitigung der damit angerichteten Zerstörungen und selbst noch aus der medizinischen Behandlung der mit diesen Waffen verletzten Menschen.“ (533)

„Wiederaufbau ist heute ein so gigantisches Geschäft, dass jede neue Zerstörung von den Börsen mit einer Begeisterung begrüßt wird, als ginge es um eine heiße Erst-Emission.“ (600)

Diese Ausführungen hier sollen keinesfalls behaupten, dass die Krisen und Katastrophen in jedem Falle bewusst herbeigeführt worden wären – das ginge dann wohl doch ein wenig zu sehr in Richtung einer „Verschwörungstheorie“, aber:

„Man kann die Katastrophenerzeugung […] getrost der unsichtbaren Hand des Marktes überlassen. Auf diesem Gebiet leistet sie wirklich einmal ganze Arbeit.“ (Naomi Klein, S. 602)

Die Erfahrungen mit dem Umgang mit den Folgen des Hurrikans Katrina zeigen eine düstere Zukunftsversion der Bewältigung von Katastrophen. Sie „geben einen Ausblick auf eine grausame und rücksichtslos dichotomisierte Zukunft, in der Geld und ethnische Zugehörigkeit über das Überleben entscheiden.“ (501) Wie schon erwähnt,  machten die Zerstörungen im Bereich der Wohnstruktur und auch des Bildungswesen den Weg frei für neoliberale, unsoziale Konzepte. Danach entstanden zwei Formen von gegeneinander “abgesicherten” Wohnformen: wohlhabende Wohnviertel und trostlose Wohncontainerlager (593).

Auffallend ist es auch, dass speziell in den USA die Sicherheit wie fast alle anderen staatlichen Aufgabenbereiche strikt privatisiert wurden. Dadurch entsteht rein marktwirtschaftlich eine Art „Katastrophen-Apartheid“, „unter der das Überleben abhängt, wer es sich leisten kann, für seine Rettung zu bezahlen.“ (591) Solche Bilder wie das von einem „gigantische[n] gepanzerte[n] Kreuzfahrtschiff, das inmitten eines Meers von Gewalt und Verzweiflung ankert“ (581) wurden unlängst auch in der Science-Fiction-Literatur aktiviert, z.B. in „Die letzte Flut“.

Der Zukunftsforscher Rüdiger Lutz musste am Ende seines Lebens ebenfalls enttäuscht feststellen, dass das neue Jahrtausend nicht das vielbeschworene bessere Wassermann-Zeitalter mit sich brachte, sondern dass er seine bisherigen 7 Zukunftsszenarien um ein weiteres ergänzen musste: das deprimierende Zukunftsszenarium „Corcoran“ (siehe auch hier).

Es geht bei der Überwindung der derzeitigen Zustände gar nicht mehr um die Frage nach „Reformen versus Revolution“ und auch die Hoffnung, den Kapitalismus durch neuartige commonsbasierte Peer-Kooperationen „auskooperieren“ zu können, muss sich der Anforderung stellen:

Unsere Utopie darf keine Schönwetter-Utopie sein, sondern
sie muss gerade im Worst Case die bessere Option sein!

Wenn wir schon auf „Keimformen“ setzen, so müssen wir berücksichtigen, dass diese nicht in einem ruhigen Umfeld wachsen können, sondern stürmischen Umständen ausgesetzt sind bzw. sein werden. Um im Bild zu bleiben: Das, was da wächst, muss quasi die Schockabsorber mit eingebaut haben. Ganz abgesehen von direktem Widerstand gegen diese neuen Ansätze und auch abgesehen von der profitablen Inszenierung von Krisen und Schocks werden sich allein aufgrund der bereits überdehnten ökologischen Grenzen die Anlässe für Katastrophen häufen. Um dies zu überleben, ist Widerstandsfähigkeit in einem bestimmten Sinne gefragt:

Ein spezielles Wort dafür ist „Resilienz“ (v. lat. resilire ‚zurückspringen‘ ‚abprallen‘,). Resilienz bedeutet nicht nur eine Abwehr des Bedrohlichen durch statische Schutzmauern, sondern das Ausgleichen der Störung durch die eigene Dynamik. Ein Bild dafür ist der Bambus; er begegnet Belastungen auf flexible Weise, indem er zurückfedert und ist trotzdem, oder gerade dadurch, ausgesprochen stabil.

(Quelle)

Da Bambus auch als „verholzendes Riesengras“ bezeichnet wird, ist die Bezeichnung „Graswurzelrevolution“ für die gesellschaftliche Umwälzung „von unten“ her genau richtig.

Auch Naomi Klein lässt uns nicht hilflos gegen die Schock-Strategie zurück. Angesichts der seit 1999 gewachsenen Antiglobalisierungsbewegung nennt sie ihr abschließendes Kapitel: „Der Schock nutzt sich ab“. Besonders in Südamerika haben Menschen begonnen, den „Abraum der Globalisierung wieder produktiv zu machen“ (641). Sie bilden Kooperativen auf dem Land und in besetzten Fabriken und die südamerikanischen Länder bilden mit der ALBA (Bolivarianische Allianz für Amerika) ein eigenständiges Netzwerk für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Dies sind nun ziemlich genau die Orientierungen, die sich auch aus der Strategie der commonsbasierten Peer-Kooperation ergeben. Vernetzung und Flexibilität sind hier quasi „eingebaut“. Als zusätzliche Hinweise, die Naomi Klein als Erfahrungen herausarbeitet, möchte ich noch ergänzen:

  • Es ist wichtig, die Möglichkeit der Schockwirkung von Katastrophen nicht zu verdrängen, sondern die bisherigen Erfahrungen zu nutzen, um ihre Mechanismen zu durchschauen und zu begreifen.
  • Schocks führen, wenn sie absichtlich herbeigeführt sind, gezielt zu Verwirrung und Desorientierung. Deshalb ist eine eigene „strukturierte Geschichte […], die uns eine neue Sichtweise auf die schockierenden Ereignisse erlaubt“ (647) notwendig, um in und nach Schocks eine vernünftige Orientierung beizubehalten.
  • Die Eigenart von schockartigen Katastrophen, für eine Neuorientierung Platz zu schaffen, kann genutzt werden, wenn schnell genug Initiativen von unten her organisiert werden und ein eigenständiges neues Leben errichtet wird, statt auf Hilfe „von oben“ oder „von außen“ zu warten, die die von denen favorisierte Neustruktur einführt. Beispiel nennt Naomi Klein aus dem Libanon (648) und aus Thailand (654). „Wiederaufbauprojekte in Eigenregie“ gab es auch in New Orleans (657).

Manchmal führen schockartige Katastrophen nicht zu Regression und Unvernunft, so nach dem Massenmord eines Islam- und Linkenhassers in Norwegen. Die Gesellschaft war in Norwegen anscheinend ausreichend resilient. Hier gilt: „Freiheit ist stärker als Angst.“

In anderen Situationen war es brenzlicher: Nachdem in Polen 1989 die Widerstandsbewegung Solidarnosc in der Wahl gesiegt hatte, vergab sie sich die Möglichkeit, ihr vorher ausgearbeitetes neues Wirtschaftskonzept zu verwirklichen.

„Nach dem historischen Sieg an den Wahlurnen und dem abrupten Wandel von Gesetzlosen zu Gesetzesmachern diskutierte der interne Kreis von Solidarnosc schrill, hektisch und kettenrauchend drei Monate lang und war nicht in der Lage, eine Entscheidung zu treffen. Tag für Tag rutschte das Land tiefer in die Wirtschaftskrise.“ (251)

Angesichts des wirtschaftlichen Zusammenbruchs war das Angebot des IWF wohl doch unwiderstehlich und die Verantwortlichen nahmen das Geld und schluckten die Vorgaben zur Preisfreigabe und der Unternehmensprivatisierung. Der damalige Finanzminister gab später zu, dass es durchaus gewollt war, die Notsituation auszunutzen, um Widerstände beiseite zu räumen. Er sprach von einem „kurzfristigen Fenster“ der Außerkraftsetzung der „normalen Politik“.

Es wird in allen Situationen verschiedene Konzepte der Gestaltung des Lebens geben, die miteinander konkurrieren. Was bedeutet das angesichts der Verschärfung der allgemeinen Krise des Kapitalismus für unsere Vorhaben?