Unsere Kapital-Lesegruppe ist jetzt beim Band II angelangt. Während ich zum Band I mehrere kommentierende Bücher zur Unterstützung vorfand und alle, die in der DDR mal so etwas wie ML (Marxismus-Leninismus) gelernt haben, auch die Grundaussagen kannten, sind wir beim zweiten Band ziemlich auf uns und das direkte Lesen des Marx-Textes verwiesen.

Das „Kapital. Zweiter Band“ im Gesamtkonzept

Also beginnen wir mal. Zuerst möchte ich mich vergewissern, wie der Band II in die Gesamtstruktur des Kapitals eingeordnet ist. Im Prinzip kann man die Marxsche Argumentation aus sich selbst heraus verstehen, Satz für Satz. Dabei ist Marxens Text aber nicht nur eine Aneinanderreihung von Tatsachen und Beobachtungen. Er ist auch beileibe keine Verallgemeinerung im Sinn einer fortschreitenden Abstraktion vom Sinnlich-Konkreten. Und obwohl er gespickt ist mit kritischen Bemerkungen gegenüber Vorläufern, ist er nicht nur eine Kritik, eine Dekonstruktion, sondern zielt auf eine Theorie, die den Kapitalismus als komplexe Gesellschaftsformation darstellt und erklärt. Er strebt also durchaus (relative) Wahrheit an. Um einen weiteren Vorwurf gleich anzusprechen: Er unterscheidet zwischen Wesen und Erscheinungen, er ist in diesem Sinne „essentialistisch“.

„Alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge zusammenfielen.“ (MEW 25: 825)

Noch „schlimmer“: Marx bezieht sich bei der Aufeinanderfolge der Betrachtung auf die Struktur der Hegelschen Philosophie, speziell dessen „Wissenschaft der Logik“ (siehe dazu hier und hier und hier). Lenins Hinweis, man müsse die Hegelsche „Logik“ „durchstudiert und begriffen“ haben, um das „Kapital“ verstehen zu können, wird heutzutage fast überwiegend abgelehnt.

Selbstverständlich ist die Hegelsche Argumentationsstruktur kein lediglich anzuwendendes Schema, das Marx nun seinerseits lediglich abarbeiten würde. Aber Unwissen über die grundlegende Argumentationsstruktur provoziert Missverständnisse. Ich habe an anderer Stelle dazu geschrieben:

Das „„Kapital“ [lässt sich] nicht einfach wie ein Lehrbuch, das von der ersten Seite an fertige und richtige Ergebnisse präsentiert, lesen – sondern die Wahrheit entsteht erst ziemlich am Ende und alles, was weit vorn steht, wird im Folgenden, weil es sich selbst widerspricht, aufgehoben. Diese Argumentationsweise ist typisch dialektisch und natürlich muss niemand Hegel lesen, um auf diese Weise auch Marx verstehen zu können. Aber dann muss man es auch richtig machen und die Zirkularität des Verstehensprozesses mit berücksichtigen. Was vorn wie gemeint ist, ergibt sich erst aus dem Verständnis des Ganzen.

Es gibt eine auch von Marx eingehaltene typische Argumentationsstruktur, die man vielleicht vereinfacht zusammenfassen kann als

  • „Durch die Erscheinungen hindurch zum wesentlichen Verhältnis“ und
  • „Vom Abstrakten zum (geistig-)Konkret-Allgemeinen“.

Vor allem die Eigenarten der Argumentation,

  • dass in den einzelnen Kapiteln zuerst immer von vielen Zusammenhängen abstrahiert wird, die später nach und nach eingeführt werden und
  • dass die zuerst aufgefundenen Erscheinungen sich als Erscheinungen eines Wesens nachweisen lassen, das üblicherweise sogar noch im Gegensatz zum Erscheinenden steht,

verweist auf die Beziehung der Marxschen Argumentationsweise zur Hegelschen Philosophie.

Zur „Logik des Kapitals“ habe ich ebenfalls an anderer Stelle bereits etwas geschrieben.

Demnach wird zu Anfang von vielen Erscheinungen und Zusammenhängen abstrahiert und die herauspräparierte Kernstruktur (Ware, Wert, Kapital in der Produktion) dargestellt. Im Weiteren wird diese Grundstruktur in den Beziehungen untersucht, in denen sie als Erscheinung tatsächlich auftritt. Den Abschluss bildet das Auffinden jener Systematik, aus der sich die Erscheinungen als ihre notwendigen Momente aufzeigen lassen; die Gesamtheit in der Fülle ihrer Erscheinungen wird „auf den Begriff gebracht“. Die genaue Struktur der oben dargestellten Abbildung braucht uns jetzt nicht zu interessieren (Innerhalb jeder Argumentationsphase finden sich –wie in Fraktalen – die typischerweise aufeinander folgenden Schritte wieder.). Wichtig ist die Stellung des Themas „Zirkulation“, das letztlich in der Mitte steht, also im Bereich der Beziehungen und der Erscheinungen, in denen das Wesentliche sich zeigt. (Die Zirkulation ist graphisch in der Ecke rechts unten, dies bedeutet im Argumentationsgang aber „in der Mitte“, denn zuerst kommt jeweils das, was links unten steht, das negiert sich in Richtung rechts unten und die Negation der Negation findet sich jeweils oben in der Triade). Gleichzeitig verweist die Gesamtstruktur darauf, dass diese Erscheinungen ihren Grund in etwas “Tieferen“ finden werden, in einer übergreifenden Gesamtheit.

Band II: Der Zirkulationsprozess des Kapitals

Entsprechend der Grundstruktur liegen die Inhalte der drei Bände des „Kapitals“ hauptsächlich im Argumentationsbereich, in dem es um die Beziehung zwischen Wesen und seinen Erscheinungen geht. Der letzte Erklärungsgrund für die beobachteten Erscheinungen ist immer die Gesamtheit, also hier die Einheit von gesellschaftlicher Produktion und Zirkulation in ihrer wirklichen allumfassenden gegenseitigen Bestimmtheit (das ist dann Gegenstand des III. Bandes des Kapitals; es waren ja auch noch mehr Bände dafür geplant). Vorher jedoch muss beschrieben werden, was als Moment des Ganzen zu sehen ist.

Marx hatte sich in den „Grundrissen“ schon einmal zum Verhältnis von Produktion und ihren Momenten Konsumtion, Distribution (Verteilung) und Austausch/Zirkulation geäußert (MEW 42: 23ff.). Dabei erweist sich die Produktion als übergreifende Sphäre und die anderen Aspekte erweisen sich als ihre Momente. Im „Kapital. Zweiter Band“ (MEW 24) zieht Marx den „Roten Faden“ wieder vom Abstrakten zum Konkreten, von den Erscheinungen zum Wesen, indem er von der Zirkulation als existierendem Schein zum Wesen der kapitalistischen Gesellschaftsform vordringt, der konkreten Art und Weise der Produktion.

Diese Bewegungsrichtung bringt es mit sich, dass Marx auf diese Weise erstens die Realität der spezifisch kapitalistisch-bürgerlichen Gleichheit und Freiheit begreift und zweitens insofern kritisiert, als er zeigt, dass in der Tiefe Prozesse vorgehen, „in denen diese scheinbare Gleichheit und Freiheit der Individuen verschwindet.“ (MEW 42: 173)

Marx beginnt mit dem Zirkulationsprozess, in dem Geld eine große Rolle spielt, denn „Geld ist die erste Form, worin das Kapital als solches erscheint.“ (MEW 42: 178) Gleichzeitig erweist sich diese Sphäre der Zirkulation als zu begrenzt, um die Gesamtheit der kapitalistischen Verhältnisse zu begreifen. Denn:

„Die Zirkulation trägt […] nicht in sich selbst das Prinzip der Selbsterneuerung. Die Momente derselben sind ihr vorausgesetzt, nicht von ihr selbst gesetzt. Waren müssen stets von neuem und von außen her in sie geworfen werden wie Brennmaterial ins Feuer.“ (ebd.: 179f)

Die Untersuchung der Zirkulation führt deshalb zu der Frage: Woher kommen die Waren, die zirkulieren? Weil diese Frage in eine neue Sphäre führt (die der Produktion), ist die Zirkulation lediglich „das Phänomen eines hinter ihr vorgehenden Prozesses“ (ebd.: 180). Das, was zuerst als das „Tatsächliche“ in unseren Blick fällt, das gekauft und verkauft wird, lässt uns noch nicht die ganze Wahrheit erfassen. Sondern im Gegenteil: es verstellt uns den Blick auf die tieferen wirklichen Zusammenhänge. Das scheinbare „unmittelbare Sein“ der Zirkulationssphäre „ist daher reiner Schein.“ (ebd.)


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