Es kann sein, dass es nicht mehr lange dauert, bis der nächste „Schwarze Montag“ oder Freitag zeigt, dass das jetzt herrschende Gesellschaftssystem nicht mehr kann – und dass viele Menschen nicht mehr wollen, zeigen nicht zuletzt auch die Ausschreitungen in Großbritannien.

Gestern erschien in der jungen Welt ein interessanter Beitrag über die beiden ersten Anläufe zum Sozialismus/Kommunismus und die Lehren für den ausstehenden dritten Anlauf („Der dritte Anlauf“) von Manfred Sohn.
Es geht hier um die Frage nach dem Verhältnis von zentralistischen und von dezentralen Tendenzen in den antikapitalistischen Bewegungen. Dabei versteht er die Pariser Kommune von 1871 (vor 140 Jahren!) als einen „dezentralisierte[n] Anlauf zum Kommunismus“, konstatiert, dass „der zweite Anlauf zum Sozialismus nicht mehr unter der Fahne der kommunalen Autonomie, sondern unter der Fahne des Zentralismus stattfand“ und geht davon aus, dass der dritte Anlauf das „Ergebnis einer Bewegung sein [wird], in deren Zentrum viel stärker als beim zweiten die Autonomie von Betrieben und Kommunen steht“.
Die Abrechnung mit den zentralistischen Wirtschafts- und Politikformen, soweit sie den real gewesenen Sozialismusformen zugesprochen werden, ist allgegenwärtig. Sohn fragt sich nun, wie es zum Umschwung in Richtung Zentralismus zwischen dem ersten (Pariser Kommune) und zweiten Anlauf (realsozialistische Entwicklung nach der Oktoberrevolution) kam.

Auf der Suche nach Gründen

Er folgt dabei nicht der Schuldzuweisung an Marx und Engels, wie sie in der anarchistischen Tradition häufig vorkommt (z.B. hier, wobei es auch andere Ansichten gibt, z.B. hier), sondern er sucht Gründe im historischen Geschehen. Zur Einordnung dieser Debatte ist sicher noch zu sagen (was bei Sohn nicht mit ausgeführt wird), dass das Aufsuchen und ggf. Finden von „Gründen“ nicht heißt, die damit verbundenen Handlungen zu rechtfertigen. Diese Methode verlagert die Diskussionseben durchaus weg von der moralischen Schuldfrage (also auch weg von der Betrachtung von Verhaltensweisen, die lediglich den isoliert und vereinzelt betrachteten Individuen zugeschrieben werden). Sie geht von der Gesellschaftlichkeit der menschlichen Individuen aus. Es geht dabei um das Begreifen von Handlungsmöglichkeiten eines Individuums, das innerhalb konkret-historischen Bedingungen handelt und individuelle Handlungsgründe hat. Hier sind das Individuelle und das Gesellschaftliche eng verflochten. Eine Methode zum Aufschluss auf die damit verbundene Komplexität aus der Sicht der handelnden Subjekte, die den gesellschaftlichen Kontext methodisch einschließt, bietet die Kritische Psychologie:

„Subjektwissenschaftliche Verallgemeinerungen beziehen sich auf „subjektive Möglichkeitsräume“, aktualempirische Aussagen betreffen jeweils einen „typischen Möglichkeitsraum“. Dabei wird zunächst auf der Ebene der gesellschaftlichen Lebensbedingungen und Bedeutungen ein Verhältnis von Möglichkeiten und Behinderungen expliziert, das für eine konkrete historische Situation „typisch“ ist. Auf dieser Grundlage werden Annahmen über „typische“ Begründungszusammenhänge möglich, in die diese Möglichkeiten und Behinderungen als Prämissen eingehen. So soll schließlich erkennbar werden, wieweit konkrete Personen sich selbst oder anderen im Arrangement mit den Verhältnissen schaden, bzw. welche Möglichkeiten bestehen, die allgemeine und damit die eigene Verfügung über relevante Lebensbedingungen zu erweitern […] (Quelle)

Während eher moralisch-persönliche Schuldvorwürfe an einzelne Personen den einen Pol der Debatte bilden, bewegt sich Manfred Sohn mehr in Richtung des anderen Pols: er schaut sich die realhistorischen Umstände an, die jeweils als Handlungsprämissen für die Akteure wirkten. Zu diesen Umständen gehört jeweils auch die historische Erfahrung bis zu diesem Zeitpunkt.

Dialektische Bewegung von einem Extrem in das andere

Wie Manfred Sohn zeigt, wurde aus dem Misserfolg der Pariser Kommune der Schluss gezogen, dass eine stärkere Zentralisation notwendig ist und aus dem Untergang des Realsozialismus wird heute erneut der Gegenpol, die Dezentralisierung, stark gemacht. Diese Lerneffekte sind letztlich der Hintergrund der Bewegung, die wir auch als „von einem Extrem ins andere“ kennen. Sohn bemüht das dialektische Muster von These (Pariser Kommune als dezentralisierter Anlauf zum Sozialismus), Anti-These (Sozialismus nach der Oktoberrevolution „unter der Fahne des Zentralismus“) und Synthese („viel stärker[e]… Autonomie“).

Wenn ich mich vage erinnere an meine politische Schulung zu DDR-Zeiten, so habe ich mir ein Gleichnis gemerkt: Wenn man viele Stöckchen hat, so kann man jedes einzelne sehr leicht zerbrechen. Erst wenn sie zu einem Bündel zusammen geschnürt sind, sind sie unzerbrechlich.

(Quelle)

Ist das nicht leicht nachvollziehbar? Die Erfahrung: „Gemeinsamkeit macht stark“ ist ja auch nicht falsch. Als historische Zäsur, die diese These für die revolutionärer Arbeiterbewegung bedeutsam machte, gelten für mich auch die von Sohn genannten Erfahrungen der Pariser Kommune. In den 1875 geschriebenen „Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei“ („Kritik des Gothaer Programms“) von Karl Marx gibt es etwas Neues, das es in den vorherigen Konzepten nicht gab, die berühmt-berüchtigte Diktatur des Proletariats:

„Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andre. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.“ (MEW 19: 28)

Dass diese Übergangsperiode sich Jahrzehntelang hinziehen kann, hat wohl niemand geahnt. In der direkten Auswertung der Pariser Kommune durch Marx, dem Text „Der Bürgerkrieg in Frankreich“, auf den sich auch Manfred Sohn beruft, ist von solcherart Schlussfolgerungen noch nichts zu lesen. Dies steht im Widerspruch zur Lesart im Vorwort des Instituts für Marxismus Leninismus beim ZK der SED in der Ausgabe von1962 (S. XVI). Die Lesart, dass die Erfahrungen des Untergangs der Pariser Kommune für mehr Zentralismus in der eigenen Organisation sprächen beginnt spätestens mit Trotzki und wird auch von Lenin vertreten – dies zeigt Manfred Sohn.

Interessant ist, dass in einem Brief an Bebel von Friedrich Engels recht deutlich beschrieben wird, dass er sich keinesfalls positiv auf einen Staat beziehen will, aber gleichzeitig davon ausgeht, dass es notwendig sein wird, „den Gegner gewaltsam niederzuhalten“:

„Da nun der Staat doch nur eine vorübergehende Einrichtung ist, deren man sich im Kampf, in der Revolution bedient, um seine Gegner gewaltsam niederzuhalten, so ist es purer Unsinn, vom freien Volksstaat zu sprechen: Solange das Proletariat den Staat noch gebraucht, gebraucht es ihn nicht im Interesse der Freiheit, sondern der Niederhaltung seiner Gegner, und sobald von Freiheit die Rede sein kann, hört der Staat als solcher auf zu bestehen.“ (MEW 19: 7)

Zumindest im späteren Staatsverständnis der DDR hat man dagegen schon das gemeint, was Engels mit „freiem Volksstaat“ als Unsinn gekennzeichnet hat. Im Wohnhaus meiner Kinderzeit hing ein Plakat: „Mit dem Volk, für das Volk, durch das Volk!!!“

Für die Zukunft kann man sich nun erhoffen, dass es nicht nötig sein wird, „den Gegner gewaltsam niederzuhalten“. Ich würde mir sehr wünschen, dass wir diese Frage einfach ausklammern könnten. Oder dass das Setzen auf unbedingte Gewaltfreiheit erfolgreich sein kann. Hier kann man zwar einerseits festhalten, dass man für sich die Entscheidung trifft, auf Gewalt zu verzichten – aber je stärker sich die Umstände dahin entwickeln, dass Gewalt verstärkt auftritt und verstärkt als Handlungs-„angebot“ wirksam wird (siehe die aktuellen Unruhen in Großbritannien und anderswo), desto stärker muss man sich dann der Herausforderung stellen, wirksame Alternativen tatsächlich zu entwickeln und nicht nur hoffnungsvoll-passiv das Beste zu wünschen und sich vornehm zurück zu halten.
Dabei ging es ja in diesem Fall gar nicht mal immer direkt um die Gewaltfrage, sondern darum, inwieweit Zentralisierung als angemessenes Mittel betrachtet wurde, den gegnerischen Einflüssen zu begegnen. (Daraus ergibt sich dann schon auch die Frage, inwieweit Zentralisierung für Individuen als auch gewaltförmige Unterdrückung wirkt.)

In der Vergangenheit setzten sich bei denen, die auch den Gang der Geschichte bestimmen konnten, eher die zentralistischen Praktiken durch. Manfred Sohn sieht deren Beginn nicht so sehr in Marxens „Diktatur des Proletariats“, als in Trotzkis und Lenins Interpretation der Marxschen Texte zum „Bürgerkrieg in Frankreich“. Gleichzeitig erinnert er daran, dass Rosa Luxemburg trotz ihrer Betonung der Rolle der Spontaneität (siehe dazu auch hier) durchaus auch gegen Zersplitterung und „Selbstherrlichkeit der Lokalorganisation“ war.

Bei der Frage, wie Organisierung ohne Zentralismus im „dritten Anlauf“ aussehen sollte, bleibt auch Manfred Sohn recht wortlos. Der Kommunalpolitischen Konferenz der LINKEN gibt er mit auf den Weg, dass „Politik, die auf Veränderung von Lebenswelten zielt, […] immer dann völlig sinnlos [ist], wenn sie nicht vor Ort – in den Betrieben, Städten und Dörfern – das Leben verändert.“

Methodisch ist der Ausweg vorgezeichnet durch die Verwendung des Prinzips „Synthese“. In der Dialektik meint dies nicht das Zusammenfügen von vorher Getrenntem (deshalb lehnte Hegel auch die Verwendung dieser Bezeichnung ab, vgl. HW 5: 100). Die dialektische doppelte Negation in dieser Frage wäre:

  • Position: (z.B. zentralistisch-hierarchische) Organisiertheit in Form statischer und abstrakter Systemhaftigkeit, wobei die eigene Negation schon enthalten ist als Unfähigkeit zur Entwicklung;
  • Negation: Auflösung der Systemhaftigkeit und Übergang zur Dezentralität, worin auch ihre Negation, die Unfähigkeit, wirkfähig zu sein, enthalten ist; schließlich
  • Negation der Negation: dezentral-vernetzte Organisiertheit. Das sind aber nun wieder alles recht abstrakte Strukturvorstellungen.

Wie sie sich im politisch fortschrittlichen Handeln in der nachsozialistischen Zeit zu zeigen beginnen, habe ich schon vor 10 Jahren zu zeigen versucht.

Veränderung der Bedingungen als Handlungsprämissen

Was bei Manfred Sohn fehlt, ist der Bezug auf die Tatsache, „daß die Menge der den Menschen zugänglichen Produktivkräfte den gesellschaftlichen Zustand bedingt“ (MEW 3:30). Es waren ja nicht nur politische, strukturelle Überlegungen und Entscheidungen, die zu diesen oder jenen Formen geführt haben, sondern die jeweils real vorliegenden Bedingungen werden zu Prämissen des Handelns. Zu Zeiten der Kommune und z.B. in den Textteilen der Anarchisten, in denen sie sich (selten genug) mit der Produktion beschäftigt haben, war es noch leicht vorstellbar, so etwas wie landwirtschaftlich-handwerklich basierte dezentrale Strukturen zu erhalten; die von Marx analysierte „Große Industrie“ veränderte diese Bedingungen erst einmal grundlegend. Einerseits erzwingen Maschinensysteme als Produktionsmittel die Kooperation (MEW 23: 407), andererseits vergegenständlichen sie die Situation, „daß nicht der Arbeiter die Arbeitsbedingungen, sondern umgekehrt die Arbeitsbedingung den Arbeiter anwendet“ (ebd.: 446). Dies ist für Marx keine Folge der Maschinerie selbst, sondern lediglich ihrer kapitalistischen Anwendung (ebd.: 465) und auch im Realsozialismus wurde diese Annahme vertreten, dass diese Maschinerie „ande[s] als kapitalistisch“ (ebd.) angewandt werden könnte. Trotzdem ist ein komplexer, technisch z.B. in der Form von Fließbändern vorgebildeter arbeitsteiliger Produktionszusammenhang ohne die Möglichkeit für die Individuen, selbstbestimmt über ihren je individuellen Beitrag zu bestimmen, eine Bedingung, die recht stark in Richtung Zentralisierung und Bürokratisierung bei der Planung tendiert.

Unter der Bedingung der Möglichkeit, auch in kleinteiligen, verteilten Produktionseinrichtungen, die miteinander flexibel vernetzt sind mittels moderner Kommunikations- und Informationstechnologie, produktiv und effektiv Güter herzustellen, sehen die Handlungsprämissen schon ganz anders aus.

Simone Weil erkannte schon in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts:

„Nach dem Zusammenbruch unserer Kultur bleiben nur zwei Möglichkeiten: entweder sie geht völlig zugrunde, wie die antiken Kulturen oder sie paßt sich einer dezentralisierten Welt an.

Es hängt von uns ab, nicht, ob wir die Zentralisierung brechen – denn sie wälzt sich lawinenartig der Katastrophe entgegen – sondern ob wir die Zukunft vorbereiten.“
(Simone Weil)

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