3. Geld als Kapital

Während Marx im ersten Band des „Kapitals“ lediglich den Unterschied von Geld in seiner Vermittlungsfunktion für den Austausch von Gebrauchswerten und Kapital als mehrwertheckend beschrieben und auf seinen Grund (die Aneignung unbezahlter Arbeit) zurückgeführt hat, untersucht er im zweiten Band des „Kapitals“ genauer, wann und wie Kapital eine Geldform annimmt.

Dazu wird das Kapital nicht mehr nur als einfaches Verhältnis betrachtet, sondern als „ein Prozeß, in dessen verschiednen Momenten es immer Kapital ist“ (MEW 42: 183). Diese Zirkulation ist keine kreislaufförmige, sondern eine „Spirallinie, sich erweiternde Kurve“ (ebd.: 190).

„Das Kapital wird abwechselnd Ware und Geld [… es ist] selbst der Wechsel dieser beiden Bestimmungen.“ (MEW 42: 186)

Der gesamte Kreislauf sieht folgendermaßen aus:

Geld (G) wird als Kapital eingesetzt, wenn es zum Kauf der Produktionsfaktoren (W: Waren, dies sind hier Produktionsmittel und Arbeitskräfte) eingesetzt wird. Diese Produktionsfaktoren (W) wirken als produktives Kapital (P) so, dass das entstehende Produkt als Ware mehr Wert (verkörpert durch den Anstrich `) enthält, als die Produktionsfaktoren verkörperten (W´>W). Beim Verkauf dieser Ware (W´) wird mehr Geld (G´) eingelöst als für die Produktionsfaktoren ausgegeben worden war (G). Damit haben wir die erste Betrachtungsweise des Kreislaufs des Kapitals in seinen drei Stadien kurz geschildert, den Kreislauf des Geldkapitals (siehe auch hier):

Dass zuerst der Kreislauf des Geldkapitals betrachtet wird (in MEW 24: 31ff. und MEW 42: 178ff.), hat folgenden Grund:

„Das Kapital kömmt zunächst aus der Zirkulation her, und zwar vom Geld als seinem Ausgangspunkt. Wir haben gesehn, daß das in die Zirkulation eingehende und zugleich aus ihr in sich zurückgehende Geld die letzte Form ist, worin das Geld sich aufhebt. Es ist zugleich der erste Begriff des Kapitals und die erste Erscheinungsform desselben.“ (MEW 42: 178)

Historisch gesehen verändert sich damit der Umgang mit Geld. Während vorher das Geld eher als Schatz bzw. als Mittel zum Erlangen der Konsumtionsmittel betrachtet werden konnte, so kommt es jetzt darauf an, den Gewinn wieder zu reinvestieren. Das Geld geht für den Konsum verloren „und dies Verschwinden ist die einzig mögliche Weise, es als Reichtum zu versichern“ (ebd.: 160) Hier finden wir auch den Grund, warum die auf Askese bedachte „protestantische Ethik“ mit dem „Geist des Kapitalismus“ (siehe Max Weber: Die protestantische Ethik und der ‚Geist‘ des Kapitalismus) zusammenhängt.

Die Herstellung von Produkten erfolgt nun nicht um ihres Gebrauchswertes willen, nicht um der Bedürfnisse der Nutzer willen, sondern weil bei ihrer Herstellung Mehrwert entsteht, der im Verkauf realisiert wird. Und nur um der Verkaufbarkeit willen, muss Gebrauchswert vorhanden sein oder wenigstens versprochen werden.

„Unternehmen produzieren nicht, damit Leute ein Dach über dem Kopf haben oder nach Honolulu fliegen können. Unternehmen produzieren, um ihr Kapital zu vermehren. Sie machen aus Geld mehr Geld, Profit.“ (Andreas Exner)

Weil dieser Mehrwert letztlich in der Produktion (im konkreten Arbeitsprozess) hinzugefügt wird und nicht in der Zirkulation, erweist sich die Produktion als wesentlicher Grund für alle anderen Prozessphasen in der Zirkulationsebene. Ohne Produktion keine Zirkulation – dies beweisen sogar heute die regelmäßigen Crashs nach jedem neuen Börsenboom. Letztlich erweist sich die Geldzirkulation als bestimmt durch die Zirkulation des Kapitals, und dessen Reproduktion und Akkumulation durchläuft eine Phase seines Daseins als produktives Kapital (P).

Die vorher mit dem Geldkapital eingekauften Waren Produktionsmittel und Arbeitskraft werden dabei produktiv konsumiert, sie waren vorher in getrennter Form nur der Möglichkeit nach wertreproduzierend und –erzeugend. Erst indem sie „in der Hand des Kapitalisten vereint werden“ wirken sie als „produktives Kapital“ (MEW 24: 42).

Die Betrachtung der Zirkulation reicht also nicht aus zum Verständnis der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Der Erkenntnisweg führt, wie so häufig bei Marx (nicht zuletzt entsprechend der dialektischen Methode nach Hegel) von den Erscheinungen hin zum Wesen, von Tatsachen hin zu ihren Gründen. Das zuerst Augenfällige existiert zwar, aber es ist eine Erscheinungsform von etwas, das auf den ersten Blick verborgen ist, von dem üblicherweise (im Alltagsverstand, aber auch der gängigen nichtkritischen Ökonomie) abstrahiert wird. Erst durch die tiefer bohrenden Fragen nach den Gründen der oberflächlich wahrnehmbaren Bewegung kommen wir den wesentlichen Kernverhältnissen auf die Spur.

Für die Zirkulation als Erscheinung schreibt Marx:

„Die Zirkulation trägt […] nicht in sich das Prinzip der Selbsterneuerung. Die Momente derselben sind ihr vorausgesetzt, nicht von ihr selbst gesetzt. Waren müssen stets von neuem und von außen her in sie geworfen werden wie Brennmaterial ins Feuer. […]

Die Zirkulation, die also als das unmittelbar Vorhandne an der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft erscheint, ist nur, sofern sie beständig vermittelt ist. […] Ihr unmittelbares Sein ist daher reiner Schein.“ (MEW 42: 179-180)

Zum Grund der Zirkulation dringen wir erst vor, wenn wir sehen, dass „die Zirkulation selbst zurück in die Tauschwert setzende oder produzierende Tätigkeit“ geht (ebd.: 181). Daraus ergibt sich:

„Die Geldzirkulation – von ihrem jetzigen Standpunkt aus – erscheint jetzt selbst nur als ein Moment der Zirkulation des Kapitals, und ihre Selbstständigkeit ist als bloßer Schein gesetzt.“ (MEW 42: 442)

Das den Kapitalismus Charakterisierende ist also nicht die Geldvermittlung – die gibt es schon vorher, sondern die Mehrwertproduktion, die sich das Kapital aneignet. Die Voraussetzung dafür ist, dass Arbeitskräfte und Besitzer von Lebens- und Produktionsmitteln voneinander getrennt sind, d.h. die Arbeitskräfte ihrer Lebens- und Produktionsmittel beraubt wurden (d.h. wenn „Privatproduktion“) vorliegt. Dies ist eine historisch besondere Form des Zusammenkommens der Produktionsfaktoren.

„Welches immer die gesellschaftlichen Formen der Produktion, Arbeiter und Produktionsmittel bleiben stets ihre Faktoren. Aber die einen und die andern sind dies nur der Möglichkeit nach im Zustand ihrer Trennung voneinander. Damit überhaupt produziert werde, müssen sie sich verbinden. Die besondre Art und Weise, worin diese Verbindung bewerkstelligt wird, unterscheidet die verschiednen Epochen der Gesellschaftsstruktur.“ (MEW 24: 42)

Fundamental ist also nicht das Geld-, sondern das Klassenverhältnis:

„Es ist nicht das Geld, mit dessen Natur das Verhältnis gegeben ist; es ist vielmehr das Dasein dieses Verhältnisses, das eine bloße Geldfunktion in eine Kapitalfunktion verwandeln kann.“ (MEW 24: 37)

P.S.: Die hier gegebene Bestimmung des Klassenverhältnisses hat erst einmal nichts mit der Suche nach einem revolutionären Subjekt zu tun. Es geht hier vor allem darum, den Schein der Gleichheit zwischen Käufern und Verkäufern (der Arbeitskraft) zu durchbrechen und zu zeigen, dass diesem Verhältnis auf der Zirkulationsebene eine faktische Ungleichheit in der Verfügungsgewalt über die Produktionsfaktoren vorausgesetzt ist, denn „die Bedingungen zur Verwirklichung der Arbeitskraft – Lebensmittel und Produktionsmittel – sind als fremdes Eigentum von dem Besitzer der Arbeitskraft“ getrennt (MEW 24: 37).

4. Geld als Nicht-Kapital

Bereits aus der historischen Betrachtung ergibt sich, dass Geld und Kapital zu unterscheiden sind. Auch im Kapitalismus wirkt Geld zwar oft als Kapital und Kapital befindet sich in Geldform – aber bei aller Übereinstimmung sollten wir nicht bei einer abstrakten Identität stehen bleiben, denn wir würden wenig von den konkreten Zusammenhängen begreifen. In der Nacht sind alle Katzen grau…

In einer früheren Darlegung zum 1. Abschnitt des zweiten Bandes des „Kapitals“ taucht eine Unterscheidung immer wieder auf: Obgleich Kapital Geldform annimmt, ist Geld nicht immer Kapital, denn „Das Geld als Kapital ist eine Bestimmung des Geldes, die über seine einfache Bestimmung als Geld hinausgeht.“ (MEW 42: 176). Geld als Kapital „kann als höhere Realisation betrachtet werden; wie gesagt werden kann, daß der Affe sich im Menschen entwickelt“ (ebd.).

Auch angehäufter Geldreichtum ist „noch nicht Akkumulation von Kapital“ (ebd.: 159)

„Dazu müßte das Wiedereingehn des Akkumulierten in die Zirkulation selbst als Moment und Mittel des Aufhäufens gesetzt sein.“ (MEW 42: 159-160)

Deshalb reicht es nicht aus, die Kapitalismuskritik als Geldkritik zu formulieren:

„Solange die Operationen gegen das Geld als solches gerichtet sind, ist es bloß ein Angriff auf Konsequenzen, deren Ursachen bestehn bleiben […].“ (MEW 42: 166)

Eine reine Geldkritik verbleibt auf Zirkulationsebene. Die Untersuchung der Zirkulation führt weiter zu der Frage: Woher kommen die Waren, die zirkulieren? Weil diese Frage in eine neue Sphäre führt (die der Produktion), ist die Zirkulation lediglich „das Phänomen eines hinter ihr vorgehenden Prozesses“ (MEW 42: 180). Das, was zuerst als das „Tatsächliche“ in unseren Blick fällt, dass nämlich gekauft und verkauft wird, lässt uns noch nicht die ganze Wahrheit erfassen. Im Gegenteil: es verstellt uns den Blick auf die tieferen wirklichen Zusammenhänge. Das scheinbare „unmittelbare Sein“ der Zirkulationssphäre „ist daher reiner Schein.“ (ebd.) Statt dem Geld ist deshalb „[d]as Kapital […] die alles beherrschende ökonomische Macht der bürgerlichen Gesellschaft. Es muß Ausgangspunkt wie Endpunkt bilden […]“ (MEW 42: 41).

Führt die Existenz von Geld automatisch zur Entstehung von Kapital? Es könnte so klingen, wenn Kapital und Lohnarbeit als Entwicklungsformen von Tauschwert und Geld betrachtet werden:
„Lohnarbeit nach der ersten Seite, Kapital auf der zweiten sind also nur andre Formen des entwickelten Tauschwerts und des Geldes als seiner Inkarnation.“ (MEW 42: 152)

Marx spricht auch davon, dass „in der einfachen Bestimmung des Tauschwerts und des Geldes der Gegensatz von Arbeitslohn und Kapital etc. latent enthalten ist“ (ebd.: 173). Das Enthaltensein der Möglichkeit des Gegensatzes von Kapital und Arbeit bedeutet aber nicht, dass sich diese Möglichkeit auch notwendigerweise im Verlauf der historischen Entwicklung verwirklicht. Nicht alle Affen entwickeln sich zu Menschen… und nicht in allen Regionen der Welt musste sich die „[d]ie sogenannte ursprüngliche Akkumulation“ (MEW 23: 741ff.) in gleicher Weise durchsetzen, wie von Marx beschrieben. Marx war in diesem historischen Kapitel des „Kapitals. Erster Band“ durchaus davon ausgegangen, dass „[d]ie ökonomische Struktur der kapitalistischen Gesellschaft[…] hervorgegangen [ist] aus der ökonomischen Struktur der feudalen Gesellschaft. Die Auflösung dieser hat die Elemente jener freigesetzt“ (ebd.: 743). Die Art und Weise und der Zeitpunkt der Auflösung sind jedoch nicht vorherbestimmt. Die Trennung der Menschen von ihren Lebens- und Produktionsmitteln geschah in Westeuropa in Form eines plötzlichen und gewaltsamen Losreißens von ihren Subsistenzmitteln. Ob, wann und wie dies konkret geschieht, ist unterschiedlich (ebd.: 744). (Genau genommen, stellt Marx das „ob“ hier nicht direkt in Frage).

Marx kritisiert später Interpretationen dieser Texte, in denen andere „durchaus meine historische Skizze von der Entstehung des Kapitalismus in eine geschichtsphilosophische Theorie des allgemeinen Entwicklungsganges verwandeln, der allen Völkern schicksalsmäßig vorgeschrieben ist, was immer die geschichtlichen Umstände sein mögen, in denen sie sich befinden [..].“ (MEW 19: 111) Einige Jahre später setzt er sich in den Entwürfen und dem Brief an Vera Sassulitsch mit dieser Frage intensiv auseinander. Wieder mit dem Ergebnis: „Ich habe also diese „historische Unvermeidlichkeit“ ausdrücklich auf die „Länder Westeuropas“ beschränkt.“ (MEW 19: 396, vgl. 401) und „Alles hängt von dem historischen Milieu ab […]“ (ebd.: 389, 404). Zur Untersuchung der Besonderheiten Europas ist heutzutage insbesondere das Buch „Warum Europa?“ von Michael Mitterauer zu empfehlen (mehr dazu siehe hier und hier).

Es zeigt sich, dass die historischen Existenzbedingungen „durchaus nicht da [sind] mit der Waren- und Geldzirkulation. Es [das Kapital, A.S.] entsteht nur, wo der Besitzer von Produktions- und Lebensmitteln den freien Arbeiter als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf dem Markt vorfindet […]“ (MEW 23: 184). Fundamental ist wieder das Klassenverhältnis.
Diese Bedingungen müssen primär kritisiert und aufgehoben werden. Angesichts der hochkochenden Krisenhaftigkeit des kapitalistischen Wirtschaftssystems ist Geldkritik wahrscheinlich derzeit gut zu vermitteln. Sie erfordert kein tieferes Eindringen in die grundlegenderen Produktionsverhältnisse. Wenn das nicht nur eine Frage der argumentativen Taktik, sondern des Konzepts selbst ist, dann ist bloße Geldkritik jedoch unzureichend. Die Aufgabe besteht dann darin, die Geldkritik durch weitere Nachfragen in die jeweils tieferen Begründungen zu treiben.

  • Woher kommt die wundersame Geldvermehrung?
  • Woher kommt der (Mehr-)Wert der Waren?

Dabei bedeutet der Wechsel vom Geld-Zirkulationsstandpunkt zum produktionsbezogenen Kapital-Standpunkt nicht gerade einen recht naheliegender Erkenntnisschritt, sondern einen Paradigmenwechsel. Fragen oder Antworten, die innerhalb des einen Paradigmas ganz gut zu funktionieren scheinen, ergeben vom anderen Standpunkt aus gar keinen Sinn mehr, bzw. erfordern eine Neubestimmung der verwendeten Theorien und Kategorien (z.B. bei der Erklärung von Zins).


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