„… das traurige Geschäft der Linken [besteht] heute immer noch darin,
Aspekte im Marxschen Werk auszugraben, an sie anzuknüpfen,
und sie weiter zu schärfen, denen ein besserer Geschichtsverlauf
erlaubt hätte, in den Bibliotheken zu schlummern.“ (Pohrt 1995: 56f.)

(2., leicht veränderte Version vom 8.10.11)

Einige Tage nach dem letzten Blogeintrag las ich einen Text von Uli W., indem es um das Verhältnis von Gebrauchswert, Tauschwert und Wert geht. Er fragt, ausgehend von einer Fußnotenformulierung von Marx (MEW 42: 193), ob „der Gebrauchswert nicht nur als vorausgesetzter Stoff außerhalb der Ökonomie und ihrer Formbestimmung bleibt“. Letztlich ist genau das auch die Hypothese von John Holloway, weil der Doppelcharakter der Arbeit letztlich auf den Unterschied zwischen Gebrauchswert und Wert zurückzuführen ist. Nun war es Zeit, mich auf ein Buch zu besinnen, das ich schon vor über 10 Jahren einmal gelesen hatte: „Theorie des Gebrauchswerts“ von Wolfgang Pohrt.

Vorbemerkungen

In der „Theorie des Gebrauchswerts“ von Wolfgang Pohrt, einer Dissertation aus dem Jahre 1976, untersucht Pohrt in aller Ausführlichkeit vor allem den Gebrauchswert der lebendigen Arbeit für das Kapital und auch für die Entwicklung der menschlichen Produktivkräfte, die der Möglichkeit nach über den Kapitalismus hinausweisen. Also genau das Thema, das bei Holloway im Zentrum steht, und auf das die Unterscheidung von Arbeitskraft und Arbeitsvermögen bzw. die von Selbstverwertung und Selbstentfaltung hinaus will.

Das Buch von Pohrt ist eigentlich ein ziemlich heißes Eisen. Einerseits hat sich Wolfgang Pohrt durch seine vor allem nach dem Buch geäußerten politischen Positionen beinah nur Feinde gemacht und andererseits reiht sich sein Buch in eine lange Reihe von theoretischen Schlagabtauschen ein. Pohrts Arbeit steht in Nachfolge zur Kritischen Theorie (Adorno/Horkheimer) und den Arbeiten von Hans-Jürgen Krahl, die in der Vergangenheit schon oft Widerspruch fanden. Jeder Verweis auf Pohrts Argumentationen müsste all diese Bezüge mit reflektieren Das will und kann ich gar nicht, aber vielleicht kann ein kurzer Problemaufriss andere zum genaueren Studium der Texte anregen. (Für mich selbst ist das gerade und in absehbarer Zeit kein Arbeitsschwerpunkt.)

Pohrts „Theorie des Gebrauchswerts“

Das Buch, das mir derzeit nur in der erweiterten Form aus der Nachauflage von 1995 vorliegt, bezieht sich vor allem auf die „Grundrisse“ von Marx. Die zweite Hälfte liest sich geradezu als Kommentierung zu den Grundrissen. Eingeleitet wird das Ganze mit kulturkritischen Klagen darüber, dass „das bloße Überleben nicht länger lebenswert“ sei (49), und „daß nie zuvor in der Geschichte das Leben so reduziert war auf die elementaren Bedürfnisse wie heute, wo die Anschaffung von Gegenständen für Küche und Wohnungen alle Gedanken okkupiert und die Menschen, weil sie nichts mehr tun, was der Rede wert wäre, allmählich selbst die Sprache verlieren.“ (50)

Pohrt wird am Ende davon sprechen, dass alle Theorie „heute offensichtlich am Ende“ ist (266) – Pohrts Arbeit ist ihr Totengesang. Ähnlich wie Adorno und Horkheimer sieht sich Pohrt vor das Problem gestellt, die ausbleibende antikapitalistische Revolution, die spätestens im frühen 20. Jahrhundert zu erwarten gewesen wäre – und zur Vermeidung des Faschismus notwendig gewesen wäre –zu bedenken. Wie auch Hans-Jürgen Krahl sieht er in der Entwicklung des Kapitalismus des 20. Jahrhunderts neue Wesensmerkmale der kapitalistischen Gesellschaft am Werke, aus deren Perspektive der Kapitalismus der freien Konkurrenz, in der sich Waren entsprechend dem Wertgesetz austauschen, als wahres Paradies erscheint.

Der Gebrauchswert wird für Pohrt zum Dreh- und Angelpunkt dieser Entwicklungen. An unterschiedlichen Typen von Gebrauchswerten, die teilweise auch historisch aufeinander folgen sollen, macht Pohrt verschiedene Zustände der gesellschaftlichen Entwicklung sichtbar.

1. Trivialer Gebrauchswert. Zwar leben, arbeiten und konsumieren Menschen immer in gesellschaftlicher Weise; aber Arbeitsprodukte gelten, wenn sie als „Gegenstände der unmittelbaren Konsumtion“ betrachtet werden, vor allem als „triviale Gebrauchswerte“. „[D]er unmittelbare Gebrauch ist derjenige, der den Individuen von der Gesellschaft unmittelbar verordnet wird“ (218)

2. Bei Gebrauchswerten „im emphatischen Sinn“ bezieht sich Pohrt auf den „zivilisierende[n] Einfluß des Kapitals“ (MEW 42: 323). Indem die kapitalistische Produktionsweise die Produktion von der unmittelbaren Bedüftigkeit ablöst und die Produktivkräfte so weit entwickelt, dass schließlich die Arbeit selbst abgeschafft werden kann (153), entsteht Gebrauchswert höherer Ordnung. Es entsteht die „Möglichkeit, die Dinge aus versteinerten Bestimmungen herauszubrechen und sie mit Bewußtsein und Willen unter ihre eigenen Bestimmungen – diejenigen eines mit der Natur versöhnten Vereins freier Menschen – als Gebrauchswerte zu setzen“ (100). Nur unter dieser Perspektive und nur, wenn geschichtlich dieser Verein freier Menschen entsteht, erhält der Gebrauchswert im Kapitalismus diese Würdigung. Gebrauchswert ist dann „als eine Vorstufe zur befreiten Menschheit inhaltlich bestimmt“ (88).

Obgleich Pohrt diese geschichtsphilosophisch optimistische Interpretation durchaus stark macht, spricht die Enttäuschung des 20. Jahrhunderts auch dagegen, sich allzu sicher zu sein in der Hoffnung darauf.

Pohrt stellt fest, dass unter den Bedingungen der einfachen Zirkulation Gebrauchswert und Tauschwert einander kraß entgegenstehen, aber gegeneinander noch gleichgültig sind (31). Er bezieht sich auf Marxens Bemerkung:

„In der einfachen Zirkulation endete für die einzelne Ware der Prozeß damit, daß sie als Gebrauchswert an ihren Mann kam, konsumiert wurde“ (MEW 42: 232)

Das interpretiert Pohrt als Darstellung früherer Zeiten der Warenproduktion, vor der Dominanz des Kapitals. Pohrt betont nun die Veränderung, die sich durch die Herrschaft des Kapitals ergibt, auch durch ein Marxzitat belegt:

„Die Konsumtion des Gebrauchswertes fällt hier selbst in den ökonomischen Prozeß, weil der Gebrauchswert hier selbst durch den Tauschwert bestimmt ist.“ ( Marx Resultate: 111)

Damit „geht die Autonomie des Gebrauchswerts, die in der einfachen Zirkulation deshalb real war, weil unter Bedingungen produziert und konsumiert wurde, die dem Tauschverkehr kontingent waren […], im Kapitalverhältnis verloren.“ (32) Marx schreibt auch, dass im entwickelten Kapitalismus die Maschinerie der lebendigen Arbeit als „fremde Macht“ gegenüber tritt, dass sie die „adäquateste Form“ des fixen Kapitals darstellt (MEW 42: 593f.).

Bei Marx gibt es aber noch die Widersprüchlichkeit: Der Gebrauchswert (in der entwickelten Maschinerie) kann zwar seine „entsprechendste Form“ als Gebrauchswert des Kapitals finden – er kann aber auch unter „besseren“ gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen existieren:

„Maschinerie verliert ihren Gebrauchswert nicht, sobald sie aufhörte, Kapital zu sein. Dadurch, daß die Maschinerie die entsprechendste Form des Gebrauchswerts des Capital fixe, folgt keineswegs, daß die Subsumtion unter das gesellschaftliche Verhältnis des Kapitals das entsprechendste und beste gesellschaftliche Produktionsverhältnis für die Anwendung der Maschinerie.“ (ebd.: 596).

Für Marx gilt hier noch: Ausgehend vom Gebrauchswert ist auch eine andere gesellschaftliche Form möglich. Kein Gebrauchswert ist endgültig an die kapitalistische Form gebunden, „sowenig, wie das Gold aufhörte, seinen Gebrauchswert als Gold zu haben, sobald es nicht mehr Geld wäre“ (ebd.).

Diese Sichtweise kann Pohrt nicht mehr teilen. Er vertritt sogar die Ansicht, dass der moderne Kapitalismus, wahrscheinlich – so genau datiert er es nicht – seit Anfang des 20. Jahrhunderts, in eine neue Phase getreten sei, in der das Wertgesetz nicht mehr gelte, sondern wieder direkte Herrschaft ausgeübt werde. Daran hängt eine bestimmte Faschismusbestimmung, die davon ausgeht, dass im Faschismus der Konkurrenz-Kapitalismus außer Kraft gesetzt sei. Während das Kapitalverhältnis vorher noch davon geprägt gewesen sei, dass es ein Verhältnis gegenüber etwas Anderem, etwas Widersprechendem in bzw. außer ihm gewesen sei, hat das Kapital inzwischen alles von ihm Verschiedene verschlungen und ist absolut geworden (261). Es geht nur noch um „das nackte Überleben als einmal etabliertes System“ (250).

Damit fallen auch die Gebrauchswerte zurück in ihre triviale Form. Im Kapitalismus „existiert kein Verhältnis der Menschen untereinander und zur Natur mehr, welches selbständig Gebrauchswert setzt“ (266). Das zeigt sich etwa in der Ausbreitung der Langeweile „als welche der Zerfall des Gebrauchswerts erfahren wird“ (54). An den Dingen selbst ist „kaum noch erkennbar […], was sich mit den Dingen anders anfangen ließe als sie verkaufen, kaufen und wegschmeißen“ (42). Und das schlimmste: Sogar unsere Genussfähigkeit wird kraftlos und verkümmert (29).

Wert als übergreifendes Allgemeines?

Kommen wir nun auf die Frage zurück, ob auch der Gebrauchswert eine „besondere Form“ des übergreifenden „Allgemeinen“, des Werts ist (Formulierung im Text von Uli). Pohrt kommt zum Schluss, dass dies gegeben ist, sobald „der Austausch nicht mehr nur den Überfluß, sondern auch die lebensnotwendigen Dinge erfaßt“ (106). Dann gilt, „daß der Tauschwert nur durch seine Beziehungen zum Gebrauchswert, der Gebrauchswert nur durch seine Beziehungen zum Tauschwert bestimmbar ist. […], daß Gebrauchswert und Tauschwert also nur im beide aufeinander beziehenden Kapitalverhältnis dingfest zu machen sind“ und „daß mit der Bestimmtheit der einen Kategorie die der anderen steht und fällt.“ (106-107)

Diese Lesart der Marxschen Theorie, die auch von der Wertkritik (R. Kurz) vertreten wird, steht aber eindeutig im Gegensatz zu vielen eindeutigen Formulierungen von Marx, in denen z.B. von einem Gebrauchswert als stofflich-inhaltlich bestimmter Nützlichkeit und von Arbeit im anthropologisch-allgemeinen Sinn auch außerhalb der Bestimmung durch das Kapital gesprochen wird. Gebrauchswert etwa bestimmt Marx eindeutig auch als „stoffliche Seite [der Ware], die den disparatesten Produktionsepochen gemeinsam sein kann und deren Betrachtung daher jenseits der politischen Ökonomie liegt“ (MEW 42: 767).

Ich hatte in meiner Zusammenfassung für das Kapital-Seminar zum Thema „Ware“ auch beim „Gebrauchswert“ einfach unterschieden zwischen einer jeweils anthropologisch-allgemeinen Begriffsbestimmung (mit (1) gekennzeichnet) und ihrer spezifisch kapitalistischen Form (mit (2) gekennzeichnet). Die von mir favorisierte logische Lesart des „Kapitals“ führt dazu, die zuerst genannten Kategorien (1) lediglich als abstrakte Bestimmungen (Abstraktion von der in der Wirklichkeit vorliegenden konkret-historischen Form) zu verstehen. Dabei bleibt offen, ob es in der historischen Wirklichkeit andere Formen der abstrakten Bestimmung gegeben hat oder geben kann als die im Kapitalismus realisierten.

Kolja Lindner (2007) kritisiert die Pohrtsche Argumentation, die zumindest für die unmittelbare Vergangenheit (20.Jhd.) und Gegenwart auf eine sich einstellende Identität von Gebrauchswert und Wert hinweist. Bei Lindner heißt es:

Es „stellt der grundsätzliche Gedanke einer kapitalistischen Form des Gebrauchswerts, wie er in der Kulturindustrieanalyse und der Pohrtschen Gebrauchswerttheorie präsent ist, einen richtigen Einsatz dar, der zugleich die, gegenüber der Gesellschaft, die Marx im Auge hat, weit vorgeschrittene Durchkapitalisierung der Welt ausdrückt.

Fraglich ist jedoch, ob diese wichtige Explizierung der Kritik der politischen Ökonomie zwangsläufig mit einer Totalitätsdiagnose einhergehen muss, wie sie sich bei Pohrt in der Behauptung reflektiert, nur der Kapitalismus bringe (emphatischen) Gebrauchswert hervor.

Marx scheint mir demgegenüber den komplexen Zusammenhang von kapitalistischer Formbestimmung und Gebrauchswert differenzierter zu denken: es gibt gesetzte und vorausgesetzte Gebrauchswerte. Beide, sowohl der vom Kapitalismus hervorgebrachte, als auch der von ihm in Beschlag genommene Gebrauchswert, erscheinen als Setzung, als „Gebrauchswerth des Capitals“ (II/1.2, 571; Gr, 583) und somit “ der Gebrauchswert selbst als „ökonomische Kategorie“ (II/1.2, 530; Gr, 540). Pohrt sitzt dieser Erscheinung auf, wenn er behauptet, das Kapital konstituiere den Gebrauchswert.“

Hoffnungsträger Gebrauchswert?

Hinter der Debatte um den Gebrauchswert steckt vor allem die Frage: Kann ein solcher anderer Gebrauchswert zum Hoffnungsträger werden? Bei Pohrt gilt manchmal der „Gebrauchswert als Platzhalter für alles das […] was sich der Logik des Kapitals entzieht und seine Entwicklung stört“ (68). Die 68er Studentenproteste hatten seiner Meinung nach „primär der Zerstörung der Gebrauchswerte gegolten“ (23), sie drückten die „Wut am Betrug am richtigen Leben“ aus (24).

Pohrt bleibt der negativen Dialektik treu, indem er deutlich macht, dass Gebrauchswert und Produktivkraft „nur sehr abstrakt als Negation des herrschenden Gesellschaftszustands bestimmbar“ (39) seien.

„Obgleich für sie selbst nicht positivierbar, ist so der Gebrauchswert das innere Motiv der Kritik der politischen Ökonomie und ihr Telos.“ (39)

Diese Gebrauchswerte sind also nach Pohrt eher nicht als „Keimformen“ positiv auffindbar.

„In der Antizipation vernünftiger gesellschaftlicher Verhältnisse kann die Theorie, anders als die jene partiell realisierende Praxis des politischen Kampfes, solche Verhältnisse jedoch nicht vorwegnehmen. Sie würde sonst sich selbst als historisches Subjekt unterstellen, welches in Wahrheit die um ihre Emanzipation kämpfenden lebendigen Menschen sind.“ (38-39)

Angesichts der durch B. in die Gruppe „Wege aus dem Kapitalismus“ (WAK) gerade eingebrachten Fragestellung nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis ist hierzu Pohrts Kommentar interessant. Er spricht der „Antizipation eines richtigen Gesellschaftszustandes“ eine große Rolle zu. Diese Antizipation wirkt als „inneres Motiv der Kritik der politischen Ökonomie“, als „Instanz, vor deren Urteil die bürgerliche Epoche insgesamt nicht standhält“ (45). Gleichzeitig warnt Pohrt aber auch davor, dass sie „in Gefahr [gerät], ideologisch zu werden“ (ebd.).

Auch der emanzipatorische Gebrauchswert „existiert real nicht als solcher, sondern nur innerhalb des Gegensatzes von Gebrauchswert und Wert, worin letzterer die unmittelbar handgreifliche Realität besitzt“ (40). Die Aufgabe der Theorie kann nur darin bestehen, „die Dinge unter dem Aspekt ihres Andersseins, ihres Gegensatzes zu ihrer unmittelbaren Erscheinung zu betrachten“ (ebd.). Wir können nur das „Schattenbild des Gebrauchswerts“ modellieren. Dieser Schatten zeigt sich „in der naturalen Beschaffenheit der gesellschaftlich produzierten Dinge als Herausforderung, anders mit ihnen zu verfahren“ und auch dem „Bedürfnis und Willen, sich die Dinge anders anzueignen“ (41). Freie Software und das Nachdenken über die „Universalgüter“ winken um die Ecke…

Rien ne va plus?

Angesichts dieser Analysen ist es doch erstaunlich, wie pessimistisch Pohrt letztlich die aktuelle Situation (zumindest der 70er und 90er Jahre) darstellt. Er konstatiert eine extreme Verkümmerung der Bedürfnisse. Das Kapital als Willkürherrschaft (261) bestätigt die Menschen weiter in ihrer „Ohnmacht gegenüber Gegenständen und gegenständlichen Prozessen“ (261). Das was geschieht, ist eine Regression und im Faschismus zeigte sich, dass diese „viel schlimmer [ist] als der ursprüngliche Zustand, zu dem sie angeblich zurückführt“ (263).

Die Hoffnung auf die befreiende Kraft der Produktivkraftentwicklung im Kapitalismus ist stark getrübt:

„Den Menschen bleibt angesichts des endlosen Endes vom Kapitalverhältnis keine Alternative als die, entweder gemeinsam die gegenständliche Welt als ihren Gebrauchswert zu setzen, oder von den „sachlichen Mächten, ja übermächtigen Sachen“ (Ro/545) erschlagen oder auch geduldet zu werden – von Sachen, an denen selbst die Machthaber als bloße Anhängsel erscheinen.“ (266-267)

Damit endet die Hoffnung auf das Widerständige und das Befreiende des Gebrauchswertes. Trotzdem gilt längst noch nicht „Rien ne va plus“ (wie Kolja Lindner eine Kritik an Pohrt benennt). Zwar lesen sich alle Beschreibungen der Gegenwart mehr als düster. Aber in dem eben Zitierten gibt es noch die Alternative „gemeinsam die gegenständliche Welt als […] Gebrauchswert zu setzen“. In dem der Dissertation im Buch noch angefügten Text „Vernunft und Geschichte bei Marx“ aus dem Jahr 1978 wird auch deutlich: Es kommt für Pohrt gar nicht darauf an, ob die Theorie etwas ableitet, was die Befreiung aufzeigt. Die Revolution braucht ein historisches Subjekt.

„Die Existenz dieses Subjekts ist aber ihrerseits nicht logisch zu begründen. Weil die Voraussetzungen von Geschichte immer idiotisch sind und der wirkliche Eintritt der Menschheit in die Geschichte dies nicht mehr sein soll, klafft zwischen beiden auch eine rational nicht überbrückbare Lücke. Die Revolution setzt immer die Menschheit als historisches Subjekt schon voraus, obwohl sie dies erst in der Revolution wirklich werden kann. Die Konstitution der Menschheit zum historischen Subjekt bleibt also immer ein Stück Usurpation, Antizipation, Spekulation – ein Sprung ins kalte Wasser.“ (277)

Pohrt hatte mit dem Gebrauchswert als Quelle des Widerständigen eine letzte Hoffnung untersucht, die von sich aus ein Ausbrechen aus dem kapitalen Verhängnis nahe gelegt hätte. Er hat diese Hoffnung Schritt für Schritt zerstört – ob seine Argumente stichhaltig sind, kann berechtigt bezweifelt werden (vgl. z.B. die Kritik von K. Lindner). Trotzdem hat er Recht mit dem Verweis auf die Notwendigkeit der Praxis.

„Die Existenz des Kapitals eröffnet die Möglichkeit, die Geschichte unter die Bestimmung der Vernunft zu setzen. Ob diese Möglichkeit von den Menschen wahrgenommen wird, ist dann allerdings keine logische, sondern eine praktische Frage. Wenn auf das Kapitalverhältnis ein Verein freier Menschen folgt, ist es ein Fortschritt gewesen. Wenn auf das Kapitalverhältnis der Atomkrieg folgt, wird man es, als Vorstufe dieses Atomkriegs, hingegen kaum als Fortschritt bezeichnen können.“ (271-271)

Es kommt also nicht auf irgendwelche Gebrauchswertformen an, sondern auf die Konstitution von Subjekten, die die historisch entwickelten Möglichkeiten nutzen.

Graben in den Sedimenten

Beim Einordnen der Texte von Pohrt und einigen Kommentaren und Kritiken orientiere ich mich an einer Art Sedimentschichtung. Es gibt die unmittelbare, tiefste Ebene der Marxschen Theorie, ausgehend von den damaligen Bedingungen und Möglichkeiten. Im 20. Jahrhundert kam als nächste Schichtung die Problematik der ausbleibenden Revolution hinzu. Parallel und nach der Erfahrung des Faschismus entwickeln sich neue Lese- und Theorielinien, so z.B. die Kritische Theorie, die wenn schon kritisch, dann aber auch wahrhaft aufgehoben (d.h. nicht nur negiert, sondern aufbewahrt und weiterentwickelt) werden müssen. Angesichts der großen Bedeutung, die Pohrt der Überwindung der Bindung an die Naturschranken zuweist, kann man heutzutage natürlich nicht die Erfahrung der neuen Naturschranken (Klimawandel…) , der bleibenden Gebundenheit an natürliche Voraussetzungen (z.B. bei der Nutzung von Energie zur Arbeitsproduktivitätssteigerung) außer Acht lassen. Diese Naturbeziehung ist eine weitere, heute unbedingt zusätzlich zu betrachtende Schicht. Die Thematisierung der Naturbeziehung führt zur Berücksichtigung der Gefahr, dass wir zurückfallen in eine Idealisierung vorkapitalistischer Entwicklungsstufe und die Produktivkraftentwicklung als solche in Verruf gerät. Und ganz zuoberst finden wir spätestens seit dem Ende des 20. und dem Anfang des 21. Jahrhunderts das Brodeln und Kochen der neuen sozialen, antineoliberalen Bewegungen, der vielfältigen neuartigen revolutionären Aufbrüche und des Widerstands gegen antisoziale Krisenbewältigungsstrategien des Kapitals.

Sind dies lediglich Nachhutgefechte, ein letztes Aufbäumen? Oder kann aus ihnen letztlich ein Neuaufbruch in Richtung neuer gesellschaftlichen Strukturen entstehen? Wir sind es, die das mit entscheiden.


Literatur (außer MEW)
Lindner, Kolja (2007): Rien ne va plus – Wolfgang Pohrts Theorie des Gebrauchswerts. Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge 2007, S. 212-246.

Peters, Klaus (1988): Karl Marx und die Kritik des technischen Fortschritts. In: Marxistische Blätter 7/1988. S. 56-60.

Pohrt, Wolfgang (1978): Vernunft und Geschichte bei Marx. Trend, 05/02.

Pohrt, Wolfgang (1995): Theorie des Gebrauchswerts. Über die Vergänglichkeit der historischen Voraussetzungen, unter denen allen das Kapital Gebrauchswert setzt. Berlin: Edition TIAMAT. (Neuauflage unter Einfügung anderer Texte)

Resultate = Karl Marx. Das Kapital 1.1. Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses. Berlin: Karl Dietz Verlag 2009.


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