Fichtes Philosophie, die er „Wissenschaftslehre“ nennt, ist einerseits ein Ausdruck der revolutionären Strömungen seiner Zeit, bei der es um die Aktivierung der Selbsttätigkeit der Menschen geht, nachdem sie sich aus feudalen Abhängigkeitsverhältnissen befreit haben und sie nun herausgefordert sind, die Welt neu zu gestalten.

Dies steht unter dem Stichwort „aufstrebendes Bürgertum“ – und sogar die „Proletarisierung der Massen“ (Marx MEW 23: 77ff.) war nicht nur mit „Blutgesetzgebung“ usw. verbunden, sondern häufig auch mit der Möglichkeit, neue Lebensweisen zu entwickeln („Stadtluft macht frei“).

Andererseits entspricht der besondere Charakter seiner Philosophie auch der Persönlichkeit Fichtes, die durch seine Biographie stark beeinflusst ist. Fichte selbst schreibt:

„Was für eine Philosophie man wähle, hängt sonach davon ab, , was man für ein Mensch ist: denn ein philosophisches System ist nicht ein todter Hausrath, den man ablegen oder annehmen könnte, wie es uns beliebte, sondern es ist beseelt durch die Seele des Menschen, der es hat. Ein von Natur schlaffer oder durch Geistesknechtschaft, gelehrten Luxus und Eitelkeit erschlaffter und gekrümmter Charakter wird sich nie zum Idealismus erheben.“ (Fichte)

Um sich der Fichteschen Philosophie anzunähern, empfehle ich, zuerst „Die Bestimmung des Menschen“ (1800) zu lesen, dann die „Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre“ (1797) und dann erst „Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie“ (1794) sowie die „Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre“ (1794/95).

„Das System der Freiheit befriedigt, das entgegengesetzte tötet und vernichtet mein Herz“

In seiner Schrift „Die Bestimmung des Menschen“ lässt sich nachempfinden, welche Rolle die Kantsche Philosophie bei der Befreiung des Geistes hatte. In einer Radiosendung wird leicht verständlich erklärt, wie Fichte bestimmte Impulse aus der Philosophie von Immanuel Kant aufnimmt und weiter entwickelt (siehe auch meinen früheren Text dazu).

„Wenn der Mensch frei ist, so argumentiert Fichte nun, dann muss dies umfassend gelten, also nicht nur für unser Handeln, sondern auch für unser Erkennen. Denn Freiheit ist unteilbar. Dann aber darf unsere Erkenntnis nicht abhängig sein von irgendetwas anderem, etwa einem Stoff, der von außen kommt. Sonst wäre sie nicht unabhängig und damit nicht frei.“ (Conradt 2008)

Die Entzauberung der Welt durch den Bezug auf Wissenschaft seit der Aufklärung setzte immer mehr Wissen frei über Zusammenhänge und Abhängigkeiten, es zeigte immer deutlicher, wie die Erscheinungen in der Welt notwendigerweise miteinander zusammen hängen. Das Eingezwängtsein in derartige Naturnotwendigkeiten schnürt den freiheitlichen Geist ein und Fichte fand in Kants Philosophie den ersten Ausbruch aus diesen Zwängen.

Idealismus gegen Dogmatismus

Dieser Ausbruch gelingt nur, wenn Menschen sich nicht festlegen lassen durch die gegebenen Tatsachen, die sie in ihrer Erfahrung kennenlernen können. Wie Ralf Ludwig für Hegels Philosophie schreibt, wird durch eine Abkehr vom sog. Dogmatismus „auch widrigen Umständen wird nicht die letzte Seinsmacht zuerkannt“ (Ludwig 1997: 121).

Wie Schuffenhauer (1985: 50) in seiner Fichte-Biographie erläutert, gab es die materialistische Weltanschauung zu dieser Zeit vor allem in einer Form, in der die Menschen total vom Milieu bestimmt gedacht und damit Freiheit unmöglich. Der frühe Materialismus der Aufklärer hatte einst auch eine befreiende Wirkung gegenüber den Herrschaftsansprüchen der feudalen und kirchlichen Mächte. Er setzte eine in ihren Zusammenhängen durch Menschen erkennbare Welt voraus, deren Gesetze verlässlich eine Grundlage für eigenständiges zielbewusstes menschliches Handeln bieten. Aber die Erstarrung dieser Denkweise führte zur Vereinseitigung, die frische Geister zum Widerspruch herausforderte. Dieser Materialismus wurde deshalb auch „Dogmatismus“ genannt. Wenn „Realismus“ die Dinge für absolut erklärt, so meinte auch Hegel, müsse sich der freie Wille an den „Idealismus“ halten (vgl. HW 7: 107).

„Der Idealismus der Philosophie besteht in nichts anderem als darin, das Endliche nicht als ein wahrhaft Seiendes anzuerkennen. Jede Philosophie ist wesentlich Idealismus der hat denselben wenigstens zu ihrem Prinzip, und die Frage ist dann nur, inwiefern dasselbe wirklich durchgeführt ist.“ (HW 5: 172)

Für Fichte besteht nur die Alternative, einerseits in den Dingen den Erklärungsgrund der Erfahrung zu sehen oder in der Intelligenz selbst. Das erste Verfahren heißt Dogmatismus, das andere Idealismus.

Angesichts der Abkehr der idealistischen Philosophie von der Wirklichkeit, insbesondere der sozialen Wirklichkeit, proklamierten Karl Marx und Friedrich Engels am Ende der Klassischen Deutschen Philosophie wiederum eine Wende – diesmal in Richtung des dialektischen Materialismus. Nach Hegel waren sich dessen untereinander zerstrittenen Anhänger lediglich einig „in dem Glauben ab die Herrschaft der Religion, der Begriffe, des Allgemeinen in der bestehenden Welt. Nur bekämpfen die einen die Herrschaft als Usurpation, welche die Anderen als legitim feiern.“ (MEW 3: 19) Als Folge davon war ihr politischer Kampf lediglich darauf gerichtet, das Bewusstsein zu verändern, aber „[d]diese Forderung, das Bewußtsein zu verändern, läuft auf die Forderung hinaus, das Bestehende anders zu interpretieren, d.h. es vermittels einer anderen Interpretation anzuerkennen.“ (ebd.: 20). Marx und Engels gingen davon aus, dass die Frage nach dem Primat von Denken oder Sein, Bewusstsein oder Materie die „Grundfrage der Philosophie“ (Engels MEW 21 : 274) ist. Auch Engels beschrieb, dass im 18. Jahrhundert der Materialismus vorwiegend in einer besonderen Form auftrat, nämlich in einer „verflachten, vulgarisierten Gestalt“. Demgegenüber erklärt sich dann auch Fichtes Ablehnung. Er machte in seiner Ersten Einleitung in die Wissenschaftslehre deutlich, dass er im Gegensatz zwischen dem Dogmatismus und dem Idealismus gerade den letzteren voraus setzt (mehr darüber bei Fichte selbst).

Fichtes Wissenschaftslehre = seine Philosophie

Fichte geht davon aus, dass Philosophie als Wissenschaft eine systematische Form hat, „alle Sätze in ihr hängen in einem einzigen Grundsatze zusammen, und vereinigen sich in ihm zu einem Ganzen“ (Fichte 1794 ) Dabei beruht sie, wie (für Fichte) jede Wissenschaft, auf einem Grundsatz, den sie selbst nicht beweisen kann. Er soll das ausdrücken, was „allem Bewusstsein zugrunde“ liegt, aber selbst nicht erfahren wird. Wie kommt man zu diesem Grundsatz?

„Irgend eine Thatsache des empirischen Bewusstseyns wird aufgestellt; und es wird eine empirische Bestimmung nach der anderen von ihr abgesondert, so lange bis dasjenige, was sich schlechthin selbst nicht wegdenken und wovon sich weiter nichts absondern lässt, rein zurückbleibt.“ (Fichte 1794/95)

Was bleibt? Der notwendige Ausgangspunkt jedes Wissens ist die Existenz des Wissenden, des Ich. Da wir ja das letzte, durch nichts andere Begründete suchen, muss dieses Ich durch sich selbst bewirkt sein, es muss sich selbst setzen. Das sich selbst setzende Ich führt also eine Tathandlung aus (wobei das Tun und das Getane dasselbe ist) und der erste Grundsatz ergibt sich als „Ich bin“ oder anders ausgedrückt: „Ich bin Ich“. Neben dem Setzen gibt es aber logisch (-A nicht = A) und auch empirisch das Entgegensetzen. Deshalb besteht der zweite Schritt darin, dass sich das Ich, das es nach dem ersten Satze gibt, ein Nicht-Ich entgegen setzt. Dabei wird in diesem Schritt der Negation das Ich aufgehoben. Nun wird uns aber im dritten Schritt bewusst, dass das Entgegensetzen des Nicht-Ich ja das Ich voraussetzt. Nun müssen wir „A und –A, Seyn und Nicht-Seyn, Realität und Negation sich zusammendenken, ohne dass sie sich vernichten und aufheben“. Wie gelingt das? Dadurch, dass sie sich gegenseitig einschränken. (Dieser Dreischritt bringt die Kategorien der Qualität von Kant – die Realität, die Negation, die Limitation – in einen Zusammenhang). Das folgende Bild aus Burkard u.a. 1991: 146 soll die drei Schritte bei Fichte darstellen:

Im dritten Schritt entstehen auch die endlichen, d.h. die individuellen Ichs, während das Ausgangs-Ich ein unendliches war. Fichte nennt die drei aufeinander folgenden Denkschritte auch These, Antithese und Synthesis (was Hegel für sein eigenes Vorgehen ausdrücklich zurückweist, vgl. HW 5: 100).

Die unbegrenzte Macht der Menschheit

Ich möchte mich im Weiteren nicht lange auslassen mit dem Inhalt der weiteren Philosophie von Fichte. Seine Philosophie bildet letztlich den Ausgangspunkt der anderen wichtigen Philosophen der Klassischen Deutschen Philosophie, Schelling und Hegel. Jeder von ihnen argumentiert zwar innerhalb seiner eigenen Systematik (mehr bei Hegel, weniger bei Schelling) stringent und setzt nichts weiter voraus als die eigenen Texte, aber bei Fichte wird die Problemstellung, an der sie sich alle abarbeiten besonders deutlich und er entwickelt einige methodische Prinzipien, die für die Nachfolger ebenfalls ein wichtiger Ausgangs- und Abstoßungspunkt werden.

In einem schon älteren Philosophiebuch aus sozialistischen Zeiten fand ich eine interessante Re-Interpretation der Fichteschen Philosophie. Oisermann erkennt im „absoluten Ich“ bei Fichte den „mystifizierte[n] Ausdruck der unbegrenzten theoretischen und praktischen Macht der Menschheit“ (Oiserman 1973: 277).

„Die potentielle Unendlichkeit wandele sich in die aktuale Unendlichkeit, die sich in dem Umfang realisiere, wie die menschlichen Individuen und ihre zweckentsprechende Vereinigung (die Gesellschaft) sich ihres allmächtigen Ichs bewußt seien, das heißt, der Wille sei vernünftig, während die Vernunft nicht nur Wissen sei, sondern auch die universale, praktische, alles schaffende Aktivität.“ (ebd.).

Man kann die Hybris der kleinen Menschlein auf dem vom Klimawandel bedrohten kleinen Planeten Erde belächeln. Man kann aber auch hoffen, dass in einer von antagonistischen Widersprüchen befreiten Welt sich Menschen neugierig und schöpferisch weiter daran machen werden, unsere Welt lebenswert zu gestalten.


  • Hier gibt’s Material aus Seminaren zu Fichtes Wissenschaftslehre aus der TU Dortmund.

  • Literatur:

    Burkard, Franz-Peter, Wiedmann, Franz, Kunzmann, Peter, Weiß, Axel (1991). dtv-Atlas zur Philosophie. Tafeln und Texte. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

    Conradt, Michael (2008): „Die Bestimmung des Menschen“ – Johann Gottlieb Fichte. Manuskript. Bayern 2 –radioWissen. Internet: http://www.br-online.de/wissen-bildung/collegeradio/medien/ethik/fichte/manuskript/fichte_manuskript.pdf.

    Engels, Friedrich (MEW 21): Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke, Band 21.Berlin: Dietz-Verlag 1962. S. 259-307.

    Fichte, Johann Gottlieb (1794): Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie.

    Fichte, Johann Gottlieb (1794/95): Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre.

    Fichte, Johann Gottlieb (1979): Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre.

    Fichte, Johann Gottlieb (1800): Die Bestimmung des Menschen

    Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (HW 5): Wissenschaft der Logik I. Werke 5. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986.

    Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (HW 7): Grundlinien der Philosophie des Rechts. Werke 7. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970.

    Ludwig, Ralf (1997): Hegel für Anfänger: Phänomenologie des Geistes. Deutscher Taschenbuch Verlag.

    Marx, Karl; Engels, Friedrich (MEW 3): Deutsche Ideologie. Karl Marx – Friedrich Engels – Werke, Band 3, Dietz Verlag, Berlin/DDR 1990.

    Marx, Karl (MEW 23): Das Kapital. Erster Band. Karl Marx – Friedrich Engels – Werke, Band 23, Dietz Verlag, Berlin/DDR 1962.

    Oiserman, Teodor I. (1973): Probleme der Philosophie und der Philosophiegeschichte. Berlin: Dietz-Verlag.

    Schuffenhauer, Heinz (1983): Johann Gottlieb Fichte. Leipzig, Jena, Berlin 1983.

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