Der alljährliche Weihnachtsbrief eines alten Freundes aus Australien beschäftigte sich zu einem großen Teil mit der Rolle des Islams im aktuellen Zeitgeschehen. „Weshalb aber blasen sie sich gegenseitig in die Luft?“ – fragt unser alter Freund. Ich weiß zwar etwas über die Zusammenhänge zwischen ökonomischen Machtverhältnissen und politischen Verschiebungen – über den Islam selbst weiß ich wenig. Glücklicherweise erinnerte ich mich an ein Buch, das mir ein anderer Freund schon vor Monaten zum Lesen gab. Jetzt endlich lese ich es und möchte hier einige Erkenntnisse daraus mitteilen. Es geht um das Buch „Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams“ von Thomas Bauer.

Ich möchte in einem ersten Beitrag einiges zusammen tragen zur Problematisierung und Kennzeichnung dessen, was man als „islamische Kultur“ bezeichnen könnte. Dies soll helfen, den undifferenzierten Feindbildern trotz aller medialer Dauer-Präsenz nicht zu verfallen. In weiteren Beiträgen werde ich die äußerst interessanten Ausführungen von Thomas Bauer zur bedeutsamen Rolle der Ambiguität in der islamischen Kultur referieren und ggf. kommentieren.

Islam – Religionsdogma, Rechtspraxis und Gottestaatsvision?

Nach dem Ende der bilateralen Blockkonfrontation, die die Weltpolitik beinah im gesamten 20. Jahrhundert wesentlich bestimmte, entstand eine neue Feindbestimmung für die „freie Welt“: der Islamismus. Der Islamismus darf als Phänomen des 19. und 20. Jahrhunderts (wie es auch in Wikipedia ausgedrückt wird) keinesfalls identifiziert werden mit den jahrhundertealten Kulturen, die sich auf arabisch-islamische Traditionen beziehen.

„Daß es sich beim Islamismus unserer Tage um keine restaurative, geschweige denn traditionalistische Bewegung handelt, ist in der Fachwissenschaft unumstritten. Vielmehr ist der Islamismus ein Phänomen der Modernisierung des Islams, der sich selbst in seinen epistemologischen Grundlagen nicht auf den klassischen Islam (der nach Ansicht der Islamisten ein verfälschter, dekadenter Islam war) berufen kann und will, sondern auf epistemologische Grundlagen der Aufklärung und der Moderne.“ (387)

Genaueres zu diesen epistemischen Grundlagen wird später folgen. Ein wichtiger Aspekt der Unterscheidung von islamischen Traditionen und Islamismus ist das Verhältnis von Religion und weltlichem Leben. Entgegen heute üblichen Vorurteilen gab es in der islamischen Tradition eine deutliche Unterscheidung zwischen religiösen und weltlichen Bereichen. Beispielsweise hatten Theologen in der Medizin nichts mitzureden. Solche „islamisierende“ Bezeichnungen wie „islamische Medizin“ sind falsch. Auch politische Machtkämpfe wurden primär aus politischen Gründen heraus geführt und nur hin und wieder religiös legitimiert. Hinter ihnen standen jedoch keine religiösen Motive (377).

Thomas Bauer zeigt für viele Bereiche der Kultur, insb. auch die Literatur, dass Islam immer Vielfalt bedeutet und es „den“ Islam traditionellerweise gar nicht gibt (14). Unter „Islam“ kann man einerseits das Normensystem der Religion des Islams verstehen (wobei diese Religion keine Kirchen wie die westlichen mit ihrem einheitlichen Definitionsrecht kennt) und andererseits die islamische Kultur, die viel umfassender als die islamische Religion (198).

Die klassische islamische Kultur praktizierte auch eine deutliche Trennung von Theologie und Recht:

„Der Jurist ist nicht für die Wahrheiten des Glaubens verantwortlich, sondern bedient sich seines fehlbaren Verstandes, um zu Urteilen zu gelangen, die keine Gewißheit beanspruchen können. Der Bereich des religiösen Dogmas ist weitgehend außerhalb seines Zuständigkeitsbereichs, und umgekehrt können auch Theologen den Juristen nicht in ihre Arbeit hineinreden.“ (206)

An Richter werden z.B. ausdrücklich andere Anforderungen gestellt als z.B. an Prediger (208f.) und die Rechtsprechung wird deutlich vom Gottesdienst unterschieden. Ein islamischer Richter hat auch keine religiöse Legitimation (210).

Auch Politik und islamische Religion werden deutlich voneinander unterschieden. Es gibt ursprünglich keine Spur von einer Vorstellung, dass ein „Gottesstaat“ die einzig legitime Regierungsform des Islams sei (316). Um dies zu suggerieren, muss eine riesige Menge an säkularen, vor allem auch dichterischen Texten über Politikformen verschwiegen werden, um die religiösen Texte überzubetonen (318). Im Gegensatz dazu verliefen politische Diskurse in vielfältiger Form (z.B. oft auch in Gedichten) und aus unterschiedlichsten Perspektiven heraus. Heute dagegen ist diese Vielfalt eingeschränkt:

„Irregeleitet durch die Bezeichnung der Kultur als der des Islams glaubte man, bei islamischen Religionsgelehrten nachsehen zu müssen, wie denn politisches Denken im Islam aussehe. Dort fand man tatsächlich etwas. Da man in modern-westlicher Denkart gar nichts anderes glauben konnte, als daß es gleichzeitig nur eine einzige Norm geben könne, war man überzeugt, im theologischen und im juristischen Politikdiskurs der islamischen Welt den einzigen politischen Normdiskurs des Islams vor sich zu haben.“ (324)

Gerade die fälschliche Annahme, dass Religion und Politik „im Islam“ nicht zu trennen sei, führt heute zu der Behauptung, das der Islam mit der Demokratie unvereinbar sei (vgl. 323). Es gab in der arabisch-islamischen Welt zwar keine Renaissance und keine Aufklärung (was heute oft als ihr Problem dargestellt wird), aber das hatte diese Welt auch nicht nötig, weil es in der islamischen Tradition die Trennung zwischen geistlicher und politischer Autorität schon immer gab – und sie in der westlichen Welt erst wieder hergestellt werden musste (mehr zum westlichen „Sonderweg“).

„Herrscher ließen sich kaum je von Religionsgelehrten dreinreden, und wenn es ihnen gelang, einen Mufti für ein Gefälligkeitsgutachten zu gewinnen, heißt dies noch lange nicht, daß die anderen Gelehrten die fatwa [Rechtsgutachten, A.S.] akzeptieren.“ (324)

In typischen dichterischen Texten mit Herrscherlob bzw. in Politikratgebern wird an keiner Stelle die Herrschaft religiös begründet, sondern immer aus den Eigenschaften des Herrschers selbst (325ff.). Nirgendwo wird Bezug auf normative Texte genommen, nirgends wird eine Handlungsmaxime aus dem Koran abgeleitet (333):

„Die Religion liefert weder irgendwelche Normen für die Politikausübung, noch erscheint ihre Förderung als Zweck politischen Handelns. Sie ist lediglich Objekt einer Politik, die Religion benutzt, um zum Erfolg des Herrschers und zum Wohlergehen seiner Untertanen beizutragen.“ (334)

Auch das dazugehörige Geschichtsbild ist nicht von göttlicher Vorhersehung bestimmt, sondern der geschichtliche Prozess wird als Folge menschlicher Handlungen verstanden (337f.).

Als wichtigstes Kennzeichen der klassischen arabisch-islamischen Kultur stellt Thomas Bauer die Toleranz gegenüber Ambiguität (Ambiguität: Nichteindeutigkeit…) dar und er zeigt auf, inwieweit die heutigen Formen des Islamismus der Vernichtung der Ambiguität entspringen.

Islamische Eroberungsfeldzüge?

Die islamische Kultur ist – vergleicht man die Tatsachen mit den derzeit allgegenwärtigen Zerrbildern vom Islam – erstaunlich frei von Religionskriegen. In ihrer Frühzeit war sie von Bürgerkriegen gekennzeichnet; schon in der vorislamischen Zeit versuchten arabische Stämme, i.a. erfolglos, sich zu vereinen. Erst die islamische Religion ermöglichte ihnen die Loslösung von anderen religiösen Bindungen und eine eigene Vereinigung unter dem Banner des Islam.

„Die Religion des Islams hat also die Eroberungsfeldzüge nicht verursacht, sondern lediglich ermöglicht.“ (226)

Die nichtarabischen Völker wurden nicht zur religiösen Konversion gezwungen. Wer Muslim werden wollte, musste sich sogar zuerst einem arabischen Stamm anschließen.

„Die Zahl der Konvertiten blieb in den eroberten Gebieten zunächst offenbar gering, da sich die damit verbundenen Vorteile in den ersten Jahrzehnten in engen Grenzen hielten: Bis zur Machtübernahme der Abbasiden konnten unabhängig von der Religion nur Männer Karriere machen, die eine arabische Herkunft nachzuweisen vermochten. Erst als diese Beschränkung im 8. Jahrhundert aufgegeben wurde, traten Angehörige der Oberschichten und bald auch viele andere Menschen in großer Zahl zum Islam über.“ (Wikipedia)

Hinter den Eroberungsfeldzügen stand also kein religiöser Fanatismus (226). Man muss auch betonen, dass die „Arabisierung der Verwaltung“ als größere Leistung zu bewerten ist als der militärische Erfolg: „Was in Europa ein Jahrtausend brauchte, vollzog sich im arabischen Reich der Umayyaden im Laufe weniger Jahrzehnte.“ (229) Auch später ging der Islam eine Symbiose mit den vorhandenen Kulturen ein und es entstanden viele verschiedenartige islamische Kulturen z.B. in Afrika oder Indonesion (365).

Wissenschaftlich-technisch war die arabisch-islamische Welt der westlichen im Mittelalter sogar überlegen – es fehlte ihr aber der „Universalisierungsehrgeiz“ (366). Im Indischen Ozean fuhren und handelten Araber, Inder und Chinesen, ohne dass die Araber eine Monopolstellung anstrebten; die Handelshäfen besaßen nicht einmal Mauern oder Befestigungen. Erst die Ankunft der Portugiesen militarisierte die Seefahrt (366f.).

Fanatismus – religiös oder politisch?

Natürlich haben viele menschenverachtende Taten (übrigens auf allen beteiligten Seiten) viel mit so etwas wie „Fanatismus“ zu tun. Auffällig ist aber, dass im Nahen Osten der politische Fanatismus in einen religiösen Fanatismus umgedeutet wird. Dadurch können die Ziele der Kämpfenden als völlig irrational dargestellt werden und die politischen Hintergründe geraten in Vergessenheit.

„In westlichen Medien wird […] die Hamas niemals ohne das Beiwort „radikal-islamisch“ erwähnt und ganz auf ihre religiöse Seite reduziert. Mit „Gotteskriegern“ (ein westlicher Begriff), die für einen „Gottesstaat“ (ein Begriff, den Augustinus geprägt hat) streiten […], kann man in der Tat nicht verhandeln. Ausschnitte aus Abschiedsvideos von Selbstmordattentätern, die diese Vorstellung zu unterstützen scheinen, werden folglich in westlichen Medien gern gezeigt. Die viel zahlreicheren politischen Kommuniqués, die selbst von den extremistischsten Organisationen in großer Zahl veröffentlicht werden und die auf durchaus rationale Weise politisch argumentieren, werden ignoriert, weil sie eine diskursive Auseinandersetzung erfordern würden.“ (217-218)

Auch nach dem US-Überfall auf Irak im Jahr 2003 galt: „Als sich die Iraker gegen das Foltern und Morden der Besatzungsmächte zu wehren begannen, wurde jeglicher Widerstand als „islamistischer Terror“ denunziert“ (219). Wie falsch das ist, zeigt die inzwischen bekannt gewordene Tatsache, dass auf irakischer Seite mehr christliche Kämpfer als al-Qaida-Terroristen aktiv sind. [Nachtrag: siehe Quelle in Kommentar unten]

Das Andere und das Fremde

Thomas Bauer verweist darauf, dass die Leugnung politischer Gründe und die Behauptung eines irrationalen religiösen Fanatismus bei den eigenen Gegnern etwas damit zu tun hat, den Anderen als Fremden zu delegitimieren:

„Der Andere ist der Fremde schlechthin, der unseren rationalen Argumenten nicht zugänglich ist und folglich als Gesprächspartner ausscheidet. Er kann damit kein handelndes Subjekt sein, mit dem man in Wechselbeziehung tritt, sondern nur passives Objekt eigenen Handelns.“ (218-219)

Es ist auffällig dass im Unterschied zu der westlichen Praxis, die eigene Identität durch die Entgegensetzung gegen das fremde Andere zu stärken, die arabisch-islamische Tradition das Wort „fremd“ lediglich kennt als Bezeichnung eines konkreten Zustands eines Menschen, der sich z.B. gerade nicht in seiner Heimat befindet und deshalb allein ist. Die Fremdheit ist hier niemals ein permanentes Merkmal der Herkunft, Rasse oder Sprache, sondern ein überwindbarer Zustand (347). Etwas Fremdes, das sich dem Eigenen gegenüber stellen ließe, gibt es weder in der Sprache, noch der Empfindung der Menschen (348).

Zwar gibt es auch ein Anderssein, es kann auch mit Vorurteilen behaftet sein. Aber dieses gilt nie als Bedrohung der eigenen Identität und braucht deshalb nicht bekämpft zu werden. Auf diese Weise können auch Nichtmuslime nie zu Feinden werden, sie werden nicht ausgegrenzt, sondern mit einem autonomen Status ins Alltagsleben integriert (353). Insbesondere Juden erleben noch im 15. und 16. Jahrhundert einen deutlichen Unterschied gegenüber der Ausgrenzung im westlichen Europa.

„Drei Juden aus dem christlichen Europa, wo die Juden Ende des Mittelalters im wesentlichen aus der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen waren, beobachteten mit erheblichem Erstaunen, daß die Juden, die im islamischen Herrschaftsbereich lebten, keine vergleichbare Ausgrenzung aus der Gesellschaftsordnung ihrer Umwelt erlebten.“ (zit. S. 355)

Die Ambiguität des gleichzeitigen Dazugehörens (im wirtschaftlichen und politischen Leben) und Nichtdazugehörens (Religion) wurde geregelt durch besondere Rechtsordnung: Abgrenzung statt Ausgrenzung (357).

Der Islamismus, wie er uns heute entgegen tritt, ist keine Folge der Religion an sich – sondern der sich herausbildenden Nationalstaaten im 20.Jahrhundert. Noch am Ende des ersten Weltkrieges waren ein Viertel der Menschen in der Türkei keine Muslime, heute sind es nur noch 1%.

Mehr zur Entstehung des fundamentalistischen Islamismus, der keine Folge der ursprünglichen, „klassischen“ islamischen Kultur ist, sondern eine Folge der Übernahme von Vereindeutigungs- und Universalisierungsstrategien aus der westlichen Moderne – folgt später („Vernichtung der Ambiguität“).


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