In einer Mailinglist wurde ein neuer Text von Naomi Klein empfohlen, der sich mit dem Verhältnis von Klimawandel und Kapitalismus beschäftigt. (Er liegt inzwischen auch gedruckt auf deutsch vor.) Ich möchte hier einige Grundgedanken (von mir entnommen aus der englischen Version) vorstellen. (Das ist keine wörtliche Übersetzung, sondern eine Darstellung der wichtigsten Inhalte aus meiner Sicht.)
Der Eindruck von wachsenden Extremwetterphänomenen scheint zu zeigen, dass der Klimawandel nicht nur eine Lüge oder Vermutung ist. Dass er hauptsächlich durch menschliches Tun verursacht ist, wird auch durch viele Studien nahe gelegt. Man sollte denken, je offensichtlicher die Zusammenhänge werden, desto weniger Gehör würden die Klimawandel-Skeptiker finden (einige bezweifeln ja nicht den Klimawandel, sondern „nur“ die Verursachung durch die Menschen).

In den USA jedoch verläuft der Trend jedoch gerade anders herum: Der Anteil der Menschen, die annehmen, dass eine weitere Nutzung fossiler Brennstoffe zum Klimawandel führt, betrug dort im Jahr 2007 noch 71% und er sank bis 2009 auf 51 % und bis zum Juni 2011 auf 44%. Interessant ist auch die politische Position von Menschen, die einen anthropogen verursachten Klimawandel (ich kürze das ab jetzt mal als AKW ab) als wahrscheinlich ansehen und jenen, die das bezweifeln: Für die Annahme eines menschlich verursachten Klimawandels stehen 70-75% der Demokraten in den USA, aber nur 20% der Republikaner. Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen sozialer und ökonomischer Privilegierung und der Ablehnung des anthropogenen Klimawandels. Menschen mit „egalitären“ und „kommunitaristischen“ Ansichten akzeptieren die Klimawandeldaten mehrheitlich, jene mit „hierarchischen“ und „individualistischen“ Ansichten lehnen sie eher ab.

Dabei geht es nicht nur um Glauben oder Zweifel – jene, die den menschengemachten Klimawandel leugnen, zweifeln nicht nur im Stillen, sondern setzen sich massiv propagandistisch und in allen möglichen Machtlobbies dafür ein, eine Kultur der Nicht-Anerkennung und der Leugnung durchzusetzen. Obgleich nur schätzungsweise 10% der US-Bürger konsequente Leugner des Klimawandels sind, sind sie in den Machtpositionen deutlich überrepräsentiert.

Was steckt dahinter? Einerseits natürlich handfeste wirtschaftliche Interessen. Wir werden gleich noch darauf zurückkommen. Andererseits – und verbunden damit – wirkt auch ein psychologischer Effekt: Wir alle filtern die eintreffenden Information so, dass unsere Grundpositionen möglichst beibehalten werden können. Das gilt auch für unsere Vorstellungen darüber, wie eine „gute Gesellschaft“ auszusehen hat.

Schauen wir nun mal etwas tiefer ins Getriebe der Klimawandel-Leugner: Einer der bedeutendsten Thinktanks, die in dieser Richtung Meinungen beeinflussen, ist das Heartland Institute (Chicago). Seine ausdrücklich geäußerte Mission ist die „Entdeckung, Entwicklung und Förderung von Lösungen sozialer und ökonomischer Probleme im Sinne der freien Märkte“. Dieses Institut organisierte z.B. die 6. Internationale Konferenz zum Klimawandel (deren Abkürzung ICCC ist leicht verwechselbar mit dem seriösen IPCC), bei der sich die Klimawandelleugner versammelten. Als Ziel dieser Konferenz wird angegeben, die „wissenschaftliche Methode wieder herzustellen. Das bedeutet, die gescheiterte Hypothese des menschengemachten Klimawandels fallen zu lassen und wirkliche Wissenschaft und fundierte Ökonomie zur Verbesserung unseres Verständnisses des sich ständig wandelnden Klimas unseres Planeten zu verwenden“. Nun ja, wie „wissenschaftlich“ und „fundiert“ das Ganze ist, wird fraglich, wenn der Grundsatzredner der Konferenz, Patrick Michaels, mit seiner Firma zu 40% ihres Einkommens von Ölfirmen abhängt. Der ebenfalls beteiligte Astrophysiker Willie Soon wurde zu 100% aus der Ölindustrie finanziert.

Aber letztlich geht es gar nicht um den wissenschaftlichen Status der Klimaforschung. Das zeigt sich darin, dass Naomi Klein zugeben muss: „Hier ist meine unbequeme Wahrheit: Sie haben Recht.“

Die Klimawandelleugner haben Recht mit ihrer Befürchtung, das Klimaproblem würde die kapitalistische Wirtschaftsweise radikal in Frage stellen.
Der Klimawandel wird, so wird es offen geäußert, vor allem als “schleichendes Trojanisches Pferd für Nationalen Sozialismus” betrachtet. Richard Rothschild nennt es ein „grünes Trojanisches Pferd, gefüllt mit roter, marxistischer sozioökonomischer Lehre“.

Die Klimawandelleugner schauen sich genau an, was es bedeuten würde, wenn die globalen Emissionen so stark reduziert werden müssten, wie es der Klimawandel erfordert. Sie wissen, dass dies nur durch eine radikale Neuordnung des ökonomischen und politischen Systems möglich ist, was ihrer Ideologie des „freien Marktes“ widerspricht.

„Wenn die Leute von Heartland auf die Anzeichen eines menschenverursachten Klimawandels reagieren, als wäre der Kapitalismus selbst in Gefahr, so tun sie das nicht, weil sie paranoid sind, sondern weil sie diesen Zusammenhang ernst nehmen.“ (Naomi Klein)

Es geht also bei der Ablehnung des menschengemachten Klimawandesl gar nicht wirklich um die Anerkennung oder Nichtanerkennung wissenschaftlicher Ergebnisse oder die Debatte um verschiedene Methoden. Die wissenschaftlichen Ergebnisse werden nicht um ihrer selbst willen abgelehnt, sondern wegen ihren Folgen.

Die Klimawandel-Zweifler und -Leugner wissen genauer als manch andere, dass es nicht ausreicht, den Energieverbraucht zu verändern, sondern dass die gesamte Logik unseres ökonomischen Systems geändert werden muss. Diese Logik basiert auf der Fiktion, dass die Natur uns unbegrenzt zur Verfügung steht. Da u.a. der Klimawandel uns zeigt, dass dies nicht gegeben ist, wurde auch im Stern-Bericht festgehalten, dass der Klimawandel das größte Beispiel für ein Marktversagen ist. Auch die Mißerfolge der jetzt schon ca. 15 Jahren lang andauernden Versuche, die Natur in die Marktwirtschaft einzubeziehen (ihr quasi Preisetiketten aufzukleben), zeigt, dass nicht nur neue grüne Produkte (z.B. im Bereich der erneuerbaren Energien) und marktbasierte Lösungen (wie der Emissionshandel) benötigt werden, sondern ein neues zivilisatorisches Paradigma entwickelt werden muss, das nicht auf der Dominanz über die Natur beruht, sondern auf dem Respekt gegenüber den natürlichen Zyklen der Erneuerung und der Begrenzung der Natur wie auch der menschlichen Intelligenz.

Dass auch der gewesene Sozialismus nicht viel besser mit den natürlichen Grenzen umgehen konnte, bekräftigt nur die Radikalität, mit der das Vorhandene in Frage gestellt werden muss. Es zeigt vor allem, dass wirkliche Lösungen des Klimasystems nur solche sein können, bei denen die Aktivitäten von den Basisgemeinden ausgehen (gemeindekontrollierte erneuerbare Energie, lokaler Biolandbau …).

Sollte die notwendige radikale Umorientierung nicht gelingen, so geht werden weiterhin Ländereien und Ressourcen in weiten Landstrichen privatisiert, die ärmeren Länder werden weiterhin zugunsten der reichen ausgeraubt und riskante Technologien zur Ausbeutung schwer zugänglicher fossiler Ressourcen eingesetzt. Wir werden uns in Festungen einschließen und in Konflikten zu unseren Gunsten intervenieren bzw. selbst welche vom Zaun brechen. Und wenn auch die Reichen vom Klimawandel beeinträchtigt werden, werden technokratische Abkühlungstechniken eingesetzt, mit nicht einschätzbaren Risiken.

Wie Naomi Klein schon im Buch „Schock-Doktrin“ gezeigt hat, werden gerade die heraufbeschworenen Katastrophen dabei helfen, neue Wege zur Privatisierung von Commons finden und vom Desaster sogar noch zu profitieren.

Der einzige Joker, der solch eine miserable Zukunft noch verhindern könnte, ist die Aktivität von sozialen Bewegungen. Dabei fällt es nach wie vor schwer, ökologische und linke Praxis zu verbinden. Die Linken haben mit sozialen Krisen zu tun und viele Ökos weigern sich, die Wurzeln der Probleme im Kapitalismus zu sehen. Nur die Bewegung für Klimagerechtigkeit (climate justice movement) versucht, da Brücken zu bauen.

Es gibt aber Neues zu berichten: Beispielsweise werden in vielen Occupy-Camps ökologische Lösungen entwickelt, wie die Nutzung von Waschwasser für die Pflanzenbewässerung, Solarmodule oder Fahrrad-Generatoren für Strom von Laptops und Handys…

Diejenigen, die in diesen Camps nach alternativen Wirtschaftsmodellen suchen, stoßen auf die vorbereiteten Konzepte aus den Ökobewegungen für selbstbestimmte und nachhaltige Landwirtschaft, Energieversorgung usw.. Es gibt Forderungen „Occupy the Food System!“ und „Occupy the Rooftops“…Jene, die in diesen Camps Erfahrungen mit direkter Demokratie machen, erleben etwas, das ein Teilnehmer so beschreibt: Wir spüren Muskeln, von denen wir vorher nicht wussten, dass wir sie haben.

Das macht Hoffnung darauf, dass der Kulturwandel bereits begonnen hat.

Was muss geschehen, um diesen Wandel weiter voranzutreiben?

1. Belebung und Erfindung der öffentlichen Sphäre

Emissionen in enormen Größenordnungen müssen reduziert werden. Individuelle Verhaltensänderungen (Recycling, Glühbirnenaustausch…) reichen nicht aus, kollektive Aktionen sind notwendig. Die gesamte Infrastruktur muss verändert werden, was große Investitionen erfordert. Die private Industrie wird diese Investitionen nicht aufbringen, weil sie nicht entsprechende Profite versprechen. Die Haushaltsdefizite sind längst keine so bedrohliche Herausforderung wie die Umstellung der kommunalen Infrastruktur angesichts der Defizite in den lebendigen und komplexen natürlichen Systemen. (siehe unten: Wer soll das bezahlen: die Reichen und Schmutzigen)

2. Sich erinnern, wie geplant wird

  • Jede Stadt braucht einen Plan dafür, wie sie den Übergang von fossilen Energiequellen zu erneuerbaren bewältigt. Die Transition Town Bewegung nennt diesen Plan „Energieverbrauchssenkungs-Aktions-Plan“.
  • Dabei wird eine partizipatorische Demokratie entwickelt, bei der Nachbarschaften Meetings abhalten, wie sie ihre Gemeinde reorganisieren und widerstandsfähig machen.
  • Wirtschaftsplanung entsprechend kollektiven Prioritäten anstatt nach Unternehmensprofit.
  • Den Arbeitskräften die Mittel geben, sich neue Jobs, z.B. im grünen Bereich, zu schaffen.
  • Wiederaufleben der Planung in der Landwirtschaft – angesichts der dreifachen Krise der Bodenerosion, von Extremwettern und der Abhängigkeit von Öl als Energiequelle. Die Entwicklung von Polykulturen, bei denen neben den Produkten auch die Landschaft gestaltet wird, erfordert Langfristplanungen (50-Jahres-Verträge).

3. Unternehmen zurückdrängen

Einiges kann durch Anreize geschehen (Förderung erneuerbarer Energien und verantwortlicher Landgestaltung…), aber gleichzeitig muss gefährliches und destruktives Verhalten strikt unterbunden werden. Deckeln der CO2-Emissionen, Verbot der Errichtung neuer Kohlekraftwerke, …

4. Produktion relokalisieren

  • Transporte in der globalisierten Welt verbrauchen eine Menge nicht erneuerbarer Ressourcen
  • Verschiebung der emissionsintensiven Produktionsaktivitäten nach China ermöglichte es vielen Industrieländern, ihre Emissionen zu stabilisieren.
  • Angesichts der natürlichen Begrenzungen ist auch die Möglichkeit für Transporte mit großen Reichweiten beschränkt.
  • Klimawandel fordert kein Ende des Handels, aber ein Ende des „freien Handels“ entsprechend der Forderungen der Welthandelsorganisation.
  • Dies sind gute Neuigkeiten für Arbeitslose, Farmer und Gemeinden, deren Unternehmen verschwunden sind und deren Geschäfte durch „große Boxen“ ersetzt worden sind.

5. Die Kultur des Shopping beenden

  • Bisher herrschte in Wachstumsimperativ vor, bei dem eine Senkung der Produktion gleichbedeutend ist mit einer Krise.
  • Es gibt wohlbegründete Zweifel an der Erfüllbarkeit der Hoffnung auf eine Entkopplung von Emissionen und weiterem Wirtschaftswachstum.
  • Eine Effizienzsteigerung reicht nicht aus, die Gesamtmenge dessen, was wir produzieren und konsumieren, muss sinken.
  • Die Alternative ist: „Trash the system or crash the planet“ (Tim Jackson, Univ. of Surrey)
  • Jetzt geht es darum, den Übergang zu einem neuen ökonomischen Paradigma ohne Wachstum zu schaffen – Wachstum bleibt denen vorbehalten, die Nachholebedarf haben, um sich aus der Armut herauszuarbeiten.


6. Besteuern der Reichen und Schmutzigen

😉 Wortspiel: „Rich and Filthy“ : „filthy rich“ = stinkreich

  • Wer soll das alles bezahlen? Früher hätte man das aus dem Wachstum bezahlt. Jetzt muss man das Geld dort holen, wo es ist: bei den Reichen.
  • Durch Carbon- und Finanzsspekulationssteuer, Besteuerung der Unternehmen und der Wohlhabenden, Kürzung des Rüstungshaushalts und der Subventionen für die Ölindustrie. (allein die 5 größten Ölunternehmen machten in der letzten Dekade 900 Milliarden Dollar Gewinn).
  • Ebenso Ausgleich zwischen denen, die die Emissionen hauptsächlich verursacht haben und jenen, die darunter leiden.