Der Verstand betrachtet miteinander wechselwirkende Phänomene noch als einander äußerlich und auch sich selbst als außerhalb der Phänomene. An dem Beispiel mit den Naturgesetzen wird folgendes deutlich: Wir sind es, die die entsprechenden Messgrößen bilden und sie für die Naturerkenntnis verwenden. Wenn wir unsere eigene wissenschaftliche Praxis begreifen wollen, müssen wir unsere eigene Aktivität mit berücksichtigen. Dann ist es nicht mehr ausreichend, getrennt über „die Natur da draußen“ und „uns“ zu sprechen.

Wissenschaft sagt nicht nur etwas aus über die Welt da draußen, sondern sie ist unser Bemühen, ihre Veränderbarkeit durch uns zu erforschen. Wissenschaft wird jetzt bestimmt als „objektive Erforschung der Veränderbarkeit der Welt durch uns“ (leicht verändert nach Laitko 1979: 84, vgl. Schlemm 2005: 218).

Was hat sich seit der Betrachtung des Verstandes verändert? Es ist eine zusätzliche Reflexionsstufe hinzugekommen: Wir schauen nicht nur auf die Natur, sondern wir schauen auf die Natur und sind uns dabei bewusst, dass wir es sind, die es auf ganz spezifische Weise tun. In der Gesellschaftstheorie würden dementsprechend die eigenen spezifischen Erkenntnisinteressen (die mit dem, was wir untersuchen, nämlich der Verfasstheit der Gesellschaft, zusammenhängen) mit thematisiert.

Nicht ganz zufällig haben jene Philosophien, die den zusätzlichen Reflexionsschritt vollziehen, die also die wirkliche Praxis der menschlichen Erkenntnis mit reflektieren, den Anschein eines „Idealismus“ in dem Sinne, dass sie die „Welt da draußen“ nicht unabhängig von unserer Erkenntnispraxis thematisieren.

3.2.1 Vernunft statt verständigem naiven Realismus und Weltflucht

Auch bei Hegel verläuft der Argumentationsgang hin zur Vernunft über die Thematisierung des Selbstbewusstseins (HW 3: 137). Über verschiedene, letztlich unzureichende Zwischenschritte gelangen wir zur Vernunft. In den Zwischenschritten thematisiert Hegel zuerst einen Standpunkt (die stoische Weltsicht), bei dem das Selbstbewusstsein sich über das natürliche Dasein erhebt, aber es dabei nicht verändert, sondern gleichgültig dagegen bleibt (ebd.: 157f.). Das Gegenteil davon ist der Skeptizismus, bei dem ich alles in Frage stelle und dadurch nie handlungsfähig werde (die skeptische Weltsicht). Den Ausweg aus dem Dilemma dieser beiden Weltanschauungen bietet die Vernunft, die einen „Ausgleich zwischen objektiver Wahrheit und subjektiver Gewißheit“ (Hoffmann 2004: 267) bildet.

Vernunftgewißheit „ist das Zutrauen, daß ich nicht eigentlich ein Fremder unter meinesgleichen und in der Welt bin, sondern mich selbst im Anderen wiederzufinden vermag.“ (ebd.)

Dabei kommt es nicht zu einem Verschwinden der Unterschiede. Die Verschiedenheit zwischen mir und der Welt wird nicht beendet, aber es wird eine Einheit in dieser Unterscheidung gefunden. Wie kann das gelingen? Vorher betrachteten (und verstanden) wir entweder die Welt in ihrer Eigengesetzlichkeit (ohne uns) oder wir betrachteten (und verstanden) das Eigene, das verschieden von der Welt ist. In der vernünftigen Betrachtung wird jeweils eine rückkoppelnde Beziehung begriffen: Das Ich ist nicht mehr fremd in der Welt, sondern „es ist gewiß, nur sich darin zu erfahren“ (HW 3: 179). Und die Welt ist diese Welt nur durch meine bzw. in meiner Betrachtung/Praxis. Damit entsteht so etwas wie ein „Ausgleich“ zwischen dem vorher voneinander Getrennten.

Das ich diese Betrachtung nicht als individuelles Wesen vollziehe, sondern als Teil der menschlichen Gattung, wird übrigens bei später im Begriff des „Geistes“ weiter behandelt.
Warum bietet die Vernunft den Ausgleich? Mit Vernunft begreife ich, dass die vorher unterschiedenen Komponenten (z.B. die Messgrößen, die Unterscheidung von Akteurs- und Systemsicht) aus einer einzigen Quelle herrühren, sie entstammen nämlich meinem Erkenntnisprozess der Welt. Es sind Menschen, die die Messgrößen verwenden in ihrer wissenschaftlichen Praxis (die Größe Masse wurde erstmals von Galilei genauer bestimmt), insofern hat die konstruktivistische Wissenschaftstheorie auch ihre Berechtigung. Aber wir bilden die Größen ja gerade so, dass wir Bewegungen in der realen Welt damit richtig (reproduzierbar, objektiv, praktisch nutzbar…) abbilden können – dies ist der Anteil des Materialismus/Realismus. In der Vernunft stellt sich das Unterschiedene nicht mehr als Getrennte, Isoliertes und nur äußerlich aufeinander Einwirkendes vor, sondern: wir begreifen, dass die unterschiedenen Momente letztlich Momente einer Einheit sind – entweder einer ontologischen Einheit („in der Welt da draußen“) oder unseres Erkenntnisprozesses.

Die räumliche Bewegung „in der Welt da draußen“ ist gekennzeichnet vom Widerspruch, dass ein Objekt gleichzeitig an einem Ort ist und schon nicht mehr an diesem Ort ist. Das wird häufig auch „objektiver Widerspruch“ genannt und im Gegensatz gegen die „idealistische Weltanschauung“ als „materialistische Weltsicht“ betont. Hegel ist insofern „Idealist“, als er die Eigenständigkeit der objektiven Welt durchaus anerkennt, aber in seiner Philosophie über „unsere Erkenntnis der Welt“ spricht, denn wir kennen die Welt nur in unserer Praxis und durch unsere Praxis, die durch eine vollständige Erkenntnis deshalb immer mit reflektiert werden muss.

Immer dann, wenn die verschiedenen Momente nicht mehr als Gegebenes hingenommen und durch jeweils äußere Ursachen bedingt werden, sondern wenn das übergeordnete Ganze als Grund der Entfaltung der Momente begriffen wird, ist die Vernunft am Werke und nicht mehr der Verstand. Die beiden oben genannten Praxismomente, nämlich einerseits das durch bestimmte Bedingungen erzeugte, also das Existierende als Gegebenes zu erkennen (das Gegebene annehmende, stoische Moment) und andererseits als Subjekte selbst Zwecke setzen zu können (das das Gegebene in Frage stellende, skeptische Moment) bilden im wirklichen praktischen Handeln eine Einheit. Wir wären nicht wirkmächtig, würden wir nicht auf die tatsächlich existierenden Gegebenheiten einwirken können und wir wären nicht als Subjekte tätig, wenn wir keine eigenen Zwecke realisieren würden. Vernunft begreift die Welt als eine, die von uns in ihren Gegebenheiten erkannt und verändert werden kann, sie entkommt den Sackgassen des Stoizismus und des Skeptizismus, also der Verabsolutierung ihrer verständigen Momente.

Gegen jede Verselbständigung von mir und der Welt bzw. von Denken und Wirklichkeit ist Vernunft nun das, was jeweils die Einheit bildet und aus dem heraus sich die Unterschiede erst setzen.
Der Übergang vom Verstand zur Vernunft nimmt auch die Kritik von Adorno gegen das (abstrakt-)Identische vorweg. Die Individualität ist etwas, das Allgemeinheit und Einzelheit nicht nur äußerlich zusammen bringt (wie das Urteil), sondern in der die unterschiedlichen Momente jeweils auch das andere sind:

„Diese Individualität ist aber gerade dies, ebensowohl das Allgemeine zu sein und daher auf eine ruhige unmittelbare Weise mit dem vorhandenen Allgemeinen, den Sitten, Gewohnheiten usf. zusammenzufließen und ihnen gemäß zu werden, als sich entgegengesetzt gegen sie zu verhalten und sie vielmehr zu verkehren – sowie gegen sie in ihrer Einzelheit ganz gleichgültig sich zu verhalten, sie nicht auf sich einwirken zu lassen und nicht gegen sie tätig zu sein.“ (HW 3: 231)

In Hegels „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ (HW 10) ist die Argumentation etwas anders. Hier durchläuft das sich zur Vernunft entwickelnde Selbstbewusstsein die Stufen der Begierde (die das Andere zum Eigenen werden lässt) und der gegenseitigen Anerkennung (womit er auf das Herr-Knecht-Verhältnis aus der „Phänomenologie“ zurückgreift) (HW 10: 215 ff.). Hier gibt es die spannenden Sätze:

„[…] so bin ich wahrhaft frei nur dann, wen auch der andere frei ist und von mir als frei anerkannt wird. Diese Freiheit des einen im anderen vereinigt die Menschen auf innerliche Weise, wogegen das Bedürfnis und die Not dieselben nur äußerlich zusammenbringt.“ (ebd.: 220)


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